Aus dem tiefsten Sachsen führte die Fernverkehrsstraße 96 über Berlin zu den weiten Horizonten der Ostseebäder Rügens. Wer seinen Trabi oder seinen Wartburg bestieg, der konnte ein bisschen träumen, von einem anderen Leben, von Freiheit. Dann brach die DDR zusammen, die Bundesrepublik übernahm, aus der F96 wurde die B96. Und wovon träumen die Menschen entlang der Straße heute? Wir finden es heraus - auf unserem einmonatigen Roadtrip über die Route 66 der DDR.

Fährt man bis zum südöstlichsten Zipfel Sachsens, klettert hoch zum 514 Meter hohen Bergplateau des Oybin, ignoriert die schiefen Grabsteine, durchquert das verwitterte Schiff der barocken Klosterruine und erklimmt die 124 Stufen des Kirchturms, dann weitet sich der Blick: einsame Weiler ducken sich in bewaldeten Tälern, dazu Dörfer und Städte, hinter denen sich der Horizont aufspannt, und dahinter weitere Weiler, Dörfer, Städte. Bis hin zur fernen Ostsee.

Der Künstler Casper David Friedrich besuchte diesen Ort vor 200 Jahren und malte sein Gemälde "Der Träumer". Zu seiner Zeit zerschmetterten die Denker der Aufklärung alte Gewissheiten, und viele Menschen sehnten sich nach neuen Utopien.

Auch heute kennt das Land, über das man vom Kirchturm aus blickt, zerbrochene Gewissheiten zur Genüge - Nationalsozialismus, DDR, die Verheißungen der Wende. Meist heißt es dann, diese Ossis seien verbittert, wehleidig und undankbar. Doch was man selten hört: Wovon träumen diese Menschen eigentlich?


Blick vom Oybin auf die umliegenden Dörfer

Straße der Träume

Kapitel 1: Zittau

Gemeinsam mit Fotograf Thomas Victor mache ich mich auf die Reise. Einen Monat lang suchen wir Antworten, entlang der Bundesstraße 96, die aus dem tiefsten Sachsen über Hoyerswerda, Berlin und Stralsund zur Ostsee nach Rügen führt, ein Roadtrip 570 Kilometer quer durch Ostdeutschland.

Die Fahrt beginnt in Zittau, dem Startort der B 96, im Dreiländereck Deutschland-Polen-Tschechien. Am Ortseingang hängen stockfleckige Gardinen aus einem zerbrochenen Fenster, der Wind zerrt an ihnen. Vom Giebel blickt ein Frauengesicht aus Stuck müde herab, stumme Zeugin alten Reichtums, gegründet auf Textilwebereien, Handel, Industrie, eingegangen nach der Wende. Seitdem verließen zehntausend Menschen - ein Drittel der Bevölkerung - die Stadt, vorneweg die jungen, gut ausgebildeten Frauen. Fast jeder Zehnte in der Region hat keine Arbeit.



Raphael Thelen (links), geboren 1985, lebte und arbeitete schon in Ägypten, Syrien, dem Libanon und dem Irak. Seit 1,5 Jahren berichtet er aus Leipzig über Ostdeutschland, nach dieser Reportagereise zieht es ihn nach Berlin.

Thomas Victor, geboren 1983, zog nach seinem fotografischen Studium in Hamburg, Hannover und Berlin nach Leipzig. Hier lebt er seit drei Jahren mit seiner Familie und arbeitet mit Schwerpunkt auf ostdeutsche Themen. Er ist Mitglied der Agentur Focus.

In einem blinden Schaufenster spiegelt sich Flieder, der Frühling scheint nicht recht zu passen in diese Stadt. Einzig das Blau einer Europaflagge vor dem Hochschulgebäude strahlt, doch vielleicht wirkt das nur so, vor dem sumpfigen Grün und dem Karminbraun der Fassade.

Ein Stück weiter steigen wir aus und treten durch die verwitterte Steinpforte des Frauenfriedhofs, gehen vorbei an einer Beerdigung, hin zum Ehrenmal für die gefallenen sowjetischen Soldaten. Golden prangen Hammer und Sichel auf einer schwarzen Marmorplatte. Heute wird der Tag der Befreiung begangen, vor 72 Jahren kapitulierte Hitlerdeutschland. Nach und nach treten Männer und Frauen mit weißen Haaren auf die rechteckige Fläche vor das Ehrenmal und erzählen von ihren Erinnerungen, die teilweise gefühlten Wahrheiten näher sind als historischen.

"Ich habe nur eine Kindheitserinnerung, diesen roten Schein am Horizont. Es war Dresden, das brannte", sagt eine 77-Jährige. "Ich sah, wie eine sowjetische Bombe auf unser Kino fiel", sagt ihr Nebenmann und dann ein dritter: "Ich sehe noch vor mir, wie die Flüchtlingstrecks durch Zittau zogen." Es waren Deutsche, die nach Kriegsende aus dem heutigen Tschechien und dem heutigen Polen vertrieben wurden. In Zittau angekommen, so der Mann, erzählten sie von Angreifern, die deutschen Frauen die Achillessehnen durchschnitten, um sie an der Flucht zu hindern und sie dann zu vergewaltigen.

Die Anwesenden nehmen trotzdem am Gedenken teil, weil sie Linke sind, Sozialisten und Kommunisten - Antifaschisten alter Schule mit ebenso alten Mänteln, Bundhosen und Lederschuhen. Es ist ein Ritual aus den vergangenen Tagen der DDR. Ein Typ im smarten, dunklen Anzug und weißem Hemd bahnt sich seinen Weg durch die kleine Schar. Vor dem Ehrenmal kniet er sich hin und legt einen gelben Kranz nieder. "Das ist Thomas Zenker", flüstert eine Frau anerkennend. "Er ist der erste Oberbürgermeister, der zu diesem Gedenken kommt."

Ich schreibe seit anderthalb Jahren über Rassismus in Sachsen und erlebte in dieser Zeit einen CDU-Oberbürgermeister, der mich anbrüllte, weil ich über rechtes Gedankengut in seinem Ort schrieb, Polizisten, die Migranten misshandelten, Gewerkschafter, die Geburtstagspartys für Adolf Hitler verharmlosten. In Zittau erwartete ich, ähnliches zu erleben. Noch vor einigen Jahren schmückte der rechtsradikale "Nationale Jugendblock" sein Vereinshaus mit Hakenkreuzen, unterstützt durch Gelder des Kreistags. Doch dieser Bürgermeister positioniert sich anders.

Zenker steht auf, guckt in die Runde und strafft sich. "Dies ist auch ein Tag der Freude", sagt er. "Doch es gibt Leute in dieser Stadt, die das immer noch anders interpretieren. Mit dieser Kranzniederlegung möchte ich klarmachen: Solange ich hier Oberbürgermeister bin, kommt das nicht infrage."

Wer ist dieser Oberbürgermeister, und was erhofft er sich von diesem Auftritt?

Blick auf Zittau von der Johanniskirche

Am nächsten Abend beginnt das Neiße Filmfestival, das gleichzeitig an 13 Orten in Deutschland, Tschechien und Polen stattfindet. Vor dem ersten Film steht Zenker auf der hell erleuchteten Bühne und hält eine Begrüßungsrede. Er spricht vom traumhaften Dreiländereck, von Kulturschaffenden als Scouts, der europäischen Idee einer demokratischen und säkularen Gesellschaft und sagt zum Schluss: "Wir hier im Dreiländereck, wir schaffen das. Daran glaube ich mit aller Macht. Wir bauen die Brücken für Europa." Es ist dick aufgetragen, große Worte für eine kleine Stadt. Doch das Publikum applaudiert.

Zenker holt sich zwei Wiener Würste und ein Bier, dann setzen wir uns an einen der runden Bistrotische. Neben uns unterhalten sich zwei junge Männer auf Polnisch. Zenker wurde 1975 geboren, als Schüler fuhr er mit seiner Klasse nach Prag und geriet zufällig in die Proteste tschechischer Studenten gegen das Tiananmen-Massaker, dann lief er selbst mit, als zur Wende zehntausend Menschen in Zittau für Freiheit demonstrierten. "Von dieser Energie zehre ich noch heute", sagt er. Mit Freunden gründete er die erste Schülerzeitung der Stadt, nach dem Abitur sagte ihm seine Mutter: "Bleib nicht in Zittau."

Die Industrie der Stadt brach zusammen, Tausende wurden über Nacht arbeitslos. Zenker studierte in Leipzig Geschichte und Kommunikation, ging nach Paris, kehrte zurück nach Leipzig, doch es war ihm zu klein geworden. 1999 zog er weiter nach Berlin und arbeitete selbstständig als Kommunikationstrainer. 2005 heiratete er seine Frau, die in Zittau lebte. Noch bis 2009 pendelte er, dann wurde sie schwanger und er zog zurück nach Zittau und machte politische Bildungsarbeit. "Und dann war es, wie es in kleinen Städten halt ist. Man saß mit Freunden zusammen und es hieß immer wieder: ‚Das gefällt mir nicht. Jenes gefällt mir nicht.‘"

Oberbürgermeister Thomas Zenker

Im Dezember 2013 gründeten sie die Wählergemeinschaft "Zittau kann mehr", in Workshops und Bürgerrunden erarbeiteten sie ihr Wahlprogramm. Bei der Stadtratswahl 2014 wurden sie zur zweigrößten Fraktion und bald stellte sich die Frage, ob sie auch einen Kandidaten für die Oberbürgermeisterwahl aufstellen würden. "Nach 18 Monaten, da war ich plötzlich OB", sagt Zenker.

Ich frage ihn, mit welchem Themen er in den Wahlkampf zog, in dieser Stadt, in der zwei ehemalige NPD-Mitglieder im Stadtrat sitzen, die AfD ein Landtagsbüro unterhält, rechtsradikale Kameradschaften prügelnd durchs Hinterland ziehen. Er sagt: "Europäische Öffnung. Bessere Zusammenarbeit in der Region."

Vor einigen Tagen triumphierte bei der Präsidentenwahl in Frankreich ein smarter Businesstyp, der seine eigene Partei gegründet hatte und für ein einiges Europa kämpft. Seine Gegenspielerin wollte die Europäische Union zerstören.

Doch wie kann das in Zittau funktionieren, einer Stadt im tiefsten Sachsen, deren Bewohner die negativen Folgen offener Grenzen - Autodiebstähle, Drogenschmuggel, Lohndumping - direkt zu spüren bekommen?

"Das sind Probleme, die man bearbeiten muss, aber wir dürfen doch bitte denen, die so etwas benutzen, nicht das Land überlassen", sagt Zenker. "Das sind doch nicht die Themen, mit denen man seine Zukunft gestaltet."

Dann spricht er über diese Gestaltung. Seine Priorität: den wirtschaftlichen Austausch mit der tschechischen Stadt Liberec fördern. Sie liegt 20 Autominuten entfernt, ist größte Stadt der Region und Wirtschaftszentrum.

