Studie zu Rechtsextremismus Deutschlands hässliche Fratze

Hass auf Muslime, Parolen gegen Asylbewerber: Eine Studie zeigt das rechtsextreme, antidemokratische Potenzial in der Gesellschaft. Viele Bürger denken völkisch - und finden in der AfD eine politische Heimat.

Schild bei Pegida-Demonstration
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Schild bei Pegida-Demonstration

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Deutschland im Jahr 2016: Jeder Zehnte wünscht sich einen Führer, der das Land zum Wohle aller mit starker Hand regiert. Elf Prozent der Bürger glauben, dass Juden zu viel Einfluss haben. Zwölf Prozent sind der Ansicht, Deutsche seien anderen Völkern von Natur aus überlegen. Ein Viertel der U30-Generation in Ostdeutschland ist ausländerfeindlich. Und ein Drittel der Deutschen hält das Land für gefährlich überfremdet.

Die Zahlen sind der Studie "Die enthemmte Mitte" der Universität Leipzig entnommen. Die repräsentative Erhebung ist der neueste Teil eines Langzeitforschungsprojekts, das seit 2002 politische Einstellungen in Deutschland untersucht. Die jüngsten Ergebnisse sind bedenklich.

"Noch immer sind weite Teile der Bevölkerung bereit, abzuwerten und zu verfolgen, was sie als abweichend und fremd wahrnehmen", schreiben Oliver Decker und Elmar Brähler, zwei der Studien-Herausgeber. Aus der Mitte der Gesellschaft - lange der "Schutzraum der Demokratie" - erwachse inzwischen ein großes antidemokratisches Potenzial. Was die NPD in der Vergangenheit nicht geschafft habe, gelinge nun der AfD: diese Wählerschaft für sich zu mobilisieren.

"Rechtsextreme haben in der AfD eine neue Heimat gefunden", sagt Forscher Decker im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Bei Nazis und Rechtsextremen denkt man an die Ränder der Gesellschaft. Das trifft es aber nicht, die Ideologie des völkischen Denkens ist sehr verbreitet."

Es habe schon seit Beginn der Studienreihe in der gesamten Gesellschaft Leute mit rechtsextremen Einstellungen gegeben. "Wenn man die Menschen fragt, wo sie politisch stehen, sagen 90 Prozent: in der Mitte. Aber sie vertreten zunehmend antidemokratische Positionen. Alle, die bislang nur so gedacht haben, äußern jetzt, wie sie denken und handeln danach - bei Wahlen und politischer motivierter Gewalt." Das sei mit "enthemmt" im Titel der Studie gemeint.

Konkret liest sich das dann so:

  • Befürwortung einer Diktatur: Der Aussage "Im nationalen Interesse ist unter bestimmten Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform" stimmten 6,7 Prozent der Befragten zu - 13,8 Prozent im Osten und 4,8 Prozent im Westen.
  • Ausländerfeindlichkeit: Drei von zehn Deutschen glauben, dass Ausländer nur nach Deutschland kommen, um den Sozialstaat auszunutzen.
  • Antisemitismus: Rund zehn Prozent der Deutschen glauben, dass Juden mehr als andere Menschen mit üblen Tricks arbeiten, um ihre Ziele zu erreichen.
  • Chauvinismus: Mehr als jeder fünfte Befragte ist der Ansicht, es sollte das oberste Ziel deutscher Politik sein, Deutschland die Macht und Geltung zu verschaffen, die ihm zusteht.
  • Sozialdarwinismus: Knapp neun Prozent der Deutschen sind der Ansicht, dass es wertvolles und unwertes Leben gibt.
  • Verharmlosung der NS-Zeit: Mehr als acht Prozent der Deutschen glauben, dass der Nationalsozialismus auch seine guten Seiten hatte - und knapp sechs Prozent finden, ohne Judenvernichtung wäre Hitler als großer Staatsmann in die Geschichte eingegangen.

Ressentiments sind selbst dort zu finden, wo man sie nicht unbedingt vermutet - etwa bei Grünen-Wählern. Dennoch sind die Unterschiede zwischen den Werten der AfD-Sympathisanten und den Unterstützern anderer Parteien deutlich.

Personen mit rechtextremem Einstellungspotenzial unter Parteiwählern

Partei CDU/CSU SPD FDP Grüne Linke AfD Nichtwähler
Befürwortung Diktatur 1,7 2,3 2,0 1,8 3,8 18,1 8,9
Chauvinismus 15,0 14,3 7,9 6,6 8,4 46,5 19,9
Ausländerfeindlichkeit 14,6 16,6 13,7 7,2 8,4 52,6 28,2
Antisemitismus 3,3 4,5 - 3,6 0,8 16,9 6,4
Sozialdarwinismus 3,3 2,6 - 3,0 3,1 8,2 5,2
Verharmlosung Nationalsozialismus 1.4 1,4 - - 0,8 8,1 3,2

Zustimmung in Prozent; 2420 Befragte

Kennzeichnend für den Konflikt ist eine Verrohung des Diskurses. Decker nennt zwei Beispiele: Rechtsextreme beschimpften all jene, die sich für Pluralität in der Gesellschaft einsetzten, als Volksverräter. Medien, die vielfältige Positionen publizierten, würden als "Lügenpresse" tituliert.

Hass gegen Muslime, Asylsuchende, Sinti und Roma

Muss man sich Sorgen machen? "Positiv überrascht hat mich, dass die demokratischen Milieus gewachsen sind", sagt Decker. Etwa das Wissen um Partizipation und die Möglichkeit, etwas zu bewegen. So konstatiert die Studie einen Rückgang der Leute mit einem geschlossen rechtsextremen Weltbild.

