Schwedisches Altenheim für Homosexuelle "Die Nachbarn tuschelten immer"

Sie erfuhren in ihrem Leben oft Diskriminierung. Gerade im Alter ist die Angst von vielen Homosexuellen groß, von der Gesellschaft zurückgewiesen zu werden. Jetzt hat in Stockholm ein Heim für Homo-, Bi- und Transsexuelle eröffnet. Die Organisatoren sagen: Erst hier fühlen sich viele sicher und glücklich.

Ola Ericson/imagebank.sweden.se

Jetzt auch in Schweden: Im Stockholmer Stadtteil Gärdet wurde am Freitag das erste Seniorenheim für homo-, bi- und transsexuelle Menschen eröffnet. Der Name: Regenbogen. "Viele erfahren eine große Sicherheit, wenn sie mit Gleichgesinnten zusammenleben", sagte der Vorsitzende des Heimes, Christer Fällman, der Zeitung "Dagens Nyheter". "Wenn man älter wird, fällt diese Gruppe aus dem Rahmen. Es gibt immer noch viele Vorurteile."

Lange hatte eine Bürgerinitiative für dieses Heim gekämpft: Vor vier Jahren führten sie ein Umfrage durch - besteht überhaupt eine Nachfrage nach so einer Bleibe? Das Ergebnis: Ja, vor allem aber sehnen sich die Betreffenden nach einer gemeinschaftlichen Wohnform, weniger sind sie auf Pflege angewiesen. Inzwischen verteilen sich 40 Schweden auf 27 Wohnungen. 150 stünden auf der Warteliste, berichtete Sveriges Radio im vergangenen Jahr.

Hinter dem neuen Heim steht die stadteigene Wohnungsbaugenossenschaft "Micasa"; nach eigenen Angaben ist "Regenbogen" das erste Seniorenheim dieser Art in Europa. Dabei gibt es vergleichbare Projekte auch schon in anderen Ländern - so auch in Deutschland: Denn nicht nur schwedische Homo- und Transsexuelle haben Angst davor, im Alter zurückgewiesen zu werden, gerade dann, wenn sie am schwächsten sind.

So war bereits Mitte der neunziger Jahre in Hamburg der Versuch gestartet worden, ein Altenheim für Homosexuelle zu bauen. Doch Anwohner hetzten, die Schwulen würden "eine Stricher- und Drogenszene nach sich ziehen". Das Projekt scheiterte. Auch in Frankfurt wurde vor mehr als 20 Jahren schon ein Altenpflegeheim geplant, genaugenommen ein AltenpfleGayheim. Inzwischen gibt es Pflegedienste für Schwule und Lesben, und im Sommer 2012 eröffnete in Berlin der "Lebensort Vielfalt", ein gemeinschaftliches Wohnprojekt vor allem für homosexuelle Senioren.

"Ich weiß, dass die Nachbarn immer getuschelt haben"

Der schwedische Vorsitzende Fällman sagt, er habe viel Unterstützung erfahren; was ihn allerdings wundere: "Wir bekommen kaum Kritik." Schließlich steht natürlich die Frage im Raum: Brauchen Homo- und Transsexuelle heute überhaupt ein eigenes Heim? Spräche nicht - im Sinne einer toleranten Gesellschaft - viel mehr für Altenheime, die allen offen stehen? Fällman sagt: In dem Alter gebe es viele, die früher wegen ihrer Homo- oder Transsexualität als Kriminelle angesehen wurden. Später mussten viele sich dann als krank bezeichnen lassen. "Deswegen: Ja, viele wollen gern zusammenwohnen, um sich sicher und glücklich zu fühlen."

Eine Bewohnerin des neuen Heimes sagte, sie habe früher im Södermalm gewohnt, einem eigentlich toleranten und angesagten Stadtteil Stockholms. Trotzdem sagt sie: "Ich weiß, dass die Nachbarn immer getuschelt haben, wenn ich Frauen zu Besuch hatte. Aber nie hat sich jemand getraut nachzufragen." Als sie von dem neuen Heim hörte, habe sie sich sofort angemeldet. "Jetzt will ich nur noch unter Gleichgesinnten wohnen."

fln



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