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Ritual für jüdische NS-Opfer: Toten-Taufe bringt Mormonen in Bedrängnis

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Anne Frank, Mahatma Gandhi, Barack Obamas Mutter: Mormonen sollen postum namhafte Persönlichkeiten getauft haben - unter ihnen auch Holocaust-Opfer. Stellvertretend unterzogen sich Mitglieder der Glaubensgemeinschaft dem Ritual. Was dem Seelenheil dienen soll, sorgt nun für Empörung.

Mormonen-Ritual: Taufen für die Toten Fotos
REUTERS

Sie meinen es doch nur gut. Die Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, kurz Mormonen genannt, wollen möglichst vielen Menschen die Chance auf Erlösung verschaffen. Und weil die nur Getaufte bekommen, gibt es bei den Mormonen rituelle Stellvertretertaufen für Verstorbene.

Das funktioniert so: Mitglieder nennen der Glaubensgemeinschaft Namen von Personen - offiziell sind nur Vorfahren erlaubt -, die sie taufen lassen wollen. Dann werden die Mitglieder selbst stellvertretend für die Verstorbenen getauft. Damit die Familie auch im Jenseits zusammenbleibt, wird dazu ermutigt, die Taufen bis zu vier Generationen zurück zu vollziehen. Mormonenführer betonen, das Ganze sei ein Angebot an die Seelen der Verstorbenen - die Taufe werde niemandem aufgezwungen. Vielmehr soll den Verstorbenen die Chance gegeben werden, ins Himmelsreich zu kommen.

Die Glaubensgemeinschaft hat eine gigantische Genealogie-Datenbank aufgebaut, die mehr als zwei Milliarden Namen enthält. Begründet wird die Praxis mit einer Stelle im ersten Korintherbrief, Kapitel 15, Vers 29: "Was machen sonst, die sich taufen lassen über den Toten, so überhaupt die Toten nicht auferstehen? Was lassen sie sich taufen über den Toten?"

Problematisch an der Praxis ist, dass manche der 13 Millionen Mormonen bei den Stellvertretertaufen auch nicht vor Personen jenseits der Vorfahren Halt machen. Das empfinden viele Gläubige anderer Religionen als Übergriff und Vereinnahmung. die Praxis sorgt angesichts nun bekannt gewordener Fälle vor allem in den USA für Empörung.

Stellvertretertaufen für Holocaust-Opfer

Heftig kritisiert wird, dass auch Leute nach ihrem Tod getauft wurden, die wegen ihrer Religion sterben oder leiden mussten. So soll vor wenigen Tagen auf der Insel Hispaniola, im Santo Domingo Dominican Republic Temple, Holocaust-Opfer Anne Frank getauft worden sein, berichtet die "Huffington Post" unter Berufung auf eine ehemaliges Mitglied der Glaubensgemeinschaft, das Zugang zu einer internen Taufen-Datenbank hat.

"Ich bin Holocaust-Überlebender", sagt Abraham Foxman, Chef der Anti-Defamation League, einer Organisation, die sich für die Rechte von Juden einsetzt. Die Taufpraxis sei so beleidigend, weil Juden einzig wegen ihres Glaubens von den Nazis getötet worden seien. "Und jetzt kommt die mormonische Kirche daher und nimmt ihnen ihr Jüdischsein", sagt Foxman. "Das ist, als ob man sie zweimal tötet."

Erst vor wenigen Tagen entschuldigten sich die Mormonen dafür, dass die Eltern des KZ-Häftlings Simon Wiesenthal in Tempeln in Utah und Arizona postum getauft worden waren. Wiesenthals Mutter wurde von den Nazis getötet, er machte sich nach dem Zweiten Weltkrieg die Suche nach Nazi-Verbrechern zur Lebensaufgabe. "Wir sind empört, dass derart unsensible Vorkommnisse in mormonischen Tempeln weiter geschehen", sagte Rabbi Abraham Cooper vom Simon-Wiesenthal-Zentrum.

Laut "Huffington Post" soll auch der Name von Nobelpreisträger Elie Wiesel auf einer Liste aufgetaucht sein - mit dem Vermerk, er sei bereit für die postume Taufe. Auch der Name der Eltern des Nobelpreisträgers fand sich auf der Liste. "Das ist skandalös. Nicht nur anstößig, sondern skandalös", sagte Wiesel. Die Mormonen widersprechen dieser Darstellung. Die Mitglieder der Familie Wiesel seien lediglich in eine genealogische Datenbank aufgenommen worden, nicht aber für Stellvertretertaufen vorgeschlagen worden.

Die Glaubensgemeinschaft spricht von Ausnahmen, in denen Einzelne bewusst die Regeln missachteten. Man prüfe disziplinarische Maßnahmen. Man sei darüber betrübt, dass ein Angebot, das auf Liebe und Respekt basiere, Ursache für Auseinandersetzungen sei. Über die offiziellen Stellungnahmen hinaus wollen sich die Mormonen in Deutschland nicht äußern. Das Thema beschäftigt sie schon eine Weile.

