Fotoband Auge in Auge mit echten Nazis

SS-Obersturmführer, Generäle, Wehrmachtshelferinnen. Ein Bildband versammelt Porträts von Nazis - und stellt die Frage: Was unterscheidet uns eigentlich von ihnen?

Edition Patrick Frey

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Ein Buch voller Nazis, Porträts von Männern und Frauen, Generälen und SS-Sturmbannführern, unbekannten Soldaten und Wehrmachtshelferinnen. "Real Nazis" sind das, gibt der Titel zu verstehen. Echte Nazis.

Es ist ein aufwühlendes Werk, das der polnische Künstler Piotr Uklanski zusammengetragen hat. Ein Projekt, das schon auf der diesjährigen Documenta Aufsehen erregte. Der Band dazu ist mehr als 250 Seiten stark. 250 Seiten, die uns von Gesicht zu Gesicht führen.

Auf den ersten Fotos wecken die Uniformen furchtvolle Abscheu und Verachtung. Die mit Stolz getragenen Hakenkreuze, Totenköpfe, SS-Abzeichen rufen albtraumhafte Bilder wach: von Konzentrationslagern und Kriegsszenen, von Zerstörung und Fanatismus, von Straßen voller Hakenkreuzflaggen und Gruben voller Leichen. Doch mehr als 250 Seiten, das sind viele Gesichter. Bald spürt man, wie diese Assoziationen von Seite zu Seite schwächer werden. Sie weichen einem Modus, in dem wir nicht mehr sehen, was uns und die Menschen in diesem Buch voneinander trennt, sondern was uns verbindet.

Was hat Charlie Sheen in dem Buch verloren?

Ja, Goebbels, Mengele, die Verführer und gewissenlosen Machtmenschen sind auch in dem Band vertreten. Aber trägt Oberstleutnant Günter Goebel nicht denselben Kinnbart wie der nette Kollege aus dem Büro? Erinnert Oberfähnrich Ernst Kruse nicht an den Studenten, der im Kiosk um die Ecke jobbt? Oder Oberleutnant Rudolf Becker. Ist der nicht schön, wie eine Diva aus dem alten Hollywood? Und was hat Charlie Sheen in dem Buch verloren? Gar nichts. Das ist SS-Obergruppenführer Ernst Bohle.

Fotostrecke

10  Bilder
Fotoband: Echte Nazis

Banalisiert der Band also die Verbrechen dieser Menschen? Keineswegs. Vielmehr entlarvt er einen Blick auf die Nazis, mit dem wir es uns zu oft zu leicht machen.

Statt auch die Gemeinsamkeiten zu sehen und uns zu fragen, was sie bedeuten könnten, betonen wir krampfhaft die Unterschiede. Während wir von Porträt zu Porträt mehr und mehr Ähnlichkeiten und Alltägliches wiedererkennen, versuchen wir mit aller Macht, aus den Blicken, den Zügen, der Haltung den tief üblen Charakter dieser Menschen herauszulesen. Die abschätzige Härte im Blick von SS-Obergruppenführer Matthias Kleinkamp, die Boshaftigkeit, die die Mundwinkel von Kapitänleutnant Robert Gysae umbrandet. Und zeugt das Lächeln von Oberleutnant Hans-Joachim Marseille nicht von einem Hang zu zügelloser Grausamkeit? Hat so einer nicht schon in seiner Jugend Fliegen die Flügel ausgerissen?

Wir wissen es nicht.

Menschen mit Vorurteilen und Ängsten. Wie wir

Was wir wissen ist, wie schwer es uns fällt, uns von einem Fotografen porträtieren zu lassen. Wie wir verkrampfen, dämlich dreinschauen, nicht mehr Herr unseres eigenen Bildes sind. Den wenigsten gelingt es in solchen Momenten, ihr inneres Bild von sich mit ihrem Äußeren in Einklang zu bringen. Natürlich sind die Nazi-Bilder von den Fotografen inszeniert, ausgewählt, einem Zweck unterworfen. Vollkommen lässt sich der Zufall, der Charakter der Abgelichteten, ihr Verhältnis zum Fotografiertwerden offenbar dennoch nicht verbannen. Wohl auch nicht bei den Bildern auf den verstörendsten Seiten dieses Bands: Einer Reihe von Fotos, auf denen uns lächelnde, ja breit grinsende, fast schon losprustende Männer ansehen. Hochrangige Nazis. Wären es Bundeswehrsoldaten, die Bilder wären eigentlich ganz sympathisch. Im historischen Kontext sind sie der Horror.

"Der historische Kontext" ist es ja auch, der uns dazu treibt, so viel Distanz wie möglich zwischen uns und diesen Fremden herzustellen.

Dabei - und das ist heute vielleicht der eigentliche Schrecken der Nazi-Zeit - haben diese Nazis und wir so viel gemeinsam. Das Gros dieser Menschen, die sich an unaussprechlichen Verbrechen beteiligt haben, waren Väter und Mütter, Nachbarn. Menschen mit Vorurteilen und Ängsten. Menschen, die morgens aufstanden und zur Arbeit gingen.

