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Regenbogenfamilien: Mama, Mami, Kind

Von Julia Troesser

Kathrin und Linda K. wünschten sich ein Kind - doch wie bekommt ein lesbisches Paar Nachwuchs? Im Internet suchten die Frauen einen Erzeuger. Nun ist Hugo auf der Welt. Die Geschichte einer modernen Familie.

Linda und Kathrin K. mit Sohn Hugo: "Einen Mann finden, der das mit uns durchzieht" Zur Großansicht
Julia Troesser

Linda und Kathrin K. mit Sohn Hugo: "Einen Mann finden, der das mit uns durchzieht"

"Er ist es." Das war Linda sofort klar, als sie Thomas* zum ersten Mal sah. Dieser Mann sollte der Vater ihrer Kinder sein.

Linda blickte zu Kathrin hinüber. Auch sie war von Thomas angetan.

Die beiden Frauen hatten endlich den Richtigen gefunden - den richtigen Samenspender für ihr Wunschkind.

Linda, 29, und Kathrin K., 35, sind seit viereinhalb Jahren ein Paar. Sie haben eine Altbauwohnung in Köln und ihre Beziehung als Lebenspartnerschaft standesamtlich eintragen lassen. "Irgendwann wussten wir, dass wir ein Baby wollen", sagt Linda. "Und dann war da die große Frage: Wie machen wir das?"

In Deutschland ist es für gleichgeschlechtliche Paare schwierig, eine Familie zu gründen. Die gemeinsame Adoption eines fremden Kindes ist nicht erlaubt - anders als in vielen anderen europäischen Ländern wie Belgien, Schweden, Spanien und den Niederlanden. Einige deutsche Politiker setzen sich für das Adoptionsrecht homosexueller Paare ein, aber ohne Erfolg.

Auch in Sachen künstliche Befruchtung verhält sich die Bundesrepublik vergleichsweise konservativ. Laut Richtlinien der Bundesärztekammer dürfen Ärzte eine "assistierte Reproduktion" nur bei Frauen durchführen, die verheiratet sind oder - im Ausnahmefall - bei solchen, die in einer heterosexuellen Beziehung leben.

"Den Gynäkologen wird davon abgeraten, weil die Mütter später theoretisch Unterhaltsforderungen stellen könnten", sagt Renate Rapf vom Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD). "Schließlich war der Arzt der einzige Mann, der bei der Zeugung des Kindes anwesend war."

Einige Landesärztekammern wie die Berliner übernehmen diese Vorschrift zwar nicht, trotzdem ist die künstliche Befruchtung homosexueller Frauen unter Gynäkologen umstritten. Viele lesbische Paare wenden sich deshalb an Kliniken im Ausland.

"Die Gefahr ist schon groß, dass das ein Perverser ist"

Linda und Kathrin wollten das nicht. Einerseits wegen der hohen Kosten durch Reisen und Befruchtung. Andererseits, weil sie dort nur einen Samenspender gefunden hätten - und keinen Vater. "Wir wollten aber einen Papa für das Baby", sagt Kathrin. "Deshalb war klar, dass wir einen finden müssen, der das mit uns durchzieht."

Weil sie im Bekanntenkreis keinen Mann fanden, der in Frage kam, wählten die Frauen mit gebotener Skepsis den Weg ins Internet. "Wir haben der Sache erst nicht so richtig getraut, wollten es aber einfach mal versuchen", sagt Linda. Im virtuellen Schaufenster stießen die Frauen auf Thomas*: schwul, attraktiv, sportlich, er lebt in Köln.

Linda und Kathrin vereinbarten ein Treffen mit Thomas, obwohl sie noch immer Bedenken hatten. "Ein Mann, der sich auf einer Website anmeldet, um ein Lesbenpaar kennenzulernen - da ist die Gefahr schon groß, dass das ein Perverser ist", sagt Linda.

Das erste Treffen in einem Café lief jedoch gut, weitere folgten. Die Frauen lernten Thomas besser kennen. "Wir haben aber bewusst entschieden, seine Hobbys oder Talente und solche Dinge nicht zu Auswahlkriterien zu machen", sagt Linda. Sie und Kathrin wollten keine "retortenmäßige" Selektion betreiben oder "möglichst perfekte Gene" für das Kind suchen. Wichtig war, dass Thomas keine Krankheiten hat, deshalb ließ er sich vor der Samenspende auf HIV und Hepatitis testen.

7000 bis 9000 Kinder leben in Regenbogenfamilien

Die drei entschieden sich, miteinander eine Familie zu gründen. Die Frauen wünschten sich einen Mann, der dem Baby ein Vater ist, es jedoch trotzdem zur Adoption freigibt und somit jeglichen rechtlichen Anspruch verliert. Und der bereit ist, auch ein zweites Kind mit ihnen zu zeugen, denn die Familie soll noch größer werden. Thomas war angetan von der Idee, mit einem Baby etwas von sich selbst weiterzugeben, ohne sein Leben radikal ändern zu müssen.

