Radikale US-Christen-Bewegung: Wohl dem, der seinen Köcher mit Kindern füllt!

Aus Virginia berichten Sebastian Fischer und (Video)

Verhütung verboten, ein Leben nach der Bibel: Die Großfamilie Wilson lebt auf einem Bauernhof an der US-Ostküste - und ist Teil der Quiverfull-Bewegung. Das erklärte Ziel: So viele Kinder in die Welt setzen wie nur möglich.

SPIEGEL TV

Wie der Vertreter Gottes auf diesem Fleckchen Erde in der Manning Road von Suffolk sieht Scott Wilson nicht aus. Wirklich nicht. Wilson trägt eine schlabbrige Latzhose, Gummistiefel, eine altmodische Metallbrille wie früher Bill Gates, kurzes Haar. Und bei komplizierten Fragen lächelt er.

Scott, sind Sie ein Fundamentalist?

"Ich will mein Leben nach der Bibel richten. Wenn Sie mich dafür als Fundamentalist abstempeln, bitteschön."

Wilson ist jetzt 50 Jahre alt, die man ihm nicht ansieht. Seine Geschichte erzählt er als Erweckungsstory mit Happy End: Mitte der Neunziger die große Krise, die Ehe vor dem Aus, die Arbeit als Computerexperte nervtötend. Zu Hause zockte er bis nachts um drei PC-Spiele, wollte seine Ruhe vor der Familie, vor Ehefrau Alison und den damals drei Kindern.

Eier einsammeln, Melken, Füttern

Und dann kommt Gott ins Spiel. Wilson besinnt sich auf die Bibel, sagt er, "das Buch der Antworten". Er sei nicht gut genug gewesen: "Nicht gut genug als Ehemann und Vater. Gott hat mein Herz gewandelt." Er kauft den Bauernhof, steigt aus seinem alten Leben aus, zeugt weitere Kinder. Und wird Teil einer radikalen Christenbewegung.

Jetzt steht er da und schaut auf seine Farm. Kein mächtiges Bauernhaus, eher ein geducktes einstöckiges Gebäude mit dünnen Wänden. Wilson hat neun Kinder, zehn Hektar Land, Hunderte Legehennen, Hunderte Truthähne, ein paar Kühe und jede Menge Wald. Keines seiner Kinder - das jüngste sechs, das älteste 21 Jahre alt - geht zur Schule, alle arbeiten auf der Farm mit. Jeder hier hat ein eigenes Aufgabengebiet: Eier einsammeln, Melken, Füttern, Büroarbeit. Sie beten und arbeiten. Ein Leben, um Gott zu gefallen. (Sehen Sie hier die SPIEGEL.TV-Reportage).

Scott, was ist Ihre Rolle?

"Ich bin so eine Art Choreograf, passe auf, dass alles zur richtigen Zeit geschieht. Ich bin der Oberaufseher."

Wilson ist der Chef an der Manning Road. Drinnen unterrichtet Mutter Alison die jüngeren Kinder. In Virginia ist das erlaubt, die Familie muss nur erklären, dass das staatliche Schulsystem in Konflikt mit ihrem Glauben steht und das von einem Pfarrer bestätigen lassen. Gut 1,5 Millionen Kinder werden in den USA mittlerweile daheim unterrichtet. Tendenz steigend. In den Schulen werde gegen die Bibel gelehrt, sagt Scott Wilson. Und er meint da nicht nur den Biologieunterricht, die Evolutionstheorie. Die Bibel werde allein als "historisches Buch" gesehen, nicht als "wahre Religion".

Wahre Religion, das heißt: die heilige Schrift als Handbuch für den Alltag, das Rezept für "jede Minute" des Lebens. Die Wilsons gehören der Quiverfull-Bewegung an, auf Deutsch: den Köcher voll. Radikal-Christen, die so viele Kinder wie möglich zeugen und ihr Leben auf Psalm 127 stützen:

"Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn und Leibesfrucht ist ein Geschenk. Wie Pfeile in der Hand eines Starken, so sind die Söhne der Jugendzeit. Wohl dem, der seinen Köcher mit ihnen gefüllt hat! Sie werden nicht zuschanden, wenn sie mit ihren Feinden verhandeln im Tor."

