Religion in Malaysia Gottes brave Nachbarn

Eine Straße, vier Gotteshäuser: In der malaysischen Stadt Malakka wohnen Islam, Buddhismus, Hinduismus und Christentum Tür an Tür. Man respektiere einander, sagen die Nachbarn - mit der Nächstenliebe tun sie sich trotzdem schwer.

Marcel Klovert

Von , Malakka


Morgens um halb fünf steht die Äbtissin des chinesischen Cheng-Hoon-Teng-Tempels in Malakka auf, um die ersten Sutras zu singen. Seck Lee Seng, 63, ist klein, hager und trägt eine graue Kutte. In der gewaltigen Tempelhalle, in der jeder Holzbalken mit Schnitzereien verziert ist, sieht man sie kaum. Ihre Ohrmuscheln sind so zart, dass sie rosafarben schimmern.

Während die Äbtissin die Lehren Buddhas murmelt, klingelt im Haus des Imam nebenan der Wecker. Haji Ramli Bin Haji Dolah, 52, übersieht man nicht. Der massige Mann hebt sich aus dem Bett, öffnet das Tor der Kampung-Kling-Moschee und sinkt um kurz vor sechs zum ersten Mal auf den Teppich der Gebetshalle. Der Ventilator bauscht sein knöchellanges Gewand wie ein Segel im Wind.

Während der Imam Verse aus dem Koran rezitiert, wäscht der Brahmane eine Tür weiter den Penis, der für Shiva steht, in Milch und Wasser. Jothir Mahalingam Subramaniam, 32, reinigt auch den Elefantengott, die Göttin der Windpocken und die anderen Götter im Sri-Poyatha-Moorthi-Tempel wie jeden Morgen und kleidet sie in frische Tücher und Blumen. Streifen aus heiliger Asche zieren seinen nackten Oberkörper, um die Hüften hat er ein Tuch geschlungen.

Die Äbtissin, der Imam und der Brahmane wohnen in der alten malaysischen Handelsstadt Malakka Tür an Tür. Etwas abseits liegt auch eine Kirche. Die Straße heißt Jalan Tukang Emas, übersetzt Goldschmiedstraße, ihr Spitzname lautet "Straße der Harmonie". Denn seit mehr als zweihundert Jahren stehen hier die Gotteshäuser der vier Weltreligionen Buddhismus, Islam, Hinduismus und Christentum dicht beieinander. Und stets habe Frieden zwischen ihnen geherrscht, beteuern die Hausherren.

Doch was denken sie über ihre Nachbarn, die ihnen so unähnlich sind?

"Ich verstehe nicht viel von anderen Religionen", sagt die Äbtissin, die vor 35 Jahren Nonne wurde, weil der frühere Abt des Tempels es so wollte. "Ich möchte neutral bleiben. Jeder Glaube ist ein guter Glaube." Nie habe man Probleme gehabt mit den Nachbarn. "Wir respektieren uns."

Der Pastor predigt nur am Wochenende

"Allah ist der einzige Gott, das steht im Koran", sagt der Imam, der seinen ersten Job in der Moschee bekam, weil er die schwierigen arabischen Verse so schön rezitierte. Dass die Nachbarn Bilder und Statuen verehrten, müsse man hinnehmen. "Wir beten, dass Allah allen Menschen den richtigen Weg zeigt."

"Es ist egal, zu wem wir beten", sagt der Brahmane, der in Indien Maschinenbau studierte. Er gab seine Stelle bei einem Autozulieferer auf, um sein Leben Shiva zu widmen, wie es sein Vater und Großvater getan hatten. "Alle Götter sind gleich."

Zur Kirche sind es drei Minuten zu Fuß, vorbei an Trödelläden, chinesischen Gebäckverkäufern und Straßenlokalen. Die Tamil Methodist Church, errichtet 1801, ist das jüngste der vier Gotteshäuser. Pastor Joseph Deva Kumar Peter, 59, predigt nur am Wochenende, er wohnt nicht in Malakka. Vielleicht ist er deshalb frei, zu sagen: "Hier herrscht keine Harmonie, wie sie im Lehrbuch steht." Die Gesellschaft sei zerrissen, die Muslime fühlten sich überlegen. "Wir tolerieren uns. Aber es ist nicht so, dass wir uns an einen Tisch setzen und zusammen essen", sagt der Pastor.