Nach Schätzungen des LSVD leben in der Bundesrepublik etwa 7000 bis 9000 Kinder in sogenannten Regenbogenfamilien, also bei homosexuellen Eltern. Die meisten Kinder stammen aus früheren heterosexuellen Partnerschaften, aber immer mehr gleichgeschlechtliche Paare gründen eine eigene Familie. Frauen greifen dabei auch auf künstliche Befruchtung zurück, genaue Zahlen dazu gibt es nicht.

Als es um die Frage ging, welche der beiden Frauen sich befruchten lassen und das Baby austragen würde, fiel die Wahl auf Kathrin. Sie ist bereits 35, sechs Jahre älter als ihre Partnerin. Als der Ovulationstest Kathrin im April 2009 anzeigte, dass sie nun fruchtbar ist, rief sie Thomas an: "Es ist soweit, kannst du in den nächsten 24 Stunden herkommen?"

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Toll!
Renardmalin 08.11.2010
Zitat von sysopKathrin und Linda K. wünschten sich ein Kind - doch wie bekommt ein lesbisches Paar Nachwuchs? Im Internet*suchten die Frauen*einen Erzeuger. Nun ist Hugo auf der Welt. Die Geschichte einer modernen Familie. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,727562,00.html
Das ist also eine moderne Familie! Toll!
2. Ungewöhnlich ...
muhammaned 08.11.2010
Zitat von sysopKathrin und Linda K. wünschten sich ein Kind - doch wie bekommt ein lesbisches Paar Nachwuchs? Im Internet*suchten die Frauen*einen Erzeuger. Nun ist Hugo auf der Welt. Die Geschichte einer modernen Familie. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,727562,00.html
... noch gar keine dummen Kommentare. Kommt Jungs, Ihr könnt mich doch nicht so enttäuschen!
3. "Modern"?!
Michael Giertz, 08.11.2010
Zitat von sysopKathrin und Linda K. wünschten sich ein Kind - doch wie bekommt ein lesbisches Paar Nachwuchs? Im Internet*suchten die Frauen*einen Erzeuger. Nun ist Hugo auf der Welt. Die Geschichte einer modernen Familie. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,727562,00.html
Vornweg: ich bin gewiss kein "Homohasser" und begrüße auch die Homoehe. Mehrere meiner Freunde bekennen sich zur Homosexualität oder Bisexualität. Trotzdem bleibt mir schon beim Spoiler ein bitterer Geschmack im Mund. Und zwar mehrfach: 1. "moderne Familie"? Bitte was? Was daran soll "modern" sein, wenn zwei Homosexuelle ein Kind bekommen dürfen? Sind demnach also "normale" Familien mit Vater, Mutter, Kind(er) Auslaufmodell weil nicht mehr "modern"? Es wird ja inzwischen auch die "Patchwork-Familie" als "modern" bezeichnet. Und weder die "Patchwork-Familie" noch die "Regenbogen-Familie" sollte als "modern" oder gar erstrebenswert gelten, weil sehr zum Schaden der Kinder. 2. Es hat seinen Grund, wieso zur Fortpflanzung beim Menschen zwei Partner unterschiedlichen Geschlechts vonnöten sind. Ja, der Mensch pfuscht da gern drin rum mit seinen Arbeiten zum Thema DNS & Klonen, aber effektiv gilt noch immer die Formel: Weiblein + Männlein = Nachwuchs. Weiblein + Weiblein = gibt nix und Männlein + Männlein = gibt auch nix. Entsprechend sieht's übrigens dann auch aus mit der Erziehung. Da mögen jetzt Homosexuelle und "Emanzen" auf und nieder springen, aber für eine gesunde Erziehung / Kindheit sind Mama und Papa Voraussetzung. Alleinerziehende dürften eigentlich ein Lied von singen, dass sie sich mit schwer erziehbaren Rabauken abschaffen müssen - oder mit dem völlig introvertierten kleinen Jungen, der nicht mehr aus sich rauskommt, je nach dem. Einfach weil so'ne Scheidung ja auch ein Trauma ist, aber vielmehr, weil zur gesunden Entwicklung die Einflüsse beiden Geschlechts nötig sind - fehlt ein Teil, stimmt das Endergebnis vielfach (aber nicht immer) nicht mehr. Und wie sieht's bei Homosexuellen Partnern mit Kind aus? Ein Kind, das nur "Papa und Papa" kennt oder nur "Mama und Mama" wird zwar ein gesundes Verständnis zum Thema "Homosexualität" entwickeln, weil das ja "völlig normal" sei, aber dafür u.U. es sehr schwer in der Schule haben, wenn sie dort wegen der Andersartigkeit der Eltern verspottet, gehänselt oder gar ausgegrenzt werden. Und dass sich da bestimmte Ethnien besonders hervortun, ist auch nicht unbekannt. Also ... meine Frage ist: was ist an einer "Regenbogen-Familie" so modern und wieso wird das auch noch gefördert, wenn es doch eher zum Schaden des Kinds ist? Ich könnte auch ziemlich bösartig unterstellen, dass der Kinderwunsch in diesem Falle reiner Egoismus ist - aber da lehne ich mich zu weit aus dem Fenster. Egoistische Eltern (Mama + Papa) gibt's nachweislich genug, die ihr Kind nur als Mittel zur "Selbstverwirklichung" sehen ...
4. Ohne Titel
Fettnäpfchen 08.11.2010
Mich gruselt's! Gibt es wirklich Frauen, die ein Kind von einem anonymen Mann haben wollen, den das Kind gar nicht interessiert, der keinerlei Verantwortungsbewußtsein für seinen Sprößling zeigt und seinen Samen aus reiner Geldgier spendet? Ich sehe darin charakterliche Defizite, die einen Mann als Vater disqualifizieren. Bei einem männlichen Freund oder Bekannten, dessen Eigenschaften die zukünftige Mutter einschätzen kann und der auch nach der Geburt sein Kind mehr oder weniger (unauffällig) begleiten möchte, wäre der Kinderwunsch eher verständlich. Da dieses Thema sehr persönlich ist, muß jeder die Antwort für sich selbst finden. Richtig und falsch gibt es nicht, solange das Kindeswohl nicht beeinträchtigt ist.
5. Moderne Familie?
AUXEROIS 08.11.2010
Zitat von sysopKathrin und Linda K. wünschten sich ein Kind - doch wie bekommt ein lesbisches Paar Nachwuchs? Im Internet*suchten die Frauen*einen Erzeuger. Nun ist Hugo auf der Welt. Die Geschichte einer modernen Familie. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,727562,00.html
Alter Hut. Richtig modern wäre es, wenn es gelänge ex vitro befruchtete Eizellen in die Bauchhöhle der einen Hälfte eines schwulen Ehepaares zu setzen und so bis zum 4. Monat auszutragen. Bevor das zu kompliziert würde. Die restliche Zeit bis zum ca. 9. Monat könnte man das Kind in einem Brutkasten zubringen lassen. Das wäre mal modern! Immer dieser alte Käse.
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Künstliche Befruchtung
In-vitro-Fertilisation
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Bei der In-vitro-Fertilisation (IVF), lateinisch für "Befruchtung im Glas", vereinigen sich weibliche Eizellen mit männlichen Spermien im Reagenzglas. Je nachdem, welche Methode angewandt wird, kommt es in 50 bis 70 Prozent der Versuche zur Befruchtung. Zwei bis fünf Tage später werden üblicherweise zwei Embryonen in die Gebärmutter eingepflanzt. Etwa 14 Tage danach verrät ein Schwangerschaftstest, ob die Prozedur erfolgreich war. Unter dem Strich führt die künstliche Befruchtung in 20 bis 40 Prozent der Fälle zu einer Geburt. Mehr auf der Themenseite...
Die Methoden
Die künstliche Befruchtung kann auf unterschiedliche Arten vorgenommen werden:

