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Randale in England: Schlussverkauf in der Hölle

Ein Essay von

2. Teil: "Keiner hat mir je eine Chance gegeben"

Student Ashraf Haziq (rechts): Erst überfallen und verletzt, dann ausgeraubt Zur Großansicht
AP/ Sky/ Abdul Hamid

Student Ashraf Haziq (rechts): Erst überfallen und verletzt, dann ausgeraubt

Dieser trostlose Alltag aus Drogen, Rumhängen und Waffen in den Vierteln, die durch Margaret Thatchers Politik in den achtziger Jahren verwüstet und von Blair und Brown nie wirklich repariert wurden, ist das Schicksal jener, die in Großbritannien als "Neets" bezeichnet werden: "Not in education, employment or training". 1,2 Millionen Menschen, die nicht in Ausbildung, Beschäftigung oder Weiterbildung sind, sie regieren ihre Viertel nach dem Recht des Stärkeren, mit einem Gefühl tiefer Nutzlosigkeit in einer Welt, in der fast jede Freizeitaktivität Geld kostet, das sie nicht haben.

Louis James heißt einer dieser Neets, und Reporter der "New York Times" sprachen ihn an, weil er einen Pullover im Wert von 120 Pfund bei den Plünderungen geklaut hatte. James, 19, lebt in Nordlondon, die Miete bezahlt der Staat, alle zwei Wochen bekommt er 77 Pfund Stütze. Die Suche nach Arbeit hat er aufgegeben, die Schule mit 15 verlassen, lesen kann er erst seit drei Jahren. Die Mutter hat kaum Geld für sich und seine Stiefgeschwister, der Vater, ein Heroinsüchtiger, ist tot. "Keiner hat mir je eine Chance gegeben", sagt James. "Ich bin wütend, wie das System funktioniert. Sie geben mir gerade genug, um zu essen und den ganzen Tag fernzusehen."

Die Werte, die Großbritannien einmal zum Vorbild für den Rest der Welt werden ließen, sind nie angekommen bei Menschen wie James: Selbstverantwortung, Individualität, Common Sense, Stoizismus, Understatement, Disziplin. Wer hätte sie ihm beibringen können? Die Eltern? Die Freunde? Die Eliten, die sich erst in teuren Privatschulen abkapseln, hinterher 70 Prozent der gutbezahlten Jobs im Land besetzen und wahrscheinlich lieber eine Lepra-Kolonie besuchen würden als einen Stadtteil wie Tottenham?

Den eigentlichen öffentlichen Ton gab in den vergangenen 30 Jahren ohnehin einer vor: Rupert Murdoch, der australische Medienmogul, der das moderne Großbritannien mehr prägte als jeder britische Politiker, Unternehmer oder Intellektuelle. Zusammen mit Margaret Thatcher brach Murdoch in den achtziger Jahren die Macht der Gewerkschaften, befeuerte die Entfesselung der Märkte, zusammen mit dem aufstrebenden Finanzsektor der City of London machte er die Gier salonfähig und so aus den Briten eine Nation von Shoppern, in der nun vor allem eines zählte: "Loads of Money".

Alle zitterten vor Murdoch

Alle berauschten sich an dieser lauten, ruppigen Konsumkultur. Die Banker sowieso, mit ihren Booten samt Hubschrauberlandeplatz, aber wie sich beim Spesenskandal vor zwei Jahren herausstellte, auch viele Politiker. Es gab Konservative, die ihre Burggräben und Entenhäuser mit Steuergeldern finanzierten. Es gab Labour-Abgeordnete, die funkelnde Klobrillen und seidene Kissen abrechneten. Es gab den ersten Unterhausvorsitzenden seit dem Jahr 1695, der zurücktreten musste, weil aufgeflogen war, dass er für mehr als 4000 Pfund Taxiquittungen abgerechnet hatte, die seine Frau bei ihren Shoppingtouren angesammelt hatte.

Sie alle zitterten nicht vor dem Wähler, sondern vor Murdoch und seinem Medienimperium. Als Gordon Brown von der Chefredakteurin der "Sun" erfuhr, dass eine auf zweifelhafte Weise recherchierte Geschichte über die schwere Krankheit seines Sohnes am nächsten Tag die Zeitung zieren würde, weinten Brown und seine Frau einen Nachmittag lang. Danach galt wieder: Business as usual mit den Murdochs.

"Bereichert euch lieber heute als morgen." "Du bist, was du kaufst." Das ist jener von der grellen Geldkultur produzierte Nihilismus, der sich über die Stadt an der Themse legte wie früher der Nebel. Die wenigsten konnten sich ihm entziehen, nicht das Königshaus, nicht das Parlament, nicht die Polizei und auch nicht die Sängerin Amy Winehouse, ein Jahrhunderttalent. Auch sie lieferte sich den Paparazzi und dem Klatsch aus, der Ruhm war ihre Zusatzdroge.

