"Reichsbürger" in Deutschland Extremisten, Esoteriker, Eigenbrötler

Wer sind die "Reichsbürger"? Zum Beispiel ein früherer Mister Germany, ein selbsterklärter Evangelist und der "Imperator Fiduziar". Drei Kurzporträts.

Pförtnerfenster am ehemaligen "Königreich Deutschland" in Wittenberg
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Pförtnerfenster am ehemaligen "Königreich Deutschland" in Wittenberg

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Eines eint sie alle: Die Bundesrepublik Deutschland ist für sie kein rechtmäßiger Staat - so sehen es Menschen wie Wolfgang P., der am Mittwoch auf Polizisten geschossen und einen SEK-Beamten tödlich verletzt hat.

Für diese selbsternannten "Reichsbürger" gibt es keine gemeingültige Definition. Die Konstrukte der zum Teil rivalisierenden Gruppen setzen sich ebenso aus rechtsextremistischen und rassistischen Ideen zusammen wie aus Verschwörungstheorien oder esoterischen Ansätzen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz soll die Szene nun neu bewerten.

Die ersten "Reichsbürger" fanden sich in den Achtzigerjahren zusammen, Ideengeber waren unter anderem der ehemalige Reichsbahnmitarbeiter Wolfgang Ebel und der seit Jahren inhaftierte Holocaustleugner Horst Mahler. Wer gehört zu den "Reichsbürgern"? Drei prominente Beispiele:

Peter Fitzek (vor dem Landgericht Halle)
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Peter Fitzek (vor dem Landgericht Halle)

  • Peter Fitzek

Ein schlanker Mann mit weißem Hemd und streng gebundenem Zopf am Bechstein-Flügel, zu hören ist ein seichtes Klavierkonzert. Auf seiner Homepage schreibt der Mann, der sich in einem YouTube-Video so kultiviert inszeniert: "Ich bin der Oberste Souverän des Königreiches Deutschland und damit gegenwärtig das Staatsoberhaupt des neuen deutschen Staates und sein Repräsentant."

Peter Fitzek gründete 2012 den Fantasiestaat "Königreich Deutschland" - er ist einer der bekanntesten Vertreter der Behauptung, statt der illegalen Bundesrepublik existiere das Deutsche Reich weiter. "König von Deutschland" ist demnach Fitzek selbst, der in den vergangenen Jahren mehrere pseudostaatliche Institutionen geschaffen hat: eine Krankenkasse namens "Deutsche Gesundheit", ein Geldinstitut namens "Königliche Reichsbank", eine Währung namens "Engelgeld".

Dabei war Fitzeks Werdegang zunächst recht bürgerlich: Wie aus einem Urteil des Amtsgerichts Dessau von 2013 hervorgeht, absolvierte der vermeintliche König nach der Polytechnischen Oberschule zu DDR-Zeiten eine Ausbildung zum Koch und 1988 eine Meisterklasse. Daraufhin leitete er jahrelang als Kaufmann etwa eine Videothek, ein Schuhgeschäft und ein Tattoo-Studio.

Im Video: Razzia im "Königreich Deutschland" (2014)

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Er habe erkannt, schreibt Fitzek auf der Homepage seines Pseudostaats, "dass es eine komplette Erneuerung aller Systeme bedarf, will die Menschheit nicht wieder erst durch Krieg und Zerstörung lernen". Tatsächlich schätzt etwa der Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt laut der "Welt" Fitzeks Ansatz als eher friedlich ein. Das angebliche Königreich verfolgt demnach die "Bildung einer neuen, esoterisch-ökologisch ausgerichteten Staatsform mit abwegigen utopischen Vorstellungen".

Dabei geht der selbsternannte "Imperator Fiduziar" zwar nicht gewaltsam vor, aber durchaus kriminell: In Halle an der Saale steht Fitzek derzeit vor Gericht, weil er zwischen 2009 und 2013 Bankgeschäfte ohne Genehmigung abgewickelt haben soll. In 27 Fällen soll der 51-Jährige sich selbst bedient und insgesamt 1,3 Millionen Euro veruntreut haben. Vor Gericht bezeichnete sich Fitzek nun als "Handlanger vom Schöpfer" und beteuerte unter Tränen, das Geld sei ihm aufgedrängt worden.

Es ist nicht der erste Auftritt des derzeit inhaftierten "Königs" vor Gericht: Immer wieder hatte Fitzek die Justiz in Sachsen-Anhalt beschäftigt - weil er ohne Genehmigung "Sparhefte" oder Pflegeversicherungen vertrieben hatte und mit einem selbstgebastelten Führerschein unterwegs war. Über die "Reichsbürger" sagte er nun vor Gericht: "Mit solchen Leuten habe ich nichts zu tun. Reichsbürger sind Ewiggestrige."

