Misshandlungen bei den Domspatzen "Bitte, bitte, ich möchte so gerne nach Haus"

Hunderte Kinder wurden bei den Regensburger Domspatzen körperlich misshandelt, es gab zahlreiche Fälle von sexueller Gewalt. Der Abschlussbericht zu den Vorfällen macht erschütternde Erfahrungen öffentlich.

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Die Opferzahlen sind viel höher als befürchtet: Mindestens 547 Regensburger Domspatzen wurden seit 1945 in kirchlichen Einrichtungen gequält, gedemütigt, verprügelt oder sexuell missbraucht - so steht es in demAbschlussbericht des Rechtsanwalts Ulrich Weber, der den Skandal im Auftrag des Bistums Regensburg und der Domspatzen zwei Jahre lang untersuchte.

  • 500 Heranwachsende wurden demnach Opfer körperlicher Gewalt, in 67 Fällen soll es zu sexuellen Übergriffen gekommen sein.
  • Von 49 Beschuldigten sollen 45 körperlich gezüchtigt haben, bei neun habe sexuelle Gewalt im Vordergrund gestanden.
  • Die Taten sind verjährt, manche Opfer vermutlich nicht mehr am Leben - die Dunkelziffer dürfte hoch sein.

Zahlen lügen nicht. Aber manchmal sagen sie auch nicht die ganze Wahrheit. Im Fall der Regensburger Domspatzen belegt die Masse an Delikten zunächst eines: Dass es sich nicht um Einzelfälle, sondern um jahrzehntelange systematische Misshandlungen handelt.

Ulrich Weber
DPA

Ulrich Weber

Besonders schlimm soll es in der Vorschule der Domspatzen in Etterzhausen und Pielenhofen zugegangen sein, wo der Großteil der Opfer unterrichtet wurde.

"Die Stimmung war wie im Knast. Man war unfrei. Es gab nur Traurigkeit und Hilflosigkeit", wird ein ehemaliger Schüler in dem Bericht zitiert. "Es war schrecklich wie in einem Todes-KZ. Horror", erinnert sich ein anderer.

In der Schule herrschte demnach ein ausgeklügeltes Unterdrückungssystem mit willkürlichen Strafen für Regelverstöße, von denen die Schüler manchmal gar nicht wussten, dass es Regelverstöße waren. Die Berichte zeugen von Ohrfeigen "als morgendliche Muntermacher", von Schlägen ins Gesicht, auf den Po oder den Kopf, mit Weidengerte, Rohrstock oder Siegelring. Es gab entwürdigende Hygienekontrollen und Demütigungen. Mieses Essen, Marschieren in Zweierreihen, Befehle, Erbrochenes zu konsumieren. Ansonsten herrschte strenge Ruhe, "Silentium".

In den Gesprächen mit Betroffenen sei viel von Angst die Rede gewesen, heißt es in dem Bericht. Der lähmenden, allgegenwärtigen Angst vor brutalen Übergriffen durch Erzieher, Geistliche oder Lehrer, der Gewissheit, sich nicht verstecken zu können vor der alltäglichen Willkür, "selbst dran zu sein". Ein ehemaliger Schüler sagt: "Die Bedrohung war immer gegenwärtig. Jeden Tag und jede Nacht."

Unbedingter Leistungswille

Hintergrund war dem Bericht zufolge ein verqueres Elitedenken. Es habe den unbedingten Willen der Verantwortlichen gegeben, die Regensburger Domspatzen an die Spitze zu bringen. Dafür war man offenbar bereit, den Willen der Kinder zu brechen: "Jedes Mal, wenn ein oder mehrere Kinder es wagten, dieses 'Silentium' zu stören, schlug von hinten die riesige Faust des Präfekten H. mit so einer Wucht auf das Schulterblatt des jeweiligen Kindes ein, dass drei, vier Kinderreihen umfielen. Wie Dominosteine", schildert es ein Betroffener.

Strenge Kontaktkontrollen und Kommunikationssperren hätten die Vertuschung des Missbrauchs möglich gemacht, sagt Rechtsanwalt Weber. Der Brief eines Schülers, der von 1967 bis 1969 die Vorschule besuchte, verdeutlicht die Verzweiflung der Kinder:

Brief eines Schülers an die Eltern

Brief eines Schülers an die Eltern

Die Folgen waren verheerend: Aus den Schülern wurden Erwachsene ohne Kindheit. "Das Internat Etterzhausen hat gebrochene Menschen mit gebrochenen Herzen ohne Hoffnung und Vertrauen produziert", resümiert ein Betroffener.

Die Zeit von 1945 bis 2010 sei geprägt gewesen von Ignoranz und Desinteresse der Verantwortlichen bei den Domspatzen, stellt Weber fest. Opferberichte seien nicht ernst genommen worden. Die späte Aufdeckung legt nahe: Die Vertuschung war so systematisch wie die Misshandlungen selbst.

