Religionsstreit in Amerika: Bartklau in Christensekte - FBI nimmt Verdächtige fest

Die Täter schlichen sich nachts an - und schnitten ihren Opfern den Bart ab: Eine Serie von Zwangsrasuren unter Amish sorgte in den USA für Aufregung. Jetzt hat das FBI sieben Personen festgenommen, wegen religiös motivierter Straftaten.

Amish People: Bart-ab-Skandal mit Folgen Fotos
AP

Youngstown - Der Bart ist den Amish heilig. Er ist mehr als ein Relikt vergangener Zeiten, er ist Ausdruck von Männlichkeit und Würde, zeigt sogar den aktuellen Familienstand an. "Ich würde mich lieber grün und blau schlagen lassen, als durch eine Rasur entstellt und gedemütigt zu werden", sagte ein Mitglied der fundamentalen Christengemeinschaft der "New York Times".

Der Mann weiß, wovon er spricht, ist er doch Opfer seiner eigenen Glaubensbrüder geworden: Mit Scheren und Elektro-Rasierern rückten sie ihm laut seiner Aussage zu Leibe, schnitten ihm den Bart ab und dokumentierten ihre Tat mit Fotos.

Mindestens sechs solcher bizarren Bart-Attacken soll es in den vergangenen Monaten in Ohio gegeben haben. In dem US-Bundesstaat leben mit rund 55.000 Anhängern die meisten Amish der USA. Anfang Oktober wurden bereits drei mutmaßliche Angreifer dem Haftrichter vorgeführt. Zwei weitere stellten sich freiwillig. Allerdings kamen alle fünf kurz darauf gegen Kaution frei.

Staatsanwaltschaft vermutet religiös motivierte Angriffe

Jetzt jedoch schlug das FBI zu: Am Mittwoch nahm die Bundespolizei in dem abgelegenen Dorf Bergholz im Osten Ohios sieben Amish fest. Der Vorwurf: Sie sollen aus Hass und religiösem Wahn Männern und Frauen aus ihrer Gemeinschaft Bärte und Haare abgeschnitten haben. Unter den Tatverdächtigen sind der 66-jährige Sam Mullet und drei seiner Söhne.

Aus vom FBI mitgeschnittenen Telefonaten geht hervor, dass Mullet mit den im Oktober vorübergehend festgenommenen Glaubensbrüdern weitere Anschläge plante. Die Anklage bezieht sich außerdem auf Interviews, in denen Mullet unmissverständlich erklärt hatte, dass es sich um einen religiösen Konflikt handele und es ihm erlaubt sein solle, jene zu bestrafen, die die Gesetze der Kirche verletzten. Der 66-Jährige soll nicht davor zurückgeschreckt sein, seine eigene Schwester verfolgen zu lassen, weil diese der Gemeinschaft abgeschworen hatte.

"Wir glauben, dass die Angriffe religiös motiviert waren", sagte Staatsanwalt Steven M. Dettelbach. Zwar stünde es den Menschen im Land frei, über Religion zu streiten. "Aber wir regeln solche Meinungsverschiedenheiten nicht mit nächtlichen Besuchen, gefährlichen Waffen und gewaltsamen Übergriffen."

Sex zur Reinigung vom Teufel

Vieles, was jetzt über Mullet bekannt wurde, erinnert an das Gebaren eines Sektenführers: Dem FBI zufolge soll er ein eisernes Regime geführt und die 120 Bewohner seiner Sippe voll unter Kontrolle gehabt haben. Ehemalige Anhänger berichteten, er habe Ungehorsame tagelang in einen Hühnerstall gesperrt oder geschlagen. Mullet habe Sex mit verheirateten Frauen gehabt, um sie "vom Teufel zu reinigen", heißt es in einer eidesstattlichen Erklärung, aus der die "New York Times" zitiert.

Nach Konflikten mit den konservativen, prinzipiell pazifistischen Führern der "Old Order Amish"-Gruppierung hatte sich Mullet 1995 mit seiner Gefolgschaft in ein einsames Tal in der Nähe von Bergholz im Osten Ohios zurückgezogen. 1997 wurde er Pfarrer, später Bischof. Es kam zu Streitigkeiten mit anderen Bischöfen, nachdem er erfolglos versucht hatte, acht abtrünnige Familien aus seiner Sippe zu exkommunizieren. Wenig überraschend: Die jüngsten "Bart-Opfer" sind Geistliche, die sich gegen diese Exkommunikation ausgesprochen hatten sowie Glaubensbrüder, die den Familien 2005 halfen, der Herrschaft Mullets zu entkommen.