"Die Konsumgesellschaft beruht auf der Fähigkeit, an ihr teilnehmen zu können", sagt Alex Hiller, ein Marketingexperte an der Business School in Nottingham. "Man braucht dazu kürzere Arbeitszeiten, höhere Löhne und Kredite. Mit Leuten, die nur niedrige oder gar keine Löhne haben und auch keine Kredite bekommen, funktioniert dieser neue Gesellschaftsvertrag nicht."

So gingen sie trotzdem shoppen wie die Beckhams. Allerdings mit einem Flammenwerfer in der Hand statt der schwarzen Karte von American Express.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 267 Beiträge
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1. 1, 2, 3 - meins
dirk.kunkel.ronnenberg 14.08.2011
Ein Nebeneffekt dieser ganzen Sache: Unter www.ebay.co.uk findet man jetzt überproportional viel hochaktuelle Unterhaltungselektronik (IPad, IPhone etc.) zu relativ günstigen Preisen. Artikelstandort ist in vielen Fällen: London.....
2. Lehman war der Apfel
PeteLustig, 14.08.2011
Zitat von sysopDas lodernde Inferno in Englands Großstädten schockt die britische Gesellschaft. Nicht Protest trieb die brutal zuschlagenden Plünderer auf die Straßen, sondern reiner Konsumrausch. Banker, Politiker und Medienmogule haben die Gier salonfähig gemacht. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,780158,00.html
*lach* Klar, Plünderungen gab es ja erst seit 2008 ;) Und 17-jährige Britische Schulversager lesen zur entsprechenden politischen Meinungsbildung bestimmt auch Huffington Post...
3. .
steamiron 14.08.2011
Zitat von sysopDas lodernde Inferno in Englands Großstädten schockt die britische Gesellschaft. Nicht Protest trieb die brutal zuschlagenden Plünderer auf die Straßen, sondern reiner Konsumrausch. Banker, Politiker und Medienmogule haben die Gier salonfähig gemacht. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,780158,00.html
Aha, so einen dummen Kausalzusammenhang habe ich Spiegel nicht zugetraut!!
4. Das System ist Schuld das ich so bin...
ssommerf 14.08.2011
Wie üblich wenn es schon keine Freiheitskämpfer sind, sondern ganz gewöhnliche Kriminelle dann ist trotzdem jemand anders Schuld. Natürlich das System allgemein und seit 2008 natürlich die Banken. Früher - wann auch immer das gewesen sein mag - oder in einem anderen Land/Ort - wo auch immer der liegen mag - hätten solche strebsamen und zielorientierten Menschen ganz sicher ihren Weg gefunden: "die Miete bezahlt der Staat, alle zwei Wochen bekommt er 77 Pfund Stütze. Die Suche nach Arbeit hat er aufgegeben, die Schule mit 15 verlassen, lesen kann er erst seit drei Jahren. Die Mutter hat kaum Geld für sich, und seine Stiefgeschwister, der Vater, ein Heroinsüchtiger, ist tot." Tut mir leid, ein lebendes Klischee. Arbeiten? Wozu, wird doch vom Staat getragen. Fortbildung, nein da muss man nicht unbedingt einen Kurs/Studium machen, da geht auch in Eigenintiative. Bspw. lerne programmieren, zig Online Medien die vollkommen frei sind, genug Leute mit denen man zusammenabreiten kann, etc. Aber das würde bedeuten die Ideale "Selbstverantwortung, Individualität, Common Sense, Stoizismus, Understatement, Disziplin" wären keine Einbahnstrasse sondern wirklich und wahrhaftig nur im EIGENEN Verantwortungsbereich. Einfacher ist es natürlich immer nichts zu tuen und sich dann zu beschweren. Tut mir leid, das Problem sind nicht die scheinbar fehlenden Möglichkeiten sondern ein assoziale Konsumhaltung.
5. Dumm?
riga_ernest 14.08.2011
Zitat von steamironAha, so einen dummen Kausalzusammenhang habe ich Spiegel nicht zugetraut!!
Wer sich mit der britischen Realität auseinandersetzt, kann kaum zu einem anderen Schluss kommen. Oder hängen Sie auch der These an, dass die britische Unterschicht halt von Natur aus dumm und doof ist und deswegen plündert - angestachelt vom immigrierten Mob, der einfach nicht die richtige Hautfarbe hat und deswegen per se plündert? (Ich will Ihnen nichts unterstellen - aber das war ja Tenor in vielen Beiträgen hier auf SPON)
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