Aufarbeitung des Domspatzen-Skandals "Es gab niemanden, an den sie sich wenden konnten"

Hunderte Kinder wurden bei den Regensburger Domspatzen Opfer körperlicher Gewalt, es gab auch sexuelle Übergriffe. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung erklärt, warum Aufklärung in der Kirche so schwierig ist.

Regensburger Dom
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"Liebe, liebe Eltern. Ich habe euch so, so gerne. Bitte, bitte, ich möchte so, so, so gerne nach Hause. Holt mich gleich ab, wenn ihr den Brief gelesen habt und meldet mich beim Herrn Direktor ab, das wäre mein Geburtstagswunsch, aber vergesst den Koffer nicht."

Diese Zeilen stammen aus den Sechzigerjahren, geschrieben von einem Kind aus der Vorschule der Regensburger Domspatzen. Sie werden im Abschlussbericht des Rechtsanwalts Ulrich Weber zitiert, der die jahrzehntelange körperliche und sexuelle Gewalt bei den Domspatzen im Auftrag des Bistums Regensburg untersucht hat.

500 Kinder und Jugendliche wurden demnach Opfer körperlicher Gewalt, in 67 Fällen soll es zu sexuellen Übergriffen gekommen sein. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein. Bei den Regensburger Domspatzen, einer Vorzeige-Institution der katholischen Kirche, gab es jahrzehntelange systematische Misshandlungen, am Gymnasium, im Internat, in der Vorschule.

Selbst das Heimweh, so heißt es in Webers Abschlussbericht, stellte einen Regelbruch dar, der häufig mit körperlicher Gewalt geahndet wurde. Oder mit seelischer. Betroffenen zufolge wurden Briefe auch mal vor versammelter Klasse vorgelesen und zerrissen. Aber auch einige Eltern hätten klar ihre Aufsichtspflicht verletzt und die Berichte ihrer Kinder nicht ernst genommen, so Weber.

Der eingangs zitierte Brief blieb laut Webers Bericht folgenlos, weil die Zensur in der Schule den Verantwortlichen Anmerkungen ermöglichte - und die Eltern jenes Schreiben nach entsprechenden Hinweisen des Direktors weitgehend ignorierten.

Strafrechtlich haben die Beschuldigten, knapp 50 an der Zahl, nichts mehr zu fürchten. Die Taten sind verjährt. Betroffene fordern, die Verjährungsfristen für Kindesmissbrauch aufzuheben, weil sie viele Jahre brauchen, um nach Trauma und darauffolgender Verdrängung die Verbrechen überhaupt ins Bewusstsein zu holen und dann darüber zu reden. (Mehr zu den rechtlichen Hintergründen lesen Sie hier.)

"Das Internat Etterzhausen hat gebrochene Menschen mit gebrochenen Herzen ohne Hoffnung und Vertrauen produziert", resümiert ein Betroffener.

Auch bekannte katholische Geistliche stehen in der Kritik, etwa Georg Ratzinger, der Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI. Ratzinger war bis 1994 Domkapellmeister und hatte selbst zugegeben, "Watschen" verteilt zu haben, weil das damals so üblich gewesen sei.

"Es herrschte ein System der Angst", sagte Ratzingers Nachfolger, der heutige Domspatzen-Chef Roland Büchner der "Zeit". "Das muss ans Licht, auch wenn es wehtut."

2010 waren die Gewalttaten bekannt geworden, damals war Kardinal Gerhard Ludwig Müller noch Bischof in Regensburg. Er leitete die Aufarbeitung in die Wege - allerdings sehr ungenügend, wie Weber in seinem Abschlussbericht feststellt. Müller habe auf die Analyse von Einzelfällen gesetzt, anstatt das System hinter dem Missbrauch öffentlich zu machen, sagte Weber. "Hier wäre schon 2011/2012 eine Strukturänderung angezeigt gewesen." Auch sei kein Dialog mit den Opfern zustande gekommen. Deshalb trage Müller die Verantwortung für strategische, organisatorische und kommunikative Schwächen bei der Aufarbeitung.

Der Regensburger Generalvikar Michael Fuchs bat um Entschuldigung. Es sei nicht richtig gewesen, darauf zu warten, dass sich Betroffene meldeten. Man hätte vielmehr aktiv auf die Menschen zugehen müssen.

Das fordert auch der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig. Er verlangt von Kardinal Müller eine Entschuldigung für die verschleppte Aufklärung - was dieser überhaupt nicht einsieht und seinerseits eine Entschuldigung des Missbrauchsbeauftragten erwartet.

Im Interview erklärt Rörig, warum eine Geste gegenüber den früheren Domspatzen so wichtig ist und worauf es in der Aufarbeitung generell ankommt.

