Hass auf Ausländer Sachsen, braunes Naziland? Unfug

Binnen weniger Tage gab es in Sachsen mehrere Übergriffe auf Zuwanderer - typisch Ostdeutschland? Nein - typisch Rassismus. Warum wir es uns nicht zu einfach machen dürfen.

Pegida-Demonstrant in Dresden (2016)
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Pegida-Demonstrant in Dresden (2016)

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Haben Sie das auch gelesen? In Dresden sollen Rechte einen Kampfhund auf eine Afrikanerin gehetzt haben. In Chemnitz sollen Rechte Hakenkreuze an die Bäckerei eines Kurden geschmiert haben. In Plauen sollen Rechte ganze Roma-Familien rassistisch bepöbelt haben. Und in Wurzen bei Leipzig sollen Rechte Flüchtlinge gejagt haben.

Sachsen halt, mag man da denken, da leben ja eh fast nur Nazis. Oder?

Für die 78 Millionen Menschen in Deutschland, die nicht zwischen Zwickau und Görlitz leben, ist dieses schlichte Denkmuster eine prima Sache: Rassismus scheint hierzulande geografisch einen festen Platz zu haben, und wer woanders wohnt, im Idealfall im Westen der Republik, ist fein raus. Hass auf (tatsächliche oder vermeintliche) Ausländer findet fast jeder schlimm - wie praktisch es da ist, dass man die Empörung darüber in "Dunkeldeutschland" abladen kann, im "Kaltland".

Weniger Polarisierung, mehr Sachlichkeit

In der vergangenen Woche sind SPIEGEL-Reporter dem Thema Rassismus nachgegangen - und weil es in Sachsen zuletzt eine Häufung entsprechender Vorfälle auf vergleichsweise engem Raum gab, taten wir es dort: In Plauen und Dresden, in Chemnitz und Wurzen sprachen wir mit Menschen und recherchierten ihre Geschichten. Ein Ergebnis: Ja, in Sachsen gibt es ein Problem mit Rechtsextremismus. Ein massives Problem sogar.

Ist deshalb im Rest der Republik alles in Ordnung? Definitiv nicht.

Im hessischen Lahn-Dill-Kreis sollen vier Rechtsextremisten einen Hundert-Mann-Schlagtrupp gegründet und Waffen gehortet haben. In Würzburg sollen immer mehr neonazistische "Soldiers of Odin" ihr Unwesen treiben. In Worms sollen städtische Mitarbeiter in einer WhatsApp-Gruppe Verschwörungstheorien und NS-Symbole ausgetauscht haben. Und in Koblenz wird derzeit einer der größten Prozesse gegen Neonazis in Deutschland neu aufgerollt. Keiner dieser Orte liegt in Ostdeutschland, geschweige denn in Sachsen.

Die deutsche Rassismusdebatte braucht weniger Polarisierung, und mehr Sachlichkeit, Fairness, Differenzierung.

Denn beim Thema Rassismus zeigt der Blick auf den Einzelfall oft, dass die Sache komplizierter ist. So hat beispielsweise in Dresden-Gorbitz im September jeder Dritte die AfD gewählt, eine straff organisierte Neonaziszene gibt es dort aber offenbar nicht. Eine solche ist dafür in Wurzen aktiv - wo bei den jüngsten Kommunalwahlen AfD und NPD nicht angetreten sind, wo ein von den Linken unterstützter SPD-Mann Bürgermeister ist, wo Dutzende Menschen sich für Flüchtlinge engagieren. Das macht die Probleme im Ort nicht besser, schon klar, aber das bisschen Differenzierung müssen wir uns leisten: Wurzen hat ein Problem, aber Wurzen ist nicht das Problem.

Wir dürfen es uns nicht zu leicht machen

Ein Perspektivwechsel hat auch bei manch anderem Rassismusfall aus Sachsen bemerkenswerte Folgen: In Dresden halfen Passanten der angefeindeten Äthiopierin, in Chemnitz haben Nachbarn dem attackierten Kurden ihre Hilfe angeboten, in Plauen wurden zwei deutsche Teenager spontan zu Lebensrettern. So könnte man diese Geschichten aus Sachsen auch erzählen, es wären Geschichten über Menschlichkeit und Solidarität.

Das ist keine Relativierung von Rassismus und Gewalt, sondern eine weitere Perspektive darauf. Die Opfer rechter Übergriffe haben Aufklärung und Unterstützung verdient, der Staat muss Hilfe und, wo nötig, auch Härte zeigen. All das stellt ja kein vernünftiger Mensch infrage, es geht aber um mehr: Wer rechte Umtriebe als primär ostdeutsches Phänomen simplifiziert, macht es sich und uns allen zu leicht.

Im Einsatz gegen Rassismus darf sich niemand zurücklehnen, egal ob Sachse, Westfale oder Ostfriese. Wer mit Diskriminierung und Hass konfrontiert ist, wer sich um den gesellschaftlichen Zusammenhalt im eigenen Viertel, im eigenen Dorf sorgt, der sollte sich engagieren. Ob man die CSU oder die Linke favorisiert, tut dabei ebenso wenig zur Sache wie der eigene Wohnort: Für Menschlichkeit lohnt es sich in Bautzen genau so zu kämpfen wie in Bonn.

Das Problem heißt nicht Sachsen. Das Problem heißt Rassismus.