Wie wir.

Millionen Hitler-Attentäter, Rebellen, Weiße-Rose-Märtyrer?

Für manche bedeutete "zur Arbeit gehen", die fabrikmäßige Tötung Tausender Menschen zu organisieren oder durchzuführen. Das ist schrecklich und verabscheuungswürdig. Wenn wir dieses Kapitel unserer Vergangenheit wie ein Gruselkabinett durchwandeln, werden wir erschaudern, erschrecken, wütend und traurig sein. Sicher. Aber werden wir so aus der Geschichte lernen?

Wenn wir das wollen, müssen wir uns der Frage stellen, wie groß eigentlich der Unterschied ist zwischen uns und diesen "Real Nazis". Was hätten wir im "Dritten Reich" gemacht? Eine erschütternde Frage. Sicher wären wir nicht alle im Widerstand gewesen. Millionen Hitler-Attentäter, Rebellen, Weiße-Rose-Märtyrer. Die Wahrheit ist: Heute ist es verhältnismäßig leicht, ein guter Mensch zu sein. Die Gefahren für Leib und Leben sind gering, weil wir in einer Demokratie, einem Rechtsstaat leben dürfen. Wer wir im Dritten Reich gewesen wären? Was Angst oder Machthunger oder verführerische Karriereoptionen mit uns gemacht hätten?

Zum Glück müssen wir das nicht herausfinden.

In einem Gespräch mit dem "Handelsblatt" sagte Außenminister Sigmar Gabriel vor einigen Tagen, er sei in der letzten Sitzungswoche des Bundestags wehmütig und traurig gewesen. Weil er wisse, "dass es eine hohe Wahrscheinlichkeit gibt, dass, wenn ich wieder in den Bundestag komme, zum ersten Mal nach 1945 im Reichstag am Rednerpult echte Nazis stehen."

An diesem Sonntag sind Wahlen. In einer noch laufenden Umfrage, bei der auch SPIEGEL ONLINE-Leserinnen und Leser abstimmten können, steht derzeit, dass mehr als 10 Prozent die AfD wählen wollen. Ich wünschte, sie würden sich das noch einmal überlegen.

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Piotr Uklanski:
Real Nazis

Edition Frey, 260 Seiten; 52 Euro (Gebundene Ausgabe)



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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
oli h 23.09.2017
1. Nicht viel
Uns unterscheidet die Zeit und das Umfeld in das wir hineingeboren wurden von den Nazis. Hätten wir damals gelebt wären wir nicht anders gewesen, natürlich in der vollen Bandbreite von Menschlich- bis Unmenschlichkeit die es damals gab. Genau das ist das Unheimliche und genau das ist der Grund warum sich etwas wie das dritte Reich prinzipiell wiederholen kann wenn unsere Werte wieder so erodieren wie es damals geschehen ist.
MtSchiara 23.09.2017
2. Leute wie Du und ich?
Ich finde alle Photos unsympathisch, mit Ausnahme des letzten mit der Nummer 10. Auch in meinem jetzigen sozialen Umfeld gibt es eine Reihe von Menschen, die mir nicht sympathisch sind. aber man sollte zurückhaltend damit sein, von dem Eindruck, den ein Photo in Form einer Momentaufnahme macht, auf eine Person zu schießen.
cajun_moon 23.09.2017
3. Verdorbene, todbringende Seelen lassen sich nicht fotografieren
Ich finde, solche Bilder haben einen Sensationswert, man begafft sie, aber sie bringen uns nicht weiter. Nicht die Gesichter haben entsetzliche Verbrechen gegen die Menschen und die Menschlichkeit zu verantworten, sondern die Seelen. Und verdorbene, todbringende Seelen lassen sich nicht fotografieren.
KaroXXL 23.09.2017
4. Echt?
Zitat von cajun_moonIch finde, solche Bilder haben einen Sensationswert, man begafft sie, aber sie bringen uns nicht weiter. Nicht die Gesichter haben entsetzliche Verbrechen gegen die Menschen und die Menschlichkeit zu verantworten, sondern die Seelen. Und verdorbene, todbringende Seelen lassen sich nicht fotografieren.
Es heißt doch Gesichter sind der Spiegel der Seele... oder nicht?
cajun_moon 23.09.2017
5. Lieber selber denken
Zitat von KaroXXLEs heißt doch Gesichter sind der Spiegel der Seele... oder nicht?
"Es heißt" (was immer das heißen soll) aber eben auch: "Gleich und gleich gesellt sich gern" sowie "Gegensätze ziehen sich an". Und "heißt es" nicht viel mehr, die Augen - nicht die Gesichter - seien der Spiegel der Seele? Sie sehen: Schubladen helfen nicht weiter. Selber denken bringt meistens mehr.
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