"HINTER ZITTAU IST DIE WELT NICHT ZU ENDE"

Um zu zeigen, dass die Grenze keine Rolle mehr spielt, tauschte Zenker für eine Weile die Wohnung mit dem Bürgermeister von Liberec und pendelte nach Zittau. Ein symbolischer Akt. "Ich muss auch bei den Zuständigen für den sächsischen Entwicklungsplan immer noch klarmachen: Hinter Zittau ist die Welt nicht zu Ende. Da ist nur eine Grenze und dahinter ist eine Großstadt, mit direkter Zugverbindung und Schnellstraße.

" Zenker greift auf Statistiken zurück, um seinen Optimismus zu sichern. Die Arbeitslosigkeit sinkt, die Abwanderung aus der Stadt hat sich verlangsamt. Mit Geldern der EU will er die Entwicklung stützen. Gemeinsam mit einer polnischen Nachbargemeinde warb er gerade 750.000 Euro Fördermittel ein, um eine der Grenzstraßen zu sanieren.

Einmal im Monat trifft er sich mit den Bürgermeistern von Hrádek und Bogatynia zum Lenkungstreffen und bespricht, wie die Feuerwehren zusammenarbeiten, wie Hochwasser vermieden und Waldbrände bekämpft werden können. Im Klinikum Zittau arbeiten 32 Ärzte aus Polen und Tschechien, an der Hochschule Zittau lehren sechs Dozenten aus diesen Ländern.

"Bei der Grenzöffnung 2004 zog Deutschland Schranken ein, damit polnische Arbeitskräfte nicht den deutschen Markt überschwemmen. Jetzt fehlen uns Fachkräfte, dazu kommt der demografische Wandel. Viele der Ängste von damals kamen auf, weil wir zu wenig übereinander wussten", sagt er. "Die Akzeptanz müssen Kulturschaffende herbeiarbeiten."

Am Theater der Stadt sprechen wir mit der ungarischen Intendantin, mit der Regisseurin der Jugendtheatertruppe, die im vergangenen Jahr vier tschechische und dieses Jahr zwei afghanische Jugendliche in ihr Ensemble holte, mit zwei tschechischen Lehrerinnen, die mit ihren Schulklassen angereist sind. Sie alle sprechen mit einer Selbstverständlichkeit von offenen Grenzen, vom Leben im Dreiländereck, man könnte darüber den Brexit vergessen und all die nationalistischen Figuren gleich mit: Marine Le Pen, Viktor Orbán, Björn Höcke, Geert Wilders.

"KOPFTUCHMÄDCHEN"

Die tschechischen Lehrerinnen und ihre Schüler sind angereist, um das Stück "Fatima" zu schauen. In dem Stück trägt eine Schülerin nach den Sommerferien plötzlich Kopftuch, in ihrer Klasse entbrennt Streit: Ist das Unterwerfung durch den Islam oder Selbstbehauptung? Auf der Bühne brüllt eine Schauspielerin "Kopftuchmädchen" und "al-Qaida", ein Schauspieler reißt der Muslimin das Tuch vom Kopf und taucht dann im Hitlerkostüm zu einer Party auf. Andere verteidigen das Mädchen.

Im Anschluss stellen die tschechischen Schüler Fragen an die Schauspieler: War das nicht überzogen dargestellt? Nervt euch diese ewige Kopftuchdebatte nicht? Warum tragen Musliminnen überhaupt Kopftuch?

"Die tschechischen Schulklassen wollten das Stück bei uns gucken, weil es im angespannten gesellschaftlichen Klima in Tschechien nicht so viele Möglichkeiten gibt, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen", sagt die Regisseurin Patricia Hachtel. "Und das ist doch das Ideal: Wenn die etwas machen, das uns tangiert, fahren wir zu ihnen und lernen etwas. Und wenn wir etwas machen, das sie bereichern kann, kommen sie zu uns."

Dorotty Szalma, Intendantin des Gerhard-Hauptmann-Theaters

Ich gehe auf die Straße. Draußen im Park steht ein vierschrötiger Typ mit nikotingelbem Schnauzer herum.

"Wo geht’s hier zur polnischen Grenze?"
"Ist gleich da vorne", antwortet er und zeigt die Straße runter.
"Und, wie ist das so?"
"Ach, klasse. Man kann gut essen da drüben, aber noch besser in Tschechien. Und die Zigaretten sind auch billig!"

Am Stadtring hat eine Autotuner-Clique ihre glänzenden Autos geparkt, drei Jungs und ein Mädel stehen davor, rauchen, posen, trinken Energydrinks.

"Wie ist das denn hier mit den Autodiebstählen, schon ein Problem, oder?"
"Ja, liest man in der Zeitung von", sagt einer.
"Und habt ihr da keine Angst um eure Autos? Wie ist das mit der Grenze?"
"Ne, eigentlich nicht. Aber das Benzin ist billig, da fahren wir immer hin."

Anruf bei der Kreishandwerkerschaft: "Wie sieht es aus mit der Billigkonkurrenz aus dem Osten?" Die Geschäftsführerin antwortet: "Ist eigentlich kein großes Thema mehr."

Und wie sieht’s der alte Mann, der noch die Hitlerjugend erlebte, sich vor Muslimen fürchtet, in Grenznähe wohnt und aus dessen Schuppen ein Fahrrad und ein Akkuschrauber geklaut wurden? Er hat doch handfeste Gründe dagegen zu sein. Er sagt: "Es ist wichtig, dass die Grenzen offen sind, wichtig für den Frieden in Europa!"

Ich versuche, die AfD-Landtagsabgeordnete zu erreichen, aber sie meldet sich nicht zurück, und eigentlich kann ich mir auch vorstellen, was sie sagen würde. Und überhaupt: Werden die Rechten nicht ständig nach ihrer Meinung gefragt, wenn es um Sachsen geht? Und beweisen die vielen Menschen, die wir trafen, nicht, dass es auch andere Ansichten gibt? Und beweist Zenker nicht, dass man sogar Wahlen gewinnen kann, wenn man den Mut aufbringt, zu seinen Idealen zu stehen, selbst im tiefsten Sachsen?

Am Abend des vierten Tages schmeißen wir unsere Taschen in den Kofferraum und fahren weiter. Wir biegen vom Stadtring auf die B 96, die untergehende Sonne taucht die Häuser in goldenes Licht.

Träume lösen sich für gewöhnlich in Luft auf, wenn man ihnen zu nahekommt, meist überlebt nur ein Teil von ihnen das Rendezvous mit der Realität. Nicht so in Zittau, denke ich. Mit dieser Stadt und dem Traum vom europäischen Zusammenleben scheint sich das anders zu verhalten.



Im Video: Einer der letzten Türmer Deutschlands erzählt von seiner Arbeit


Im Video: Auf der Fahrt nach Welzow


Straße der Träume

Kapitel 2: Welzow


Michael Stranz ist kein emotionaler Mann. Aber wenn er am Fußballplatz auf den verzogenen Holzbohlen der Zuschauerbänke sitzt und über seine Schulter auf den Materialschuppen des SV Borussia aus Welzow guckt, schleicht sich etwas Weiches in seine Stimme. "Du gehst da rein und weißt noch genau: In der Ecke da stand dein Mannschaftsspind, aus dem du immer die alten Lederbälle holen musstest. Dann haste geguckt, wie viele gehen noch, wie viele sind kaputt; und es waren immer mehr kaputte drin als gute. Aber am Schluss haste doch immer noch einen Ball gefunden, der ging."

Michael Stranz spielt beim WSV, seit er einen Ball treten kann. Den alten Mitgliedsausweis verwahrt er zu Hause. Wie schon sein Vater vor ihm, hat er den Posten des Vereinsvorsitzenden übernommen. Er fährt zu jedem Spiel, erledigt den Papierkram. Die Männermannschaft kickt in der 1. Kreisklasse, das ist die zweite Liga von unten.

"Spaß macht das nicht immer", sagt Stranz. "Ich könnte mir manchmal schönere Wochenenden vorstellen. Aber schon nach vier, fünf Wochen Sommerpause freu ich mich, dass es bald wieder losgeht." Der Fußballplatz ist seine Heimat. Dennoch würde er ihn opfern, für die Zukunft seines Sohns.

Thomas Victor


Gemeinsam mit dem Fotograf Thomas Victor fahre ich einen Monat lang die B96 entlang, auf der Suche nach den Träumen der Menschen. Der zweite Stopp ist Welzow, die "Stadt am Tagebau".

Vom Aussichtspunkt guckt man in das gigantische, staubige Loch, in dem die größte Maschine der Welt dröhnt und eine Baggerschaufel, hoch wie ein sechsstöckiges Gebäude, sich jeden Tag einen Meter in Richtung Welzow frisst. Das Loch, die Maschinen - Sinnbilder für den alten Traum vom unbeschränkten Wirtschaftswachstum, der Jobs und Wohlstand bringt. Doch der Traum hat einen Preis: 136 Dörfer wurden in der Lausitz bereits geräumt, 35.000 Bewohner umgesiedelt, um den Energiehunger Deutschlands zu stillen.

Und es geht noch weiter: Bis 2020 will das Bergbauunternehmen LEAG entscheiden, ob auch das Gebiet Welzow-Süd II weggegraben werden soll. Kommt es so, müssten weitere 810 Menschen ihre Heimat verlassen. Und der WSV Borussia verlöre seinen Fußballplatz, denn er liegt zu nah an der Kohle.

Kohlebagger im Tagebau Welzow

Freitagsabends trifft sich Michael Stranz, 48, mit ein paar alten Vereinskollegen zum Kicken, er ist dann der jüngste auf dem Platz. Sechs sind heute Abend gekommen: Ingo, Wolfgang, Dietmar, Steffen, Uwe, Rainer. Schorsch ist auch gekommen, aber er hat keine Sportsachen dabei. Seit dem letzten Spiel schmerzt die Leiste.

Auf der Wiese, wo die Außenmauer des geräumten sowjetischen Flugplatzes das Areal begrenzt, stellen sie zwei Kleintore auf. Seitenlinien gibt es nicht, dafür kleine Hubbel auf dem Platz. Die Pässe kommen flach, Torwart ist immer der letzte Mann. Gefoult wird nicht. Die Männer genießen das Zusammensein.

Ihr Vereinsheim haben sie an diesem Abend für eine Privatfeier vermietet, der Verein finanziert sich darüber. Vorsorglich hat einer der Männer eine Kiste Bier in die Umkleide gestellt. Nach dem Spiel setzen sie sich hin, ziehen die Schuhe aus, machen Flasche an Flasche auf und lehnen sich zurück. "Und, wie war Welzow früher so?" Schon schwelgen sie in Erinnerungen:

"Früher hatten wir alles. Kneipen. Bäckereien."

"Fleischereien."

