Angebot für Rekordwein Die Bremer, ihr Rüdesheimer und ein reicher Chinese

150.000 Euro für eine Flasche historischen Fasswein aus dem Bremer Ratskeller: Das soll ein chinesischer Milliardär geboten haben. Wochenlang diskutierten die Bürger, was wichtiger ist: Kultur oder Knete? Doch dann kam alles anders.

Bremer Ratskellermeister Karl-Josef Krötz neben seinem größten Schatz: Ein Fass Rüdesheimer von 1653
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Bremer Ratskellermeister Karl-Josef Krötz neben seinem größten Schatz: Ein Fass Rüdesheimer von 1653

Von , Bremen


Schon der Duft muss für Liebhaber eine Offenbarung sein. Weinkenner erinnert er an einen Sherry oder einen alten Madeira, "mit einer ehrwürdigen, zartfeinen, kräuterig-würzigen Note." So schwärmt Kellermeister Karl-Josef Krötz vom Geruch im Allerheiligsten des Bremer Ratskellers.

Auf Führungen wird dieser Raum, der sogenannte Rosekeller, als "sakraler Ort" angekündigt. Kerzen spenden flackerndes Licht, der Duft der verdunstenden Weine liegt in der Luft. Wäre der Bremer Ratskeller eine Kirche, stünde man nun vor dem Altar: einem großen Fass voll mit Rüdesheimer Wein von 1653. Der älteste Fasswein Deutschlands, einer der ältesten der Welt.

In Bremen sind sie sehr stolz auf ihren Ratskeller, seit 2004 zählt er als Teil des Rathauses zum Unesco-Weltkulturerbe. Der Wirbel der vergangenen Tage dürfte die meisten dennoch überrascht haben. Im Grunde wissen sie in Bremen immer noch nicht, was eigentlich passiert ist. Es geht um einen chinesischen Milliardär, ein verlockendes und zugleich unerhörtes Angebot. Es geht um die Frage, was wichtiger ist: Geld oder Kultur?

Luang Nubo, chinesischer Immobilien-Tycoon, war im September 2013 in der Hansestadt zu Gast. Der Mann aus Fernost ist nicht nur steinreich, sondern auch ein Freund der Kultur. Er schreibt unter dem Pseudonym Luo Ying Gedichte, eine Sammlung mit dem Titel "Kakerlaken-Kunde" ist im Georg Olms Verlag auf Deutsch erschienen. Luang Nubo hat angekündigt, alle Stätten des Unesco-Weltkulturerbes zu besuchen. Knapp tausend gibt es, in 10 bis 15 Jahren will er sie gesehen haben.

Die Queen durfte probieren

In Bremen bekam Luang von Karl-Josef Krötz eine Führung durch den Ratskeller. Der Kellermeister erzählte ihm, wie es sich mit dem berühmtem Rüdesheimer von 1653 verhält: Nur ganz besondere Gäste dürfen einen Schluck probieren. Kaiser Wilhem zum Beispiel oder Queen Elizabeth II. Er selbst, so Krötz, habe nur einmal genippt, 1996 bei einer historischen Weinprobe. Der Rüdesheimer sei unverkäuflich. Eine Dolmetscherin übersetzte alles.

Einen Tag später meldete sich die Dolmetscherin laut Krötz noch einmal telefonisch: Luang Nubo sei an einer Flasche aus dem Rosefass interessiert, habe sie gesagt. Der Kellermeister war perplex.

Vor Jahren war überschlagen worden, wie viel 0,1 Liter des historischen Rüdesheimers kosten würden: 20.000 Euro. Das macht 150.000 Euro für eine gängige 0,75-Liter-Flasche. Krötz nannte der Dolmetscherin den Betrag und fragte nach eigenen Angaben mehrfach nach, ob sie das wirklich so meinte. Die Dolmetscherin blieb dabei.

Krötz dachte: Das übersteigt meine Kompetenzen. Er wollte die Entscheidung nicht allein treffen und begann sich mit Vertrauten zu besprechen. Eile sei nicht geboten gewesen. Es ging ja nicht nur um die Frage, ob man mit der Tradition des Ratskellers brechen soll. Sondern auch darum, wie es technisch möglich wäre, eine Flasche steril und ohne Verlust abzufüllen. Und ob es überhaupt möglich wäre, den Wein zu verkaufen, ohne den Status als Unesco-Weltkulturerbe zu riskieren.

