Rehabilitierte Bischöfe Piusbrüder verlangen mehr Macht im Vatikan

Papst Benedikt hat sie rehabilitiert, aber das reicht ihnen nicht: Die erzkonservativen Bischöfe aus der Piusbruderschaft strotzen vor Selbstvertrauen, wollen die katholische Kirche noch weiter nach rechts führen. Einer ihrer Vordenker gibt nun das Ziel vor: "Rom bekehren."


Rom - Deutliche Worte von Bischof Bernard Tissier de Mallerais: Er und seine Anhänger wollen sich nicht mit der Wiederaufnahme in die Kirche Roms zufriedengeben, sagte der von Papst Benedikt rehabilitierte ultrakonservative Geistliche. "Wir werden unsere Positionen nicht ändern, sondern Rom bekehren", sagte er der Turiner Tageszeitung "La Stampa". Die Verbannung habe 20 Jahre gedauert, und nun wollten die Bischöfe "den Vatikan in ihre Richtung führen". Im Übrigen seien sie für den Papst noch keine Bischöfe im eigentlichen Sinne: "Wir haben ja noch kein Bistum."

Die italienische Piusbruderschaft lehnte dazu am Montag eine Stellungnahme ab. Die Piusbrüder seien seit Samstag in "silenzio stampa". Ihnen sei untersagt worden, mit der Presse zu sprechen, sagte der in Rom ansässige Obere, Don Davide Pagliarani, der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Der Protest gegen die Rehabilitierung der vier traditionalistischen Bischöfe durch Benedikt XVI. geht derweil mit unverminderter Schärfe weiter.

Jetzt versuchen die deutschen Bischöfe, für ihre Kirche zu retten, was zu retten ist, doch längst geht es nicht allein nur um die Distanzierung von Holocaust-Leugner Bischof Richard Williamson. Es rumort überall im Lande an der Basis, zu spüren ist es an den Protestbriefen und E-Mails, die in den Zentralen der Bistümer eingehen, an den empörten Anrufern in Pfarrbüros oder bei der Kirchenpresse. Die nach dem Papst-Eklat hinterhergeschobenen Entschuldigungen haben die Protestwelle nicht aufhalten können. Nahezu sämtliche katholische Theologen der Fakultäten in Tübingen und Münster haben geharnischte Erklärungen verfasst.

In der Münchner Zentrale der Kirchenreformbewegung "Wir sind Kirche" gehen im Minutentakt E-Mails von Kirchenmitgliedern ein, die ihren Namen unter eine Petition setzen wollen, die sich gegen "die Wiederaufnahme von Personen" richtet, "die offen als Gegner der mit dem II. Vatikanischen Konzil begonnen Reformen aufgetreten sind".

Christian Weisner von der kirchenkritischen Gruppe zählte schon nach wenigen Stunden fast tausend Unterzeichner. "Das geht von katholischen Theologen über engagierte Laien bis hin zu einfachen Gemeindemitgliedern. Die Leute sind alle sehr aufgebracht." Die Protestaktion erstreckt sich inzwischen auch auf Österreich und die Schweiz.

