Rekord-Lottogewinn: Wie es sich mit 100 Millionen Euro lebt

Aus Sodeto berichtet Tim Röhn

Mehr als 100 Millionen Euro für 250 Menschen: Das spanische Dorf Sodeto räumte bei der Weihnachts-Lotterie "El Gordo" mächtig ab. Was macht man mit so viel Geld? Hochmut, Neid, Missgunst und teure Sportwagen sucht man dort jedenfalls vergeblich. Ein Ortsbesuch.

100 Millionen Euro für 250 Menschen: Ein Dorf räumt ab Fotos
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Ein Mann mit schmutzigen Lederschuhen und ungekämmten Haaren steht im Matsch. Der Wind bläst kräftig, es ist eiskalt, die Sonne geht bald unter. José Antonio, 26 Jahre alt, 1,75 Meter groß, müde Augen, präsentiert das, was er sich vor ein paar Tagen gekauft hat: ein Feld. Es ist knapp acht Hektar groß, bisher ungenutzt, aber das soll sich bald ändern. Der neue Besitzer will Getreide anbauen.

Antonio hätte sich angesichts seines Vermögens ganz andere Dinge kaufen können, und auch einen anderen Boden könnte er jetzt unter seinen Füßen haben. Der Landwirt gehört zu den 250 Einwohnern von Sodeto, jenem Dorf in Nordspanien, das gemeinsam mit umliegenden Geimeinden bei der Weihnachts-Lotterie "El Gordo" mehr als 100 Millionen Euro gewonnen hat. Das Besondere: In Sodeto war fast jeder im Besitz eines Loses, dies hat dem Ort kollektiven Wohlstand gebracht.

Bei "El Gordo" (zu deutsch: der Dicke) werden jährlich am 22. Dezember mehr als zwei Milliarden Euro ausgeschüttet. 58268 lautete die Losnummer, die im Bezirk Monegros in der Autonomen Region Aragonien auf 180 Tippscheine gedruckt war. Der Preis je Los: 20 Euro. Viele Menschen kauften Anteile, bildeten sozusagen Tippgemeinschaften. Der kleinste Einsatz betrug fünf Euro.

Aber selbst Bewohner, die wenig investierten, wurden auf einen Schlag reich, als die Zahlenkombination 58268 als erster Preis ausgelost wurde: Jeder bekam das Zwanzigtausendfache seines Einsatzes zurück - mindestens also 100.000 Euro.

Ein Geldregen in Höhe von insgesamt 720 Millionen Euro ging damit auf Huesca nieder, eine Provinz, die von der Jugend verlassen wird und in der die Alten ratlos zurückbleiben. Es gibt nur wenig Arbeit, und wenn, dann in der Landwirtschaft. Die Szenerie ist karg, rot-braun schimmern die Bergmassive, auf den Landstraßen mehr Kühe als Autos, sieben Einwohner pro Quadratkilometer. So stellt man sich das Niemandsland vor.

Wegziehen will niemand

Auf einem Feld, 300 Meter entfernt von Sodetos Ortskern, schaut sich José Antonio um, ohne dass seine Augen irgendwo hängen bleiben. "Ich war noch nie woanders, und ich gehe hier auch nicht weg. Gewinn hin oder her", sagt er. "Für Luxus oder irgendwelche Reisen gebe ich mein Geld nicht aus. Ich habe ein zweites Stück Land für mich und meine Eltern gekauft, da werde ich arbeiten. Ich bin glücklich so."

Wie viel er und seine Familie gewonnen haben, will er nicht verraten, das hat ihn die Erfahrung gelehrt. Kurz nach der Ziehung kamen viele zu den Feiernden nach Sodeto, die Bewohner nannten freudestrahlend die Höhe ihrer Gewinne. Am Ende wurde zusammengerechnet, die Summe ergab 128 Millionen Euro.

Am nächsten Tag schreckten sie in Sodeto früh morgens auf, als sich ein Truck durch die engen Gassen schob und hupte. Der Fahrer parkte vor der Kirche und lud einen Jaguar im Wert von 250.000 Euro ab. Die Menschen zogen ihre Gardinen zur Seite, schauten kurz aus dem Fenster und schliefen dann weiter. Es war die erste von Dutzenden Werbemaßnahmen, die allesamt verpufft zu sein scheinen.

Das Geld für schlechte Zeiten zur Seite gelegt

In Sodetos sieben Straßen stehen auch heute, fünf Wochen nach dem Gewinn, keine teuren Sportwagen. Über den Schultern der Frauen baumeln keine Louis-Vuitton-Taschen, die Handgelenke der Männer ziert keine Rolex. Dabei werden die Menschen an jeder Ecke der geballten Versuchung ausgesetzt. An einer Holzwand neben dem Rathaus kleben Flugblätter: Angebote für Autos, Kleidung, Apartments am Meer, Bau- und Installationsarbeiten, Yoga-Kurse im 40 Kilometer entfernten Huesca.