  • Christian Bärthel

Auf den ersten Blick war es eine irrwitzige Posse, mit der Christian Bärthel Anfang 2013 Schlagzeilen machte: Im badischen Rickenbach wollte er sich als Kandidat für die Bürgermeisterwahl aufstellen lassen - und scheiterte. Der Wahlausschuss hatte Zweifel an Bärthels demokratischer Gesinnung, laut "Badischer Zeitung" ging er daraufhin das nächste Projekt an: Er bewarb sich beim Konklave im Vatikan um die Nachfolge Joseph Ratzingers als Papst.

Bärthel ist kein politischer Anfänger: Einst war der bekennende "Reichsbürger" stellvertretender Landesvorsitzender der "Deutschen Partei" in Thüringen, auch der DVU gehörte er früher an. Der Thüringer Verfassungsschutz stufte ihn 2003 als Rechtsextremisten ein, dem Bericht zufolge arbeitete er unter anderem als Landesbeauftragter der "Freiheitlichen Initiative Deutschlands" und trat als Redner auf Veranstaltungen der rechtsextremen NPD auf. Inzwischen hetzt Bärthel etwa für den thüringischen Pegida-Ableger Thügida gegen Muslime.

Bärthel ist kein Esotheriker wie Fitzek, ihm geht es offenkundig nicht um ein deutsches Königreich oder eigene Führerscheine - sondern um Rassismus und Revisionismus: Der wegen Volksverhetzung verurteilte Politaktivist hatte unter anderem "Rudolf-Heß-Gedenkgottesdienste" organisiert; 2012 beraumte er eine "Holocaust-Konferenz" in Nürnberg an, Titel: "Der Holocaust aus biblischer Sicht". Erst im letzten Moment stoppte die Stadt den Kongress.

Was Bärthel von vielen Gesinnungsgenossen unterscheiden dürfte: Er sieht sich als Evangelist, wie etwa die "Ostthüringer Zeitung" schreibt, und wirft schon seit Jahren mit Bibelzitaten förmlich um sich. Christlich-mitmenschlich sind seine Botschaften freilich nicht. "Wir müssen dieses System abwickeln", sagte er kürzlich in einer auf YouTube veröffentlichten Rede in Thüringen: "Die Bibel spricht eben nicht von einer Einsmacherei - sondern von Völkern, Sprachen und Nationen."

Adrian Ursache (als "Mister Ostdeutschland" 1997)
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Adrian Ursache (als "Mister Ostdeutschland" 1997)

  • Adrian Ursache

Wer sich die Bilder von 1997 anschaut, kann die Wandlung Adrian Ursaches kaum begreifen. Ein adretter junger Mann grinst da in die Kameras, glücklich über die Auszeichnung als "Mister Ostdeutschland".

Zwei Jahrzehnte später sitzt der einstige Mister Germany im Gefängnis.

Ende August schoss der frühere Schönling mit einem Revolver auf ein Spezialeinsatzkommando, das seine Wohnung in Reuden zwischen Leipzig und Jena zwangsräumen sollte. Der 41-Jährige wurde bei dem Schusswechsel schwer verletzt, ein Polizist erlitt eine Verletzung am Hals, einen weiteren Beamten biss eine Unterstützerin Ursaches. Zuvor waren bereits Pflastersteine und andere Gegenstände auf die rund 200 angerückten Beamten geflogen.

Der massive Polizeieinsatz illustriert, dass Ursache augenscheinlich zu jenen selbsternannten "Reichsbürgern" gehört, die gewaltbereit sind.

Ursache legt die Vorstellung von der unrechtmäßigen Bundesrepublik besonders radikal aus: Er soll auf seinem Grundstück den Mini-Staat "Ur" ausgerufen haben, weshalb er sich nicht an deutsche Gesetze gebunden sehe. Um diese Sichtweise zu untermauern, hatte Ursache bei einem früheren Polizeieinsatz rund 120 Unterstützer um sein Haus versammelt, darunter Frauen und Kinder - daraufhin brach die Polizei den geplanten Einsatz ab.

Seit dem eskalierten Polizeieinsatz vom August liegt Ursache nun im Haftkrankenhaus. Die Ermittlungen wegen versuchten Totschlags liefen unter Hochdruck, sagte jetzt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Ein zwischenzeitlich verhafteter Unterstützer des 41-Jährigen ist unter Meldeauflagen wieder auf freiem Fuß.

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Mit Material von dpa

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