"Ein Sportgeschäft!"

"Ja, selbst die Arbeiter aus Cottbus haben hier eingekauft!"

"Ein schönes Kino haben wir auch gehabt, die Scala-Lichtspiele."

"Da hat man gesessen auf der Loge und im Dunkeln geknutscht."

"Und hinten haben sie gesoffen und dann die Flasche unter den Sitzen durchgerollt. 30 Meter mit diesem lauten Geräusch: rung, rung, rung.

"Dann ging das Licht wieder an, und die Alte kam reingestürmt: ‚Was ist hier los?!’"

"Und das City Hotel war früher Haus der Jugend. Da war immer Disco, Disco, Disco."

"Um zehn war Ausweiskontrolle, da gingen die Aufpasser durch."

"Wenn du ’ne Olle hattest, musstest du in einen Knutschmarathon übergehen, dann haben sie nicht dazwischengefunkt."

"Aber viel mit Mädchen hatte ich damals noch nicht."

Nach und nach ziehen sie sich aus, gehen duschen, stecken die verschwitzten Trikots in ihre Taschen, trinken den letzten Schluck aus ihren Flaschen und fahren nach Hause zu ihren Frauen.

Wir übernachten in dem Hotel, in dem die Fußballer früher feierten. Im Kellergewölbe gibt es ein kleines Museum, und als wir runtersteigen, verstehen wir, wovon die Männer schwärmen. Wie reich der Kohleabbau die Stadt einst machte.

An einer Wand hängt eine vergilbte DDR-Zeitung: "Das Jahr der großen Initiative hat begonnen", steht da in großen Lettern. In einem anderen Raum hängen Fotos aus den Glashütten der Stadt, daneben meterlange Vitrinen, gefüllt mit geschliffenen Gläsern, flaschengrünen Lampenschirmen, gravierten Schalen. Die Hütten siedelten sich an, weil der Tagebau die Energie und den Quarzsand zur Verfügung stellte. Und dann natürlich die Andenken an den Tagebau selbst: klobige Grubenlampen, Schaufeln und ein Brikett, auf dem steht: "Tagebau Welzow-Süd. 23.06.1999. Letzte Einfahrt. 150 Jahre Bergbau."

Der Tagebau und die angehängten Industrien ließen Welzow wachsen. Als die Wende in die Stadt kam, verschwanden die Baumaschinenfabrik, die Glashütten und Brikettfabriken, dann die Menschen und bald die Bäckereien, das Sportgeschäft, das Kino. Welzow ist heute - trotz Eingemeindungen - nur noch halb so groß wie zu Spitzenzeiten.

8000 Menschen arbeiten in Südbrandenburg in der Kohle, weitere 12.000 sind indirekt abhängig. Doch Kohle verliert als Energielieferant an Bedeutung. Und es gibt gute Gründe, dass der Abbau komplett enden sollte. Alexander Tetsch kennt sie alle.

Sybille und Alexander Tetsch Thomas Victor


Wir treffen den 52-Jährigen und seine Frau Sybille im Garten ihres Hauses. Tetsch zog als Jugendlicher ins Wendland und schloss sich dem Widerstand gegen die Castor-Transporte an. Nach dem Studium arbeitete er bei einem amerikanischen Softwarekonzern, sechs Jahre in Seattle, drei Jahre in Neu-Delhi. "Aber ich habe gemerkt, dass bei so einem Laden Burnout unvermeidbar ist", sagt er. Er kündigte und zog zurück ins Wendland, um die Proteste als Fotograf zu begleiten, reiste nach Tschernobyl und Fukushima.

Als keine Atommülltransporte mehr rollten, zog er mit Sybille nach Proschim, ein Dorf, das zwischen Welzow und dem Tagebau liegt. Sybilles Eltern stammen aus dem Dorf. Sollte das Betreiberunternehmen entscheiden, weiter zu graben, wird Proschim abgerissen.

"Wir wollten den Kohlewiderstand mit dem Atomwiderstand vernetzen", sagt Alexander Tetsch. "Aber das hat leider nicht geklappt, es fehlen die Strukturen." Stattdessen begannen die beiden, Informationen darüber zu sammeln, wie der Tagebau die Umwelt zerstört. Im Auto nehmen sie uns mit auf eine Tour. Entlang der Straße blühen die Felder, Vögel zwitschern in Wäldchen. Wir rumpeln über alte Bahnschienen, dann geht es durch ein Gebiet, das bereits für den Tagebau freigegeben wurde.

"Das hier war Haidemühl", sagt Sybille Tetsch und zeigt aus dem Fenster. Wir halten vor einer verlassenen Glashütte. Die hohen Backsteinmauern bröckeln, das Dach ist eingestürzt. "Da drüben auf der Wiese standen Wohnhäuser, und hinter der Glashütte war mein altes Schulgebäude", sagt sie. "Andere Menschen haben einen Ort, der sie an ihre Kindheit erinnert. Ich habe das nicht."

Gemüsebeet im Garten der Tetschs

Die Bewohner wurden umgesiedelt und bekamen eine finanzielle Kompensation. Auch Michael Stranz würde einen neuen Fußballplatz bekommen, falls der alte weggegraben wird. Doch viele Menschen werden an den neuen Orten nicht mehr heimisch. "Der Bäckermeister von Haidemühl ist kurz nach seinem Umzug gestorben", sagt Sybille. "Er interessierte sich schon nicht mehr dafür, wie sein neues Haus eingerichtet wurde."

Wir fahren weiter, und das Grün der Felder verschwindet. Die Erde ist aufgerissen, aus dem trockenen Sand ragen tote Bäume, Bulldozerspuren zerfurchen den Boden. Alle paar Meter stehen Pumpen, ihr Brummen erfüllt die Luft. Das Gebiet wurde bereits vorbereitet für die Schaufelradbagger. "In meiner Kindheit gab es hier überall kleine Flüsse und Teiche", sagt Sybille Tetsch.

70.000 Tonnen Braunkohle fördert der Tagebau täglich. Sie werden auf 70 Züge mit je 16 Waggons verladen und im nahe gelegenen Kraftwerk Schwarze Pumpe verbrannt. "Das sind 30.000 Tonnen Kohlendioxid pro Tag, die das Klima belasten. Dabei produziert Deutschland mehr Strom, als es braucht. Wir könnten die Braunkohlekraftwerke abschalten", sagt Alexander Tetsch. "Früher wurde hier wichtige Energie gewonnen, aber heute geht es nur noch um Jobs. Das ergibt doch keinen Sinn."

Spiel der A-Jugend des WSV in Drepkau

Michael Stranz steht im Stadion Am Volkshaus im Nachbarort Drebkau, die A-Jugend-Mannschaft seines Sohnes hat ein Auswärtsspiel. Das Volkshaus liegt hinter ihm, die Scheiben sind zerschlagen, der Garten zugewuchert. Dreißig Zuschauer sind gekommen, die meisten aus Welzow.

Auf dem Platz rennen zwei Spieler gegeneinander, ein Welzower bleibt liegen. Die Trage wird aufs Feld gebracht. Zwei Spieler packen an, um ihren Kumpel rauszutragen. Welzow hat nur einen Auswechselspieler, einer ihrer Männer ist auf Schicht im Kohleloch. Am Ende hat der Klub ein Unentschieden erkämpft. Stranz geht aufs Feld, klatscht die Spieler ab: "Immerhin, ein Null zu Null."

Sohn Robert raucht auf dem Parkplatz noch eine Zigarette und fährt dann mit dem eigenen Auto zurück nach Welzow. Im Februar schloss er seine Ausbildung zum Industriemechaniker beim Bergbauunternehmen ab und bekam einen Jahresvertrag, er ist zufrieden mit dem Geld, das er verdient.

Robert liebt die Fußballgeschichten, die sein Vater von früher erzählt. Damals, als der Verein noch mehr als einen Auswechselspieler hatte, als sie ins Trainingslager nach Antalya flogen, morgens am Strand joggten und dabei Raki kippten, als Siege so ausschweifend gefeiert wurden, dass Ehen zerbrachen.

Vor drei Jahren mietete Robert mit Freunden die alte Hausmeisterwohnung der Puschkin-Schule und gründete einen Jugendklub, mit Billardtisch und Bar. Kürzlich mussten sie dichtmachen. Kein Geld. Seitdem fragt er sich jedes Wochenende, was er unternehmen soll.

"Ein paar Freunde, die jetzt in Berlin wohnen, erzählen, da sei es nie langweilig", sagt Robert, während ein Reh die Straße kreuzt. "Aber ich bin hier aufgewachsen, hier spiele ich Fußball und habe alle meine Freunde. Ich will nicht weg."

Er hofft, dass sein Jahresvertrag verlängert wird. Und er hofft, dass auch das Tagebaugebiet Welzow Süd II erschlossen und weggegraben wird. Auch wenn die Eheleute Tetsch dann ihr Haus verlieren und das Klima leidet. "Klar, der Klimawandel ist schon wichtig, aber für mich zählt erst mal jeder Arbeitsplatz", sagt er. Sein Vater sieht das auch so. Selbst wenn er dafür seinen geliebten Fußballplatz hergeben muss.

Straße der Träume

Kapitel 3: Kiefernhain


Hinter Welzow knickt die B96 nach Westen ab, streift den Spreewald, dann geht es durch die berühmte Brandenburger Weite. Hinter einem kleinen Dorf biegen wir rechts in eine Allee ab, passieren einen See und dann noch einen und dann stehen wir vor einem kleinen blau-gelben Tor.

Der Ort, an dem diese Geschichte spielt, soll Kiefernhain heißen. Unser Protagonist möchte, dass der echte Name nicht genannt wird. Denn seine Art zu wohnen, steht nicht so ganz im Einklang mit den Gesetzen.

Luca Vaga ist DJ, Träumer und Vagabund. Er hat eine andere, freiere Vorstellung vom Leben als die meisten Menschen. Und er hat es sich ganz gut eingerichtet in seinem Leben. Wenn nur die Mücken nicht wären:


Straße der Träume

Kapitel 4: Berlin


Als Reporter ist man auch mal faul, was bitte zu verzeihen ist, da Reportage nicht selten Nervenkrieg bedeutet. Da weiß man oft tagelang nicht, ob man eine Story zusammenkriegt, ob man überhaupt kapiert, was los ist. Als Vorbereitung auf unsere erste Station Zittau hatte ich ein paar Hundert Seiten gelesen und trotzdem nicht den blassesten Schimmer, was die Stadt bewegt, was sich glücklicherweise auf dem Frauenfriedhof änderte. Und die zweite Story unseres Roadtrips? Da sagte unsere ursprüngliche Protagonistin unvermittelt morgens ab, wofür sie gute Gründe hatte, was uns aber dumm dastehen ließ. Zum Glück fanden wir den Welzower Fußballplatz.

