Rettungsbohrung in Chile Kumpel, bald wird's königlich!

Die Rettung der verschütteten chilenischen Bergleute steht kurz bevor - und die ganze Welt nimmt Anteil. Doch für die Kumpel dürfte die Zeit nach der Befreiung schwer werden: Tausende Reporter, Psychologen und Politiker warten auf sie. Zum Glück aber auch eine königliche Überraschung.

dpa

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Copiapó - Drei Bohrer graben sich in der chilenischen Atacama-Wüste derzeit parallel in die Erde. Der schnellste von ihnen, ein Gerät vom Typ Schramm T-130, stieß am Freitag auf 585 Meter vor, wie die Zeitung "El Mercurio" berichtet. Nur 43 Meter tiefer liegt eine Werkstatt, zu der die Verschütteten Zugang haben. "Mit ein bisschen Glück können wir den Durchbruch von Samstag auf Freitag vorziehen", sagte der chilenische Bergbauminister Laurence Golborne.

Danach müssten die Rettungsteams entscheiden, ob sie aus Sicherheitsgründen Stahlröhren in den Schacht einlassen. Falls ja, und danach sieht es derzeit aus, werde sich die Rettung um acht bis zehn Tage verschieben.

Der 49-jährige Minister, der einer besorgten Nation seit Wochen zum Fortschritt bei der Kumpel-Rettung Auskunft gibt, ist Umfragen zufolge inzwischen der beliebteste Politiker des südamerikanischen Landes.

Viel Arbeit für Psychologen und Ärzte

Doch mit der Rettung fängt die Arbeit der Helfer erst an. Seit einigen Tagen versucht Chefpsychologe Alberto Iturra die Männer per Videokonferenz auf ihr neues Leben vorzubereiten - und dämpft ihre Euphorie. "Es wird für sie oft schwierig sein, die Distanz zu ihrer Familie zu überwinden", sagte Iturra der spanischen Zeitung "El País". "Die Männer haben sich während der Zeit unter Tage sehr verändert."

Auch den Familienmitgliedern stehen Prüfungen bevor: Es werden nicht die selben Männer aus der Mine herauskommen, die hineingegangen sind, sagte Iturra. "Es werden andere Menschen sein, im positiven oder im negativen Sinn."

Den Minenarbeitern riet der Psychologe, ihren unterirdischen Zufluchtsraum schon jetzt aufzuräumen. Die Männer hätten in den zwei Monaten seit dem Unglück "viele Sachen" erhalten, die Teil ihrer Geschichte seien, sagte Iturra. "Sie sollten aufräumen und die Erinnerungen, die sie mit nach oben bringen möchten, zur Seite legen", sagte er. Dies jetzt in Ruhe zu erledigen, könne den Kumpeln viel Stress während der letzten Tage ersparen.

Ärzte gehen davon aus, dass die Rettung auch medizinische Probleme mit sich bringen wird. Seit Tagen schon müssen die Männer ihre Muskeln trainieren, damit sie den Zeitraum in der engen Rettungskapsel gut überstehen. Die Mediziner rechnen außerdem mit Augenverletzungen, Infektionen sowie posttraumatischen Stresssymptomen.

An der Oberfläche laufen derweil die letzten Vorbereitungen: Ein Lazarett ist bereits fast fertig gestellt. Schutzbrillen für je 450 Dollar liegen für die Kumpel bereit, sie sollen ihre empfindlichen Augen beim ersten Kontakt mit der Außenwelt vor schädlichen UV-Strahlen schützen. Ein Landeplatz für Rettungshubschrauber wurde angelegt. Fünf Helikopter stehen bereit, um die Bergleute so schnell wie möglich ins Krankenhaus der Stadt Copiapó zu bringen. Schon Mitte der Woche breitete sich die positive Stimmung auch im Camp der Angehörigen aus: Sie grillten zwischen ihren Zelten, die Kinder lachten über den Auftritt eines Clowns.

Die Befreiung der Verschütteten werde "eine Nachricht sein, die in aller Welt mit großer Freude aufgenommen wird", sagte Präsident Sebastian Piñera. In der Atacama-Wüste, etwa 850 Kilometer nördlich der Hauptstadt Santiago, wird mit 2000 Journalisten aus aller Welt gerechnet.

Um die Kumpel vor diesem Ansturm abzuschirmen, wurden eigens Ruheräume eingerichtet. Vor Wochen sind die Männer in knapp 700 Metern Tiefe bereits auf den drohenden Presseansturm vorbereitet worden: mit Rhetorikkursen und Interviewtrainings.

Die Vorbereitung hätten wohl auch die Verwandten an der Oberfläche brauchen können, die ebenfalls belagert werden. In der Berichterstattung menschelte es mitunter heftig, zu den Tiefpunkten gehörte die Geschichte eines Treffens zwischen der Ehefrau eines Verschütteten und seiner Geliebten.

