Aus Sodeto berichtet Tim Röhn
Wer Costis Mitsotakis finden will, muss den Ortskern von Sodeto verlassen, hundert Meter geradeaus fahren, zurück zur Landstraße und schräg gegenüber einbiegen. Ein Schotterweg, rechts vertrocknete Erde und Felsen, links ein Traktor und Rinder in ihren Stallungen, eines liegt tot davor, darüber ein Heer von Fliegen. Daneben zwei Strohballen, ein Misthaufen, keine Menschenseele.
Aus dem Nichts tauchen zwei Steinhäuser auf, versteckt hinter hoch gewachsenem Getreide, eingerahmt von bröckeligen Mauern. Man schleicht um das Anwesen herum, kein Namensschild, keine Klingel, das erste Haus hat keine Fenster, es ist verbarrikadiert mit Holzplatten. Dann ein schwarzes Eisentor, ein vorsichtiger Blick.
Ein schwungvolles "Hola" fliegt dem unangemeldeten Gast entgegen. Ein schmaler Kerl, 1,80 Meter groß, marschiert in staubigen Jeans über den Hof, zwei Hunde rennen zum Tor.
Costis Mitsotakis wohnt etwas außerhalb, und das passt zu dieser Geschichte.
Denn er ist der Mann, der als einziger Bewohner des spanischen 250-Seelen-Dorfs Sodeto bei der Weihnachtslotterie "El Gordo" nicht reich geworden ist. Der banale Grund: Er hatte als Einziger kein Los gekauft. Während auf die Konten seiner Bekannten Anfang Januar insgesamt 128 Millionen Euro flossen, ging er leer aus.
"Naja", sagt Costis Mitsotakis, 42 Jahre alt, geboren in Griechenland, "manchmal denke ich schon: 'Verdammt! Ein bisschen Geld hätte ich gut gebrauchen können.'" Er sitzt auf einem Barhocker am Küchentisch und nippt an seiner Kaffeetasse. Um ihn herum: Chaos. Die Wände sind nicht verputzt, eine Schubkarre steht mitten im Raum, Zigarettenstummel liegen auf dem Boden, ein Gewirr aus Stromkabeln.
Im Hof vor der Tür liegen Baumstämme, Steine und Werkzeug. In einem Plastikeimer ist der Zement abgebunden. Mitsotakis hat das arg restaurierungsbedürftige Haus samt acht Hektar großem Grundstück vor zwei Jahren gekauft. Der Preis: 60.000 Euro. Gegenüber wird einmal sein bester Freund wohnen, aber der schiebt die anstehende Arbeit noch vor sich her.
"In diesem Jahr werde ich mitspielen"
An Mitsotakis' Pullover haften etliche Holzspäne. "Auch wenn ich Millionär wäre, würde es hier nicht anders aussehen. Ich könnte nur schneller fertig werden." Wenn er über die verpasste Chance spricht, grinst er und redet mit fester Stimme: "Ich kann gar nicht glauben, dass alle gewonnen haben. Es ist verrückt." Zweimal sagten Freunde, er solle doch endlich ein Los kaufen, "aber ich wollte nicht. Ich kann nicht mal sagen, warum".
Es wirkt nicht so, als ob ihn die Geschichte um den Schlaf bringt. Mitsotakis scheint im Reinen zu sein mit sich. Seine Augen sind ruhig, sein Lächeln ist verschmitzt. Aber klar ist: "In diesem Jahr werde ich mitspielen." Denn als das ganze Dorf vor Freude tanzte und sang, feierte Costis Mitsotakis zwar mit. "Aber es war schon ein komisches Gefühl."
In Sodeto wird man geboren, und man stirbt hier, sagen die Bewohner. Mitsotakis ist eine Ausnahme. Vor acht Jahren lernte er in Athen seine spätere Freundin Sandra kennen. Sie stammt aus Sodeto. Das Paar kaufte sich ein klappriges Wohnmobil und fuhr los, der einzige Plan war: sich umschauen. Bulgarien, Serbien, Ungarn, Österreich, Italien, Frankreich, Spanien, immer weiter.
Nach drei Jahren sahen sie das Ortsschild von Sodeto. Sandras Oma hatte hier ein großes Haus, sie zogen ein. Als die Oma starb, restaurierten sie das Anwesen. Dann trennten sie sich. Mitsotakis zog aus, aber er hatte genug von der Rumtreiberei, wollte einen Platz zum alt werden. Das Dorf gefiel ihm, die Herzlichkeit der Menschen, die Weiten, die Abgeschiedenheit.
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