Francisco, der seinen Nachnamen nicht nennen will, weil niemand seine Adresse herausfinden soll, reißt ein Blatt von der Pinnwand der einzigen Bar im Dorf. Darauf: Sechs verschiedene Jeeps mit luxuriöser Ausstattung, die sich fast jeder hier jetzt leisten könnte.

"Wir wollen diese Angebote nicht! Wir nehmen das Geld, um Probleme zu lösen, nicht um zu konsumieren. Der Gewinn wird für schlechte Zeiten zur Seite gelegt", sagt Francisco. Selbst die, die Millionen gewonnen haben, seien am Tag danach wieder auf dem Feld gewesen. Nur treffen könne man sie nicht. Sie wollten nicht mit Fremden reden, aus Angst, für verrückt erklärt zu werden.

Um die Menschen in Sodeto zu verstehen, muss man ihr Lieblingswort kennen: tranquilidad. Man kann es mit Ruhe oder Gelassenheit übersetzen. "Bei uns hat vor der Lotterie tranquilidad geherrscht, und es wird weiter tranquilidad herrschen", erklärt Bürgermeisterin Rosa Pons Serena.

Eine Frage der Prioritäten

Sie hat Feierabend, trägt einen schwarzen Frottee-Jogginganzug und lehnt sich im heimischen Wohnzimmer in ihrem Polstersofa zurück. Im TV läuft eine Dokumentation über Tiger. "Ich trage viel Freude in mir", sagt sie, "denn wir brauchten dringend Geld, vor allem für die Landwirtschaft. Maschinen müssen ausgetauscht oder neu gekauft werden, damit weiter gearbeitet werden kann. Der Gewinn kommt zum richtigen Zeitpunkt."

Viele Menschen in Sodeto erzählen, dass sie ihre Häuser renovieren wollen. Einige planen den Bau einer Veranda oder den Kauf einer neuen Küche. Zwei ramponierte Autos konnten dank "El Gordo" endlich repariert werden. Wegziehen will niemand. Dalea, 33 Jahre alt, Haushälterin und Gewinnerin von 100.000 Euro, sagt: "Mir fällt nichts ein, was ich mir wünschen sollte."

Der Umgang mit dem plötzlichen Reichtum ist auch eine Frage der Prioritäten. Wenn man alles hat, was man für wichtig hält - was soll man dann kaufen? "Nichts", sagt Landwirt José Antonio, "ich will keinen Jaguar, ich will nur meinen Traktor." Er überlegt ein paar Sekunden, beginnt zu lachen und sagt: "Man muss sich das mal vorstellen: In Sodeto käme plötzlich jemand mit einem Jaguar vorgefahren…"

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insgesamt 56 Beiträge
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1. Da wünscht man sich doch...
adam68161 06.02.2012
Zitat von sysopMehr als 100 Millionen Euro für 250 Menschen: Da
dass alle Lottogewinner diese Haltung hätten! Dann wäre das Geld für den Einsatz richtig ausgegeben!
2.
deus-Lo-vult 06.02.2012
Zitat von sysopMehr als 100 Millionen Euro für 250 Menschen: Das spanische Dorf Sodeto räumte bei der Weihnachts-Lotterie "El Gordo" mächtig ab. Was macht man mit so viel Geld? Hochmut, Neid, Missgunst und teure Sportwagen sucht man dort jedenfalls vergeblich. Ein Ortsbesuch.
Das spricht doch absolut für die Menschen dort! WEnn es so bleibt: Respekt! In Deutschland nicht denkbar....
3. Ganz dickes Lob!
ric1992 06.02.2012
Zitat von sysopMehr als 100 Millionen Euro für 250 Menschen: Da
Man muss, denke ich, an dieser Stelle nicht viel sagen: ein ganz dickes Lob aber an diese Menschen, die der (unnötigen) Konsumwirtschaft widerstehen können! Glück lässt sich eben nicht über Konsum definieren!
4.
Noctim 06.02.2012
Zitat von sysopMehr als 100 Millionen Euro für 250 Menschen: Da
Was für eine Einstellung! Geld alleine macht nicht glücklich? Man sollte der Sache ein paar Monate/Jahre Zeit lassen. Irgendeiner wird schon anfangen mit neuen Autos, Häusern und Luxusgütern. Es liegt leider in der Natur des Menschen, sich durch "Möglichkeiten" korrumpieren zu lassen und sich äußerlich über andere Menschen zu erheben. Ich denke das Dorf befindet sich noch in einer positiven Schockstarre, während die meisten sich privat durchaus die besten Anlagemöglichkeiten durchrechnen.
5. Och Joh!
Dr. Fuzzi 06.02.2012
Rund 400.000 € pro Gewinn ist eher überschaubar, um dabei völlig aus dem Häuschen zu sein. Dieser Betrag reicht garantiert nicht um dauerhaft sorgenfrei zu leben. Warum sollen diese Leute nun ausflippen?
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