Den Fall ins Rollen gebracht hatte Raymond Hershberger, Bischof der Amish-Gemeinde in Holmes County. Er wurde am späten Abend des 3. Oktober in seinem eigenen Haus überfallen. "Wir sind hier, um Rache für Sam Mullet zu üben!", sollen die Angreifer gerufen haben, als sie sich auf ihn stürzten und ihm und seinem Sohn die Bärte abschnitten. Auch Myron Miller aus einem benachbarten Landkreis wurde in derselben Nacht zum Opfer. Hershberger und Miller erstatteten Anzeige.

ala

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insgesamt 33 Beiträge
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1. The land of the free and home of the brave............
pudel_ohne_mütze 24.11.2011
Zitat von sysopDie Täter schlichen sich nachts an - und schnitten ihren Opfern den Bart ab: Eine Serie von Zwangsrasuren unter Amischen sorgte in den USA für Aufregung. Jetzt hat das FBI sieben Personen festgenommen, wegen religiös motivierter Straftaten. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,799720,00.html
Also es ist nicht immer angebracht, einfach alte Zöpfe abzuschneiden. Da kann man schon in Teufels Küche kommen. F ederal B ureau of I diots
2. Wenn es um Bärte geht ... dann
Stefan Neudorfer 24.11.2011
Würde es sich um Gewalt in anderen Religionen handeln, dann wäre nicht der Bart ab, sondern der Kopf. Geschieht so mit den Bahai im Iran, den Ahmadiyya in Pakistan, den Schiiten in Saudi Arabien oder Afghanistan. Aber wenn es um christliche Bärte geht ... dann ist es spiegel.de ein wichtiges Anliegen. Darüber berichtet man wohl gerne. In Ägypten werden laufend koptische Klöster überfallen, es werden Kopten misshandelt, es werden Koptinnen entführt und zwangsislamisiert und obwohl Ägypten näher ist als die USA, wird davon auf spiegel.de nicht berichtet. Warum eigentlich? Es werden Christen im Iran, im Irak, in Saudi Arabien, in Syrien und in der Türkei verfoglt. All diese Lädner sind nicht weit weg von Deutschland, die Türkei will sogar in die EU. Will man die Urlaubsländer Ägypten oder Türkei nicht schlecht reden? Oder ist spiegel.de blind wenn es um Gewalt gegen Christen geht?
3. Ich frage mich…
peterbruells 24.11.2011
Zitat von pudel_ohne_mützeF ederal B ureau of I diots
was Sie damit nun ausdrücken wollen. Es gab eine Straftat (naja, nach deutschem Recht, wie sie das drüben Handhaben ist eine andere Frage) und die Behörden haben ermittelt und gehandelt.
4. Wie schön ...
gunman 24.11.2011
Wie schön, Religionswahnsinnige unter sich. Immer machen lassen und nur die Kinder wegholen und Pflegefamilien geben und so diese Sümpfe austrocknen.
5. .
donvito85 24.11.2011
Immerhin verbindet diese Gemeinschaft ihre Racheakte im schlimmsten Falle mit Bartabschneiden und nicht wie andere religiöse Gemeinschaften mit Morden... Was ich ja lustig finde, man mag diese amische Community als rückständig, naiv und ignorant betrachten (mich inklusive)... aber von Kriegen oder Finanzkriesen werden diese die letzten sein, die davon was mitbekommen, bzw in irgend einer Weise davon betroffen sein werden...
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Die Amish
Die Wurzeln der fundamentalchristlichen Sekte
Die Bezeichnung Amish geht auf Jakob Amman zurück, einen Gemeindevorsteher, dem die Regeln und Bibel-Auslegungen der meisten Mennoniten-Gemeinden nicht streng genug waren. Die Glaubensgemeinschaft entstand 1693 als Abspaltung von den Mennoniten, beide haben ihre Wurzeln in der reformatorischen Täuferbewegung. Sie sind eine streng christliche Glaubensrichtung, bilden aber keine formelle Kirche: Die Gemeinden sind autonom und definieren ihre Regeln grundsätzlich selbst - es gibt darum zahlreiche kleine Unterschiede. Die strenggläubigen Amish folgen aber einem Kanon gemeinsamer Grundsätze und werden oft unter dem Begriff Old Order Amish zusammengefasst.
Lebensweise und Kirche
Sie leben nicht in Städten oder Dörfern, sondern in Streugemeinden ohne Zentrum. Jedes Amish-Haus wird für die Gemeinde in einem festgesetzten Turnus zur Kirche, in der der sonntägliche, sich über mehrere Stunden hinziehende Gottesdienst stattfindet. Trotzdem kennt die Glaubensgemeinschaft ein hierarchisch organisiertes Priesteramt: Jedem Distrikt steht ein Bischof vor, der gegenüber einer Reihe von Pfarrern und Diakonen weisungsbefugt ist.
Die Amish in Nordamerika
Ursprünglich in der Schweiz, im Elsass, Lothringen, dem heutigen Saarland und der Pfalz beheimatet, sahen sich die Amish im beginnenden 18. Jahrhundert einer zunehmenden Verfolgung vor allem durch das katholische Frankreich ausgesetzt. Wie viele fundamentalistisch-reformatorische Sekten suchten auch die Amish Zuflucht in Nordamerika.

