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Debatte um #regrettingmotherhood: Mütter, die keine sein wollen

Mutter mit Kind: Manchmal kein Gewinn, sondern ein Verlust Zur Großansicht
Corbis

Mutter mit Kind: Manchmal kein Gewinn, sondern ein Verlust

"Es ist der Albtraum meines Lebens": In einer Studie erklärten 23 Frauen, warum sie es bereuen, Mütter geworden zu sein. Ihre Bekenntnisse haben eine hitzige Debatte entfacht.

"Wenn ich heute zurückgehen könnte, hätte ich natürlich keine Kinder. Das ist absolut selbstverständlich für mich." Atalya, 45, drei Kinder.

"Wenn ich den Einblick und die Erfahrung von heute damals schon gehabt hätte, hätte ich nicht mal ein Viertel eines Kindes bekommen. […] Es ist der Albtraum meines Lebens." Tirtza, 57, zwei Kinder.

"Ich würde sie aufgeben, absolut. Wirklich. Ohne mit der Wimper zu zucken. Und es ist schwer für mich, das zu sagen, weil ich sie liebe. Sehr sogar." Doreen, 38, drei Kinder.

Es ist leicht, die Aussagen dieser Frauen zu verurteilen. Wie können sie nur so über ihre Kinder reden? Wie können sie bloß so etwas fühlen: Reue angesichts ihrer Mutterschaft?

In zahlreichen Blogs und auf Twitter unter dem Hashtag #regrettingmotherhood wird seit Tagen über diese Aussagen debattiert. Sie stammen aus einer Studie der israelischen Forscherin Orna Donath mit dem Titel: "Das Muttersein bereuen: Eine gesellschaftspolitische Analyse." Dafür hat Donath mit 23 Frauen gesprochen, die eins gemeinsam haben. Auf die Frage "Wenn Sie in der Zeit zurückreisen könnten - mit all dem Wissen und der Erfahrung von heute -, würden Sie dann noch einmal Mutter werden?" haben sie alle mit Nein geantwortet.

Die Kinder, ein Verlust

Die Studie, erstmals erschienen in der Fachzeitschrift "Signs: Journal of Women in Culture and Society", ist mit 23 Teilnehmerinnen nicht repräsentativ. Die Auswahl der Frauen deutet aber an, dass sich das Gefühl der Reue in Israel nicht auf eine bestimmte Schicht oder eine Altersklasse beschränkt: Donath hat israelische Mütter zwischen Mitte 20 und Mitte 70 befragt, sie sind geschieden oder leben in einer festen Partnerschaft. Mehrere Stunden hat Donath mit jeder der Frauen gesprochen, um ihre Aussagen zu verstehen. Veröffentlicht wurden sie unter Pseudonymen.

Dabei sei eine wichtige Unterscheidung deutlich geworden, schreibt Donath. Die Frauen - so ambivalent das klingen mag - bereuen demnach nicht ihre Töchter oder Söhne. Sie sagen explizit: "Ich liebe meine Kinder." Aber sie lieben es nicht, Mutter zu sein. Es ist für sie kein Gewinn. Sondern ein Verlust: ein Verlust des Selbst, der Zeit sowie des Gefühls von Freiheit und Kontrolle.

"Der größte Fehler meines Lebens"

Schon vor Donaths Studie haben sich Frauen mit ähnlichen Aussagen zu Wort gemeldet. "Kinder zu bekommen war der größte Fehler meines Lebens", schrieb beispielsweise Isabella Dutton im April 2013 in einem Beitrag für die britische "Daily Mail". Sie habe ihren beiden Kindern übelgenommen, dass sie "wie Parasiten von mir nehmen und nehmen werden, ohne etwas Bedeutungsvolles zurückzugeben". Und Charlotte Hsu schrieb im August 2014 für das US-Onlinemagazin "Salon", wie sehr sie sich nach der Geburt ihres Sohnes nach einer ruhigeren Zeit sehnte; wie sie depressiv wurde und nach folgenden Stichworten googelte: "Ich hasse es, Mutter zu sein."

Doch das waren Einzelfälle. Der Soziologin Donath ist es nun zu verdanken, dass ein etwas differenzierteres Bild entstanden ist. Die Frauen, mit denen sie gesprochen hat, berichten ausführlich und sehr reflektiert über ihre Gedanken und Gefühle. Und je mehr und genauer man liest, desto schwerer fällt es, sie leichtfertig als Rabenmütter zu verurteilen. In Deutschland hat die "Süddeutsche Zeitung" zuerst von der Studie berichtet. Auch deshalb wurde das Thema bei Twitter und in zahlreichen Blogs aufgegriffen.

Da melden sich Frauen zu Wort, die nicht verstehen können, wie die Worte Reue und Mutterschaft überhaupt miteinander in Verbindung gebracht werden können. Es gibt aber auch gemäßigtere Stimmen. "Nein, ich bereue es nicht, Kinder bekommen zu haben, und ich möchte es auch nicht rückgängig machen", heißt es auf dem Blog "Herzgespinst". Die Autorin schreibt aber auch: "Das Konzept der Mutterschaft selbst ist, stelle ich nach knapp sieben Jahren fest, nicht meins. Ich bin jemand, der das Alleinsein braucht wie die Luft zum Atmen."

Damit hat die Forscherin Donath schon erreicht, was sie wollte. Ihre Studie solle nur ein Anfang sein, schrieb sie. Eine Grundlage für weitere Untersuchungen zu einem Thema, das für viele noch immer ein Tabu ist.

aar

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 262 Beiträge
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1. Ja, Elternschaft ist anstrengend!
gumbofroehn 13.04.2015
Gilt im Übrigen auch für Väter (so sie ihre Vaterrolle ernst nehmen). Aber was wäre bitte die Alternative!?
2. Wie wäre
auktorial 13.04.2015
der Aufschrei erst wenn Männer so etwas sagen würden. aber es wird wie immer Mit zweierlei Maß gemessen
3.
sonicmiles 13.04.2015
Ich habe es doch immer gesagt. Ich kenne drei alleinerziehende Frauen in meinem näheren Bekanntenkreis. Denen geht es nicht gut. Wer heute noch Kinder bekommen will, muss viel Idealismus mitbringen. Ich will das nicht verurteilen aber tauschen möchte ich nicht.
4. nicht jeder ist automatisch
logabjörk 13.04.2015
eine gute Mutter. Das liegt in der Natur der Sache.
5. ...und jetzt fragen wir mal Kinder...
prisma-4d 13.04.2015
...ob es ihnen recht ist einfach ungefragt geboren zu werden! Etliche, vor allem während der Pupertät, begehen Selbstmord! ...und dann noch die Väter... da wird das Problem noch ausgeprägter sein, denn während moderne Frauen das Zeugungsgeschen im Griff haben, sind Männer bei weitem noch nicht in der Lage dies dauerhaft zu kontrollieren. Also kein wirkliches Problem sondern, was Mütter betrifft, eher eine Randerscheinung die das Fortbestehen des Menschen nicht gefährdet.
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