Nur etwa zwei Drittel der Einwohner Malaysias sind Muslime, doch der Islam ist Staatsreligion. Außerdem muss man muslimisch sein, um gemäß der Verfassung zur ethnischen Gruppe der Malaien zu zählen. Und Malaien genießen in dem südostasiatischen Land, in dem auch viele Chinesen, Inder und indigene Völker leben, gewisse Vorrechte, wenn es um die Vergabe von Stipendien, Studienplätzen, Beamtenstellen und Firmenlizenzen geht.

An der Oberfläche leben die vielen Kulturen und Religionen in Malaysia zwar harmonisch zusammen. Doch ihre Leben überschneiden sich kaum. Die vier ungleichen Nachbarn in Malakka besuchen sich selten. Er habe einmal einen Blick in die anderen Gotteshäuser geworfen, sagt der Imam. Er habe einmal nachgeforscht, ob er Christi Gegenwart auch in der Moschee spüren könne, sagt der Pastor. Jesus habe ihn nicht verlassen. Man tausche zu den Festtagen Geschenke aus, sagt die Äbtissin. Kekse und Mandarinen, bestätigt der Imam. Der Brahmane sagt, er gehe eigentlich gern in Moscheen, Tempel und Kirchen.

Vier Motorradhelme im Hauseingang

Erfüllt die Religion sie selbst und macht sie zu glücklichen Menschen?

Auf dem rasierten Schädel der Äbtissin leuchten drei weiße Punkte, wo kein Haar mehr nachwächst, seit dort drei Räucherstäbchen herunterbrannten. So bewies sie ihre Willensstärke, bevor sie Nonne wurde. Seck Lee Seng hatte jahrelang gezögert, bevor sie sich für das Leben im Tempel entschied. Nun bewohnt sie zwei Zimmer hinter der Gebetshalle. Bad und Küche teilt sie mit anderen Nonnen. Nach zwölf Uhr mittags darf sie nicht mehr essen. "Glücklich oder nicht, das Leben geht weiter", sagt sie. "Ich versuche, nicht so viel darüber nachzudenken." Ob sie denn unglücklich aussehe, fragt sie zum Abschied, und hebt die Mundwinkel zu einem seltenen Lächeln.

Im Hauseingang des Imam liegen vier Motorradhelme und drei Fahrräder. Er bewohnt ein großes Haus neben der Moschee, er hat neun Kinder und Zimmer mit Klimaanlage. Vor den Gebetszeiten wäscht er sich an einem Becken mit goldenem Springbrunnen. "Ich bin sehr glücklich", sagt Haji Ramli Bin Haji Dolah. "Allah schenkt mir Zufriedenheit." Er klopft sich mit der rechten Hand aufs Herz und strahlt. Ob er auch mal einen schlechten Tag habe? "Nein, das Beten macht mich stark. Allah löst alle Probleme, wenn wir nur geduldig sind und beten."

Glücklich? Der Pastor hält inne, seine großen, braunen Hände ruhen auf dem Tisch. "Es gibt noch so viel zu tun." Er wolle sein Leben den Menschen und Jesus hingeben, er sei zwar nicht Nelson Mandela, aber auch er wolle für Gerechtigkeit kämpfen und anderen Freude bereiten, so gut er es vermöge. "Das erfüllt mich."

Im Herzen des Brahmanen scheint jeden Tag die Sonne. Zumindest wirkt es so, wenn er sagt: "Ich bin der glücklichste Mensch auf der Erde." Sein Leben sei so bunt und fröhlich wie die Blumengirlanden, die er um die Götterstatuen hängt. "Ich liebe meine Religion, meine Kultur, meine Familie." Und wenn er mal schlecht drauf sei, betrachte er seine dreijährige Tochter. "Das macht mich immer glücklich."

Es ist dunkel geworden auf der Jalan Tukang Emas. Der Brahmane wäscht noch einmal seine Götter in Milch. In der Moschee sinken Gläubige zum letzten Gebet auf die Knie. Die Räucherstäbchen im chinesischen Tempel zeichnen Kringel in die Abendluft. Und die Kirche? Die hat schon geschlossen.