Jetzt also mal durchatmen: Ein angenehmer Interviewtermin mit dem ostdeutschen Liedtexter Werner Karma, der Titel schrieb wie "Tage ohne dich", "Die Liebe" oder "Traumtänzer" - ein bisschen Kitsch, ein bisschen Pathos, das wird schon. Wurde nicht.

Werner Karma in seiner Arbeitswohnung in Berlin-Adlershof

Als wir ankommen, führt Karma uns in sein Wohnzimmer, das so unscheinbar ist, dass mir kein einziges Möbelstück mehr einfällt. Karma trägt Brille, helles Hemd, Jeans. Doch vielleicht hätten mir seine roten Socken zu denken geben sollen, oder die meterlange Bücherwand mit Autoren wie Charles Bukowski, Fjodor Dostojewski und Friedrich Schiller. Aber springen wir aus dem Wohnzimmer erst noch in Karmas früheres Leben. Geboren 1952, meldet er sich nach der Schule zur NVA-Artillerie, fängt aus Langeweile an, Gedichte zu schreiben, hört damit auf, weil er die eigene Schwulstigkeit nicht erträgt, fängt wieder an, als er einen umtriebigen Gitarristen trifft, der Texte braucht. Zusammen gründen sie die Band Karls Enkel und statt Schwulst reimt er das hier:

Noch einmal saufen, was die Kanne hält Nochmal verschmeißen gutes Bürgergeld Noch einmal fette Koggen paradieren lassen Nochmal dem Henker an die Eier fassen

Im Kontrast zum SED-verordneten Biedermeier der DDR 1977 kommt das beim Publikum gut an. Karls Enkel rabauken mit dem Programm eine Weile durch die Jugendklubs. Das zweite Programm gewinnt schon den Kunstpreis der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Beim dritten werden sie von der Leitung der Berliner FDJ vorgeladen. Die Nachwuchsorganisation der Staatspartei fühlt sich provoziert, weil Karmas neueste Zeilen auf die Verbrechen des Stalinismus anspielen. Die Staatsführung lässt Texte zensieren und Veranstalter einschüchtern.

Über Karma verfasst die Jugendsekretärin einen kritischen Vermerk: "Es kann nicht eindeutig gesagt werden, daß es in der Gruppe nicht einen Feind gibt. Dabei bin ich mir vor allem über die Rolle von Werner Karma nicht im Klaren." Karls Enkel kann so nicht weitermachen.

Dann trifft Karma die Sängerin Tamara Danz von der Band Silly: er Rockpoet, sie Rockröhre, zusammen Rockfeuerwerk. Und das für fast ein Jahrzehnt, in dem Karma beißende Kritik in Reimform gießt. Schon 1981 ahnt er, dass die DDR zusammenbrechen wird, adressiert an die SED-Führung diese Zeilen:

Dein Cabaret ist tot, Monsieur Na, laß mich trotzdem rein Dein Cabaret tut nicht mehr weh Es geht nur noch ans Portemonnaie Dein Cabaret ist tot

Dabei findet Karma die DDR prinzipiell gut, was viel mit seiner Familiengeschichte zu tun hat.

Einer seiner Großväter erschoss sich 1933 aus Verzweiflung über die Machtergreifung der Nazis, seine Großmutter wurde in Auschwitz umgebracht, seine Urgroßmutter in Theresienstadt, die große Liebe seines Vaters klebte antifaschistische Plakate und wurde dafür in Plötzensee enthauptet.

Auch Karmas Vater war im Widerstand gegen die Nazis, überlebte die Barbarei, begeisterte sich für die humanistische Idee der DDR und nahm seinen jungen Sohn mit zu propagandistischen Militärparaden, aber Karma braucht nicht überzeugt werden, er brennt schon früh für den Versuch, eine egalitäre Gesellschaft zu erschaffen. Er würde sagen: Das entspricht meinem Gerechtigkeitssinn.

Dennoch weiß er, dass sich die DDR-Führung bei manchen Themen verrennt und Fehler macht. Karma benennt das. Die Zensur schlägt wieder zu. Ganze Alben werden eingestampft. Die Platten, die es auf den Markt schaffen, klettern die Charts empor, Silly wird zur erfolgreichsten Band der DDR und dann Opfer ihres eigenen Erfolgs. Karma erinnert sich so: Nachdem ihr Album "Bataillon d’Amour" auch im Westen Erfolg hat, verfällt Sängerin Tamara den materiellen Versuchungen des Kapitalismus und sägt Karma als Songtexter ab. Gleichzeitig zerbricht die DDR, die Mauer fällt. Karma verstummt. Verletzt. Irgendwann schreibt er wieder. Glücklich wird er nicht mehr.

Aber warum?

DDR, das war doch der Staat mit Stasi, Mauer, fehlenden Bananen und stinkenden Trabis, ein Unrechtsstaat, wie es immer heißt. Karma wurde zensiert und wahrscheinlich überwacht und behielt im Gegensatz zu vielen anderen nach der Wende seinen Job: zwei goldene und eine Platinschallplatte zeugen von seinem Erfolg. Er lebt finanziell sorgenfrei. Doch jetzt sitzt er da, nippt an seinem Kaffee und sagt: "Das heutige Deutschland ist traumlos."

Mit dem Satz beginnt ein Gespräch, das einen Gedanken reifen lässt: Vielleicht haben die alten DDR-Bürger durch ihr Leben in Sozialismus, Wende und BRD einen größeren Erfahrungsschatz als die übrigen Bundesbürger, und vielleicht kann man da etwas lernen.

"Vielleicht ist Deutschland traumlos, weil wir heute in traumhaften Verhältnissen leben, politisch frei und wohlhabend?", frage ich.

"Ja, unsere Städte sehen heute schicker aus", sagt Karma. "Die Tankstellen und Baumärkte. Aber das ist ja nur äußerlich. Man muss den Leuten mal in die Seele schauen. Da ist Stress, Angst, Egoismus. Das System spuckt Unmengen von zerstörten Menschen aus. Ich war mal in Trier auf einem Konzert, es war eine meiner ersten Reisen in den Westen. Die lokalen Veranstalter zeigten uns stolz ihre Stadt, und da lagen vor der Kirche Obdachlose auf dem Boden, die ersten, die ich in meinem Leben gesehen habe. Die waren zerlumpt. Dreckige Hände, kaputte Haut, hohlwangig. Und die Reichen stolzierten drum rum und warfen dann mal 50 Pfennig in den Becher. Das gab es in der DDR nicht."

Ja klar, ist widerlich, aber die Stasi zerstörte gezielt Existenzen. Der Film "Das Leben der Anderen" ist doch so ein Beispiel. Was ist also mit dem Überwachungsstaat? "Aber Ihre Texte wurden doch zensiert", sage ich.

"Die Stasi kam im Leben der meisten DDR-Bürger nicht vor", sagt Karma. "So, wie es heute im Fernsehen dargestellt wird, wo immer nur die gleichen Zeitzeugen befragt werden, sieht es aus, als wären wir alle Opfer gewesen. Das stimmt nicht. Die DDR wird nicht objektiv betrachtet."

"Aber sie haben meine Frage nicht richtig beantwortet. Wurden Sie von der Stasi überwacht?"

"Ich hatte mit Tamara eine Vereinbarung: Wir sagen immer genau das, was wir sagen wollen. Wenn Tamara Westgeld brauchte, um Lautsprecher oder Verstärker zu kaufen, hat sie mich angerufen und gesagt: ‚Ich brauche 1000 West.’ Und ich habe das Geld dann besorgt. Die Stasi hat das sicherlich alles mitgeschrieben und für den Fall, dass sie mich verknacken wollten, hätten sie genug Material gehabt. Genutzt haben sie es nie."

"Sie haben die DDR im Großen und Ganzen gutgeheißen?"

"Es ging um die Qualität des Zusammenlebens. Es ging darum, dass eine auf Egoismus und Privateigentum basierende Gesellschaft in eine altruistische Gesellschaft überführt wird. Es sollte um das Wohl des anderen gehen. Und ich habe selbst noch mitgekriegt, wie das aussehen kann, in den Sechzigern, als ich in der Landwirtschaft gelernt habe. Das waren irgendwie stolze und sanfte Menschen, die an etwas glaubten. Die haben natürlich genauso gesoffen nach der Arbeit und sich geprügelt um eine Frau, wie überall und zu allen Zeiten. Aber die waren auch stolz, wenn sie nach zwölf Stunden vom Mähdrescher gestiegen sind und die Ernte eingebracht hatten."

"Und trotzdem forderten die DDR-Bürger irgendwann Freiheit, weil ihnen offensichtlich etwas fehlte."

"Aber das ist doch nur die Freiheit, Waren zu kaufen. Mit dem Daimler, statt mit dem Trabi durch die Stadt zu fahren. Das waren ja keine tragenden Werte, sondern billige Werte, die die Leute eingefordert haben. Es ging um Konsumption. Das ist wie fressen und scheißen."

"Es ging doch um viel mehr! Auch Sie haben gegen die Mauer und für die Reisefreiheit getextet. Haben Sie also wider besseres Wissen gehandelt?"

"Nicht unbedingt. Ich fand immer, dass man die Leute rauslassen muss. Dann sollen sie sich den Westen angucken und mit der DDR vergleichen. Wenn sie dann wegwollen, sollen sie weg. Aber viele sind zurückgekommen. Die zogen die sichere Existenz im Osten dem risikoreichen Westen vor, weil dort immer die Gefahr bestand, gefeuert zu werden."

"Sie schrieben über die Nachwendezeit: ‚Eine kleine Zeitlang konnte man ein wenig vom Geruch wirklicher Freiheit erschnüffeln. Sie riecht nicht nach Geld, nicht nach Benzin, nicht nach Ficken und nicht nach Banane.‘ Was meinten Sie damit?"

"Das war diese Übergangszeit zwischen Einsturz der Mauer und der Wahl der CDU-Regierung. Da lag es in der Luft: Jetzt machen wir es richtig, jetzt bringen wir unsere Ideen ein, vielleicht wäre eine bessere Gesellschaft noch möglich. Doch es kam bekanntlich anders. Aus meiner Seminargruppe an der Uni haben sich dann nach der Wende von 20 Leuten zwei umgebracht. Wir sind nicht frei. Wir werden bestimmt von diesem Wirtschaftssystem. Wir müssen uns dem beugen und werden hin- und hergeschubst. Meine Frau hat 20 Jahre bei einem Plattenlabel gearbeitet. Als es aufgekauft wurde, wurden fast alle Mitarbeiter auf die Straße gesetzt. Die Leute werden genommen, benutzt und weggeworfen."

"Vieles von dem, was sie sagen, wird hilflos anachronistisch klingen, wenn ich es aufschreibe."

