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Zur Kritik am Artikel über eine Rechtsextremismus-Studie


Der Branchendienst kress kritisiert die Berichterstattung von SPIEGEL ONLINE und anderer Medien über eine Studie der Universität Leipzig. Es wird bemängelt, dass "SPON und Co." die Zahlen völlig ungeprüft übernommen und teilweise dramatisiert hätten. Wir möchten zu den Kritikpunkten Stellung nehmen.

Unseren Artikel finden Sie hier.

Den kress-Artikel finden Sie hier.

1.

kress schreibt:

Als wichtigstes Ergebnis stellen selbst die Macher der Studie fest, dass es "keine Zunahme rechtsextremer Einstellung" gebe und "eine deutliche Mehrheit der Gesellschaft rechtsextremes Denken und auch Gewalt strikt ablehnt", wie es in der offiziellen Pressemitteilung der Universität Leipzig heißt.

In unserem Artikel heißt es wörtlich:

Muss man sich Sorgen machen? "Positiv überrascht hat mich, dass die demokratischen Milieus gewachsen sind", sagt Decker. Etwa das Wissen um Partizipation und die Möglichkeit, etwas zu bewegen. So konstatiert die Studie einen Rückgang der Leute mit einem geschlossen rechtsextremen Weltbild.

Im Zeitverlauf zeigt sich laut Decker zudem eine erfolgreiche Stärkung der Zivilgesellschaft. Ausländerfeindlichkeit habe seit 2002 nahezu kontinuierlich abgenommen, heißt es in der Studie.

Ergänzend gibt es in unserem Text eine Grafik zum "Geschlossenen rechtsextremen Weltbild", die die Werte seit 2002 getrennt nach Ost- und Westdeutschland sowie für das gesamte Land dokumentiert. Sie zeigt den entsprechenden Rückgang auf den ersten Blick.

2.

kress schreibt:

Die meisten Zahlen bei extremen Einstellungen liegen im einstelligen Bereich, bei der Antwort "Stimme ich voll zu" sogar oft zwischen ein und zwei Prozent. Die Ausländerfeindlichkeit im Osten ist seit 2012 sogar massiv abgestürzt, von 38,7 auf 21,7 Prozent. Ein Beleg für eine "enthemmte Mitte"?

In unserem Artikel heißt es wörtlich:

Es habe schon seit Beginn der Studienreihe in der gesamten Gesellschaft Leute mit rechtsextremen Einstellungen gegeben. "Wenn man die Menschen fragt, wo sie politisch stehen, sagen 90 Prozent: in der Mitte. Aber sie vertreten zunehmend antidemokratische Positionen. Alle, die bislang nur so gedacht haben, äußern jetzt, wie sie denken und handeln danach - bei Wahlen und politischer motivierter Gewalt." Das sei mit "enthemmt" im Titel der Studie gemeint.

3.

kress schreibt:

Eine andere in der Studie angeführte Vergleichszahl, die in den Medien oft als Beispiel für eine "enthemmte Mitte" gebracht wird, ist schlicht ein Fake. Laut der Studie finden es 40,1 Prozent der Befragten "ekelhaft", wenn sich zwei Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen. Eine Verdopplung seit 2014, so ist zu lesen, und man wüsste gerne, wie diese dramatische Entwicklung zustande kommt (wobei natürlich selbst der angegebene Vergleichswert von 20 Prozent eine erschreckende Zahl ist). Allein: Dieser Wert stammt aus einer ganz anderen Studie (der SPD-nahen Friedrich-Ebert- Stiftung). 2014 fragten die Leipziger Forscher offenbar selbst überhaupt nicht nach dem Thema Homosexualität. Und über die Fragestellung der anderen Studie fehlt jegliche Angabe.

In unserem Artikel wird die Zahl von 2012 (aus der Studie der Ebert-Stiftung) nicht genannt. Es wird lediglich der Anteil vollkommener oder überwiegender Zustimmung der Befragten zur Aussage "Es ist ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen." wiedergegeben.

4.

kress schreibt:

Gerade ein Blick auf die Fragetechnik zeigt, mit welch fragwürdigen Mitteln die Macher der Studie gearbeitet haben. Eine ganze Reihe von Fragen sind pure Suggestivfragen beziehungsweise aufgestellte Behauptungen, durch die der Befragte geradezu auf die Antwort gelenkt wird, die die Autoren offenbar wünschen.

