Rechter Alltag in Ostdeutschland Das Fest

Als die Mauer fällt, sind sie fast noch Kinder. Dann wird Andreas Storr rechtsradikal, Mirko Schultze geht zu den Linken, und Manja Richter will in Ruhe ihren Traum leben. Jetzt führt der rechte Hass die drei in Görlitz zusammen.

Von Jochen Brenner, Melaune

SPIEGEL ONLINE

Sie fürchtet sich vor einer Hüpfburg. Ausgerechnet Manja Richter, die Sozialarbeiterin, die in der Schule jeden Tag mit Kindern arbeitet. Eine Hüpfburg ist ein anarchischer Ort für Kinder, an dem nicht einmal die Schwerkraft viel zu sagen hat. "Ein Paradies, eigentlich", sagt Manja Richter.

Sie wohnt in Melaune, einem Dorf in der Oberlausitz, 360 Einwohner, 20 Minuten sind es bis Görlitz und zur polnischen Grenze. Mit Freunden hat Richter, 29, hier vor vier Jahren eine Hausruine aus dem Jahr 1867 ersteigert, für ein paar tausend Euro. Sie wollen hier leben, auf dem Land, in Ruhe, gemeinsam.

Manja Richter wusste, dass sie sich die Gegend zwischen Görlitz, Bautzen und Dresden mit den Rechten teilen muss. Sie ist hier aufgewachsen, und "Nazis gab's immer", sagt sie. Aber Hüpfburgen?

Die NPD hat sie aufgestellt, in Quitzdorf, ein paar Kilometer entfernt. In dem Dörfchen feiert die Partei seit einigen Jahren ihr "Pressefest", ausgerichtet von der "Deutschen Stimme", dem Parteiorgan der NPD. Das Blatt ist der Ort, an dem die Rechtsextremisten laut über die "Kriegsschuldlüge" oder den "inszenierten Holocaust" nachdenken.

Sie lernen von klein auf die rechte Ideologie

Das Fest ist ein Pflichttermin für die Partei: NPD-Kader wie Udo Voigt, Udo Pastörs und Holger Apfel halten Reden, der ehemalige Präsidentschaftskandidat Frank Rennicke singt seine Lieder, später am Tag treten rechte Bands wie Oidoxie, Nordglanz oder die Landser-Nachfolger Lunikoff auf.

In der Oberlausitz hinterfragt das niemand mehr. Nicht das Pressefest im Sommer und auch nicht das Konzert am vergangenen Wochenende zu Ehren eines SS-Mannes, 1300 Rechte aus ganz Europa reisten an. Und in einem gerade eröffneten Schulungszentrum der NPD soll an diesem Wochenende Lunikoff schon wieder auftreten.

Aber niemand schreit auf, fast niemand. Das Fest im Sommer, die Konzerte, die Kameradschaftstreffen haben sich in den Alltag der Menschen in Sachsen eingeschlichen. In den ländlichen Gegenden verlassen sich die Rechten auf die Gleichgültigkeit ihrer Mitbürger.

Und längst sind es nicht mehr nur die alten Funktionäre, deren Gesinnung niemanden mehr überrascht. Die Rechten aber, die etwa mit Manja Richter in der Lausitz großgeworden sind, Männer, Frauen, zwischen 30 und 40, kommen ebenfalls zum Pressefest, gehen auf die Konzerte, unterstützen die NPD. Und sie bringen ihren Nachwuchs mit. "Die erste Generation der Kameradschaften hat jetzt ja Kinder", sagt Richter.

Und für die Kinder baut die Partei die Hüpfburgen. Sie lernen von klein auf die rechte Ideologie kennen. "Es ist schwer, ihnen die später wieder abzugewöhnen", sagt Richter.

Sie merkt das jetzt schon, fast jeden Tag. "Die kommen zu mir, 12, 13 Jahre alt, und erzählen mir, wie scheiße Juden sind", sagt Richter, sie arbeitet als Sozialarbeiterin an einer Bautzener Mittelschule. "Dann frage ich sie, was Juden überhaupt sind."

Diffuses Gefühl von Überfremdung

Sie spielt mit ihnen dann das Barometer-Spiel. Es offenbart jedes Mal wieder, dass der Hass auf das Fremde stärker als Fakten ist. "Wie viele Ausländer leben in unserer Region?", fragt sie ihre Schüler. Die Schätzungen pendeln sich ein zwischen 40 und 50 Prozent. Die Ausländerquote im Landkreis Görlitz aber liegt bei zwei Prozent.

Vielleicht ist es der unschuldige Hass dieser Kinder, der Manja Richter aktiviert hat. Als die NPD für den 3. Juli zum dritten Mal ihr Pressefest in Quitzdorf plant, verlässt die junge Frau ihren Beobachterposten. Mit Freunden aus ihrem Haus und aus anderen Dörfern schließt sie sich zu einer Gegenbewegung zusammen.

