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Mütter: "Ihnen fehlt das Selbstbewusstsein für ihre Rolle"

Ein Interview von Claudia Voigt

Mütter mit Kinderwagen: Ansprüche haben zugenommen Zur Großansicht
DPA

Mütter mit Kinderwagen: Ansprüche haben zugenommen

Warum bereuen Mütter, Kinder bekommen zu haben? Die Soziologin Christina Mundlos hat sich mit dem Phänomen "Regretting Motherhood" beschäftigt. Hier erklärt sie, was in den Frauen vorgeht.

Zur Person
  • Frank De Gasperi
    Christina Mundlos, 33 Jahre, hat Soziologie und Germanistik studiert mit Schwerpunkt Geschlechter- und Familienforschung. Sie lebt in Hannover, arbeitet als Autorin, hat fünf Bücher veröffentlicht und hat zwei Kinder.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben ein Buch zu dem Phänomen "Regretting Motherhood" geschrieben. Warum ist die Reue von Müttern für Sie ein interessantes Thema, es betrifft doch nur die allerwenigsten Frauen?

Christina Mundlos: Diese Mütter werden oft als krank, egoistisch oder kalt angesehen, deshalb äußern sich auch nur sehr wenige von ihnen - und die sprechen nur anonym. Doch handelt es sich meist um Frauen, die über ihre Situation nachdenken, die ihre Kinder lieben, die aber sagen, es wäre für sie persönlich richtiger gewesen, ein Leben ohne Kinder zu führen. Als im vergangenen Frühjahr die Studie der israelischen Soziologin Orna Donath zu dem Thema veröffentlicht wurde, wurde in vielen Blogs eindrücklich geschildert, wie schwierig es ist, sich zu solchen Gefühlen zu bekennen. Eine öffentliche Debatte über dieses Thema könnte unser völlig überfrachtetes Mutterbild korrigieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Mundlos: In den letzten 20 Jahren haben die Ansprüche an Mütter deutlich zugenommen. Das betrifft vor allem das Selbermachen: Je zeitaufwendiger etwas erledigt wird, um so besser ist das. Nicht die Mutter gilt als besonders clever, die sagt: Schon wieder Basar im Kindergarten, ich kaufe eine Schachtel Donuts, das mögen alle und spart Zeit. Nein, es wird die Mutter als gute Mutter angesehen, die den aufwendigsten Kuchen gebacken hat. Je mehr Mütter in ihre Kinder investieren müssen, um gesellschaftlich anerkannt zu sein, um so weniger Zeit, Energie, Kraft haben sie für ihren Job oder andere Aufgaben. Das ist ein Backlash. Eine Retraditionalisierung.

SPIEGEL ONLINE: Warum machen Frauen da mit?

Mundlos: Ihnen wurde 200 Jahre lang vermittelt, dass sie für die Familie da sein müssen und nicht wirklich geeignet sind für die Berufstätigkeit. Viele Frauen haben noch immer ein traditionelles Frauen- und Mütterbild im Kopf. Eine Art kulturelle Gedächtnis. Sie haben das Gefühl, jetzt müsste es auch mal gut sein mit ihren Forderungen.

SPIEGEL ONLINE: Aber Berufstätigkeit von Frauen ist doch mittlerweile eine Selbstverständlichkeit.

Mundlos: Gerade Frauen, die berufstätig sind, wollen beweisen, dass darunter nicht die Mutterrolle leidet, dass darunter nicht die Kinder leiden, dass sie trotzdem alles irgendwie unter einen Hut bekommen. Indem sie zeigen, dass sie auch eine angeblich supertolle Mutter sind, versuchen sie die Toleranz gegenüber berufstätigen Müttern zu erhöhen. Deshalb arbeiten viele auch gern Teilzeit. Und deshalb nehmen sie den Wettkampf mit den Hausfrauenmüttern auf. Ihnen fehlt das Selbstbewusstsein für ihre Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Macht sie das vielleicht wirklich zu besseren Müttern?