"Ich bin einer, der nicht lügen kann. Ich guck mir die Welt an und sag, wie ich sie finde. Das hat ziemlich viele Platten verkauft in meinem Leben. Ich weiß, dass es eine große Zahl von Leuten gibt, die das lieben. Das hat ja auch 2010 das Silly-Comebackalbum "Alles Rot" gezeigt. Es wurde 300.000-mal verkauft, was natürlich eine kleine Zahl ist, im Vergleich zu der Mainstreammasse, die auf belanglose Popmusik steht. Aber es gibt diese Leute, die dieses Gesellschaftssystem für genauso hoffnungslos halten wie ich. Und für die kann man es ja machen."

Wir verabschieden uns von Karma und fahren weiter. Ein paar Stunden später schickt er mir eine SMS:

"Hallo Herr Thelen, eine Bitte hätte ich noch. Vielleicht können Sie ja das neue Album von den "Zöllnern" DIRK & DAS GLÜCK erwähnen? Es ist vielleicht mein letztes Album und die Zöllner würden sich freuen. Wenn nicht, geht die Welt aber auch nicht unter. Schöne Grüße... Werner Karma"

Gern geschehen.


Straße der Träume

Kapitel 5: Teschendorf


Es ist halb elf Uhr morgens an der B96 in Teschendorf. Hinter der Edelstahltheke der roten Grillbude steht Jens Dröse, Glatze, Muskelshirt und randlose Brille, über die hinweg er lässig auf den vorbeirauschenden Verkehr schaut.

Der Himmel ist blau. Die Sonne erleuchtet das Reklameschild auf dem Dach der Bude: Curry B96. Zwei Maurer in staubigen Hosen treten heran für ihr zweites Frühstück.

"Moin Jungs!", ruft Dröse.

"Moin!", schallt es zurück.

"Was darf’s denn sein?"

"Zweimal Currywurst."

"Mit oder ohne Darm?"

"Beide ohne."

"Also zweimal eine?"

"Genau."

"Brötchen?"

"Jo."

Dröse packt mit einer langen Greifzange zwei Würste vom Rost, lässt sie in die Fritteuse gleiten, geht zum anderen Ende der Bude, drapiert zwei Brötchen auf zwei Servietten, stellt zwei Pappschälchen daneben, angelt bald die Würste aus der Fritteuse, legt sie jeweils in ein Schälchen, packt die erste mit der Zange, schneidet sie mit einem kurzen Messer in Stücke, spritzt Ketchup darüber, nimmt den Currystreuer, klopft vier Ladungen Curry heraus, popp, popp, popp, popp, wiederholt die Handgriffe bei der zweiten Wurst, steckt je eine Gewürzgurkenscheibe hinzu, nimmt mit der linken Hand ein Schälchen, mit der rechten das andere und schiebt sie über die Theke.

"So, Jungs!"

Die Maurer essen. Dröse geht vor die Bude und wischt die beiden Stehtische ab. Dann geht er in das Eck rechts neben der Bude, das von einem Gittertor, einigen Blumenkübeln und einem weißen Pavillon umfasst wird. Dort steht, etwas abseits, auch ein Tisch. Und wer einen Tag an diesem Tisch verbringt, statt mit dem Handy am Ohr nach Berlin zu rasen oder an die Ostsee ins Strandhotel zu hetzen, der merkt: Bei Curry B96 gibt es nicht nur feine Wurst mit Curry, sondern auch eine Gelegenheit zu reden und zuzuhören.

Jens Dröse vor der Wurstbude in Teschendorf

Zur Mittagszeit kommen Ute Aurisch, 53, und ihr Sohn Tobias, 26, zur Bude. Sie hatten sich einen Anhänger von Dröse geliehen und bringen ihn nun zurück. Obwohl sie schon zu Mittag gegessen haben, bleiben sie noch eine Weile.

Tobias fährt für einen lokalen Catering-Service Essen aus. An der Wurstbude fährt er bis zu viermal täglich vorbei; wenn’s zeitlich passt, isst er bei Dröse eine schnelle Curry-Bulette, Plausch inklusive. Er mag seinen Job, das Fahren, vor allem die Leute. "Du kannst nie sagen, dass eine Fahrt auf der B96 der anderen gleicht", sagt er.

Auch seine Mutter Ute kommt her auf der Suche nach Gesellschaft. Ihr Ehemann, ihre große Liebe, fuhr früher einen Hängerzug bis nach Polen und Dänemark, war oft die ganze Woche weg. Manchmal musste er über Nacht nur 20 Kilometer von zu Hause stehen bleiben, weil seine Fahrzeit abgelaufen war. Dann brachte Ute Aurisch ein heißes Abendessen und kuschelte sich zu ihm in die Schlafkabine. Gemeinsam guckten sie fern. Tobias schlief daneben auf einer Luftmatratze.

"Als die Kinder alt genug waren, um sich selbst ein Ei in die Pfanne zu hauen, wollte ich sehen, wie das ist – eine ganze Woche auf dem Lkw." Ende September 2010 fuhren die Eheleute los, Richtung Süden. Ihr Mann klagte schon seit Längerem über Schmerzen in den Beinen, doch die Ärzte sagten, es sei alles okay. Aurischs kamen nur bis Dortmund. Die Schmerzen wurden immer schlimmer. Sie fuhren zurück nach Hause und wieder in ihr örtliches Krankenhaus. Die Ärzte sagten: "Ach, Frau Aurisch, hören Sie mal auf zu weinen, Ihr Mann hat sich bloß einen Nerv eingeklemmt." Ute Aurisch glaubte den Ärzten nicht mehr, brachte ihren Mann in ein anderes Krankenhaus. Die neue Diagnose: vierstöckige Thrombose und als Folge daraus eine lebensbedrohliche Lungenembolie. Typische Fernfahrerkrankheit. "Dann haben sie ihn aber noch mal hochgekriegt", sagt Ute Aurisch.

Zwei Wochen darauf feierten die beiden ihre Silberhochzeit mit einem großen Fest. Zwei Tage später musste ihr Ehemann wieder ins Krankenhaus. Gesund wurde er nicht mehr. "Er lag in meinen Armen und das Letzte, was er zu mir gesagt hat, war: ‚Kleine, ich will nicht sterben.’" Er wurde 48 Jahre alt.

Heute kommt manchmal noch ein befreundeter Trucker aus Kassel vorbei. Wenn er in der Gegend ist, funkt er Ute Aurisch an und nimmt sie ein Stück mit. Und gelegentlich steht sie bei Curry B96 und blickt den Lastzügen hinterher.

Sohn Tobias will später auch mal einen eigenen Sattelzug lenken. Die 500 Pferdestärken spüren. Ute Aurisch sagt: "Er soll seine Träume verwirklichen."

Am Nachmittag versammeln sich jene, die fünf, sechs Tage die Woche an den kleinen Tisch in der Ecke kommen. Uwe, Tommi, Mary, Frank und Manfred. Sie sind fast alle aus Berlin geflohen – zu hektisch, zu unpersönlich – und leben in den Häusern rund um die Currywurstbude.

Am Tisch laufen die Gespräche so:

"Wir waren beim Markt in Dallgow. Da hast du alles bekommen, von der verrosteten Schraube bis zu weiß ich was. Riesengroß."

"Gemüse gab’s da. Wahnsinn. Konntest du dreimal Heidelbeeren nehmen für zwei Euro."

"Ja, ist doch gut."

"Und die Avocado. Wo du hier im Discounter einsneunundvierzig für bezahlst, gab’s da zwei Stück für einen Euro. Habe ich erst mal eingesackt. Ich esse lieber Avocado als Brotaufstrich als irgendwas anderes. Brauchst nur ein bisschen Salz drauf."

Oder:

"Und. Fußball geguckt gestern Abend?"

"War okay gewesen, wa?"

"Ja, war’n gutes Spiel."

"Paar schöne Tore gewesen."

Es sind Gespräche mit der Länge einer Tasse Kaffee, einer Flasche Bier, einiger Zigaretten und einer Currywurst. Es kommt darauf an, dass gesprochen wird. Als Gruppe. Weniger darauf, was der Einzelne sagt. Dabei wissen sie übereinander Bescheid, kennen die Päckchen der anderen.

Arbeiten ist nicht mehr

Uwe kam heute als erster. Er hielt es mal wieder nicht aus zu Hause, die Langeweile. Und die Gedanken. Früher blieb ihm keine Zeit für so etwas. Als Autoschlosser und später als Maler arbeitete er so viel, dass seine Freundin ihn verließ. Dann kam die Diabetes. Dazu eine Gicht in den Knien. Er malochte weiter, statt zum Arzt zu gehen, weinte manchmal vor Schmerz, schluckte dann Tabletten. Sie zerfraßen ihm die Nieren. Seit anderthalb Jahren muss er dreimal die Woche zur Dialyse. Sein Unterarm ist davon vernarbt. Arbeiten ist nicht mehr. Stattdessen liegt er mit steifem Rücken zu Hause, sieht fern und liest die "Bild"-Zeitung.

Da las er von einem Fußballer, krank wie er, der die Niere seiner Mutter transplantiert bekam. Doch der Körper stieß die Niere ab. Er bekam die Niere seines Vaters. Wurde auch abgestoßen.

Uwes Mutter lebt noch und würde ihm eine Niere spenden. Doch er fürchtet die Operation und das Schicksal des Fußballers. Wenn er zwischen den Dialyse-Terminen alleine zu Hause liegt, dann drehen sich die Gedanken in seinem Kopf: "Wozu machst du diese ganze Scheiße noch?"

Dann steigt er in sein Auto, fährt zum Curry B96, stellt sich an den Tisch, unterhält sich ein bisschen, blickt den vorbeirasenden Autos hinterher und die Gedanken hören auf zu kreiseln, seine Perspektive weitet sich. "Wenn ich dann so sehe, was manche für Krankheiten haben", sagt er. "Gibt da ja noch viele schlimmere Sachen, als was ich hab. Da kann ich eigentlich nicht meckern."

Als letztes kommt an diesem Nachmittag Frank an den Tisch. Auf seinen muskulösen Unterarmen tummeln sich selbstgestochene Tattoos von Disney-Figuren, die Fackel der Freiheitsstatue verschwindet unter seinem T-Shirt-Ärmel. Den Handschlag der anderen verweigert er. Er ist erkältet und will keinen anstecken. Den Tag hat er auf seinem Boot verbracht, das bei einer nahegelegenen Schleuse vertäut ist. Die Tattoos und das Boot, dazwischen liegt die Geschichte des 58-Jährigen.

Er schipperte bis zum Schwarzen Meer

Er kam in Ostberlin zur Welt, Mitte der Siebzigerjahre kundschaftete er mit einem Sinn für Freiheit die tschechische Grenze aus, um ein Schlupfloch Richtung BRD zu finden. Ein Freund verpfiff ihn. Die Stasi knastete ihn ein. Ein Jahr Einzelzelle. Dann drei Jahre Gruppenzelle mit 25 anderen. Mehr als das möchte er nicht darüber geschrieben sehen. "Einfach eine harte Zeit."

