Rechtsextremismus in Schweden "Jetzt hat er zugestochen"

Ein brutaler Angriff durch Neonazis in Malmö erschüttert Schweden. Sechs Menschen wurden verletzt, mehrere lebensgefährlich. Ministerpräsident Reinfeldt sorgt sich um das Image seines Landes, in dem die rechte Gewalt zunimmt.

Von Jonas Füllner, Malmö

Jonas Füllner

Anton Nilson* sitzt in einem indischen Restaurant im Stadtteil Möllevången. Immer wieder kommen neue Gäste ins Café, per Handschlag begrüßen sie ihn. "Hier im Viertel kennt man sich eben." Es gehe ihm ganz gut, sagt er dann. Und schiebt hinterher: "Ich habe wohl einfach noch nicht richtig realisiert, was passiert ist."

Nilson ist vor kurzem nur knapp dem Tod entkommen, bei einem Angriff, der Schweden auf brutale Weise gezeigt hat, zu welcher Gewalt Rechtsextremisten bereit sind.

"Möllan", wie die Bewohner das Viertel von Malmö nennen, gilt als multikultureller Szenestadtteil. Hier reihen sich Kneipen an arabische Restaurants und Telefonshops. Doch in der heilen Welt des skandinavischen Wohlfahrtstaats machen sich seit einigen Jahren deutliche Risse bemerkbar: Die aufgeflammte Diskussion um Zuwanderung vermischt sich mit einer weit verbreiteten antieuropäischen Stimmung.

"Ich habe viel Blut verloren"

Profitiert haben vor allem die Schwedendemokraten: Unter der Leitung von Jimmie Åkesson gelang ihnen 2010 mit 5,7 Prozent erstmals der Einzug in den schwedischen Reichstag. Der ehemalige Christdemokrat hat aus der rassistischen Splitterpartei innerhalb weniger Jahre eine erfolgreiche rechtspopulistische Partei geformt. Eine Zusammenarbeit mit den Rechten lehnt bislang allerdings das ganze Parteienspektrum Schwedens ab.

Doch Rechtsextremismus ist nicht nur ein Problem des Parlaments. Nilson lag noch vor zwei Tagen im Krankenhaus. In der Nacht auf den 9. März hätte ein Messerstich in die Lunge fast sein Leben ausgelöscht. "Ich habe viel Blut verloren", erzählt er. Was sich tatsächlich an diesem Abend zugetragen hat, ist unklar. Die Ermittlungen der Polizei dauern an.

Fest steht: Gegen Mitternacht provozierten Neonazis einige Gäste vor dem linken Szenelokal Glassfabriken in Möllevången. Zweihundert Meter weiter kam es anschließend zur Auseinandersetzung. "Ich war auf dem Weg zum Kiosk, als ich Schreie hörte", erinnert sich Nilson. Er sah, wie Bekannte von ihm von etwa sechs Männern wahllos attackiert wurden. Nilson eilte zu Hilfe, um die Angreifer zu vertreiben. "Plötzlich habe ich selber einen Schlag auf den Rücken verspürt", sagt Nilson. Er habe sich umgedreht. Vor ihm sei Andreas C. gestanden, einer der führenden schwedischen Neonazis, mit einem Messer in der Hand.

Erst in diesem Augenblick habe er realisiert, dass Blut aus seinem Körper strömte. "Ich bin umgefallen, was danach passiert ist, habe ich nur noch schemenhaft mitbekommen."

Rettungskräfte und auch die Polizei waren schnell vor Ort. Sie haben nicht nur Nilson, sondern auch Showan Shattak das Leben gerettet. Der 25-Jährige trug schwere Kopfverletzungen davon. Nach einer Woche im Koma ist er inzwischen wieder aufgewacht. Ob er jemals wieder richtig gesund wird, ist ungewiss. Vier weitere Personen wurden verletzt.