Praxis birgt politischen Zündstoff

Wegen der Stellvertretertaufen hatten mormonische und jüdische Vertreter bereits 1995 ein Abkommen geschlossen. Darin sicherten die Mormonen schriftlich zu, keine Juden mehr postum zu taufen - es sei denn, es handele sich um direkte Vorfahren der Mormonen. Ernest Michel, damals Vorsitzender der Amerikanischen Vereinigung jüdischer Holocaust-Überlebender, sagte: "Ich war verletzt, dass meine Eltern, die als Juden in Auschwitz getötet wurden, als Mitglieder des mormonischen Glaubens aufgelistet wurden." Gegen die 1995 vereinbarte Regel gab es laut "Huffington Post" immer wieder Verstöße.

2010 erreichten Wiesel und andere jüdische Prominente, dass die Mormonen wenigstens Taufanträge für Holocaust-Opfer aufgeben. Laut Wiesel haben Mormonen postum 650.000 durch das Nazi-Regime getötete Juden getauft.

Auch für tote Angehörige anderer Religionen gab es Stellvertretertaufen. 2009 wurde enthüllt, dass Mormonen Barack Obamas Mutter Ann Dunham nach ihrem Tod getauft hatten. Auch für Mahatma Gandhi ließ sich laut "Huffington Post" postum ein Mormone taufen.

An der Praxis will die Glaubensgemeinschaft festhalten. Diese Haltung birgt auch politisches Konfliktpotential. Mitt Romney, führender Präsidentschaftskandidat der US-Republikaner, ist Mormone. Sein Glaube ist für ihn im Wahlkampf eher Belastung als Hilfe, und durch die nun bekannt gewordenen Fälle von Stellvertretertaufen bekommt das Thema eine für Romney gefährliche Aktualität. Er hat nach eigenen Angaben selbst solche Taufen vollzogen. Wiesel hat ihn aufgefordert, mit den Mormonen zu sprechen und sie aufzufordern, Stellvertretertaufen für Juden zu stoppen.

Romney würde das Thema dagegen wohl am liebsten totschweigen. Als sich die "Huffington Post" in der Frage an sein Wahlkampfteam wandte, schickte eine Sprecherin versehentlich eine Antwort an die Journalisten zurück. Darin hieß es, sie schlage vor, die Anfrage zu ignorieren.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 63 Beiträge
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1.
stupp 01.03.2012
Eigentlich könnten die Betroffenen doch sagen: Ist doch prima, wenn man unterschiedliche Eintrittskarten für Paradiese hat; vielleicht haben ja doch die anderen Recht?! ;) Aber es zeigt sich mal wieder: Die monotheistischen Religionen sind mit ihren absoluten Ansprüchen der "Alleinseligmachung" einfach zueinander völlig inkompatibel. Da kommt es zwangsläufig zu Streit, wie einen die Geschichte lehrt. Und das Christentum ist eben NICHT die rühmliche Ausnahme, als die sich die Christen gerne sehen, sondern auch nur eine Spielart des Abrahamismus, wie das konkrete Beispiel zeigt. Aber jetzt zeigen wahrscheinlich wieder die katholischen auf die protestantischen Christen, die lutherisch-reformierten auf die Mormonen und die "Rocky-Mountain-Mormonen" auf die "Prärie-Mormonen".
2.
borzensen 01.03.2012
Zitat von sysopREUTERSAnne Frank, Mahatma Gandhi, Barack Obamas Mutter: Mormonen sollen postum namhafte Persönlichkeiten getauft haben - unter ihnen auch Holocaust-Opfer. Stellvertretend unterzogen sich Mitglieder der Glaubensgemeinschaft dem Ritual. Was dem Seelenheil dienen soll, sorgt nun für Empörung. Ritual*für jüdische NS-Opfer: Toten-Taufe bringt Mormonen in Bedrängnis - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,818403,00.html)
Empörung? Bei mir sorgt das eher für Belustigung. Diese Spinner sollte man auslachen und eben nicht ernst nehmen
3.
DrStrang3love 01.03.2012
Was die Angelegenheit noch "pikanter" macht: die Mormonen haben auch Adolf Hitler, Eva Braun, Joseph Göbbels, Rudolf Hess, Heinrich Himmler und Benito Mussolini (http://nowscape.com/mormon/hitler_temple_records.htm) nachträglich taufen lassen. Die sind wirklich nicht wählerisch, was die "Erwählten" angeht.
4.
Petersburgerin 01.03.2012
Welch ein grauenvoller religiöser Hochmut! Leider gab (oder gibt es vielleicht noch) es solche Auswüchse auch in der katholischen Kirche. Wir hatten einen Pfarrer als Religionlehrer, der allen Ernstes behauptete, daß Heiden - wozu für ihn alle Mitglieder nicht christlichen Religionen, inkl. der Jüdischen, gehörten - weil sie nicht christlich getauft seien, niemals in den Himmel kommen könnten!
5. ich bin agnostiker
huberwin 01.03.2012
aber selbst ich empfinnde es ein wenig befremdlich, wenn nach meinem tod jemand lesen würde ich sei ein Mormone.
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