Randale in Freibädern Revierkämpfe auf der Liegewiese

Schlagen statt Schwimmen: Berliner Freibäder sind immer wieder Schauplätze gewalttätiger Auseinandersetzungen. Mit Dutzenden Wachleuten versucht die Stadt am Beckenrand für Ruhe zu sorgen. Oftmals vergeblich.

Jugendliche (im Berliner Sommerbad Wilmersdorf): Kritik am Wachpersonal
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Jugendliche (im Berliner Sommerbad Wilmersdorf): Kritik am Wachpersonal

Von und Anne Onken


Berlin - Mauro Luongo lehnt am Fenster seines Eiswagens und schaut auf den Eingang des Columbiabads in Berlin-Neukölln. Seit vielen Jahren steht der Italiener Sommer für Sommer mit seinem kleinen Bus hier auf dem Parkplatz. Die Kugel Eis gibt es für 70 Cent, ein paar nette Worte umsonst.

Luongo, schwarze Haare, gestreiftes T-Shirt, hat alles im Blick. Er kann viel erzählen über das Schwimmbad. "Manchmal prügeln sie sich auch hier draußen. Wegen Mädchen", sagt er und grinst. "Hier passiert eigentlich jeden Tag etwas."

Berlin im Sommer 2010: Der Besuch eines Freibads in der Hauptstadt kann mitunter gefährlich werden. Randale und Schlägereien sind nicht selten. Vor allem das Columbiabad im Problembezirk Neukölln gilt als Brennpunkt. Seinem Ruf als gefährlichstes Schwimmbad der Stadt wurde es kürzlich wieder gerecht.

Streitereien zwischen den Gästen

Eigentlich war es ein ganz normaler Hochsommertag. 36 Grad im Schatten, die Sonne knallte, die Menschen strömten ins Columbiabad. Vielleicht waren es zu viele. Über 7000 sollen es gewesen sein. Einlassstopps habe es nicht gegeben, erzählt eine Besucherin.

In der Enge kam es zu Streitereien zwischen den Badegästen. Laut Polizei waren rund 60 Personen beteiligt. Dann eskalierte die Situation. Fäuste flogen. Tritte. Ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes wurde verletzt. Kurz darauf schallte es durch die Lautsprecher: "Der Badebetrieb ist wegen einer Störung für heute vorbei. Alle raus aus dem Bad."

Und auch im Kreuzberger Prinzenbad kam es unlängst zu einer Schlägerei, bei der eine Fünfjährige leicht verletzt wurde. Die Badegäste mussten eine Stunde vor Ende der Öffnungszeit ihre Sachen packen.

Schon Mitte Juni knallte es im Pankower Freibad. Nach einem Streit zwischen zwei Mädchen, schlug eines der beiden zu. Das Opfer wollte fliehen, doch im Nu war sie von einer 90-köpfigen Meute umringt. Eine Freundin versuchte ihr zu helfen, doch auch sie wurde verprügelt. Beide Teenager mussten schließlich im Krankenhaus behandelt werden.

Jetzt wird befürchtet, dass es 2010 in den Hauptstadtbädern noch schlimmer kommen könnte als im vergangenen Jahr. Damals gab es ebenfalls im Neuköllner Columbiabad Tumulte. Die Polizei rückte an und sorgte für Ruhe, indem sie 50 Randalierer vor die Tür setzte. Weniger glimpflich lief es am Badesee Saatwinkel in Tegel ab. Dort wurde ein 23-Jähriger niedergestochen, weil er einem älteren Gast hatte helfen wollen, der von Jugendlichen bedroht worden war.

Sicherheitskonzept soll Randalierer abschrecken

Um solche Situationen besser in den Griff zu bekommen, haben die Berliner Bäder ein Sicherheitskonzept eingeführt. Gewalttäter und Randalierer sollen sofort aus dem Becken geholt und vor die Tür gesetzt werden. Wiederholungstäter erhalten Hausverbot für ein Jahr. Derzeit stehen 300 Namen auf der schwarzen Liste der Berliner Bäderbetriebe, sagt deren Sprecher Matthias Oloew. Zudem gebe man jährlich 500.000 Euro für die 70 Wachmänner aus, die in jedem Konfliktfall zunächst einmal deeskalierend wirken sollen.

Wer durch das Columbiabad schlendert, kann sie nicht übersehen: Zwölf Sicherheitsleute tun hier Dienst, seit der jüngsten Massenschlägerei sind es vier mehr als ursprünglich geplant. Sie erinnern an eine Combo von Türstehen - kräftige Männer mit tätowierten Oberarmen. Auf ihren rasierten Schädeln spiegelt sich die Sonne.

Sie durchkämmen das Bad, spüren potentielle Stress-Kids auf. Trotz Mittagshitze sind sie kein bisschen träge. Ein Junge springt nicht rechtzeitig aus dem Weg - und wird von einem der bulligen Wachleute fast umgerannt. Der Schüler guckt verdutzt, ist aber auf einmal sehr still.

"Im Columbiabad knallt es oft", sagt Ahmed. Er kommt fast jeden Tag mit seinen Kindern her, an seiner Schulter baumelt der rosafarbene Rucksack seiner Tochter. Was die jüngste Eskalation anbelangt, sieht er eine Mitverantwortung bei den Wachleuten: Sie hätten viel zu hart eingegriffen, meint er.

Eismann Luongo ist schon lange nicht mehr gut auf das Sicherheitspersonal zu sprechen. "Die provozieren mehr, als dass sie helfen", behauptet er.

Freizügigkeit und Machokultur

Auch Kriminologe Christian Pfeiffer sieht die Türsteher kritisch. "Oftmals sind die mit ihrem martialischem Auftreten eine reine Provokation", so der Wissenschaftler. "Man versucht den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben und schickt die Obermachos hin. Das ist ärgerlich."

Gezielt ausgebildete Polizisten könnten brenzlige Situationen besser beruhigen, sagt Pfeiffer. Doch eine stärkere Präsenz der Beamten in den Bädern scheitere an der Personalknappheit im chronisch klammen Berlin.

Grundsätzlich seien Schwimmbäder Orte, in denen Gewalt gedeihen könne, sagt der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Wer schwimmen geht, hat nur wenig an. Das schaffe eine Atmosphäre der sexuellen Aufheizung. Dazu kämen ethnische Gruppen, in denen eine ausgeprägte "Machokultur" herrsche. Eine explosive Mischung. "In Schwimmbädern werden Rivalitätskämpfe um Ehre oder um Mädchen ausgetragen."

Die Lösung des Problems sieht Pfeiffer nicht in patrouillierenden Wachtrupps. Zwar müsse in einem ersten Schritt Sicherheit hergestellt werden. Doch im Kern gehe es darum, den problematischen Jugendlichen ein modernes Männlichkeitsbild zu vermitteln - was allerdings eine gewaltige Aufgabe sei und sicherlich auch nicht die der Schwimmbäder.

Bädersprecher Matthias Oloew versucht deshalb erst einmal zu beruhigen: "Klar gibt es immer wieder Kabbeleien. Aber die meisten Gäste liegen nicht in Schützengräben, sondern auf Badetüchern."

Eismann Luongo bleibt gelassen. Sein Geschäft läuft gut. Er sei noch nicht verprügelt worden, dass hingegen manchmal eine seiner Getränkeflaschen unbemerkt in der Tasche eines Jugendlichen verschwindet, störe ihn nicht. "Ich versuche, einfach nett zu sein und auch mal was zu ignorieren."



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