Im Zeitverlauf zeigt sich laut Decker zudem eine erfolgreiche Stärkung der Zivilgesellschaft. Ausländerfeindlichkeit habe seit 2002 nahezu kontinuierlich abgenommen, heißt es in der Studie.

Die Kehrseite ist, dass nun bestimmte Gruppen den Hass besonders deutlich spüren. Muslime, Asylsuchende sowie Sinti und Roma sind der Studie zufolge viel stärker von Vorurteilen betroffen als Migranten insgesamt zuvor. Und es stellt sich die Frage, wie liberal die Gesellschaft wirklich ist, wenn vier von zehn Leuten einen homosexuellen Kuss in der Öffentlichkeit als ekelhaft empfinden.

Einstellung zu Asylbewerbern, Muslimen, Sinti und Roma, Homosexuellen

Aussage Zustimmung
Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden. 41,4
Sinti und Roma sollten aus den Innenstädten verbannt werden. 49,6
Die meisten Asylbewerber befürchten nicht wirklich, in ihrem Heimatland verfolgt zu werden. 59,9
Es ist ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen. 40,1

Zustimmung in Prozent; 2420 Befragte

Decker sieht die Flüchtlingsdebatte als Wendepunkt. Sie sei genutzt worden, um sich gegen zentrale Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre zu wenden. "Wenn man sich anschaut, wie viel rassistisches Potenzial sich hier bündelt, könnte sich das auf die Atmosphäre im Land auswirken."

Inzwischen trauten sich viele, ihre Ressentiments offener nach außen getragen zu propagieren - und notfalls mit Gewalt. Selbst in Milieus, die sonst für Ruhe und Ordnung seien, werde Gewaltbereitschaft befürwortet, wenn es den eigenen Interessen diene. Rund 20 Prozent der Befragten sind bereit, sich mit körperlicher Gewalt gegen Fremde durchzusetzen. Und über 28 Prozent finden es gut, wenn andere mit Gewalt "für Ordnung sorgen".

Was tun? Dass Handlungsbedarf besteht, zeigt sich für Decker etwa an der hohen Zustimmung junger Ostdeutscher zu rechtsextremen Aussagen. "Solche Einstellungen sind sehr stabil." Der Forscher sieht vor allem Bildungseinrichtungen in der Pflicht, diesen Entwicklungen entgegenzuwirken: "Das Fundament der demokratischen Gesellschaft muss immer erneuert werden."

Bereits im Kindergarten (etwa durch ein Kinderparlament) und danach an Schulen und Universitäten (durch Mitbestimmung auch in finanziellen Dingen) müssten Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene lernen, dass ihre Stimme zähle und sich konstruktive Auseinandersetzung lohne. Qualifiziertes Personal könne mit einem demokratischen Erziehungsstil ein Gegengewicht zu etwaigen Defiziten in den Familien sein.

Formale Bildung und rechtsextreme Einstellung

Schulabschluss Abitur kein Abitur
Befürwortung Diktatur 2,6 5,7
Chauvinismus 8,7 18,9
Ausländerfeindlichkeit 8,9 23,5
Antisemitismus 1,8 5,6
Sozialdarwinismus 2,2 3,7
Verharmlosung Nationalsozialismus 1,2 2,3

Zustimmung in Prozent; 510 Befragte mit Abitur, 1910 ohne

Die Aufschlüsselung der Studie nach Befragten mit und ohne Abitur zeigt, dass formale Bildung tatsächlich einen Unterschied macht. Decker leitet daraus ab, mehr als bislang müsse "Schule zur Demokratieschule werden".


Zusammengefasst: Eine aktuelle Studie der Universität Leipzig zeigt, dass rechtsextreme Einstellungen in Deutschland immer noch verbreitet sind, auch in der Mitte der Gesellschaft. Die AfD schafft es demnach, Wähler mit entsprechenden Ansichten für sich zu gewinnen und zu mobilisieren. Im Zeitverlauf seit 2002 ist der Studie zufolge die Ausländerfeindlichkeit gesunken und die Zivilgesellschaft stärker geworden. Dafür ist der Hass auf bestimmte Gruppen wie Asylsuchende gestiegen und wird offener und immer öfter auch gewalttätig gezeigt.


Zur Studie
Seit 2002 erstellt die Universität Leipzig im Zweijahresrhythmus ihre "Mitte"-Studien. Die aktuelle Version "Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland" entstand in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung, der Otto-Brenner-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Für die Erhebung wurden im Frühjahr 2016 insgesamt 2420 repräsentativ ausgewählte Personen im Alter zwischen 14 und 93 Jahren befragt - 1917 in den alten und 503 in den neuen Bundesländern. Die Stichprobe umfasste 1338 Frauen und 1082 Männer. Zur Erhebung besuchten Interviewer die Befragten in deren Wohnungen. Die Teilnehmer füllten einen schriftlichen Fragebogen aus.

Die Autoren machen eine rechtsextreme Einstellung an sechs Dimensionen fest:

  • Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur
  • Chauvinismus
  • Ausländerfeindlichkeit
  • Antisemitismus
  • Sozialdarwinismus
  • Verharmlosung des Nationalsozialismus

Zu diesen sechs Faktoren legten die Forscher allen Befragten jeweils drei Aussagen vor, die auf einer fünfstufigen Skala bewertet werden konnten: von "Stimme überhaupt nicht zu" bis "Stimme voll und ganz zu". Die Höhe der Zustimmung ergab sich aus der Summe der "Stimme überwiegend zu"- und "Stimme voll und ganz zu"-Angaben.

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