Chai Time Kolumne aus Istanbul

Chai Time Fastet. Oder esst. Aber seid nett zueinander

Muslimische Arbeiter in Singapur: Fastenbrechen nach Sonnenuntergang
REUTERS

Muslimische Arbeiter in Singapur: Fastenbrechen nach Sonnenuntergang

Von , Istanbul


Fasten oder nicht? Der Ramadan hat begonnen. Wie man damit umgeht, ist eine Frage des Respekts.

Muslime in aller Welt verzichten im Ramadan von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Essen, Trinken und sonstige weltliche Genüsse. Nach Sonnenuntergang wird feierlich das Fastenbrechen begangen.

Obwohl Millionen Muslime in Deutschland leben, und obwohl es viele Texte und Sendungen darüber gibt, was genau es mit dem Fasten auf sich hat, kommen jedes Jahr die gleichen Fragen und Einwände: Das ist doch gar kein richtiges Fasten, wenn die sich nachts den Bauch vollschlagen! Ist das nicht bedenklich, wenn die bei so einer Hitze nichts trinken? Oder: Warum tun die das?

Ich gebe zu, dass auch mir Zweifel gekommen sind, ob das alles so richtig ist, nämlich als ich vor fünf Jahren in Pakistan während des Fastenmonats, nach der großen Flutkatastrophe dort, durch die zerstörten Dörfer reiste und Menschen zwischen den Trümmern ihrer Häuser vorfand, die fasteten. "Die Flut ist eine Strafe Gottes, weil wir keine guten Muslime waren", sagte mir ein alter Mann, der sein Hab und Gut in den Wassermassen verloren hatte. "Aber ihr müsst doch bei Kräften sein, um zu retten, was zu retten ist", entgegnete ich. "Nein", antwortete er ruhig, "wir müssen jetzt erst recht fasten und beten."

Das ist doch nicht so schwer, oder?

Ich kann nachvollziehen, dass sich Menschen in islamischen Ländern aufregen, wenn andere ihre Kultur, ihre Religion, ihre Tradition oder was auch immer missachten und während des Ramadan demonstrativ auf der Straße essen oder rauchen. Das ist nicht nett. Aber ein Verbrechen ist es auch nicht. Ebenso kann ich verstehen, dass Menschen sich bevormundet fühlen, wenn Leute, die sich für bessere Muslime halten, weniger Fromme maßregeln; oder wenn die Polizei kommt und Restaurants schließen lässt, nur weil sie tagsüber geöffnet haben.

Seltsam auch, welche Diskussionen das Thema in Deutschland hervorruft. Eine Notiz auf Facebook oder Twitter, in der man allen Muslimen, die fasten, einen gesegneten Ramadan wünscht, und schon geht es zur Sache. "Alles nur Heuchelei!", schreibt einer. "Wieso 'allen Muslimen, die fasten'? Jeder Muslim MUSS fasten!!! Sonst ist er kein Muslim!!!", meint ein anderer.

Dabei ist es so einfach: Fastet. Oder esst. Aber seid nett zueinander. Respektiert, wenn andere anders handeln, anders glauben, anders denken als ihr. Das ist doch nicht so schwer, oder?

In diesem Sinne: Einen gesegneten Ramadan all den Muslimen, die fasten!

Der Autor auf Facebook

Mehr zum Thema


Diskutieren Sie mit!
29 Leserkommentare
Pixopax 18.06.2015
Windlerche 18.06.2015
angularm 18.06.2015
soccerootrav 18.06.2015
lvkwge 18.06.2015
Andrea.M 18.06.2015
karl_800 18.06.2015
forumgehts? 18.06.2015
marlboro_sport 18.06.2015
ludk 18.06.2015
Schweijk 18.06.2015
post_kasten 18.06.2015
marlboro_sport 18.06.2015
spiegelquax 18.06.2015
kbrm9 18.06.2015
ftb7 18.06.2015
Haywood Ublomey 18.06.2015
me.mareix 18.06.2015
udo46 18.06.2015
princecha 19.06.2015
tomboroska 19.06.2015
saparot 19.06.2015
deglaboy 19.06.2015
Zwiling 19.06.2015
Hamberliner 19.06.2015
jamguy 19.06.2015
gägge 10.07.2015
Kommentatorium 11.07.2015
k.Lauer 06.08.2015

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.