Danach wechselte er alle drei Jahre den Job. Waschmaschinenschlosser. Kranfahrer. Bauarbeiter. Bei einem Sturz verletzte er sich einen Wirbel und mehrere Bandscheiben, musste ein Jahr ins Krankenhaus, bis er wieder laufen konnte. Seit 2007 erhält er Erwerbsunfähigkeitsrente, ein Jahr später ließen er und seine Frau sich scheiden. Mit einem Kumpel kaufte er ein 14 Meter langes Boot. Endlich reisen. Sie bauten neue Betten in die Kajüten, installierten eine Solarzelle, überholten die Bordelektronik und lichteten den Anker – durch die Kanäle zur Donau, nach Wien, in den Balkan und durch Bulgarien ins Schwarze Meer. Frank plauderte mit russischen Kapitänen, soff Rum mit rumänischen Bootsmännern, fuhr weiter Richtung Bosporus, wo er beinahe sank, weil eine große Welle das Boot überrollte. Drei Tage mussten sie Schutz in einem Hafen suchen, dann ging es weiter.

Nach der Rückkehr lebte Frank noch ein Jahr auf dem Boot, vertäut bei der Schleuse, dann wurde es ihm zu langweilig. Er zog in einen der Wohnblöcke neben der Currywurstbude, auf der Suche nach Gesellschaft. Doch lange bleiben will er nicht, sondern das Boot verkaufen und einen gebrauchten Magirus-Lkw kaufen, ihn umbauen und nach Skandinavien aufbrechen.

Thomas Victor


Wenn gerade kein Hungriger da ist, setzt sich Jens Dröse auf einen Zigarillo dazu. Auch für ihn ist die Bude mehr als Würste frittieren. Lange Zeit arbeitete er als Staubsaugervertreter. Viele Stunden. Viel Stress. Viel Geld. Irgendwann wollte er das dann nicht mehr.

Während das Sonnenlicht golden wird, der Verkehr langsam verebbt und sich die Ecktischrunde lichtet, bürstet Dröse den Grill, wischt die Arbeitsflächen und reinigt die Kaffeemaschine. Er kennt viele Lebensgeschichten, viele Stammkunden. Wie das Pärchen, das sonntags gerne Auto fährt und auf seiner Runde immer bei Dröse hält. Die beiden Rentner, die in der Gegend regelmäßig spazieren gehen und bei ihm ihren Hunger stillen. Die gestressten Fernfahrer, die bei einer Currywurst Neuigkeiten austauschen, aber währenddessen den Motor laufen lassen, damit der Chef später auf dem Fahrtenschreiber nicht sieht, dass sie eine Pause einlegten, sondern denkt, sie hätten im Stau gestanden. Dröse schüttelt den Kopf, wenn er darüber nachdenkt. "Früher hat es noch mehr Orte wie diesen gegeben, mehr Austausch", sagt er, den Blick über den Brillenrand. "Aber das ist halt der Kapitalismus."


Straße der Träume

Kapitel 6: Neustrelitz


Wir fahren nach Neustrelitz, als ich Fotograf Thomas das Lied "Mont Klamott" vorspiele. Ich höre es in peinlicher Endlosschleife, seit wir den Songtexter Werner Karma in Berlin trafen. Es handelt von starken Frauen und einer zufälligen Begegnung im Berliner Volkspark Friedrichhain.

"Mont Klamott, auf dem Dach von Berlin", so lautet der Chorus. Es klingt nach Hymne und wenn ich es höre, beschleicht mich das Gefühl, dass ich schon zu lange nicht mehr eine durchzechte Nacht an einem sonnigen Morgen im Park hab ausklingen lassen. Es weckt die Sehnsucht nach Freiheit und Stadt. Dass genau diese Sehnsucht Neustrelitz ausbluten lässt, zeigen die folgenden Tage.

Hjördis-Thyra Lingnau sitzt im blühenden Garten des Neustrelitzer Kunsthauses auf einem angerosteten Stuhl. Neben ihr sitzen Thomas Kowarik, der Kopf des Jugendrats und zwei weitere Mitglieder, Pina und Paul. Die vier planen die "School's Out"-Party zum Anfang der Sommerferien.

"Ich denke, dass wir mehr Werbung machen sollten", sagt Hjördis in die Runde. "Schließlich sind wir in Neustrelitz."

"Ja, eben", erwidert Pina. "Wir sind in Neustrelitz - da kommt eh niemand."

Hjördis-Thyra Lingnau im Park vor ihrer Schule

Neustrelitz hat 20.000 Einwohner, einen gepflegten Schlosspark, einen sternförmigen Marktplatz, 29 Seen; Neustrelitz hat nicht: Bars und Klubs, in denen es sich rumzuhängen lohnt, modische Klamottenläden, entspannte Cafés.

Was es gibt, kennt Hjördis in- und auswendig. Die 19-Jährige ist in der Kleinstadt aufgewachsen, seit einigen Jahren arbeitet sie in der Medienwerkstatt des Kunsthauses mit, einem Anlaufpunkt für alle, die kreativ arbeiten. In ihrem ersten Film ging es um einen Jungen, der eines Morgens aufwacht und feststellt, dass er der einzige Mensch auf der Welt ist. "Das konnte man super drehen in Neustrelitz", sagt sie. "Ein Sonntag in dieser Stadt - beste Location."

Seitdem drehte sie einen Film über eine suizidale Medizinstudentin und einen über Männer, die nach Deutschland fliehen. Beim letzten Dreh hoffte sie, sich auf ihre Leidenschaft, die Kameraführung, konzentrieren zu können. Stattdessen musste sie wieder das Mädchen für alles spielen: Equipment transportieren, Schauspieler anweisen, Szenen entwickeln. "Wenn ich als Kamerafrau professionell arbeiten will, muss ich nach Berlin", sagt sie.

Schon jetzt fährt sie hin, so oft sie kann. Auf die Flohmärkte, zu Freunden, in die Klubs. Wie so viele ihrer Bekannten, die sich von Neustrelitz eingeengt fühlen.

"Ich bin froh, in einer behüteten Kleinstadt aufgewachsen zu sein, und ich werde meine Freunde vermissen, aber es ist Zeit, etwas Neues zu erleben", sagt Hjördis. Auch die anderen beiden Mitglieder des Jugendrats, Pina und Paul, hauen bald ab. Sie will ans Theater, er Medizin studieren.

Doch nicht alle gehen freiwillig, nicht alle werden von ihren Träumen in die Ferne gezogen. Sie werden aus dem Nest geschubst. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als zu gehen.

Die Schüler der Klasse 10a der Jawaharlal-Nehru-Schule treffen sich auf dem Neustrelitzer Marktplatz, um ihren letzten Schultag zu planen. Sie wollen Ballons mit Glitzer füllen und platzen lassen, Konfettibomben zünden und mit Lautsprechern durch die Klassenräume ziehen. "Und eine Durchsage sollten wir machen: 'It’s party time!'", sagt eine aus der Gruppe.

"Und was habt ihr danach vor?", frage ich und gucke in die Runde.

"Ich geh nach Greifswald und mache da medizinisch-technische Laboratoriumsassistentin. Ich hatte mich auch in Berlin beworben, weil ich da Familie und Freunde habe, aber das hat nicht geklappt."

"Ich ziehe nach Neubrandenburg zu einer Freundin und mache da meinen Sozialassistenten."

"Ich gehe vielleicht ans Sportgymnasium in Neubrandenburg oder mache ein Jahr Praktikum bei der Bundespolizei und dann da die Ausbildung."

Paul, Moritz, Lucie, Anni, Tristan, Josie, Caro, Justin, Isa, Toni, Charlie - sie alle sind 16 oder 17 Jahre alt, und alle werden ihre Heimat verlassen. "Gibt es denn keine Ausbildungsmöglichkeiten in Neustrelitz?".

"Wenig."

"Sehr wenig."

"Hier an der Berufsschule kann man drei Sachen machen: Metallbau, Gartenbau und Straßenbau."

"So für Mädchen und alles ist hier nicht so viel dabei."

"Du könntest Straßenbau machen."

"Ja, ich steh auf der Straße rum. So sehe ich aus."

"Gibt’s irgendwelche Unternehmen?"

"Kaufland."

"Takko."

"Deichmann."

"Ja, diese ganzen kleinen Läden in der Verkaufsstraße."

"So Jedermannjobs."

"Bleibt denn irgendwer aus eurer Klasse in Neustrelitz?"

"Nein."

Gegen die Jugendflucht stemmt sich Kowarik, der den Jugendbeirat organisiert. Er arbeitet im Kunsthaus, das Kurse für Schauspiel, Tanz, Graffiti, Computeranimation, Textilgestaltung anbietet. Dass es nicht reicht, dass trotzdem viele gehen - man könnte es für normal halten. Kleinstadt halt. Aber in Neustrelitz hat das offenbar eine größere Dimension. Und doch entdeckt man auch Entwicklungen, die Hoffnung machen.

Kowarik machte kurz nach der Wende seinen Abschluss. Die geringe Wettbewerbsfähigkeit der Ostbetriebe gepaart mit gierigen Westinvestoren und der Ausverkaufspolitik der Treuhand-Anstalt nieteten die Wirtschaft um. "Aus meiner Klasse sind bis auf zwei oder drei alle weggegangen. Einige absolvierten eine Kochausbildung, andere gingen zur Bundeswehr. Die, die dageblieben sind, wollten halt einfach nur Kinder kriegen", sagt Kowarik. Auch seine Brüder gingen. Er selbst wohnte noch eine Weile bei seinen Eltern, malte, bewarb sich bei einer Kunsthochschule in Berlin, wurde abgelehnt und bekam vor Kurzem eine Stelle im Kunsthaus Neustrelitz.

Bis 2014 verlor die Stadt in jedem Jahr seit der Wende Einwohner, während andere Städte in Mecklenburg-Vorpommern schon länger wieder wachsen. Die Landeshauptstadt Schwerin zum Beispiel hofft, bald wieder die 100.000-Einwohnermarke zu knacken.

In Neustrelitz siedeln sich zwar wieder Betriebe an, die Jobs bieten. Außerdem versucht die Stadt aus der Not eine Tugend zu machen und sich als "seniorenfreundliche Kommune" zu etablieren, im Pflegebereich gibt es Arbeit. "Doch viele Jugendliche denken gar nicht darüber nach, dass man hierbleiben könnte", sagt Kowarik. "Es war immer normal, wegzugehen und so ist es heute."

Fehlende Jobs und die Anziehungskraft von Berlin - Neustrelitz hat einen schweren Stand bei der Jugend. In der Stadtvertretung gelten 50-Jährige als jung. "Ich denke, dass ein Generationenkonflikt ganz gesund ist, sonst bleiben viele Dinge auf ewig gleich", sagt Kowarik. Um den Stillstand zu verhindern, will er den Jugendbeirat ausbauen, auch wenn ihm mit Hjördis, Pina und Paul drei wichtige Mitglieder verlassen; und er will das Programm im Kunsthaus erweitern. Zu einer Ehrenamtsmesse lockte er Jugendliche kürzlich mit freiem Eintritt zur anschließenden Party.

