Dritte RAF-Generation Unfassbar

Garweg, Staub, Klette: Drei mutmaßliche frühere Terroristen der RAF gehören seit Jahren zu den meistgesuchten Kriminellen des Landes. Die Polizei ist ratlos - und fürchtet die nächste Tat.

Überfall 2016 in Hildesheim
LKA Niedersachsen

Überfall 2016 in Hildesheim

Von und


Die Klingel des Telefons riss Ekkehard Hoffmann aus dem Schlaf. Es war der 27. März 1993, gegen sechs Uhr in der Früh. Auf einen gemütlichen Samstag hatte sich der Gefängnisdirektor gefreut. Was kam, war die wohl größte Katastrophe seiner Karriere.

Mehr als ein Vierteljahrhundert später sitzt der inzwischen 78-Jährige in seinem Haus im Odenwald. Die Sonne wärmt die aufgeräumte Wohnstube. Von der Terrasse aus reicht der Blick bis zu 30 Kilometer weit in die bergige Landschaft. Ein Idyll, in das sich die Erinnerung schiebt. Vor Hoffmanns Auge laufen die Bilder von damals ab. Er knickt den Arm und ballt die Faust, als halte er einen Telefonhörer.

RAF-Ziel Weiterstadt

Der Mann am anderen Ende der Leitung brüllte, Hoffmann imitiert ihn: "Die haben die Anstalt gesprengt!" Das war's. Aufgelegt. Der Leitende Regierungsdirektor a. D. Hoffmann, Holzfällerhemd, Jeans, Gürteltasche, hält inne. "Ich habe gedacht, da ist einer durchgedreht, so unvorstellbar war das."

Hoffmann war seit 1991 Chef des Prestigebaus Weiterstadt. Das modernste Gefängnis der Republik wuchs da in Hessen, in der Nähe von Darmstadt. Am 1. April 1993 sollte der Superknast eröffnet werden. Am Wochenende vorher wollte Hoffmann seine Freunde durch das Gebäude führen. Im Besucherraum war schon der Tisch gedeckt.

Ex-Gefängnisdirektor Hoffmann
SPIEGEL ONLINE

Ex-Gefängnisdirektor Hoffmann

Nach dem Anruf im Morgengrauen erfuhr Hoffmann rasch, dass der Wachmann die Wahrheit gebrüllt hatte. Mit 200 Kilo Sprengstoff hatten in der Nacht Angehörige der Roten Armee Fraktion (RAF) das Gebäude in eine Ruine verwandelt. Im Bekennerschreiben am Tatort hieß es: "Freiheit für alle politischen Gefangenen! Für eine Gesellschaft ohne Knäste!"

Es war der letzte Anschlag der RAF, 1998 löste sie sich auf. Fast 30 Jahre lang hatten die Linksterroristen versucht, mit Gewalt das System zu erschüttern. Am Ende erkannten sie, dass sie niemanden mitreißen konnten - und völlig isoliert waren im Land. Doch Weiterstadt blieb ungeahndet, wie so vieles.

Ein Schleier umgibt bis heute die letzten 14 Jahre der RAF, als die sogenannte dritte Generation wütete. Eine Zeit schwerer Anschläge, elf Menschen wurden getötet - darunter Alfred Herrhausen, Chef der Deutschen Bank, Gerold von Braunmühl, Ministerialdirektor im Auswärtigen Amt, Karl Heinz Beckurts, Atommanager bei Siemens.

Bis auf einen Fall kennt man die Mörder nicht. Womöglich leben einige heute ganz legal im Land, ohne dass sie je unter Verdacht gerieten. "Anders als ihre Vorgänger", sagt der frühere Generalstaatsanwalt und RAF-Experte Klaus Pflieger, "hat die dritte Generation an Tatorten fast keine Spuren hinterlassen." Und auch seit 1998 habe es "keine substanziellen Ermittlungsfortschritte gegeben". Die Vorgänger hatten noch bewusst Fingerabdrücke an Tatorten gesetzt, um die Polizei zu verhöhnen.

Video: Profiler über Ex-RAF-Trio "Sie gehen sehr diszipliniert vor"

Im Untergrund verschwunden

Nur eine Handvoll Personen rechnen die Ermittler zweifelsfrei der dritten Generation zu. Zwei von ihnen, Birgit Hogefeld und Eva Haule, leben heute unauffällig in deutschen Großstädten, nachdem sie lange Haftstrafen verbüßt haben. Wolfgang Grams, wohl neben Hogefeld Kopf der Gruppe, erschoss sich 1993 in Bad Kleinen, um seiner Festnahme zu entgehen.