"Die haben Ärger gesucht"

Drei der Angreifer wurden verhaftet. Andreas C. jedoch ließen die Beamten laufen. Wer Angreifer und Opfer war, sei unklar gewesen, erklärte Malmös Polizeichef Anders Kristersson einen Tag später. Er bezeichnete das Geschehen als eine Art Kneipenschlägerei. Einen politischen Hintergrund für die Tat wollte die Polizei anfänglich nicht erkennen.

Das überrascht: Schließlich engagiert sich Shattak seit Jahren gegen Homophobie im Stadion. Als Ultra-Aktivist ist er bekannt. Spätestens seit die rechte Internetseite Realisten ihn wegen der Anti-Homophobie-Kampagne öffentlich an den Pranger stellte. Nilson glaubt deswegen nicht an einen Zufall. "Die haben Ärger gesucht."

Recherchen des Journalistenkollektivs Researchgruppen bestätigen seine Einschätzung: Die Neonazis feierten zuvor nur wenige hundert Meter entfernt in einer Kneipe. Mit dabei war Andreas C. Er war einige Tage vorher aus der Ukraine zurückgekehrt. Auf der Realisten-Seite berichtet er stolz, dass er die "nationalistischen Kräfte" der Swoboda-Bewegung unterstützte. Nilson kennt den 30-Jährigen nur zu gut: "Vor zehn Jahren hat er mich zum ersten Mal bedroht, jetzt hat er zugestochen. Nur weil ich anders denke als er."

Die Gewaltbereitschaft der Angreifer ist erschreckend. In Schweden haben Neonazis bereits Anfang der neunziger Jahre mit brutalen Morden Angst und Schrecken verbreitet. Damals wurden Gewerkschafter getötet und der Serientäter John Ausonius, genannt Lasermann, schoss in Stockholm und Uppsala willkürlich auf Einwanderer. Ein Mann starb, viele wurden schwer verletzt.

Die vier größten schwedischen Tageszeitungen veröffentlichten daraufhin die Konterfeis von einigen Dutzend Neonazis. Das hatte im sonst so liberalen Schweden Konsequenzen: Die Neonazis verloren ihren Arbeitsplatz, andere wurden aus den Gewerkschaften verbannt. Die Lage beruhigte sich.

Die Sorge von Schwedens Ministerpräsident

Aber nur vorübergehend. Nach Angaben des Verfassungsschutzes sind Neonazis im Zeitraum von 1999 bis 2009 für 14 Morde verantwortlich. Vor allem aber in den vergangenen Monaten nahm die rechte Gewalt zu: Das antirassistische Magazin "Expo" beobachtet eine Zunahme von rechtsextremen Straftaten im Vergleich zum Vorjahr um 28 Prozent. So griffen Neonazis kurz vor Weihnachten einen antirassistischen Bürgerprotest im Stockholmer Vorort Kärrtorp an. Inzwischen hat Staatsanwaltschaft drei der mutmaßlichen Anführer angeklagt.

Und als die Tageszeitung "Expressen" einen Bericht über rassistische Hetze im Internet veröffentlichte, bedrohte eine Gruppe Rechter die Redaktion der Zeitung.

Auch nach Andreas C. wird jetzt unter Hochdruck gefahndet. Erst zwei Tage nach der Auseinandersetzung befragte die Polizei Nilson. Andreas C. blieb ausreichend Zeit unterzutauchen. Unterstützung erfährt er dabei von Stefan Jacobsson, dem Chef der neofaschistischen Partei der Schweden, für die Andreas C. 2006 zur Wahl antrat. Jacobsson sagt, er habe mit den Kumpanen von Andreas C. gesprochen. "Sie sagen, sie wurden angegriffen."

Nilson zieht mühsam sein T-Shirt hoch. "C. hat mich von hinten angegriffen", sagt er und zeigt auf die Stichwunde auf dem Rücken.

