US-Aktivistin Rachel Dolezal Die weiße Schwarze

Eine kuriose Debatte bewegt Amerika: Die Bürgerrechtsaktivistin Rachel Dolezal tritt als Schwarze auf, obwohl sie als Weiße geboren wurde. Jetzt versuchte sie sich zu erklären - und machte es nur schlimmer.

REUTERS

Von , New York


Eigentlich sollte sich damit alles erledigt haben. Ein Interview in der NBC-Frühstücksshow "Today" zur besten Sendezeit, mit Matt Lauer, dem watteweichsten TV-Stichwortgeber: Sanft würde der ihr helfen, sich zu erklären und diese "unmenschliche" Debatte zu beenden.

Doch es kam anders. "Seit wann betrügen Sie die Leute?", wollte Lauer prompt wissen, gar nicht mehr so sanft. Von da an ging es nur noch bergab. "Das ist ein bisschen komplexer", murrte Rachel Dolezal.

Das ist es, in der Tat. Und deshalb missriet der Versuch der weißen US-Aktivistin, den Skandal, der seit voriger Woche um sie und ihr Selbstverständnis als "Schwarze" tobt, mit ihrem ersten TV-Auftritt zu zähmen - und machte alles nur noch schlimmer.

Wer ist Rachel Dolezal? Oder besser, was ist sie? An dieser Frage reibt sich Amerika auf. Denn die Antwort ist nicht so einfach. Sie sei schwarz, behauptet sie. Sie sei weiß, behaupten ihre weißen Eltern.

Es ist das wohl brisanteste Thema Amerikas: Was bedeutet es, schwarz zu sein? Vom ersten schwarzen Präsidenten - den manche anfangs für "nicht schwarz genug" hielten - bis zu den täglich neuen schwarzen Opfern weißer US-Polizeigewalt.

Bis zu ihrem Rücktritt am Montag leitete Dolezal eine kleine Ortsgruppe der Bürgerrechtsorganisation NAACP - die älteste, größte aller US-Schwarzenvereinigungen. Die kann sicher eine Weiße als Führungskraft haben. Doch eine Weiße, die sich als Schwarze ausgibt?

Selbstporträts mit braunen Wachsstiften

Dolezal wurde 1977 in Montana geboren. Ihre Eltern Ruthanne und Lawrence Dolezal sind weiß, mit Wurzeln in Deutschland, Schweden und der Tschechoslowakei - plus einer Spur indianischer Ureinwohner.

Alte Familienfotos zeigen ein weißes Mädchen mit hellen Augen und blonden Haaren. Doch schon als Kind will sie sich mit der "schwarzen Lebenserfahrung" identifiziert haben, sagt sie jetzt: Mit fünf habe sie Selbstporträts mit braunen statt orangen Wachsstiften gemalt.

Später änderte sie auch ihr Äußeres. Ihre Haut wurde dunkler, ihr Haar krauser. Sie studierte schwarze Geschichte, machte "schwarze Kunst", kreuzte auf Bewerbungen "schwarz" an, ließ sich auch mal als "transrassisch" bezeichnen. Auch ernannte sie einen Schwarzen zu ihrem neuen Dad und schuf sich selbst eine multiethnische Familie.

Doch nicht immer fühlte sich Dolezal schwarz: 2002 verklagte sie - wenn auch erfolglos - ihre Alma Mater, die historisch schwarze Howard University in Washington: Die Uni habe sie diskriminiert - als Weiße.

Diese Widersprüche blieben zunächst folgenlos, als sie 2014 zur NAACP-Ortspräsidentin von Spokane im Nordwesten der USA gewählt wurde. Doch dann kamen ihr die Lokalmedien auf die Spur. "Sind Sie eine Afroamerikanerin?", fragte sie ein TV-Reporter am Donnerstag. Dolezal geriet ins Stottern ("Ich verstehe die Frage nicht.") und entfloh.

Den Schlagzeilen entkam sie nicht. Schwarze wie Weiße brandmarken sie nun als Verräterin: Dolezal instrumentalisiere schwarzes Leid zum Eigennutz, trivialisiere es als Mummenschanz, führe eine moderne Minstrel-Show auf und sei die Personifizierung des "weißen Privilegs".

Was die Debatte noch pikanter macht: In den USA wurde schwarze Identität lange von Weißen definiert. So reichte früher vielerorts "ein Tropfen" schwarzen Blutes, um als schwarz ausgegrenzt zu werden.

"Ich sehe mich als eine schwarze Frau"

Doch was ist schwarz? Heute arbeitet sich die US-Popkultur daran ab. Etwa mit den Hitserien der schwarzen TV-Produzentin Shonda Rhimes ("Scandal"), die schwarze weibliche Stars in den Mittelpunkt rücken.

Bisher trieben meist Schwarze diesen Diskurs voran. Dass sich nun eine Weiße einmischte, auch wenn sie sich nicht als solche betrachtet, ist für viele inakzeptabel: Die über Generationen vererbte "schwarze Lebenserfahrung" von Ex-Sklaven lasse sich nicht einfach imitieren.

Andere verteidigen Dolezal. "Ich habe lieber eine Rachel Dolezal als Schwester im Kampf für die Gleichberechtigung", sagt der Non-profit-Manager Canute Knott-Malcolm, ebenfalls ein Howard-Alumnus, "als eine Madonna oder eine Iggy Azalea" - zwei weiße Popstars, die sich schwarze Kultur aneignen, solange sich damit Geld verdienen lässt.

Im "Today"-Interview gab sich Dolezal schockiert angesichts der Kritik. Sicher, sie habe Fehler gemacht. Aber ihr Bewusstsein habe sich bei all dem nicht geändert: "Ich sehe mich als eine schwarze Frau."

Na gut. Ob sie denn verraten könne, wie sie ihr Haar so toll hinkriege, fragte sie eine weitere - schwarze - NBC-Moderatorin am Dienstag aufgeregt: "Ist das eine Dauerwelle, ist das eine Haarverlängerung?" Dolezals Antwort: Haarverlängerung - "aber ich mache sie selbst".

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