Verschwunden blieben Ernst-Volker Staub, 64, Daniela Klette, 59, und Burkhard Garweg, 50. Etwa seit der Wende leben sie im Untergrund. Das Trio wäre wohl weitgehend vergessen, wenn Ermittler nicht im Sommer 2015 eine spektakuläre Spur entdeckt hätten - und die RAF wieder auf die öffentliche Agenda brachten.

RAF - Die Verbrechen der dritten Generation
RAF - Die Verbrechen der dritten Generation
Oberammergau, 18. Dezember 1984
Vor der Nato-Offiziersschule stellt ein Unbekannter einen Audi 80 ab. Im Kofferraum: 25 Kilo Sprengstoff. Der Zünder ist defekt, eine Explosion bleibt aus, nur deshalb kommt kein Mensch zu Schaden. In einem Schreiben bekennt sich die RAF zur Tat. Es ist der Auftakt der "Offensive 84/85", in der die dritte Generation erstmals mit politisch motivierten Straftaten in Erscheinung tritt. Wenige Wochen zuvor haben RAF-Leute ein Waffengeschäft in Maxdorf, Rheinland-Pfalz überfallen. Beute: 22 Pistolen, zwei Flinten.
Stuttgart, 20. Januar 1985
Die dritte RAF-Generation bindet Anhänger aus dem „Antiimperialistischen Widerstand“ an sich, die als „Kämpfende Einheiten“ fungieren. Sie begehen in den nächsten Jahren zahlreiche Anschläge auf Einrichtungen, wollen aber Menschen bewusst verschonen. Mehrfach kommen Täter ums Leben. In Stuttgart etwa stirbt der 28-jährige Johannes Thimme, weil eine Bombe zu früh explodiert. Sie ist gegen die Deutsche Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt gerichtet. Sachschaden: gut eine halbe Million Mark.
Gauting, 1. Februar 1985
Es ist seit sechs Jahren der erste Mord der RAF. In Gauting bei München klingelt morgens eine Frau am Privathaus von Ernst Zimmermann, Chef des Rüstungskonzerns MTU. Mit einem Komplizen verschafft sie sich unter einem Vorwand Zutritt. Die Täter fesseln den Manager im Schlafzimmer, töten ihn per Kopfschuss. Wer die Mörder sind, ist bis heute unbekannt. Wenige Tage zuvor haben französische Linksextremisten der „Action Directe“ (AD) den General René Audran ermordet. RAF und AD fühlen sich im sogenannten Guerillakampf gegen das kapitalistische System verbunden.
Wiesbaden, 7. August 1985
Im Juni haben RAF-Leute bei einem Überfall auf einen Geldboten in Kirchentellinsfurt nahe Stuttgart knapp 160.000 Mark erbeutet. Es fallen Schüsse, das Opfer überlebt schwer verletzt. In Wiesbaden setzen die Terroristen die Serie ihrer Bluttaten fort. Um Zutritt zum Gelände der US-Airbase in Frankfurt am Main zu bekommen, rauben sie GI Edward Pimental den Ausweis – und erschießen den Mann.
Frankfurt am Main, 8. August 1985
Am frühen Morgen steuert ein Unbekannter einen VW Passat zur US-Airbase in Frankfurt am Main. Mit dem gestohlenen Ausweis des ermordeten Soldaten Pimental passiert der Fahrer die Einlasskontrolle. Der Wagen ist mit Sprengstoff gespickt. Bei der Explosion sterben die Zivilangestellte Becky Bristol und der Soldat Frank Scarton. RAF und Action Directe bekennen sich gemeinsam zur Tat. Wegen des Anschlags und der drei Morde werden Eva Haule und Birgit Hogefeld verurteilt.
Straßlach, 9. Juli 1986
RAF-Attentäter platzieren eine Bombe kurz hinter der Ortschaft Straßlach nahe München. Als Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts am Morgen in seinem Dienstwagen vorbeifährt, geht der Sprengsatz am Straßenrand hoch. Beckurts und sein Fahrer Eckhard Groppler sterben. Am Tatort haben die Mörder ein Bekennerschreiben hinterlassen: "Beckurts repräsentiert präzise den Kurs des internationalen Kapitals." Über Groppler, der als Bäcker und Taxifahrer gearbeitet hatte, verlieren sie kein Wort.
München, 15. September 1986
Eine Anschlagsserie der „Kämpfenden Einheiten“ prägt den Sommer 1986. Ziele sind unter anderen das Fraunhofer-Institut in Aachen und das Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln. In den meisten Fällen bleiben die Täter unbekannt. So auch in München. Dort attackiert eine „Kämpfende Einheit Anna Maria Ludmann“ einen Bürokomplex von Rüstungsfirmen.
Bonn, 10. Oktober 1986
Auf offener Straße erschießen zwei Attentäter Gerold von Braunmühl, Ministerialdirektor im Auswärtigen Amt unter Minister Hans-Dietrich Genscher (FDP). Der Diplomat kommt gerade mit dem Taxi nach Hause, da nähern sich ihm zwei Unbekannte und eröffnen das Feuer. Eine der Tatwaffen, eine Smith & Wesson, wurde bereits von der vorherigen RAF-Generation verwendet - beim Mord an Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer 1977.
Bonn, 20. September 1988