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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
cededa 24.08.2014
1. Der Brahmane
... kommt am sympatischsten rüber.
jbond007 24.08.2014
2. Religionen sind das Grunduebel der Menschheit
Jedenfalls die 3 grossen Buchreligionen, die ihren jeweiligen Glauben als einzige Wahrheit ansehen. Daraus folgt zwingend, dass die anderen Glauben minderwertiger sind. Konflikte sind so vorprogrammiert. Erst wenn der Mensch erkennt, dass Religionen der Quell von Konflikt sind und dass Glaube etwas rein Privates fuer den Hausgebrauch zu sein hat und aus der Oeffentlichkeit verbannt wird, dann besteht eine groessere Chance zu friedlichem Miteinander. Darauf muessen wir aber wohl noch 1000 Jahre warten.
winki 24.08.2014
3. Frieden unter den Religionen, ...
das ist etwas was immer seltener wird und worum man Malaysia beneiden kann. Ich war in den vergangenen 20 Jahren mehrfach in Malaysia. Anfangs als Visa-Run Tourist von Thailand kommend, später aus Begeisterung über das Land für mehrfach länge Zeit. Ich selbst bin Atheist mit einem Febel für den Buddhismus. Wie in dem Artikel beschrieben leben die unterschiedlichsten Religionen Tür an Tür. Man kennt sich, man grüßt sich, mehr passiert nicht. Warum auch? Abgesehen von der Grenzregion zu Thailand herrscht zwischen allen Religionen Frieden. Genau das ist doch das wichtigste. Das erstaunliche daran ist, der Religionsfrieden untereinander ist nicht staatlich verordnet und wird weder von der Polizei noch vom Militär überwacht. Es funktioniert ganz einfach, vielleicht auch deshalb. Der Islam ist Staatsreligion und die Muslime dominieren die Gesellschaft obwohl sie keine Mehrheit bilden. Der Islamismus in Malaysia beweist in seiner sehr gemäßigten Form, das er auch durch aus mit anderen Religionen auskommen kann, überhaupt nicht vergleichbar mit dem arabischen Raum. Aus meiner Erfahrung betrachte ich Malaysia als beispielgebend, dass völlig unterschiedliche Religionen durchaus zusammen leben können, man muss nur wollen.
Newspeak 24.08.2014
4. Strasse der Harmonie...
"Ich verstehe nicht viel von anderen Religionen", sagt die Äbtissin, die vor 35 Jahren Nonne wurde, weil der frühere Abt des Tempels es so wollte. "Ich möchte neutral bleiben. Jeder Glaube ist ein guter Glaube." [...] "Allah ist der einzige Gott, das steht im Koran", sagt der Imam, [...] "Es ist egal, zu wem wir beten", sagt der Brahmane,..."Alle Götter sind gleich." [...] "Wir tolerieren uns. Aber es ist nicht so, dass wir uns an einen Tisch setzen und zusammen essen", sagt der Pastor. Momentan mag "Harmonie" herrschen, aber den Aussagen der jeweiligen Religionsvertreter kann man schon jetzt entnehmen, wer irgendwann den Frieden bricht. Während der Brahmane jeden nach seiner Facon glücklich werden lässt und die buddhistische Nonne eingestehen kann, nicht alles besser zu wissen, und daher neutral bleiben will, schimmert beim christlichen Priester schon leichte Verachtung durch, zumindest Unverständnis, und der Imam ist ignorant, arrogant und so von sich eingenommen, daß es Zufall wäre, wenn nicht der Islam in Zukunft für den Bruch des Friedens sorgt.
cucco 24.08.2014
5. Alte Kamellen
Zitat von jbond007Jedenfalls die 3 grossen Buchreligionen, die ihren jeweiligen Glauben als einzige Wahrheit ansehen. Daraus folgt zwingend, dass die anderen Glauben minderwertiger sind. Konflikte sind so vorprogrammiert. Erst wenn der Mensch erkennt, dass Religionen der Quell von Konflikt sind und dass Glaube etwas rein Privates fuer den Hausgebrauch zu sein hat und aus der Oeffentlichkeit verbannt wird, dann besteht eine groessere Chance zu friedlichem Miteinander. Darauf muessen wir aber wohl noch 1000 Jahre warten.
Wenn es keine Religionen wären, wären es Ideologien, wenn auch Ideologien abgeschafft werden und man den Namen nicht mehr verwenden dürfte, dann wäre es Politik. Wenn es keine demokratie mehr gäbe und Politik nicht mehr erlaubt wäre, dann würde man es eben immer anders nennen, doch das Geschäft ums Sprituelle wird desto mehr wachsen je mehr die Welt verkommerzialisiert wird und menschliche Existenzfragen nur noch materiell gelöst werden sollen. Vorige Woche in den englischen Nachrichten wurde über die hohe Zahl der aus England stammenden IS Mörder diskutiert: "Unbegreiflich, warum sie ( die muslimischen Männer) zu den IS gelaufen sind, hier in England haben sie doch alles, was man für ein gutes Leben braucht"....wer so argumentiert, hat m.E. wenig Ahnung von Menschen.
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