20 kommen zusammen, nennen sich "Bunter Schall als Widerhall". Sie drucken Handzettel, hängen Plakate an den Straßen auf, wo sonst nur die Rechten werben. Und sie wundern sich, dass alle wissen, dass die Nazis kommen, aber keiner etwas unternimmt: Nicht die Parteien, nicht die Gewerkschaften, Kirchen, Vereine. "Die Menschen hier sind apathisch", sagt sie. "Dass es hier viele Rechte gibt, das wollen sie einfach nicht wahrhaben."

Am 3. Juli beginnt das rechte "Pressefest". Am gleichen Tag feiert der "Bunte Schall" seine Gegenparty, ganz in der Nähe. Ihr Programm orientiert sich an dem, was die Neonazis vorher veröffentlicht haben: Wenn bei den Rechten der Parteivorsitzende spricht, erklärt beim "Bunten Schall" ein Referent, wofür er wirklich steht.

Der Kampf gegen rechts ist nicht schnell zu gewinnen

Nun steht seit dem 3. Juli Manja Richters Name für ein Bekenntnis gegen rechts, manchmal macht ihr das Angst. Eines Tages will sie eine Familie gründen, mit ihren Kindern im selbstrenovierten Haus leben, friedlich.

Der 3. Juli ist auch der Tag, an dem der NPD-Politiker Andreas Storr lernt, dass sich in Quitzdorf Widerstand gegen seine Leute regt. Und Mirko Schultze von den Linken muss erfahren, dass der Kampf gegen rechts nicht schnell zu gewinnen ist.

Denn die Bilanz des "Pressefestes": 2400 Gäste aus ganz Deutschland bei den Rechten. 100 Leute beim "Bunten Schall". Und den ganzen Tag Regen.

Andreas Storr, der NPD-Mann, sagt heute, er habe vom Protest gegen das Fest erst später erfahren. "Das Fest war ein großer Erfolg. Den Protest sehe ich mit Gelassenheit."

Storr ist in der NPD groß geworden, erst bei Kameradschaften in Berlin, dann als Bundesvorsitzender der Jungen Nationaldemokraten, jetzt sitzt er für die Partei im sächsischen Landtag, im Stadtrat und Kreistag Görlitz - wo er auf Mirko Schultze trifft, der dort ein Mandat der Linkspartei hat.

Arbeitslosigkeit von rund 20 Prozent

Schultze hat sich früh für den "Bunten Schall" stark gemacht. Hat sein Büro als Treffpunkt angeboten und Kontakte vermittelt. Wenn sich der Todestag von Rudolf Heß jährt, muss er am nächsten Tag die beschmierten Scheiben seines Partei-Büros in der Görlitzer Innenstadt putzen. Andreas Storr, der NPD-Mann, sagt, dass "eine gewisse Grundaggressivität" bei jungen Männern dazugehöre, "wenn sie eine gesunde Entwicklung nehmen." Man müsse ihnen nur "das richtige Ventil" dafür anbieten.

Das ist der ideologische Alltag in Görlitz. Die Linken engagieren sich gegen rechts, die Rechten verbreiten den Hass gegen die Nachbarn in Polen und zwischendrin versucht die Mitte, das Städtchen aus der Armut zu führen. Die Arbeitslosigkeit liegt immer noch um 20 Prozent. Kinderarmut ist hier so verbreitet, wie sonst nur in Berliner Problemstadtteilen.

Rechte wie Andreas Storr haben es mit ihrem Parteiprogramm nicht schwer bei denen, die nichts mehr erwarten. "Grenze dicht für Lohndrücker", hatte der ehemalige NPD-Fraktionschef im Sächsischen Landtag während des Wahlkampfs gesagt. "In Görlitz werden die Polen bevorzugt, obwohl sie überdurchschnittlich oft an Kriminalität beteiligt sind", sagt sein Parteifreund Storr heute. "Auch die zwei Prozent Ausländer machen in der Region schon eine Menge Probleme."

Die Stimmung in der Stadt ist abwartend, seit die Zwickauer Zelle aufgeflogen ist und der Terror von rechts ein Gesicht hat. NPD-Funktionär Storr sagt, die "Braune Armee Fraktion" sei "eine große Inszenierung, bei der der Verfassungsschutz Regie geführt" habe.

Mirko Schultz hingegen hofft darauf, dass in Berlin kein Politiker mehr behaupten wird, an der Unterstützung des Kampfs gegen rechts sparen zu können. "Das Kleinreden wird endlich aufhören."

Für Manja Richter ist das nächste Pressefest der NPD so etwas wie ein Barometer. Sie wird am Protest ablesen, ob sich der "Bunte Schall" als Gegenbewegung etablieren konnte, ob ihr Engagement die Menschen auf dem Land zwischen Görlitz und Dresden aus der Apathie geholt hat. "Eigentlich sind wir viele."



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