Im Juni scheitert ein Anschlag im spanischen Urlaubsort Rota. Dort wollen die RAFler Horst Ludwig Meyer und Andrea Klump mit einem Komplizen Nato-Beschäftigte in den Tod bomben. Drei Monate später überlebt Hans Tietmeyer, Staatssekretär im Finanzministerium, ein Attentat. Tietmeyer gerät im Dienstwagen unter Beschuss, sein Fahrer aber fährt den ungepanzerten Mercedes zur nächsten Polizeistation. Die RAF erklärt später: Die Maschinenpistole, "mit der zuerst der Fahrer ausgeschaltet werden sollte", habe geklemmt.
Bad Homburg, 30. November 1989
Mit einer technisch anspruchsvollen Sprengfalle ermordet die RAF Alfred Herrhausen, den Chef der Deutschen Bank. Herrhausen lässt sich morgens im Dienstwagen zu Hause abholen. Nach wenigen Hundert Metern passiert der Wagen eine Lichtschranke – und löst einen Sprengsatz aus, der auf einem Fahrrad deponiert ist. Herrhausen verblutet am Tatort. Bis heute gibt es keine Anklage, keinen Prozess, kein Urteil. Wer die Täter sind, ist völlig unklar.
Eschborn, 25. Februar 1990
Vor dem Rechenzentrum der Deutschen Bank - das Foto zeigt das Gebäude heute - stellen Mitglieder der "Kämpfenden Einheit Febe Elisabeth" einen VW Golf ab - beladen mit 45 Kilo Sprengstoff. Weil der Zünder versagt, gibt es keine Schäden. Im Fahrzeug finden Ermittler Haare. Per DNA-Analyse lassen sie sich Jahre später Daniela Klette zuordnen. Sie ist bis heute abgetaucht, vermutlich gemeinsam mit den früheren RAF-Genossen Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg.
Bonn, 27. Juli 1990
Nach Hans Tietmeyer gerät erneut ein Staatssekretär ins Fadenkreuz der RAF: Hans Neusel aus dem Innenministerium. Auf der Fahrt zur Arbeit passiert er auf der Autobahnabfahrt Auerberg eine Lichtschranke - und löst eine Explosion aus. Neusel kommt mit leichten Verletzungen davon. Die RAF-Täter haben die Wucht der Detonation auf die Beifahrerseite konzentriert, wo Neusel normalerweise sitzt. Diesmal aber fährt der Spitzenbeamte selbst, sein Fahrer hat frei.
Bonn, 13. Februar 1991
Seit dem 17. Januar bombardieren die Amerikaner und Verbündete Ziele im Irak. In Deutschland gehen aus Protest gegen diesen zweiten Golfkrieg Zehntausende auf die Straße. Am Abend des 13. Februar nehmen RAF-Mitglieder die US-Botschaft am Rhein unter Feuer. Die Angreifer hocken auf der anderen Flussseite und geben aus drei Gewehren insgesamt 250 Schuss ab. Verletzt wird niemand. Im Bekennerschreiben mit dem RAF-Logo steht: "US-Nato raus aus dem Nahen Osten!" Wie in Eschborn führt eine DNA-Spur zu Daniela Klette. Vorwurf: versuchter Mord.
Düsseldorf, 1. April 1991
Als Chef der Treuhand ist Detlev Karsten Rohwedder verantwortlich für die Zukunft zahlreicher ehemaliger DDR-Betriebe. Er wird vor allem im Osten stark angefeindet. Am Ostermontag hält er sich abends um halb zwölf im ersten Stock seiner Düsseldorfer Villa auf, das Zimmer ist erleuchtet. Ein Scharfschütze nimmt ihn ins Visier, von einem Schrebergarten aus, schießt aus 63 Metern Entfernung drei Mal. Rohwedder sackt tödlich getroffen zusammen. Eine DNA-Spur führt zum RAF-Mann Wolfgang Grams.
Budapest, 23. Dezember 1991
Die RAF-Leute Horst Ludwig Meyer und Barbara Klump verüben gemeinsam mit einem Komplizen einen Anschlag auf Juden. Der Auftrag kommt von palästinensischen Terroristen. Per Funk zünden die Täter eine Bombe, als ein Bus mit 28 jüdischen Auswanderern zum Flughafen fährt. Vier Insassen werden leicht verletzt, zwei Polizisten schwer. Meyer stirbt 1999 nach einem Schusswechsel mit der Polizei in Wien, Klump wird zu langer Haft verurteilt.
Weiterstadt, 27. März 1993
Am 1. April soll ein neues hessisches Gefängnis in Betrieb gehen. Wenige Tage zuvor sprengt das RAF-Kommando "Katharina Hammerschmidt" zentrale Teile des Gebäudes in die Luft. "Für eine Gesellschaft ohne Knäste!", heißt es im Bekennerschreiben. Verletzt wird niemand. Jahre später legen DNA-Analysen nahe, dass Ernst-Volker Staub und Daniela Klette zur mindestens vierköpfigen Tätergruppe gehörten. Auch Burkhard Garweg soll dabei gewesen sein.
Bad Kleinen, 27. Juni 1993
An dem Provinzbahnhof in Mecklenburg-Vorpommern wollen Ermittler Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams verhaften. Ein V-Mann liefert den Hinweis auf das mutmaßliche Führungspaar der dritten Generation. Doch der Zugriff gerät außer Kontrolle. Während Hogefeld sich festnehmen lässt, eröffnet Grams das Feuer auf die Elitetruppe GSG 9. Der Beamte Michael Newrzella wird getötet. Grams fällt auf die Gleise und erschießt sich selbst. Die Pannen lösen eine Regierungskrise aus, Innenminister Rudolf Seiters (CDU) tritt zurück, weil der Verdacht kursiert, die Polizisten hätten Grams aus Rache erschossen. Generalbundesanwalt Alexander von Stahl (FDP) wird wegen einer angeblich fehlerhaften Informationspolitik entlassen.