Äußerungen wie die von Jacobsson haben sogar den Ministerpräsidenten auf den Plan gerufen. Gegenüber dem "Aftonbladet" stellte der um das Image Schwedens besorgte Fredrik Reinfeldt klar: "Nationalismus und Rassismus beschmutzen vieles, was die Menschen positiv mit Schweden verbinden."

Der Ministerpräsident macht sich stark für eine offene und tolerante Gesellschaft und trifft damit mehrheitlich die Stimmung im Lande: Auf Facebook erhielt die Seite #KämpaShowan wenige Tage nach Veröffentlichung bereits mehr als 20.000 "Gefällt mir"-Angaben von Unterstützern.

Zu einer Demonstration gegen rechts in "Möllan" kamen über 10.000 Menschen. Ein Bündnis aus antirassistischen Gruppen hatte nach dem Angriff spontan dazu aufgerufen. Auch Nilson war dort. Eigentlich sollte er noch das Bett hüten. "Aber ich wollte unbedingt dabei sein", sagt er. Die Organisatoren der Demonstration wollten, dass er eine Rede hält. Aber Nilson lehnte ab. "Ich will mich nicht in den Vordergrund drängen. Ich bin kein Held."

* Name von der Redaktion geändert.



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Herakleios 24.03.2014
1. Wenn in Malmö Juden durch Moslems angegriffen werden …
… ist das keinen Artikel wert. Der Angriff der Nazis sind zwar nicht zu rechtfertigen, ist aber die Folge eines schleichenden Heimatverlustes, den viele Schweden empfinden. Das es auch inder Wertigkeit der Opfer unterschiede gibt, hat der linksradikale Bürgermeister von Malmö bewiesen: bei angegriffenen Linken gibt es staatlich Demos. Angegriffenen Juden hingegen empfielt er eine Ausreise nach Israel. Bringen ja nicht so viele Wählerstimmen …
sebastian.teichert 24.03.2014
2. oO
Ich wohne seit mehr als 3 Jahren in Schweden gar nicht so weit weg von Malmö und ernsthaft? Davon macht man so einen Ellenlangen Artikel? Rechtsextremismus gibt es wohl überall. Genau so wie es übergriffe gibt. Es ist nur immer wieder komisch wie egal es ist wenn diese Menschen drogen dealen, Läden ausrauben, Speziell ältere überfallen usw usw usw usw usw. Das ist wieder völlig uninteressant?!-.-
ushiro2002 24.03.2014
3. Nicht vergessen sollte man aber,
dass in Schweden und ganz besonders in Malmö in den letzten Jahren die Kriminalität durch islamische Einwanderer extrem gestiegen ist. Übergriffe auf (schwedische) Frauen und Mädchen stehen dabei an erster Stelle. Nicht auszuschließen, dass die hier so aufgeblähten Vorkommnisse eine Reaktion auf diese Entwicklung sind.
Lagenorhynchus 24.03.2014
4. keine Überraschung
Extreme politische Korrektheit wie in Schweden ist ein Nährboden für Rechtsradikale. Die verbreitet antieuropäische Stimmung und die aufstrebenden Rechten sind die Quittung für eine schwedische Einheitspolitik, die undifferenziertes Multikulti für geistige Offenheit hält und jede differenziert-kritische Stimme gleich in die rechte Ecke stellt. Es ist traurig und erschreckend, wie das Modell Schweden gerade scheitert. Wer anderen den Mund verbietet, sorgt dafür, dass Parteien Zulauf bekommen, die keiner will. Messerstecher wie in Malmö sind da nur eine Randnotiz unter vielen. Mir wird übel, wenn ich an die Europawahl denke.
dasbio-feedback 24.03.2014
5.
die Ermittlungen dauern an. Gut, das man in der brd bereits weiß, wer schuldig ist! Möglichkeit Selbstverteidigung ausgeschlossen! im Internet kursieren seit langem "Angriffvideos" von Antifarotten die einzelne Gegenspieler sogar mit der Axt attackieren.
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