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joey2312 28.01.2018
1. Das Problem heißt Rassismus
Sehr richtig, aber das Problem namens "Rassismus" ist nun einmal im Osten Deutschlands wesentlich größer als im Westen, in Sachsen größer als im Rest des Ostens und in Ostsachsen ganz besonders extrem. Nur logisch, dass die Aufmerksamkeit zunächst auf die besonders betroffenen Gebiete richtet. Ginge es hier um Hochwasser und Dresden wäre komplett überflutet, dann würde wohl kaum einer schreien "Warum reden alle darüber, im Main-Taunus-Kreis ist schließlich auch ein Bach über die Ufer getreten und hat den Sportplatz überschwemmt". In Sachsen müssen sich die Rassisten, anders als in den meisten Gegenden, nicht verstecken, hier ist es geradezu normal und gesellschaftlich akzeptiert, rechtsextreme Positionen zu haben.
matthias.fahrner 28.01.2018
2. Naja,
Naja, klar heißt das Problem Rechtsradikalismus, Fremdenfeindlichkeit, Sozialdarwinismus u.v.m. Aber die säschsischen Regierungen unter der besonders konservativen und "ausländerkritischen" CDU hat seit der Wiedervereinigung mit Abstand am Wenigsten getan, um gegen Menschenfeindlichkeit durch unmittelbare Gewalt, Ängste und deren Schüren, Hass und Strukturen vorzugehen. Sie hat viele einseitige Maßnahmen ihrer Justiz und Sicherheitsorgane geduldet, friedliche Protestierende und Engagierte gegen rechts eingeschüchtert, rechte Richter und Beamte geduldet, offensichtliches Missverhalten und Straftatbestände bagatellisiert und Aufklärungsansätze nicht unterstützt, sondern unter den Tisch gekehrt, sie und für sie erkennbaren Vertreter in Berlin wie der Bundesinnenminister heizen u.a. mit Allgemeinplätzen, Verallgemeineerungen Vorurteile und Ängst an, schaffen geradezu Voraussetzungen für die Verzweiflung und mögliche Anreize für Ausländer, ihre Klischées zu erfüllen. Das alles ist höchst verwerflich. Und eben in Sachsen besonders ausgeprägt, ebenso wie der Rechtsextremismsu schlechthin. Es liegt daher sehr nahe, einen Zusammenhang zu vermuten undscheint ja bisweilen auch wissenschaftlich belegbar. Natürlich ist nicht jede Sächsin oder jeder Sachse Rassist. Aber die Regierung und tragende CDU entlastet das in keiner Weise.
die-metapha 28.01.2018
3.
"Das Problem heißt nicht Sachsen. Das Problem heißt Rassismus." Dieser Rassismus - gelebter Teil einer braunen Ideologie - ist in Sachsen aber nun einmal überproportional vorhanden. Die Menschen dort haben die "a"fd mit 27,0% zur stärksten "politischen" Macht im Bundesland Sachsen gewählt. Zwischen Ostsee und Erzgebirge liegt der durchschnittliche Anteil bei 21,6 Prozent - da beißt die Maus nun mal keinen Faden ab. Sicher - auch außerhalb dieser Region "Ostdeutschland" gibt es punktuell eine hohe Affinität zu rassistischen und rechten Ideologien. Es ist und bleibt aber schon ein regionales Phänomen, dass ausgerechnet auf dem Gebiet der ehemaligen DDR Rassismus und nationalsozialistisches Gedankengut so leicht verfängt.
someoneunreal 28.01.2018
4.
Danke für diesen Artikel. Wichtig zu erwähnen an dieser Stelle ist, welche Zielgruppe sich den Inhalt dieses Stücks zu Herzen nehmen sollte. Es ist nämlich nicht primär der mündige Bürger, der sich seine (politische) Meinung bildet. Jeder einzelne medienschaffende sollte darüber nachdenken, in welcher Weise er pointiert. Gelegentlich darf man daran zweifeln, ob diese sich ihrer macht als Multiplikatoren eigentlich bewusst sind. In der kommunikationswissenschaftichen Forschung gibt es den Begriff des Framings, der genau das im Artikel Beschriebene bezeichnet und es dem Laien herrlich einfach macht, die „wahre“ Intention eines Artikels bis hin zur politischen Linie einer Zeitung/eines Magazins etc zu erkennen und für sich selbst weitergehend zu differenzieren. Googlen lohnt soch
fördeanwohner 28.01.2018
5. -
Rassismus gibt es überall in Deutschland. Und jeder weiß, dass nicht alle Bewohner der östlichen Bundesländer Rassist ist. - Ja. Nichtsdestoweniger ist die Gefahr einem rassistisch-motivierten Übergriff zum Opfer zu fallen im Osten größer. Das liegt an verschiedenen Dingen, u.a. an den Folgen der "sozialistischen" Sozialisation und der Abwanderung junger gebildeter Menschen. Ich finde auch, man muss differenzieren, aber man muss doch bennen dürfen, wo ein Problem besonders stark wirkt, um es ggf. angehen zu können. Wenn z.B. sächsische Politiker vehement abstreiten, dass es ein Problem gibt, dann wird dort auch nichts passieren, um die Ursachen und verstärkenden Umstände zu beheben. Man fühlt sich angegriffen und geht in Verteidigungshaltung, weil man ja wieder gewählt werden will von der ortsansässigen Bevölkerung. Das ist ein Teufelskreis.
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