Der Papst und die Piusbruderschaft
Papst
Der Papst ist das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche und des Staates Vatikanstadt . Als Völkerrechtssubjekt wird das Kirchenoberhaupt Heiliger Stuhl genannt. Zur Leitung und Verwaltung der Kirche sind dem Papst verschiedene kirchliche Behörden unterstellt, die zusammen die römische Kurie bilden.
Der Papst wird im Konklave , einer Versammlung von Kardinälen , auf Lebenszeit gewählt – als Stellvertreter Jesu Christi auf Erden.
Amtssitz des Papstes ist der Vatikan. Seit 1871 residiert er im Apostolischen Palast neben dem Petersdom .
Römische Kurie
Die wichtigste politische Einrichtung der römischen Kurie ist das Staatssekretariat , das die gesamte Tätigkeit der Kurie und der außenpolitischen Beziehungen des Heiligen Stuhls koordiniert. Es ist in zwei Abteilungen – eine Art Innen- und ein Außenministerium – gegliedert. Beide leitet der Kardinalstaatssekretär – derzeit Tarcisio Bertone . Er wird vom Papst eingesetzt.
Die höchsten Verwaltungsbehörden sind die neun Kurienkongregationen , die nach Sachgebieten gegliedert sind – so gibt es eine für die Glaubenslehre, eine für Gottesdienst und die Sakramente, eine für die Ostkirchen, eine für die Mission etc.
Zur Kurie gehören auch drei Gerichtshöfe für katholisches Kirchenrecht: der Oberste Gerichtshof der Apostolischen Signatur , die Apostolische Pönitentiarie und die Rota Romana .
Außerdem setzt der Heilige Stuhl Päpstliche Räte ein, die keine Regierungsfunktion haben, sondern der Information und der Kontaktpflege auf verschiedenen Gebieten dienen. So befasst sich ein Päpstlicher Rat mit den Laien, einer mit der Einheit der Christen, der Interpretation von Gesetzestexten usw.
Ämter der Kurie sind die Apostolische Kammer , die Vermögensverwaltung des Heiligen Stuhls und die Präfektur für die Wirtschaftsangelegenheiten des Heiligen Stuhls .
Mit der römischen Kurie verbunden sind verschiedene Institutionen, darunter das Vatikanische Archiv , die Vatikanische Bibliothek und Radio Vatikan .
Piusbrüder
Die Piusbruderschaft ist eine der bedeutenderen Abspaltungen der katholischen Kirche . Sie wurde 1970 von dem konservativen und später exkommunizierten Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet und lehnt ab, zentrale Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils umzusetzen: Sie verweigert sich gegen die Anpassung an die moderne Welt, weshalb die Piusbrüder ihre Messen bis heute auf Latein lesen, und lehnt Religionsfreiheit und Ökumene ab. Nach jahrelangem Streit mit Rom kam es 1988 zum Schisma . Papst Johannes Paul II. exkommunizierte den Gründer Lefebvre und vier weitere Bischöfe. Im Januar hob Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation auf.
Antisemitismus
Leitende Brüder der konservativen Piusbruderschaft halten daran fest, dass die Juden kollektiv schuld am "Gottesmord" , der Kreuzigung Jesu Christi, sind – ein zentrales Motiv des Antisemitismus .
Indem Papst Benedikt XVI. die Piusbrüder zurück in den Schoß der katholischen Kirche aufnahm, geriet er selbst unter Antisemitismusverdacht.
Besonders belastet wurde die Beziehung zwischen Vatikan und jüdischen Organisationen jedoch durch einen Ausspruch des britischen Piusbruders Bischof Richard Williamson : Er hatte in einem TV-Interview den Holocaust und die Existenz von Gaskammern geleugnet.

Für den renommierten Grazer Kirchenhistoriker Maximilian Liebmann war die Entscheidung des Papstes zur Rehabilitation Williamsons "kein Versehen", sondern Teil einer "wohlüberlegten Strategie". "Dies war kein Unfall aufgrund mangelnder Kommunikation", betonte Liebmann. Der Hamburger Erzbischof Werner Thissen nannte die Rücknahme der Exkommunikation Williamsons im "Hamburger Abendblatt" "eine schlechte Entscheidung".

Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) hat die umstrittenen Personalentscheidungen des Papstes bedauert. "Die Rehabilitierung eines Holocaust-Leugners und die Bischofsernennung eines Priesters, der den Tod von Menschen als Strafe Gottes bezeichnet, sind für die meisten Jugendlichen unverständlich", sagte BDKJ-Bundesvorsitzender Dirk Tänzler in Düsseldorf. Darunter litte "das Image von Kirche in Deutschland und somit auch die katholische Jugendarbeit".

Junge Katholiken würden im Freundeskreis, in der Schule oder bei der Ausbildung mit diesen Entscheidungen aus dem Vatikan konfrontiert. "Sie müssen etwas rechtfertigen, was sie zum Großteil weder verstehen noch mittragen können oder wollen", betonte Tänzler. Gerade in Zeiten, in denen der BDKJ andere Jugendliche von Glauben und Kirche begeistern wolle, "sind solche Zeichen fatal", denn so erscheine die katholische Kirche rückwärtsgewandt. "Wir sind aber weltoffen, tolerant, lebensnah und stehen voll hinter den Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils." Im BDKJ sind 15 katholische Jugendverbände mit rund 650.000 Mitgliedern organisiert.

pw/als/dpa

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