Johannes Rörig
imago/ photothek

Johannes Rörig

SPIEGEL ONLINE: Der ehemalige Regensburger Bischof Kardinal Müller hat Sie scharf angegangen, weil Sie ihm vorgeworfen haben, die Aufklärung des Missbrauchsskandals bei den Domspatzen verschleppt zu haben.

Rörig: Ich hätte mich gefreut, wenn Kardinal Müller als Bischof von Regensburg bereits im Jahr 2010 Betroffene zu sich eingeladen und ihnen zugehört hätte. Vielleicht hätte dies eine Aufarbeitung auf Augenhöhe und unter Einbeziehung von Betroffenen viel früher möglich gemacht. Ich suche keinen Kampf mit der katholischen Kirche oder mit Kardinal Müller. Aber ich wünsche mir und werde dies auch immer wieder deutlich machen, dass den Betroffenen zugehört wird und dass sie in Aufarbeitungsprozesse transparent einbezogen werden - ganz gleich, ob es um eine Aufarbeitung von Taten im kirchlichen Kontext, beim Sport, in einer Schule oder bei einer Kinder- und Jugendfreizeit geht.

SPIEGEL ONLINE: Welche Versäumnisse werfen Sie Kardinal Müller vor?

Rörig: Es geht nicht, wie Kardinal Müller als Regensburger Bischof vielfach betont hat, um Einzelfälle. Es geht darum, dass die Kirche durch ihre damaligen Strukturen Missbrauch begünstigt und in ihren Reihen nicht konsequent genug verfolgt hat. Wer den eindrücklichen und schmerzlichen Berichten von Betroffenen einmal persönlich zugehört hat, wird dies so schnell nicht mehr vergessen. Fast alle berichten, dass ihnen als Kinder nicht geglaubt und der Missbrauch vertuscht wurde und dass es eigentlich niemanden gab, an den sie sich wenden konnten.

SPIEGEL ONLINE: Missbrauchsexperten sprechen davon, dass jedes Opfer im Durchschnitt sieben Personen ansprechen muss, bevor jemand für sie in die Bresche springt.

Rörig: Das Zuhören und Glaubenschenken ist für Betroffene sehr wichtig, auch wenn der Missbrauch viele Jahre zurückliegt. Betroffene dürfen keine Bittsteller sein. Sie verdienen Respekt und haben ein Recht auf Anerkennung ihres Leids durch die Einrichtung, in der sie Missbrauch erlitten haben.

SPIEGEL ONLINE: Warum verteidigt sich Kardinal Müller, der gerade als Chef der Glaubenskongregation in Rom seinen Hut genommen hat, so vehement?

Rörig: Spätestens seit dem Abschlussbericht über die Misshandlungen bei den Domspatzen frage ich mich, warum es einem Kurienkardinal so schwer fällt, im Angesicht von hundertfachen Gewalttaten an schutzlosen Kindern ein Wort der Entschuldigung und des Mitgefühls zu äußern. Es geht hier nicht um einen persönlichen Disput. Es geht mir allein darum, dass Betroffene sich wahrgenommen fühlen und eine Möglichkeit haben, für sich abschließen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Was läuft derzeit schief bei der Aufarbeitung der innerkirchlichen Missbrauchsfälle?

Rörig: Über Jahre und Jahrzehnte wurde sexuelle Gewalt an Kindern in kirchlichen Einrichtungen vertuscht, bagatellisiert und unter die Decke gekehrt. Täter- und Institutionenschutz stand vor Opferschutz. Seit 2010 haben wir ein Umdenken - das aber leider noch nicht überall und in aller Konsequenz angekommen ist. Verharmlosen, Verteidigen oder Rechtfertigen sind keine Grundsätze, die Aufarbeitung weiterbringen. Es gehört Größe dazu, Fehler einzugestehen und sich zu entschuldigen.

SPIEGEL ONLINE: Missbrauch wird oft durch hierarchische Strukturen und das Leben in geschlossenen Gemeinschaften begünstigt.

Rörig: Missbrauch findet dort statt, wo es starke Macht- und Abhängigkeitsstrukturen gibt, wo Beschwerdemöglichkeiten für Kinder und Mitarbeitende fehlen, ebenso wie weiterreichende Präventionsmaßnahmen. Aufarbeitung ist ein Qualitätsprozess einer Institution, sie wird ihr aber dann als Makel anhaften, wenn sie nicht unabhängig und transparent durchgeführt wird - und nicht das Vertrauen der Betroffenen genießt. Das gilt für alle Institutionen und Organisationen, unabhängig vom Kontext.

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