Aber er beobachtet auch eine gegenläufige Bewegung. Vereinzelt kommen Neustrelitzer, die einst nach Berlin zogen, wieder zurück an ihren Geburtsort - so wie ein alter Bekannter von Kowarik, der für seine Arbeit in der Werbebranche nur einen Internetanschluss braucht. So kann er als Kreativer auch in Neustrelitz arbeiten - und die Kinder können im Grünen aufwachsen.

Kowariks Freundin, die aus Westdeutschland nach Neustrelitz gezogen ist, sagt: "Zu Hause gibt’s vielleicht mehr öffentliche Gelder. Aber durch den Bruch hier, dadurch, dass schon mal alles platt war, gibt es mehr Räume, um selbst etwas zu starten."

Besucher des Immergut-Festivals

Die leuchtenden Beispiele sind die Festivals Fusion, Immergut und Natürlich Irre. Einige davon wird auch Hjördis besuchen und dann irgendwann ihre Heimatstadt verlassen. "Aber ich glaube, egal, wo es mich hinverschlägt, werde ich immer nach Neustrelitz zurückkommen", sagt sie.


Straße der Träume

Kapitel 7: Neubrandenburg


Trutzig ragen die Wohnblocks der Oststadt über Neubrandenburg auf. In der Einkaufsstraße des Viertels liegen ein Wettbüro, ein Schnäppchenmarkt ("1000 Dinge zu niedrigen Preisen!") und ein Textildiscounter in einer flachen Ladenzeile. Davor sitzen Männer in verwaschenen Hemden, trinken Bier aus Flaschen und träumen davon, dass Erich Honecker aufersteht. Seit der Wende verlor die Oststadt die Hälfte ihrer Einwohner, bekam dafür NPD-Demos und eine Arbeitslosenquote von derzeit 16 Prozent.

Ein Stück weiter wohnen Asylsuchende in einer Unterkunft. Im Herbst 2015 kamen außergewöhnlich viele. Doch während die Ankunft ihnen Hoffnung machte, nährte sie bei anderen Angst und Hass, und mancher warnte, das könne nicht gut gehen.

In der Mitte des Stadtteils steht die Regionalschule Am Lindetal für Schüler der Klassen fünf bis zehn. In ihren hellen Fluren und Klassenzimmern prallen all diese Themen – soziale Verwahrlosung, Rassismus, Flüchtlinge – aufeinander.

Wenn der Aufprall zu hart war und ein Kind dicke Tränen heult, dann ist Schulleiterin Regine Stieger zur Stelle. Mit Liebe und Härte. Und Erfolg.

Seit der Wende verlor die Oststadt die Hälfte ihrer Einwohner. Die Arbeitslosenquote liegt bei 16 Prozent.

"Das ist so eine Type!", ruft Stieger und stürmt zu einer Sitzbank im Erdgeschoss der Schule. Da sitzt ein Junge, schwarze Haare, dunkle Augen, seine Füße hängen in der Luft, seine Hände umschließen die Sitzkante. "Du warst doch schon zwei-, dreimal bei mir", sagt Stieger. "Ich glaube, ich muss dich mal liebevoll an den Ohren packen, denn hier wird niemand gehauen – und schon gar keine Mädchen. Das machen nur Pfeifen! Weißt du, was eine Pfeife ist?" Der Junge guckt Stieger aus großen Augen an. Die 59-Jährige steckt zwei Finger in den Mund und pfeift, lacht, wuschelt dem Jungen durch die Haare und eilt weiter.

Schon lange nimmt die Schule Kinder auf, die ihre Heimat verlassen mussten. Ab 2014 wurden es mehr, da standen Kinder aus ganz Osteuropa vor der Tür: Roma aus dem Balkan, Serben, Ukrainer und Tschetschenen, geflohen vor Armut, Ausgrenzung und Krieg. Stieger richtete eine Klasse für "Deutsch als Zweitsprache" (DaZ) ein. Ein Jahr lang lernen die Kinder dort vier Stunden täglich ihre neue Sprache. Nur für Mathe und Sport gehen sie in ihre späteren Stammklassen.

"Mathe ist wichtig für die Zukunft der Schüler, und Sport ist integrativ – da werden die Neuen bei Gruppenspielen direkt eingebunden", sagt David Tietz, ein sportlicher Typ mit breitem Lächeln. Stieger hat den 30-Jährigen an die Schule geholt, um die erste DaZ-Klasse zu eröffnen. Als Medienpädagoge hatte er schon an anderen Schulen Neuankömmlinge unterrichtet. Viel Zeit zur Eingewöhnung blieb nicht: "Kaum lief die erste Klasse mit Tschetschenen, Serben und Ukrainern, kamen schon die Syrer."

Beim Schulamt forderte Stieger weitere Lehrer an, buchte für andere Kollegen rare Fortbildungsmaßnahmen und eröffnete eine zweite DaZ-Klasse. Doch auch ihre Kapazitäten waren bald erschöpft. Einige Schüler mussten statt nach einem Jahr schon nach einigen Monaten in die Stammklassen wechseln, mit Folgen für alle Schüler und Lehrer. Im Geschichtsunterricht verstummen syrische Kinder, wenn von Krieg gesprochen wird, manchmal verschließt sich ihr Gesicht nach einem Blick aufs Handy: Ein Junge las auf Facebook, dass sein Cousin operiert werden musste und danach nicht mehr aufwachte.

Einer von Tietz’ Schülern lebte mit seinen Eltern in Syrien, als neben ihm in der Straße eine Bombe explodierte und ihm drei Finger abriss. Tietz brachte ihm Lesen und Schreiben bei und entließ ihn in die Stammklasse. Die übrigen Kinder waren von der verstümmelten Hand eingeschüchtert, fragten die Lehrer, was da los sei. Die erklärten, dass in Syrien Krieg herrsche. "Die Schüler waren dann sehr behutsam mit dem Neuen", sagt Tietz. "Auch, wenn er sich mal aggressiv verhält."

Auf manche Schüler sind Stieger und Tietz besonders stolz. "Einer der Neuen hat kapiert, dass das hier seine Chance ist, um etwas zu erreichen", sagt Tietz. "Der saß zu Hause und fraß Deutschbücher." Doch plötzlich erschien der Junge nicht mehr zum Unterricht. Er war mit seiner Mutter in der Unterkunft, als die Polizei kam, durch die Gänge lief und an die Tür von Mutter und Sohn klopfte. Die Polizisten wollten jemanden abschieben. Nicht die beiden waren gesucht, trotzdem bekamen sie Angst und flohen bald danach zu Verwandten in Berlin.

Auch die Mitschüler gingen von Abschiebung aus. "Die Klasse hat in den sozialen Netzwerken so einen Aufriss darum gemacht, dass selbst die lokalen Radiosender berichtet haben", sagt Tietz. Der Vermisste meldete sich aus seinem Berliner Versteck und kehrte bald zurück. Doch es war nicht das letzte Mal, dass eine Abschiebung Unruhe in einen Klassenverband trug und den Unterricht verhinderte, zuletzt bei einem Roma-Jungen, den die Polizei auf dem Schulweg abfing und unter den Augen der Mitschüler abführte.

Die neuen Anforderungen, die Traumata, die Angst vor Abschiebungen – manchmal entlädt sich die Anspannung. Vor einer Woche strich ein syrischer Junge einem tschetschenischen Mädchen durchs Haar, daraufhin versammelte sich eine Gruppe tschetschenischer Schüler vor der Sporthalle, um den Syrer abzupassen. Ein deutscher Junge, bekannt als Unruhestifter, stachelte die Gruppe auf. Ein Sportlehrer bemerkte den Auflauf und rief Stieger an, die herbeieilte und die Streitenden trennte: "Danach holten wir die Streithähne an einen Tisch und klärten das auf eine Weise, bei der sich alle respektiert fühlen können."

Stieger vermittelt ihren Schülern Werte, von denen sie glaubt, sie seien der Kitt für das Zusammenleben in Deutschland: Lehrer grüßen, Schulsachen mitbringen, pünktlich kommen. Zum morgendlichen Unterrichtsbeginn werden die Gebäudetüren abgeschlossen. "Wer zu spät kommt, muss klingeln. So lernen die Schüler, dass 7.30 Uhr nicht 7.50 Uhr ist", sagt die Schulleiterin. Damit auch die Eltern Bescheid wissen, bucht Stieger regelmäßig einen Dolmetscher und veranstaltet Abende, auf denen sie ihre Regeln erklärt.

Familie Abbas in ihrer Wohnung. 2015 floh sie aus Syrien nach Deutschland.

Yousef, 14, und Leen Abbas, 13, sitzen mit durchgedrücktem Rücken auf der Couch im Wohnzimmer der kleinen Plattenbauwohnung, in der sie mit ihren Eltern leben. Die Augen der Geschwister leuchten stolz, wenn sie sich beinahe fehlerfrei durch komplizierte deutsche Sätze schlängeln. In Syrien liefen sie geduckt von Häuserecke zu Häuserecke, um ihre Schule zu erreichen. Sie flohen über die Türkei, den Balkan, Ungarn und Österreich nach Deutschland, damals, im Herbst 2015, der eine Ewigkeit entfernt scheint, wenn man die beiden so sitzen sieht. "In meiner Klasse gibt es drei Kinder, die keine Ausländer mögen", sagt Leen. Sie habe sich neben einen der Jungen setzen müssen. "Er sagte: Dumme Kuh. Ich habe aber nicht hingehört. Dann hat er mich kennengelernt und auch andere Araber, und jetzt ist er auch mit einigen Arabern befreundet." Einmal stach ein Mitschüler Yousef mit einem Zirkel in den Arm. An der Stelle prangt immer noch eine kleine Narbe. Einige Schüler kritzeln im Unterricht Hakenkreuze auf ihre Hefte. Zur vergangenen Landtagswahl fungierte die Schule als Wahllokal. 30 Prozent der Wähler gaben ihre Erststimme der Alternative für Deutschland.

Für Stieger spiegelt sich in der Schule die Oststadt und in der Oststadt die deutsche Gesellschaft. Und wenn es in ihrer Schule klappt, warum soll es dann nicht im großen Rahmen funktionieren? Große Ideologien oder Denkentwürfe sind ihr dabei fremd, stattdessen täglich: schimpfen, versöhnen, loben.

Die Schüler sollen verstehen, dass es ein Schulgesetz gibt und dass es für alle gilt.

"Und um das klarzumachen, setze ich auf das Prinzip liebevolle Härte. Das habe ich auch bei meinen eigenen Kindern ganz erfolgreich angewandt." Ihr Sohn arbeitet bei einem IT-Unternehmen in Ulm, ihre Tochter wird Lehrerin.

