Forscher zu Kritik an Studie "Das ist mindestens verleumderisch"

Im Auftrag der Bundesregierung untersuchten Forscher den Fremdenhass in drei ostdeutschen Orten - angeblich mithilfe erfundener Interviewpartner, wie nun ein Bericht behauptet. Die Wissenschaftler wehren sich entschieden.

Pegida-Anhänger (im Oktober in Dresden)
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Pegida-Anhänger (im Oktober in Dresden)

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Es ist eine Überschrift, die einen Skandal vermuten lässt: "In dieser Regierungsstudie wurden sogar Gesprächspartner erfunden", heißt es in einem Artikel der "Welt", der unter anderem auf rechten Blogs beachtliche Resonanz ausgelöst hat.

Der Vorwurf des Autors lautet: Ein Team von Politologen des Göttinger Instituts für Demokratieforschung, das dem Fremdenhass in drei ostdeutschen Orten auf den Grund gehen sollte, habe in der Studie Interviewpartner aufgelistet, die es gar nicht gibt. Besonders herausgestellt wird der Fall eines "erfundenen Demokratievermittlers" der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung.

Bestellt sich Iris Gleicke, Ostbeauftragte der Bundesregierung, Studien, die dann nach dem Geschmack der SPD-Politikerin zurechtgelogen werden?

Der SPIEGEL kennt den Namen des angeblich erfundenen Gesprächspartners sowie die Audioversion des Interviews - und es gibt nach derzeitigem Stand keinen ernstzunehmenden Zweifel daran, dass die Politologen Danny Michelsen und Michael Lühmann dieses Gespräch tatsächlich geführt haben. Aus Gründen des Quellenschutzes nennen sie den Namen des Mannes nicht, aus denselben Gründen verzichtet auch der SPIEGEL darauf.

Die Debatte über die Studie hat inzwischen eine beachtliche Dynamik entwickelt. Unionsfraktionschef Volker Kauder sagte der "Bild"-Zeitung, das Papier werde "wissenschaftlichen Anforderungen auch nicht im Entferntesten gerecht". Kauders Vize Arnold Vaatz bezeichnete die Studie als "abwegig und wissenschaftlich stümperhaft", zuvor hatte sie der sächsische CDU-Generalsekretär Michael Kretschmer bereits ein "Machwerk" mit "pseudopsychologischen Diagnosen" genannt. Die Ostbeauftragte Gleicke sagte laut "Tagesspiegel" indes: "Ich sehe keinen Grund für Zweifel an Inhalt und Methodik der Studie."

Auch Politologe Lühmann weist die im "Welt"-Artikel genannten Kritikpunkte zurück; er und die anderen Autoren der Studie sprechen in einer Stellungnahme von "haltlosen Behauptungen" und davon, ihre Forschungsmethoden würden "auf perfide Weise als 'Erfindungen' denunziert". "Das ist mindestens verleumderisch", sagt Lühmann dem SPIEGEL. Das Institut werde den Vorgang auch rechtlich prüfen.

Insbesondere die Kritik an den Anonymisierungen sei absurd, sagt Lühmann. Es handele sich dabei um einen internationalen Standard innerhalb der Sozialwissenschaften. Die "Welt" bezieht sich etwa auf den Fall der Linken-Politikerin Kerstin Köditz, die in der Studie als "Frau Ackermann" bezeichnet wird - obwohl sie zu ihren Äußerungen gegenüber den Wissenschaftlern öffentlich stehe.

Lühmann zufolge belegt das aber keineswegs methodische Schlamperei oder gar Lügen: Aus Zeitnot seien vor Abschluss der Arbeit an der Studie die Namen aller Gesprächspartner anonymisiert worden, die der Veröffentlichung ihres Namens bis dahin nicht unmissverständlich zugestimmt hatten. Zudem belege ja gerade der Fall Köditz, dass die Gesprächspartner eben nicht "erfunden", sondern lediglich die Namen verfremdet worden seien.

Politologe Michael Lühmann
Michael Lühmann

Politologe Michael Lühmann

"Viele hätten sonst aus Angst nicht mit uns geredet", sagt Lühmann. Das liege vor allem am gesellschaftlichen Klima in den untersuchten Orten Heidenau, Erfurt-Herrenberg und Freital. Vor allem der Sprengstoffanschlag auf das Auto eines Linken-Politikers in Freital bewog demnach viele Lokalpolitiker dazu, von den Forschern die Anonymisierung ihrer Namen einzufordern.

Dass dem Team dennoch womöglich kleinere handwerkliche Fehler unterlaufen sind, bestreitet Lühmann nicht: In den Fußnoten der Studie hätte noch deutlicher gemacht werden können, welche der dort aufgeführten Namen anonymisiert worden seien. Das allein macht die Studie aber nicht zu "Fake News", wie es nun in einigen Blogs heißt. Die AfD in Sachsen spricht von "staatlich finanzierter Fake-Forschung".

So kursieren auch polemische Kommentare darüber, dass die Wissenschaftler vor allem Politiker und Aktivisten aus dem linken Spektrum interviewt hätten. Daran sei jedoch nichts zu bemängeln, sagt Lühmann: "Gerade in Sachsen wird der Großteil der Zivilgesellschaft, die sich gegen rechts wendet, nun mal nicht von der CDU gestellt - sondern eher aus linken Kreisen."

Abgesehen davon, dass es darüber hinaus durchaus Gespräche mit Vertretern von CDU oder Freien Wählern gegeben habe, sei schon die Anbahnung eines Gesprächs mit der CDU-geführten Landesregierung abgeblockt worden. AfD-Politiker wurden Lühmann zufolge ebenfalls um Gespräche gebeten - die Rechtspopulisten hätten dies jedoch abgelehnt.

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