Dort leben variierenden Schätzungen zufolge rund 250.000 Amish verteilt über 19 US-Bundesstaaten und Kanada, vor allem in ländlichen Kleingemeinden. Ihre Sprache beruht auf dem sogenannten Pennsylvania Dutch, das heute aber nur noch selten in Reinform gesprochen wird - vor allem in den letzten Jahrzehnten kam es zu einem vermehrten Import englischen Vokabulars.

Die meisten Amish pflegen zwar eine Lebensweise, die der vergangener Jahrhunderte ähnelt, sind jedoch wohl keine bedrohte Kultur: Mit einem Bevölkerungswachstum von sechs Prozent gehören sie in den USA zu den schnellstwachsenden Bevölkerungsgruppen.

Rumspringa: Amish wird man erst als Erwachsener
Junge Amish werden vor ihrer im Erwachsenenalter erfolgenden Taufe vor die Wahl gestellt, ob sie der Gemeinschaft weiter angehören wollen: Dem geht eine Rumspringa genannte Zeit voraus, in der sie sich in der Welt umsehen sollen. Wer sich für die Gemeinschaft entscheidet, unterwirft sich damit einem strengen, religiös begründeten Regelwerk (der "Ordnung"), das vom Geschlechterverhältnis über Verhaltensweisen bis zur äußeren Erscheinung alle Bereiche des Lebens umfasst.
Die Sache mit den Bärten: sichtbarer Ausdruck der "Ordnung"
Dazu gehört auch die eigentümliche Barttracht der Männer: Das Vorderkinn und die Oberlippe werden rasiert, junge Männer tragen den übrigen Bart gestutzt. Nach der Heirat wird der Bart - so wie die Haare der Frauen - dagegen nicht mehr geschnitten: Am wild wuchernden Rauschebart erkennt man also ein etabliertes Gemeindemitglied mit eigener Familie. Auch Kleidungsmaterialien und Farben unterliegen Vorschriften, züchtiges Auftreten ist Pflicht, Frauen sind Kopftücher vorgeschrieben, die unter anderem ihren Familienstand signalisieren, und jeglicher Schmuck verboten.
Reibungsflächen: Glauben und Neuzeit
Amish erkennen allein die Bibel als religiöses Buch an, in ihren sozialen Regeln berufen sie sich vor allem auf das Neue Testament und besonders die Bergpredigt. Hier liegt der Grund für ihren kategorischen Pazifismus, Amish lehnen jede Gewalt und jede Form von Kriegsdienst ab.

Grundprinzipien ihres Handels sind Demut, Gelassenheit und die Ächtung jedes Hochmuts: daran machen sich alle sozialen Regeln des "Ordnung" genannten Verhaltenskodex fest. Die Bibel ist ihnen ein wörtlich zu verstehendes Buch. Daraus resultiert auch die Ablehnung vieler wissenschaftlicher Erkenntnisse und des allgemeinen Schulwesens: Religiös begründet besuchen die meisten Amish-Kinder keine öffentlichen Schulen, in denen beispielsweise Evolutionslehre unterrichtet wird, sondern werden privat unterrichtet, in der Regel durch unverheiratete junge Frauen.

In vielen Amish-Gemeinden wird die "Ordnung" in den letzten Jahrzehnten weniger streng ausgelegt. Die verstreute Lebensweise bringt eine Vielzahl von Kontakten mit Nicht-Amish-Nachbarn mit sich. Auch wachsender Wohlstand befördert den Trend, etwa technische Hilfsmittel in der Landwirtschaft in Anspruch zu nehmen. Die Amish bieten in dieser Hinsicht kein homogenes Bild mehr: In manchen Gemeinden bewegen sie sich per Fahrrad oder erzeugen sogar selbst Strom, während andere Gemeinden das streng verbieten. Anders als es ihr Image suggeriert, erweisen sich Amish-Gemeinden dabei durchaus als Adaptionsfähig.