Die Fragen/Aussagen in der Studie sind einem Fragebogen entnommen, der 2001 entwickelt wurde. Die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt dazu:

Die Pluralität von Rechtsextremismuskonzepten hatte die Konsequenz, dass sich schon bei nur leicht abweichenden Studien keine Vergleiche etwa zwischen Regionen, Personengruppen oder gar über die Zeit hinweg anstellen ließen. Aus diesem Grunde fand im Jahr 2001 eine Konsensuskonferenz von SozialwissenschaftlerInnen statt, deren Ziel es war, einen gemeinsamen Fragebogen zu entwickeln.

Die von der Konsensusgruppe zu Grunde gelegte Definition beschreibt das rechtsextreme Weltbild in sechs Dimensionen: "Der Rechtsextremismus ist ein Einstellungsmuster, dessen verbindendes Kennzeichen Ungleichwertigkeitsvorstellungen darstellen. Diese äußern sich im politischen Bereich in der Affinität zu diktatorischen Regierungsformen, chauvinistischen [also nationalistischen] Einstellungen und einer Verharmlosung bzw. Rechtfertigung des Nationalsozialismus. Im sozialen Bereich sind sie gekennzeichnet durch antisemitische, fremdenfeindliche und sozialdarwinistische Einstellungen."

Der auf Grundlage dieser Definition entwickelte Fragebogen wird unter anderem in der Langzeituntersuchung der Leipziger "Mitte"-Studien seit 2002 eingesetzt: Zu jeder der sechs Dimensionen werden Befragten drei Aussagen vorgelegt und um ihre Einschätzung gebeten. Es zeigt sich beispielsweise, dass Personen, die der antisemitischen Aussage "Juden haben etwas besonderes an sich und passen nicht so recht zu uns" zustimmen, auch dazu neigen, Aussagen der anderen Dimensionen zuzustimmen. Diese empirisch vorfindbaren Zusammenhänge zwischen den Dimensionen werden als Bestätigung dafür angesehen, dass die in der theoretischen Definition formulierten Einstellungsmuster tatsächlich und konstitutiv zum Rechtsextremismus gehören.

In einer Fußnote erläutert die Bundeszentrale für politische Bildung, wer die Teilnehmer der Konsensuskonferenz waren, darunter etwa Karl Schmitt, von 1999 bis 2001 Vorsitzender der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft, und Jürgen Falter, Schmitts Nachfolger in diesem Amt.

An dieser [Konsensuskonferenz, d. Red.] nahmen Elmar Brähler, Michael Edinger, Jürgen Falter, Andreas Hallermann, Joachim Kreis, Oskar Niedermayer, Karl Schmitt, Siegfried Schumann, Richard Stöss, Bettina Westle und Jürgen Winkler teil (zur Dokumentation auch der Folgekonferenz siehe: Joachim Kreis: Zur Messung von rechtsextremer Einstellung: Probleme und Kontroversen am Beispiel zweier Studien, Arbeitshefte aus dem Otto-Stammer-Zentrum Nr. 12, 2007). Einige der Fragen auf die man sich einigte, waren schon seit den 1980er Jahren (z.B. in der SINUS-Studie) in Gebrauch bzw. wurden in den 1990er Jahren entwickelt und hier zusammengeführt.

Die Autoren der "Mitte"-Studien sind in einem wissenschaftlichen Artikel auf die Kritik an den Fragen eingegangen. Die Thüringer Landesregierung hält die Fragen/Aussagen offensichtlich für valide, werden sie doch benutzt, um im "Thüringen Monitor" die politischen Einstellungen der Thüringer - insbesondere auch die rechtsextremen Einstellungen - zu messen.

Die Kritik an den Fragen ist so alt wie die Mitte-Studien. Dass es sich um Suggestivfragen handelt, können wir angesichts der wissenschaftlichen Fundierung nicht nachvollziehen. Abgesehen davon sind in unserem Text die Aussagen, zu denen die Teilnehmer befragt wurden, wörtlich dokumentiert. Damit kann sich jeder unabhängig von der sozialwissenschaftlichen Basis ein Bild darüber machen, ob er die Aussagen neutral findet.

5.

kress schreibt:

Bei anderen Fragen und Antworten gehen die Macher automatisch davon aus, dass der Befragte ein rechtsextremes Weltbild hat. So finden beispielsweise 13,8 Prozent der Ostdeutschen, dass eine Diktatur die beste Staatsform sei, und 25,5 Prozent wollen von nur einer Partei geführt werden. Aber wer sagt, dass die Befragten dabei an eine rechte Partei gedacht haben? Und nicht an eine sozialistischen wie einst die SED?