Um die Stimmung der Männer unter Tage zu bessern, entwickelten Experten schon vor Wochen ein medizinisches und therapeutisches Programm. Bewegungsspiele, Singen, Fernsehen.

Rettung in der Stahlkapsel, dann zum Heimspiel von Real

Sollte der Durchbruch zur Werkstatt gelingen, werden zunächst drei Trauma- und 13 Bergungsspezialisten in einer engen Stahlkapsel zu den Verschütteten herabgelassen. Dort sollen die Rettungskräfte die Kumpel untersuchen und die endgültige Reihenfolge für die Bergung festlegen: Wer mit dem Rettungskorb als erster nach oben geholt werde, müsse psychisch stabil genug sein, auch Rückschläge und Verzögerungen hinzunehmen, sagte Marine-Kommandeur Renato Navarro. Als nächstes sollten dann die Kranken folgen, zum Schluss die Stärksten.

In der Rettungskapsel werden die Männer einzeln durch einen 66 Zentimeter breiten Schacht nach oben gezogen, der Aufstieg soll rund 15 Minuten dauern. Vorsorglich wurde auf den Kaloriengehalt der Nahrung geachtet, der Bauchumfang der Männer darf nicht größer als 90 Zentimeter sein.

Um die Kosten für die Rettung der Bergleute zu decken, hat die chilenische Justiz das Vermögen der Betreiberfirma San Esteban eingefroren - es beträgt umgerechnet rund 7,2 Millionen Euro. Die Rettungsaktion könnte nach Angaben der Regierung "mehrere Millionen Dollar" kosten.

Nach ihrer Rettung werden die Männer wohl arbeitslos sein, die Mine San José soll geschlossen werden. Neben Honoraren für diverse Interviews machen sie sich jedoch auch Hoffnung auf eine Schadenersatzzahlung. Familienangehörige hatten bereits Ende September Klage gegen den Eigentümer der Mine und den chilenischen Staat eingereicht, pro Arbeiter fordern sie eine Million Dollar (770.000 Euro).

Auf ein echtes Schmankerl können sich die 33 Verschütten jedenfalls freuen: Der spanische Rekordmeister Real Madrid hat sie zu einem Spiel nach Madrid eingeladen.

Mit Material der Agenturen



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Gandhi, 08.10.2010
1. Das koenigliche Angebot
Zitat von sysopDie Rettung der verschütteten chilenischen Bergleute steht kurz bevor - und die ganze Welt nimmt Anteil. Doch für die Kumpel dürfte die Zeit nach der Befreiung schwer werden: Tausende Reporter, Psychologen und Politiker warten auf sie. Zum Glück aber auch eine königliche Überraschung. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,721910,00.html
ist zwar erfreulich, doch waere es den Kumpeln sicher lieber, die ganz freie Marktwirtschaft haette sie nicht so lange in der Tiefe eingesperrt. Mich wuerde aber schon interessieren, was mit den Betreibern der Mine passiert. Oder haben die sich alle schon in "Sicherheit" gebracht?
RTS 08.10.2010
2. Viel Glück
Ich freue mich aus tiefstem Herzen für die Minenarbeiter.
Zyklotron, 09.10.2010
3. Glück auf!
Ich selbst habe schon im Pott unter Tage gearbeitet und drücke den Kumpeln beide Daumen, dass alles schnell und glatt vonstatten geht.
pickmans_modell 09.10.2010
4. Hoffnung
Man verfolgt diesen Fall mehr oder weniger neutral. Ich bin eher neutral ... aber hätte doch nichts gegen ein glückliches Ende! Auch wenn einer der Kollegen "nur" eine Tochter bekommen hat ;-)
Hugh Theo 09.10.2010
5. Es geht doch
Zitat von sysopDie Rettung der verschütteten chilenischen Bergleute steht kurz bevor - und die ganze Welt nimmt Anteil. Doch für die Kumpel dürfte die Zeit nach der Befreiung schwer werden: Tausende Reporter, Psychologen und Politiker warten auf sie. Zum Glück aber auch eine königliche Überraschung. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,721910,00.html
Prima. Genau so muss man mit diesen Heinzen umgehen. Wer Sicherheitsvorkehrungen in den Wind schlägt, wie es die Betreiber dieser Miene, die ja nicht das erste Mal von einem Grubenunglück heimgesucht worden ist, getan haben, soll bitteschön zur Kasse gebeten werden. Nur schade, dass die USA nicht den gleichen Mumm gezeigt und das Vermögen von British Petroleum für die von BP verursachte Ölpest im Golf von Mexiko eingefroren haben. Oder das Geld von Exxon für die Sauerei in Alaska vor 21 Jahren. Dann wäre ganz schnell Schluss mit Rumknapsen bei notwendigen Reperaturen am Radargerät eines Riesentankers, dessen Fehlerhaftigkeit Exxon schon Monaten vor der Katastrophe bekannt gewesen ist.
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