Kinder, Pfeile, Feinde? Die Quiverfull-Bewegten führen ihren Kulturkampf auch demografisch, Verhüten streng verboten: Umso mehr Christenkinder auf die Welt kommen, desto geringer ist schließlich der Einfluss anderer Religionen. "Hauptsorge mancher Quiverfull-Gläubiger ist die Bevölkerungszahl", man diskutiere insbesondere die sinkenden Geburtsraten in Deutschland und Frankreich, schreibt die US-Journalistin Kathryn Joyce in ihrem Standardwerk "Quiverfull - Inside the Christian Patriarchy Movement".

Scott Wilson lächelt. Natürlich habe er Bedenken, dass andere religiöse Gruppen in den USA an Bedeutung gewinnen. Aber Angst habe er da jetzt auch nicht. Und seine Kinder, nun, die habe er nicht gegen den Islam gezeugt, sondern weil jedes eben ein Geschenk sei. Steht ja in der Bibel.

Politik ist seine Sache nicht. Vielmehr lebt die Familie ein Einsiedlerleben in Abkehr von der Welt, da spielt es kaum eine Rolle, wie der aktuelle Präsident in Washington oder wie der Gouverneur von Virginia heißt; welche Kriege Amerika gerade führt oder ob der CIA-Chef eine Sex-Affäre hat. Einen Fernseher gibt es nicht in der Manning Road, von den Kardashians hat noch niemand etwas gehört. Neben Gott gibt es hier nur einen Zuständigen. Und das ist Scott Wilson.

Alison, was ist Ihre Rolle als Frau?

"Als Christen sind alle Menschen gleich. In der Familie aber müssen sich Frau und Kinder dem Mann unterordnen. Ich darf Scott Ratschläge geben. Er trifft die Entscheidungen."

Warum?

"Weil er am Ende vor Gott steht und seine Entscheidungen rechtfertigen muss."

Die 48-jährige Alison Wilson ist eine intelligente Frau. Sie hat auf Lehramt studiert, als Grafikdesignerin gearbeitet, neun Kinder großgezogen. Sie redet offen über die Schwächen ihres Mannes während der Ehekrise, über seine Ich-Bezogenheit. Damals. Der Glaube an Gott habe alles verändert.

Wie viele Quiverfull-Familien es in den USA gibt? Das wissen sie nicht. Es ist eine Graswurzelbewegung. Expertin Joyce nimmt die Zahl der "Homeschooler" als Anhaltspunkt; also jener gut 1,5 Millionen Kinder, die laut US-Bildungsministerium von den Eltern daheim unterrichtet werden. Tendenz steigend. Und diese Zahlen sind schon fünf Jahre alt, es dürften inzwischen deutlich mehr sein. Joyce schreibt, die Quiverfull-Vorstellung von "biblischer Weiblichkeit" sei der vorherrschende Lebensstil in dieser Bevölkerungsgruppe.

Die Radikal-Christen sind im Aufschwung. Ikonen der Bewegung sind Michelle und Jim Bob Duggar, die mittlerweile 19 Kinder und eine TV-Reality-Show haben. Den republikanischen Rechtsaußen-Präsidentschaftsbewerber Rick Santorum - sieben Kinder - begleiteten die Duggars immer wieder gern im Familienreisebus.

Die Wilsons dagegen führen auf ihrem Bauernhof in Virgina ein eher karges Leben. Man trägt Secondhand; karierte Hemden und Jeanshose oder bodenlanger Jeansrock, das ist die Standard-Klamotte. In den Urlaub fahren sie nicht, Scott hat die USA noch nie verlassen, Alison war einmal in Kanada. Weiter westlich als Missouri haben sie es noch nicht geschafft. "Wir sind Homebuddies", sagt Scott Wilson, "wir kleben an der Farm."