Mundlos: Eine gute Mutter ist eine Frau, die weiß, was ihren Kindern gut tut, aber auch, was ihr selbst gut tut. Die genau weiß, was sie leisten kann - aber auch, was sie nicht leisten kann. Wo ihre eigenen Grenzen sind. Auf diese Art und Weise kann sie eine zufriedene und ausgeglichene Mutter sein. An dem Aufwand, mit dem eine Mutter bastelt, kocht oder backt, lässt sich gar nichts ablesen. Mütter, die versuchen, ihre persönlichen Ziele über die Kinder zu erreichen, tun ihren Kindern im Gegenteil gar nicht gut. Das ist eine Form des erweiterten Narzissmus.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
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1. Ich bereue es nur, dieser kinder- und familienfeindlichen Gesellschaft drei Kinder geschenkt zu haben.
inver 07.02.2016
Nachdem ich ein halbes Jahr versucht habe, drei Kinder, Berufstätigkeit, großes Haus, usw. unter einen Hut zu bringen, bekam ich einen Hörsturz. In der HNO-Praxis, bei den anschließenden Infusionen, saßen nur Mütter wie ich rum. Da ich ungefähr 86% steuerliche Abzüge hatte, hat sich meine Berufstätigkeit nicht rentiert. Dann musste ich mir blöde Kommentare anhören, ob ich nicht arbeiten wolle. Jetzt sind die drei Kinder größer, alle Klassenbeste, ich arbeite stundenweise, leiste mir eine Haushaltshilfe und denke, dass alle Mütter sich nicht von überzogenen Ansprüchen stressen lassen sollten, denn die körperliche Gesundheit ist das Wichtigste!
2. absolut richtig
Teilzeitalleinerzieherin 07.02.2016
was mich als berufstätige Mutter (Teilzeit im Moment mangels Hortplatz) richtig fertig macht und ab und zu auf den Gedanken bringt, dass mein Leben ohne Kinder besser für mich wäre, sind a) die permanenten Forderungen der Betreuungseinrichtungen, Sportvereine, Schule etc. nach Selbstgebackenen, Selbstgebastelten und freudige Teilnahme an sämtlichen Feierlichkeiten, b) die "Mrs. Perfects", die mir regelmäßig unter die Nase reiben, dass das alles für sie ü-b-e-r-h-a-u-p-t kein Problem ist und ihre Kinder i-m-m-e-r funktionieren und c) meine (Schwieger)elterngeneration, für die Kinderbetreuung, Kuchen backen und Haushaltschmeißen ja nie ein Problem war (klar - er ging arbeiten, sie saß zuhause).
3. Wenn Mutter sein nicht glücklich macht..
farbkasten 07.02.2016
ist das ein bedenkliches Zeichen unserer Zeit. Als nahezu erste Generation haben Frauen heute die Möglichkeit, vollqualifiziert am Arbeitsleben teilzunehmen und sich bewusst für (oder gegen) die Gründung einer Familie zu entscheiden. Das, was als größte Freiheit der Frau bejubelt wurde - die Wahlfreiheit (durch Pille, Abtreibung, Prädiagnostik), hat einen Pferdefuß: Auf einmal ist man auch selbst verantwortlich für seine Entscheidungen. Kinder als Geschenk, als "Anvertraute" zu betrachten, fällt unter diesem Aspekt etwas schwerer. Sie bekommen den Status etwas "Gekauften", wie ein Kleid, dessen Kauf man bereut. Umtauschen oder zurückgeben? Ich finde diese Entwicklung nachvollziehbar, aber deswegen nicht weniger schlimm. Ich kann mir jedoch nur schwer vorstellen, dass Mütter wirklich dauerhaft ihre Mutterschaft bereuen. Es mag Phasen der Erschöpfung, Einsamkeit und Desillusionierung geben wie überall (hier braucht es Hilfe!). Ein lebendiges Gegenüber, in das man so viel investiert hat und mit viel Liebe und Herzblut begleitet hat, das eine eigenständige Persönlichkeit darstellt, die mit der Zeit immer klarer hervortritt und einen selbst dennoch widerspiegelt- wer möchte sich das ernsthaft wegwünschen? Es ist gut, dass uns manche Entscheidungen (durch einschlägige Gesetze) nachwievor abgenommen werden!
4.
MarkusW77 07.02.2016
Auch albern sind die Kindergeburtstage: zum 4. oder 5. werden schon 15 Kinder eingeladen und irgendwo hingekarrt. Völliger Blödsinn, als wenn das Kind da was von hätte. Man kann auch son Trödelmarkt oder Basar ganz ausfallen lassen und zu Hause bleiben, wenn man eh schon gestresst ist. Aber nein, man muss ja immer dabei sein, die beste größte tollste usw. Und für wen??
5. Jede Mutter muss ihr eigenes Ding machen ...
Europa! 07.02.2016
Die Mütter dürfen sich weder von den "Supermüttern" noch von den kinderfeindlichen Zicken (und schon gar nicht von kinderfeindlichen Männern) reinreden lassen. Kinder kommen ganz gut selbst klar und holen sich die Dinge, die sie brauchen. Das Wichtigste ist der Entschluss zum Kind - um des Kindes und des Lebens willen.
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