Aber auch einige Eltern hätten klar ihre Aufsichtspflicht verletzt, sagte Weber. Zwar hätten die Täter mit der Isolation des Kindes, heftigen Strafen und der Androhung eines Schulverweises dafür gesorgt, dass die meisten Opfer über die Straftaten schwiegen. Aber selbst wenn Kinder mit auffälligen, schweren Verletzungen die Wahrheit sagten, "haben manche ihren Kindern nicht geglaubt".

Teilweise spielten sich erschütternde Szenen ab:

    "Ich kann mich an eine dramatische Geschichte erinnern, als ein Mitschüler [...] in der Schulpause das Auto seiner Mutter auf dem Parkplatz entdeckte. Sie war bei der Sprechstunde bei Direktor M. Als die Mutter unerkannt wieder abfahren wollte, lief er schreiend dem langsam davonfahrenden Auto hinterher, sprang auf die Stoßstange auf und klammerte sich am Skiständer fest. Die Mutter fuhr einfach weiter. Möglicherweise hatte sie ihn nicht bemerkt. Auch hier fuhr [der Hausmeister] mit seinem Moped hinterher und brachte den völlig zerstörten Jungen zurück. Um ihn dann dem Strafregime von M. zu übergeben."
    Opfer 503, Vorschule, Sechzigerjahre

Es ist den Verfassern des Berichts hoch anzurechnen, dass sie explizit auf große Unterschiede bei der Bewertung einzelner Täter durch verschiedene Opfer hinweisen. Das macht eine Evaluation schwieriger, die Zeugen aber nicht automatisch unglaubwürdig. Viele der Straftaten sind Jahrzehnte her, die Erinnerung verändert sich mit der Zeit und dem wachsenden Bewusstsein, traumatische Erlebnisse werden teilweise oder ganz verdrängt.

"Ich glaube, dass es so viele Wahrheiten wie Domspatzen gibt und dass es vermessen wäre, zu glauben, dass sich der erlebte Schrecken in der Anzahl von Schlägen und durchschnittlichen Penetrationen pro Schuljahr messen lässt", schreibt eines der Opfer. "Das Böse zeichnet sich durch Qualität und Effizienz aus, nicht durch seine Quantität."

Bericht gibt Ratzinger Mitschuld

Der Abschlussbericht kritisiert auch bekannte katholische Geistliche. Der kürzlich in den Ruhestand getretene Kardinal Gerhard Ludwig Müller war von 2002 bis 2012 Bischof von Regensburg und mit der Aufarbeitung der Missbrauchsskandals betraut. Müller habe auf die Analyse von Einzelfällen gesetzt, anstatt das System hinter dem Missbrauch öffentlich zu machen, sagte Weber. "Hier wäre schon 2011/2012 eine Strukturänderung angezeigt gewesen." Auch sei kein Dialog mit den Opfern zustande gekommen. Deshalb trage Müller die Verantwortung für strategische, organisatorische und kommunikative Schwächen bei der Aufarbeitung.

Müller wies die Vorwürfe zurück. Es habe erst ab 2010 Meldungen von Straftaten gegeben, "die schon Jahrzehnte vor meinem Amtsantritt Ende 2002 begangen wurden. Die meisten Täter waren schon lange zuvor gestorben", so der Kardinal. "Um den Opfern zu helfen, wurden Diözesanbeauftragte bestellt, die mit einer Kommission von Experten den Anzeigen sorgfältig nachgehen." Müller verwies zudem auf einen Hirtenbrief. Darin habe er die Opfer aufgerufen, sich zu melden.

Der Regensburger Generalvikar Michael Fuchs bat um Entschuldigung. Es sei nicht richtig gewesen, darauf zu warten, dass sich Betroffene meldeten. Man hätte vielmehr aktiv auf die Menschen zugehen müssen.

Georg Ratzinger (r.) mit seinem Bruder, Papst Benedikt XVI. (2008)
AFP

Georg Ratzinger (r.) mit seinem Bruder, Papst Benedikt XVI. (2008)

Der Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI., Georg Ratzinger, stand von 1964 bis 1994 als Domkapellmeister an der Spitze des berühmten Knabenchores. Über ihn äußerten sich 124 Zeugen - und ihre Bewertungen fallen sehr unterschiedlich aus. "Der war streng, machte Druck, war jähzornig, und die Hand ist ihm schon kräftig ausgerutscht", sagt ein Betroffener - und bestätigt damit, was Ratzinger selbst zugegeben hatte, nämlich "Watschen" verteilt zu haben, weil das damals so üblich gewesen sei.

Ein Choleriker, dem "mal die Hand ausrutschte", sei der Kapellmeister gewesen, aber auch ein "gerechter, kompetenter und verständnisvoller Mann", sagt ein anderer Zeitzeuge.

Rechtsanwalt Weber kommt zu dem Schluss, dass Ratzinger mit hoher Wahrscheinlichkeit von den Verbrechen bei den Domspatzen gewusst hat. Sein Ehrgeiz habe ihm den Blick für die Gesamtverantwortung für die Kinder verstellt. Er habe weggeschaut.

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