Monate gingen ins Land, dann bekam die Lokalpresse Wind von dem Fall. Die Leser des "Weser-Kuriers" stimmten in einer Umfrage dafür, den Rüdesheimer zu verkaufen. Die Hansestadt kann jeden Cent gut gebrauchen.

"Lügner, Depp, Eulenspiegel?"

Die Aufregung in Bremen war groß. Der Bürgermeister wurde eingeschaltet, spielte den Ball aber zurück zu Krötz. Bei Besprechungen war der Wirtschaftssenat ebenso vertreten wie der Landesdenkmalpfleger.

Irgendwann kamen die Bremer auf die Idee, bei Huang Nubo noch einmal nachzufragen, wie das Angebot gemeint sei. Zunächst bekam aber die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" eine Antwort, die vernichtend ausfiel: Man habe nie ein Angebot abgegeben und sei kein Weinsammler. Vielleicht handele es sich um einen Scherz zum chinesischen Neujahrsfest?

Bremen war düpiert. "Wie stehst du denn jetzt da?", fragte sich Krötz, "als Lügner, Depp, Eulenspiegel?"

War die Offerte vielleicht nur ein Marketing-Gag? Für den Bremer Ratskeller war es schließlich ein großer PR-Erfolg, überregionale Medien berichteten, es gab Anfragen aller Art. "Dieses Jahr ist mein 25. im Ratskeller", erwidert Krötz. "Das wäre Harakiri, wenn ich mir so was ausdenken würde."

Er könne sich die Causa nur über ein Missverständnis, vielleicht einen Übersetzungsfehler erklären, sagt Krötz. Davon geht inzwischen auch die Stadt Bremen aus. Der Gast aus China sei vermutlich an einem freiverkäuflichen Wein aus der sogenannten Schatzkammer des Ratskellers interessiert gewesen, teilt ein Sprecher des Wirtschaftssenators mit.

Für Karl-Josef Krötz ist die Absage ohnehin eine Erlösung. Die Entscheidung über den Verkauf des historischen Weins bleibt ihm erspart. "Ich bin ein bisschen erleichtert, dass mir diese Bürde genommen wurde", sagt er - und kann sich nun wieder der alltäglichen Arbeit im Ratskeller widmen.

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
merkur08 07.02.2014
1. Ich denke mal die Anfrage war ernst gemeint
Es gibt ja in China auch die Meinung mit Geld alles kaufen zu können. Und wie das mit Neureichen so üblich ist wollen sie etwas haben, was der Bekannte nicht hat. Das wäre so ein Fall. Als das ganze allerdings zu Politikum wurde, hat unsere Frühlingsrolle kalte Füße bekommen, denn es bestand die Gefahr, dass er sein Gesicht verliert, das Schlimmste, was einem Asiaten passieren kann. Deswegen der Rückzieher. Ist auch gut so. Jetzt merken auch die Chinesen, dass in Deutschland (noch) nicht alles käuflich ist.
dr.schnabel 07.02.2014
2. Um so besser
dann verkauft ihm eben die Flasche aus der "Schatzkammer" für 150.000.
numerusus 07.02.2014
3. Kultur oder Geld?
Geld natuerlich
peteftw 07.02.2014
4. aha...
Zitat von merkur08Es gibt ja in China auch die Meinung mit Geld alles kaufen zu können. Und wie das mit Neureichen so üblich ist wollen sie etwas haben, was der Bekannte nicht hat. Das wäre so ein Fall. Als das ganze allerdings zu Politikum wurde, hat unsere Frühlingsrolle kalte Füße bekommen, denn es bestand die Gefahr, dass er sein Gesicht verliert, das Schlimmste, was einem Asiaten passieren kann. Deswegen der Rückzieher. Ist auch gut so. Jetzt merken auch die Chinesen, dass in Deutschland (noch) nicht alles käuflich ist.
Ihre interkulturelle Kompetenz ist ja echt beeindruckend. Wo lernt man sowas? Chinesen verstehen für gemeine Schweinshaxn? Respekt!
burgundy2 07.02.2014
5.
Zitat von sysopDPA150.000 Euro für eine Flasche historischen Fasswein aus dem Bremer Ratskeller: Das soll ein chinesischer Milliardär geboten haben. Wochenlang diskutierten die Bürger, was wichtiger ist: Kultur oder Knete? Doch dann kam alles anders. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/ratskeller-in-bremen-das-angebot-des-chinesischen-milliardaers-a-950914.html
Was hat ein längst vergammelter Wein mit Kultur zu tun? Wenn man dafür noch Geld bekommt, dann umso besser!
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