Nach einem gescheiterten Überfall auf einen Geldtransporter in Stuhr bei Bremen fanden Kriminaltechniker im Tatauto DNA-Spuren, die sie Staub, Klette und Garweg zuordnen. Stück für Stück entrollte sich vor den Ermittlern eine Serie von zwölf Raubtaten. Beginn: 1999. Schwerpunkt: Niedersachsen. Diese Fälle machen das Trio zu den meistgesuchten Verdächtigen des Landes.

Der bis dato fast erstarrte Fahndungsapparat aus RAF-Zeiten läuft wieder. Zentrale ist nicht mehr das Bundeskriminalamt (BKA), sondern das Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen. Und nicht mehr der Generalbundesanwalt (GBA) leitet die Ermittlungen, sondern die örtlich zuständige Staatsanwaltschaft Verden. Alle Behörden, das beteuern sie, arbeiteten eng zusammen.

Gesprengtes Gefängnis in Weiterstadt
DPA

Gesprengtes Gefängnis in Weiterstadt

Je mehr Zeit indes verstreicht, ohne dass die drei zu fassen sind, desto stärker lastet der Druck auf den Fahndern. "Wir stehen immer noch vor einem Rätsel", sagt einer. Der jüngste Überfall ist mehr als zwei Jahre her, er fand Ende Juni 2016 statt, in Cremlingen bei Braunschweig. Zugleich fürchten Ermittler das Risiko eines Zugriffs: "Wenn man sie stellt, werden sie versuchen zu schießen", sagt ein Beamter.

Die Täter gehen in mancher Hinsicht professionell vor. "Sehr souverän" sagt ein Ermittler. Über Wochen baldowern sie in der Regel ihre Tatorte aus. Kaufen gebrauchte Fahrzeuge unter falschem Namen. Achten darauf, dass sie nach sechs bis zehn Kilometern unbemerkt das Fluchtauto wechseln können. Zünden den hinterlassenen Wagen an, auch wenn das ein paar Mal schiefging.