Klassische In-vitro-Fertilisation (IVF): Zunächst werden durch eine Hormonbehandlung Eizellen im Körper der Frau zum Reifen gebracht und später entnommen. Sie kommen zusammen mit den männlichen Spermien in ein Reagenzglas, wo im Idealfall eine spontane Befruchtung stattfindet.

Intrazytoplasmatische Spermien-Injektion (ICSI): Sind die Spermien in ihrer Beweglichkeit gestört oder nur in geringer Zahl in der Samenflüssigkeit enthalten, kommt die ICSI-Methode zum Einsatz: Ein einzelnes Spermium wird unter dem Mikroskop direkt in die Eizelle injiziert.

Sonderformen der Injektion werden angewandt, wenn es weitere Probleme mit der Spermiengewinnung gibt. Bei einer wird das zu injizierende Spermium zusätzlich anhand seiner äußeren Merkmale ausgesucht. Sind die Samenwege des Mannes verstopft, können Mediziner die Spermien auch direkt aus Hoden oder Nebenhoden gewinnen.
Rechtliche Lage
In Deutschland ist die künstliche Befruchtung rechtlich gestattet, wenn es bei einem Paar ein Jahr lang trotz regelmäßigen Geschlechtsverkehrs nicht zu einer Zeugung gekommen ist. Die In-vitro-Fertilisation macht es auch möglich, befruchtete Eizellen zu spenden oder ein Kind durch eine Leihmutter austragen zu lassen. Beides ist in Deutschland jedoch durch das Embryonenschutzgesetz verboten, während die Samenspende erlaubt ist.
Geschichte
1968 gelang es dem englischen Forscher Robert Geoffrey Edwards zum ersten Mal, im Labor eine menschliche Eizelle zu befruchten. Zehn Jahre später, am 25. Juli 1978, wurde Louise Brown im Oldham General Hospital in Manchester geboren. Sie war das erste Kind, das aus einer künstlichen Befruchtung hervorging. Inzwischen ist das Verfahren medizinischer Standard: 2004 kamen weltweit geschätzte 1,5 Millionen Kinder dank künstlicher Befruchtung zur Welt. Eine "monumentale" Veränderung, fand das schwedische Karolinska-Institut, das Edwards 2010 mit dem Medizin-Nobelpreis auszeichnete.

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