Die Frage nach der Befürwortung einer Diktatur wurde in Zusammenhang mit einer Reihe von Items gestellt, die den Autoren der Studie zufolge Signalwörter wie "Führer" oder "Volksgemeinschaft" enthalten, also "Signalwörter für eine völkische und antidemokratische Ideologie".

6.

kress schreibt:

Wieder andere Fragen sind so unspezifisch gestellt, dass sie den Befragten nur verwirren konnten oder er nicht in der Lage war, unter den vorgegebenen Antworten diejenige zu finden, die seine Meinung widerspiegelt. Beispiel: 40,9 Prozent wollen, dass stärker gegen "Unruhestifter" vorgegangen werde. Was aber ist unter Unruhestifter zu verstehen? Ist es rechtsextrem, wenn eine Frau verlangt, dass sie vor Vergewaltigungen geschützt wird, egal, wer sie bedrängt? Ist es rechtsextrem, wenn man erwartet, dass die Polizei gegen Brandstifter an Flüchtlingsunterkünften vorgeht? Solche, auch in den Medien zitierten Angaben aus der Studie sind völlig wertlos.

Das Beispiel mit den Unruhestiftern kommt in unserem Artikel nicht vor.

7.

kress schreibt:

In den meisten Medien wurde auch eine wichtige Information unterdrückt: dass es sich bei den Auftraggebern der Studie neben der grünen Heinrich-Böll-Stiftung und der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung auch um die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die der Linkspartei nahesteht, handelt. So kann beispielsweise der angeblich massenhaft verbreitete Wunsch nach einem neuen "Führer" (fast zehn Prozent) nicht überraschen.

Am Ende unseres Textes gibt es Informationen zur Studie:

Seit 2002 erstellt die Universität Leipzig im Zweijahresrhythmus ihre "Mitte"-Studien. Die aktuelle Version "Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland" entstand in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung, der Otto-Brenner-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Für die Erhebung wurden im Frühjahr 2016 insgesamt 2420 repräsentativ ausgewählte Personen im Alter zwischen 14 und 93 Jahren befragt - 1917 in den alten und 503 in den neuen Bundesländern. Die Stichprobe umfasste 1338 Frauen und 1082 Männer. Zur Erhebung besuchten Interviewer die Befragten in deren Wohnungen. Die Teilnehmer füllten einen schriftlichen Fragebogen aus.

Die Autoren machen eine rechtsextreme Einstellung an sechs Dimensionen fest:

  • Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur
  • Chauvinismus
  • Ausländerfeindlichkeit
  • Antisemitismus
  • Sozialdarwinismus
  • Verharmlosung des Nationalsozialismus

Zu diesen sechs Faktoren legten die Forscher allen Befragten jeweils drei Aussagen vor, die auf einer fünfstufigen Skala bewertet werden konnten: von "Stimme überhaupt nicht zu" bis "Stimme voll und ganz zu". Die Höhe der Zustimmung ergab sich aus der Summe der "Stimme überwiegend zu"- und "Stimme voll und ganz zu"-Angaben.

8.

kress schreibt - vielleicht kann man das als Kern der Kritik sehen:

Den Vogel schoss Spiegel Online ab - die Berichterstattung dort war so reißerisch und so selektiv, dass der Text nur noch sehr bedingt etwas mit Information des Lesers zu tun hatte, dafür umso mehr mit Klick-Zahlen und Kampagnenjournalismus. Das ist umso schlimmer, weil SPON auch von vielen ausländischen Korrespondenten gelesen wird - so fand die völlig entstellte Berichterstattung auch ihren Widerhall in anderen Ländern.

Die Studie ist 249 Seiten lang. Eine solche Materialmenge vollständig abzubilden, ist in einem Artikel schlicht nicht möglich. Eine Auswahl ist zwingend. Dass diese derart verzerrt geraten sein soll, womöglich sogar gewollt (Kampagnenjournalismus), dass man sich nicht informieren konnte, können wir angesichts der oben genannten Punkte nicht nachvollziehen; zudem ist nicht jede pointierte Aufmachung eines Artikel reißerisch: Dass ein nicht unerheblicher Teil der Deutschen antidemokratische Positionen vertritt, kann man durchaus hässlich finden. Deshalb halten wir die Kritik von kress nicht für gerechtfertigt.

Abschließend sei auf einen Kommentar von Alexander Yendell verwiesen, eines der Studien-Autoren. Darin geht er unter einem studienkritischen Artikel auf einige der Vorwürfe ein, die auch im kress-Bericht vorkommen.

Benjamin Schulz



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