Der frühere Chefermittler des LKA, Matthias Behnke, sagte im Juli dem SPIEGEL: "Wahrscheinlich haben sie keinen Kontakt mehr in alte Unterstützerkreise und nutzen keine modernen Kommunikationsmittel." Man gehe davon aus, dass sie mit einem echten Ausweis unter einer falschen Identität in Deutschland lebten - und zwar seit Langem. Auf ähnliche Weise war es den Mitgliedern des rechtsterroristischen "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) gelungen, über viele Jahre eine Fassade aufrechtzuerhalten, hinter der sie rauben und morden konnten.

Perfekte Maskerade?

Die mutmaßlichen Ex-RAFler Staub, Klette und Garweg würden wohl für die Überfälle ihr Aussehen verändern, sagte Behnke. Nach den Taten legten sie ihre Maskerade ab und lagerten die Waffen womöglich in Erddepots aus RAF-Zeiten ein. "Wir glauben, dass sie in ihrem Lebensumfeld anders aussehen", so Behnke im Juli.

Eine rasche optische Verwandlung könnte erklären, dass Öffentlichkeitsfahndungen mit neuen Bildern von Staub und Garweg erfolglos geblieben sind. Vermutlich verkleiden sich die Täter schon, wenn sie die Tat nur vorbereiten. Doch all das bleibt vage. Auch eine Operative Fallanalyse, mit der Profiler Handlungsmotive von Tätern ergründen, brachte der Staatsanwaltschaft nichts Greifbares.

Die nächste Tat, so heißt es in Justizkreisen, dürfte nur eine Frage der Zeit sein. "Die spannende Frage ist, wo die drei zuschlagen werden", sagt ein Ermittler. Einer internen Berechnung des BKA zufolge sollen sie von 1999 bis 2015 etwa zwei Millionen Euro geraubt haben. Hinzukommen dürfte die Beute aus Cremlingen, mehr als 600.000 Euro.

Anlass zu Spekulationen gibt die Ungewissheit, was die drei mit dem Geld machen. Nach dem ersten Überfall 1999 in Duisburg waren sie über DNA-Spuren rasch als Tatverdächtige identifiziert. Staub, Klette und Garweg hatten, so lautete die Hypothese der Ermittler damals, eine neue terroristische Vereinigung gegründet. Der Generalbundesanwalt reagierte prompt - und eröffnete ein Terrorismusverfahren.

Gewöhnliche Kriminelle?

Doch im Laufe der Jahre zerstreute sich dieser Verdacht. Es gebe heute überhaupt keinen Anhaltspunkt mehr für einen Terrorhintergrund, heißt es nun. Im Sommer 2017 gab der Generalbundesanwalt das Verfahren als Raubdelikt an die Staatsanwaltschaft Duisburg ab. Für das Trio gehe es nur darum, das teure Leben im Untergrund zu finanzieren. Man habe es mit gewöhnlichen Kriminellen zu tun, hieß es.

RAF-Forscher Kraushaar
DPA

RAF-Forscher Kraushaar

Wolfgang Kraushaar ist da skeptisch. Der Hamburger Politologe gilt als einer der renommiertesten RAF-Forscher. "Ich halte es für ziemlich wahrscheinlich", sagt Kraushaar, "dass die drei mit einem Teil des Geldes militante Strukturen finanzieren." Linksextreme also, die mit Gewaltaktionen den Staat bekämpfen, aber keine Morde begehen. "Die Beute ist eigentlich zu hoch, um sie allein zu verbrauchen."

Auch sei nicht plausibel, dass Staub, Klette und Garweg ihre Weltsicht geändert hätten. Aus ideologischen Gründen seien sie zur RAF gegangen, hätten ein entbehrungsreiches Leben in der Illegalität riskiert. "Sie werden auch heute eine Haltung der Widerständigkeit gegen das kapitalistische System für sich in Anspruch nehmen", vermutet Kraushaar.

Für die These spricht, dass es offenbar weiterhin Sympathisanten gibt, die sich mit dem Trio verbunden fühlen. Im April schrieb etwa der frühere RAF-Genosse Karl-Heinz Dellwo, Angehöriger der zweiten Generation und erfolgreicher Unternehmer, in einem Leserbrief: Er hoffe, die drei würden "von solidarischen Strukturen getragen" und "nie gefangengenommen".