Der Bauernhof ist ihre Trutzburg. Rundherum ist Feindesland. Es ist eine Flucht ins Begrenzte: Sie leben agrarisch autark, sie unterwerfen sich allein dem Regime der Bibel. Dafür scheint nichts im Leben der Familie mehr absurd. Alles hat jetzt Sinn. Es gibt eine letzte Wahrheit. Und wer hat die schon? Dafür die Ordnung, die Disziplin, das Aufstehen um 5.30 Uhr, das Beten und Singen, die Hierarchie. Das Ehepaar Wilson war schwach, jetzt fühlen sie sich sicher. Dafür verzichten sie auf die Welt.

Scott Wilson sagt, er fühle sich ein bisschen so wie die Leute, die einst ihr Pferdefuhrwerk packten und nach Westen fuhren. Immer nach Westen. So wird sein Einsiedlerleben Teil der großen amerikanischen Erzählung von der Freiheit. Nur dass die Freiheit der Wilsons über zehn Hektar nicht hinausgeht.

Scott, was ist mit den Kindern? Was ist mit deren Freiheit?

"Kinder sind wie Pflanzen im Gewächshaus. Die musst du an schönen Tagen rausholen und an die Freiheit gewöhnen. Die darfst du nicht einfach rauswerfen."

Wer etwa seine heiratsfähigen Töchter Morgan, 21, und Katie, 20, kennen lernen will, der muss sich bei Scott vorstellen. Der Vater wählt aus und dann - falls die Tochter das wünscht - gibt es ein Treffen mit dem Interessenten, unter Teilnahme einiger Geschwister. "Dad-Inspektion" nennt Morgan, die Älteste, dieses Verfahren.

Und die 21-Jährige macht keineswegs den Eindruck, als würde ihr das missfallen. "Unseren ersten Kuss wollen wir uns für die Hochzeit aufsparen", sagt sie. Aber jetzt will sie erstmal studieren. Englisch und Geschichte hat sie sich ausgesucht.

Es soll ein Fernstudium werden. Den Hof will sie vor ihrer Vermählung nicht verlassen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 326 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Na und?
rokitansky 30.11.2012
Zitat von sysopVerhütung verboten, ein Leben nach der Bibel: Die Großfamilie Wilson lebt auf einem Bauernhof an der US-Ostküste - und ist Teil der Quiverfull-Bewegung. Das erklärte Ziel: So viele Kinder in die Welt setzen wie nur möglich. Radikale US-Christen der Quiverfull-Bewegung kämpfen gegen Verhütung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/radikale-us-christen-der-quiverfull-bewegung-kaempfen-gegen-verhuetung-a-869800.html)
Was haben Sie dagegen? Sind Kinder Unrat?
2.
M. Michaelis 30.11.2012
Ein demografieproblem haben die jedenfalls nicht. Verächtlich machen sollte man daher solche Lebensentwürfe lieber nicht, denn auf die typsichen europäischen Lebensentwurf brauchen wie angesichts der immer deutlicher werdenden negativen Folgen nichts einzubilden. Bei uns wird in Kindermangel investiert, dort in Kinderreichtum. Ich fürchte deren Entwurf hat langfristig die besseren Überlebenschancen.
3. In einer überbevölkerten
Sotho 30.11.2012
und ausgeplünderten Welt, schaden solche Menschen dem Gemeinwohl.
4.
philip2412 30.11.2012
Recepie for disaster !Der erste Kuss bei der Hochzeit.
5.
doyle78 30.11.2012
Zitat von rokitanskyWas haben Sie dagegen? Sind Kinder Unrat?
Hier geht es nicht primär um die Freuden einer Großfamilie. Hier geht es um den "Sieg" durch Demographie. Wenn sich die religiösen Fundamentalisten nur stark genug vermehren und ihren Nachwuchs in einer Blase großziehen der eine maximale indoktrinatorische Durchdringung mit christlichen Glaubensinhalten, dann wird diese Gesellschaftsgruppe natürlich immer einflussreicher, auch ohne Mission von Anders- und Nichtgläubigen. Daran Angst macht mir die Ablehnung von jeglicher Ratio (Erde 6000 Jahre alt, Evolution eine Lüge etc.) innerhalb dieser Gruppe und deren wachsenden Einfluss, besonders in den USA, auf deren Innen- und Aussenpolitik und der dazugehörigen Kriegsmaschinerie.
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