Auch die Hamburger Hafenstraße fiel mit Solidaritätsbekundungen auf. Ende der Achtzigerjahre gab es dort schwere Krawalle, noch heute leben Alternative in den Häusern. Garweg und Staub wohnten vor ihrem Abtauchen dort. Im Mai 2017 prangte an einem Haus ein Transparent mit dem Spruch: "Freiheit und Glück für Burkhard, Dani und Ernst - Einstellung aller RAF-Verfahren".

"Lasst es Euch gutgehen!"

Die Rote Hilfe wiederum, eine linksextreme Organisation, veröffentlichte in ihrer Mitgliederzeitschrift 2016 ein Editorial, in dem es hieß: "Daniela, Burkhard und Volker: Wir wünschen Euch viel Kraft und Lebensfreude. Lasst es Euch gutgehen -… und lasst Euch nicht erwischen!" Daniela Klette engagierte sich vor ihrem Abtauchen jahrelang in dem Verein, den der Verfassungsschutz beobachtet.

Fahndungsbilder von Garweg, Staub
DPA/ Staatsanwaltschaft Verden

Fahndungsbilder von Garweg, Staub

Würde das Trio gefasst, müsste es wohl mit einer langen Gefängnisstrafe rechnen. Die Ermittler werten den Überfall in Stuhr 2015 als versuchten Mord. Selbiges wird darüber hinaus Daniela Klette wegen zweier Terroranschläge Anfang der Neunzigerjahre vorgeworfen.

Gegen alle drei richtet sich der Verdacht, dass sie beim Sprengstoffanschlag in Weiterstadt dabei waren. Bereits 2007 machte der Generalbundesanwalt publik, dass man auf einer Strickleiter DNA von Staub und Klette gefunden habe. Mit der Leiter waren die Täter über die Gefängnismauer geklettert. Starke Indizien gibt es offenbar auch für die Beteiligung Garwegs. Von ihm existiert zwar in den Datenbanken der Behörden kein DNA-Material zum Abgleich. Die Ermittler entdeckten aber in Weiterstadt dieselbe unbekannte DNA wie später bei mehreren Überfällen der Raubserie.

Wenn Ex-Gefängnischef Hoffmann an die Zeit zurückdenkt, versagt ihm manchmal die Stimme. Es dauerte damals vier Jahre, bis das Gefängnis wieder aufgebaut war und eröffnet werden konnte. Was er über die RAF denkt? "Das waren für mich immer schwer gestörte Leute."



insgesamt 88 Beiträge
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dagmar1308 10.10.2018
1. Daniela Klette könnte ich nach 40 Jahren
wahrscheinlich an ihrem Blick noch erkennen. Sie saß ja fast jeden Abend monatelang an einem Nachbartisch im Pfefferle in WI. Wir wußten, dass die aus der Adlerstr. wG war. Hatte früher Sympathie für die RAF und auch einen Austausch von Titogegnern, die sicher hingerichtet worden wären gegen RAF ler per Tip an die Presse vielleicht dadurch verhindert... Genscher und Schmidt waren da ganz brutal.... Aber heute arbeiten die auch mit Tötungsabsicht auf Geldboten. Da ist RAF gleich IS
mundusvultdecipi 10.10.2018
2. Ganz gewöhnliche Bankräuber...
..der Rest ist nur Vermutung
panzerknacker 51 10.10.2018
3. Vorschlag
Vielleicht sollte man erst einmal die Morde an Herrhausen und Rohwedder aufklären, bevor man hier vermeintliche RAF-Rentner als Gefahr stilisiert. Oder wovon soll dieser Quark schon wieder ablenken?
demiurg666 10.10.2018
4.
Hätte sich der deutsche Staat doch nur so intensiv mit dem NSU auseinandergesetzt bzw. mit deren Unterstützungsstrukturen, sowohl in der rechten Szene als auch in den Behörden die den NSU zumindest gedeckt, wenn nicht sogar aktiv unterstützt haben. Das Aktenschreddern ist nicht vergessen. Auch nicht wie wenig Mühe sich die Justiz gemacht hat die Hintergründe und Hintermänner aufzudecken. Bei der RAF ist aber der Spaß vorbei. Die töten ja nicht einfach nur ein paar Türken und Griechen... Die rauben Geld, das ist viel schlimmer und staats-bedrohend!
ludwig49 10.10.2018
5. Wahrscheinlich dient die Beute...
..dem Lebensunterhalt. Rente ist nicht zu erwarten, wie übrigens bei allen entlassenen Straftätern auch, die im Vollzug arbeiteten .
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