In den Wintermonaten geht die Zahl der Neuschüler erfahrungsgemäß runter, im Sommer, wenn die Fluchtrouten besser zu bewältigen sind, steigt sie. Derzeit wieder rasant. Medienpädagoge Tietz nimmt fast wöchentlich Kinder in Empfang, die per Familiennachzug in die Oststadt kommen. Allein in den vergangenen vier Wochen füllte sich eine weitere DaZ-Klasse, die Klassenzimmer werden knapp.

Aber der Unterricht, das Miteinander wird einfacher. Am Anfang musste sich der Deutschlehrer mit Übersetzungsprogrammen aus dem Internet und mit Händen und Füßen behelfen, um den Stoff zu erklären. Inzwischen hat er Schüler, die seit zwei, drei Jahren an der Schule sind und mit ihrem guten Deutsch Neuankömmlingen helfen.

Straßenszene in der Oststadt Thomas Victor


In der Einkaufsstraße der Oststadt, am Anfang der flachen Ladenzeile, stehen einige Stühle vor einem Dönerladen. Ein Mann mit rasiertem Kopf und tätowiertem Bizeps sitzt da, trinkt Bier und plaudert mit dem Dönerverkäufer, während zwei Männer mit schwarzen Haaren stolz auf einem neuen Mountainbike Proberunden drehen und eine Frau im Kopftuch ihren Kinderwagen an der Bank mit den DDR-Nostalgikern vorbeischiebt, die in ihr Gespräch vertieft sind. Die Hoffnung, der Hass - sie schwirren immer noch durch die Schule Am Lindetal und die Oststadt, doch es ist bisher gut gegangen, irgendwie – auch dank Menschen wie Stieger und Tietz.


Straße der Träume

Kapitel 8: Stralsund


Aus dem tiefsten Sachsen führte die Fernverkehrsstraße 96 über Berlin zu den weiten Horizonten der Ostseebäder Rügens. Wer seinen Trabi oder seinen Wartburg bestieg, der konnte ein bisschen träumen, von einem anderen Leben, von Freiheit. Dann brach die DDR zusammen, die Bundesrepublik übernahm, aus der F96 wurde die B96. Und wovon träumen die Menschen entlang der Straße heute? Wir finden es heraus - auf unserem einmonatigen Roadtrip über die Route 66 der DDR.



Straße der Träume

Kapitel 9: Sassnitz


Aus dem tiefsten Sachsen führte die Fernverkehrsstraße 96 über Berlin zu den weiten Horizonten der Ostseebäder Rügens. Wer seinen Trabi oder seinen Wartburg bestieg, der konnte ein bisschen träumen, von einem anderen Leben, von Freiheit. Dann brach die DDR zusammen, die Bundesrepublik übernahm, aus der F96 wurde die B96. Und wovon träumen die Menschen entlang der Straße heute? Wir finden es heraus - auf unserem einmonatigen Roadtrip über die Route 66 der DDR.

Wir überqueren Rügen, fahren bis zum Ende der Straße und laufen das letzte Stück zum Strand. Die Kreidefelsen leuchten in der Nachmittagssonne, das Meer liegt ruhig vor uns. Ein Pärchen kuschelt auf einer Picknickdecke. Die beiden tragen schwarz, auf seinem T-Shirt prangt ein gehörnter Teufel. Thomas fragt, ob er sie fotografieren darf. Ich lege mich auf den Rücken, gucke in den blauen Himmel.

Fast 600 Kilometer sind wir gefahren, haben neun Orte besucht, unzählige Menschen getroffen und zugehört, wenn sie über ihre Träume, Ängste und Hoffnungen sprachen. Was haben wir dabei gelernt?

Zeit für ein Fazit.

Raphael Thelen und Thomas Victor Thomas Victor


Über mir kreisen Möwen, meine Hand findet einen Kiesel. Er ist schwarz mit weißen Flecken. Oder weiß mit schwarzen Flecken? Sicher bin ich nicht, aber ein Gedanke stellt sich ein: Eigentlich passt dieses Wechselbild zwischen Schwarz und Weiß zu dem, was wir in den vergangenen zwei Jahren erlebt haben.

Es begann damit, dass ich 2015 den Jahrestag von Pegida in Dresden besuchte. Zum ersten Mal packte mich Angst, als ich erlebte, wie 20.000 Menschen brüllten, sie seien das Volk, und plötzlich Neonazis auf uns zustürmten und einem Gegendemonstranten die Fäuste ins Gesicht schlugen.

Seitdem spüren Thomas Victor und ich den offenen und verborgenen Feindseligkeiten nach, die in Ostdeutschland grassieren. Wir fanden sie an jeder Ecke: bei rechten Sternmärschen in Aue, randalierenden Neonazis in Chemnitz, populistischen Lokalpolitikern in Godendorf und rassistischen Biedermännern im Schatten der Plattenbauten von Hoyerswerda.

Aber Hoyerswerda verwirrte uns auch. Wir erwarteten beinahe, dass es in der Stadt noch nach den Brandsätzen riechen würde, die ein Mob 1991 auf Asylsuchende geworfen hatte - und ja, viele Gesprächspartner verharmlosten die Mordversuche von damals. Aber wir trafen auch Menschen, die Geflüchteten eine Heimat gaben. Und ehrlich: Irgendwie fanden wir die Stadt ganz hübsch, alles andere als ein Getto der Ewiggestrigen. Wie konnte das sein? Heißt es denn im Westen nicht immer wieder abfällig, dass "da drüben" Verfall und Elend regieren?

In den nächsten Monaten zwangen uns viele Orte in diesen schmerzhaften Spagat zwischen Schwarz und Weiß. Auch in Zittau, dem Startpunkt unserer Reise auf der B96, wurden wir hin- und hergerissen. Bei der Fahrt in die Stadt sahen wir Häuser, an denen selbst die Holzplatten vor den vernagelten Fenstern verrottet waren. Doch die historische Innenstadt bezauberte uns durch ihre pittoreske Architektur, und die Bewohner in den verwinkelten Gassen begegneten uns mit offenen Gesichtern.

Wir hätten über Abbruchhäuser, die hohen Stimmengewinne der AfD und die hohen Arbeitslosenzahlen berichten können. Hätte eine saftige Story ergeben. Doch weil wir nicht nach Rassismus fragten, sondern nach den Träumen der Menschen, veränderte sich während der Reise über die B96 unser Blick: Vielleicht geht es, obwohl das Image ein ganz anderes ist, in Ostdeutschland schon längst wieder bergauf?

Pia und Eve
"Unser Traum ist es, alles zusammen zu schaffen."

Zeichen dafür begegneten uns überall. In Zittau wächst zum ersten Mal seit der Wende die Bevölkerung, auch weil Menschen aus anderen Ländern aufgenommen wurden und Zittauer zurückkehren, die einst auf der Suche nach Jobs weggezogen sind.

An der Imbissbude in Teschendorf trafen wir zwei Einheimische, die ihre Currywurst aßen und sich über die neue Wirtschaftslage wunderten.

"Bei Oranienburg hat sich gerad wieder ein Konzern angesiedelt", sagte der eine.

"Ja, und das Verrückte ist", sagte der andere, "dass die Handwerksbetriebe nicht genug Azubis finden."

"Geht einem ja auch so, wenn man einen Klempner oder so sucht. Musste ewig warten."

"Ein Bekannter von mir hat ein Schild vor seinem Betrieb aufgestellt: KFZ-Schlosser gesucht. Doch der findet keinen, obwohl er vierzehn Euro die Stunde zahlt."

Die regionale Presse bestätigt den Trend: Häufig liest man von Investitionen, die gefeiert werden, von Neubaugebieten, die erschlossen und Fertigungsstraßen, die eingeweiht wurden.

Thomas Zenker, der junge Bürgermeister von Zittau, Thomas Kowarik, der Veranstalter aus dem Kunsthaus Neustrelitz, Regina Stieger, die engagierte Schulleiterin der Neubrandenburger Oststadt - sie und viele andere beweisen, dass Ostdeutschland nicht nur gestrig und braun ist. Zwar fehlt es oft an Geld, aber der frühere Kahlschlag im Osten hat Freiräume eröffnet, die sie nutzen. Zenker gestaltet seinen Traum europäischer Solidarität, Kowarik organisiert eine offene Kunstschule, Stieger bastelt mit ihrem Prinzip der liebevollen Härte am internationalen Miteinander im Problemviertel Oststadt.

Ostdeutschland - auferstanden aus Ruinen? Es wäre ein schäbiger Verweis auf die Nationalhymne der DDR, der allerdings nur deshalb schäbig klingt, weil wir gewohnt sind, über die DDR zu spotten. Witze über "Ossis" und "Behinderte" ähnelten sich oft. Über den hier habe ich in meiner Schulzeit auch mal gelacht: Was ist der Unterschied zwischen einem Trabbi und einem Kondom? Es gibt keinen. Beide behindern den Verkehr.



Raphael Thelen (links), geboren 1985, lebte und arbeitete schon in Ägypten, Syrien, dem Libanon und dem Irak. Seit 1,5 Jahren berichtet er aus Leipzig über Ostdeutschland, nach dieser Reportagereise zieht es ihn nach Berlin.

Thomas Victor, geboren 1983, zog nach seinem fotografischen Studium in Hamburg, Hannover und Berlin nach Leipzig. Hier lebt er seit drei Jahren mit seiner Familie und arbeitet mit Schwerpunkt auf ostdeutsche Themen. Er ist Mitglied der Agentur Focus.

Doch gerade in Ostdeutschland bin ich oft einer Lebenserfahrung begegnet, die ich aus dem Westen nicht kenne. Ein 80-jähriger früherer Bergmann, den ich in Zittau traf, erzählte, wie er als Kind die Begeisterung für Hitler erlebte und nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs in der sozialistischen Vorzeigestadt Hoyerswerda den Traum vom neuen Menschen, er ging durch die Wende, die Agenda-Reformen und die Öffnung der deutschen Außengrenzen. Die vielen Brüche lehrten ihn eine gesunde Skepsis. Er hat erlebt, wie schnell Systeme stürzen können und sagt: "Der Frieden in Europa ist nicht garantiert. Wir müssen sehen, dass wir irgendwann von den Vereinigten Staaten von Europa reden können."

Man kann 80-Jährige über ihre Lehren aus der Vergangenheit fragen oder Leute wie den Liedtexter Werner Karma, der bis heute an die Ideale des Sozialismus glaubt. Ich fragte ihn, ob es nicht ein Fortschritt sei, dass es uns im vereinigten Deutschland materiell besser geht als den Menschen damals in der DDR. Er antwortete: "Man muss den Leuten mal in die Seele schauen. Da ist Stress, Angst, Egoismus. Das System spuckt Unmengen von zerstörten Menschen aus."

Der Sozialismus hätte wenigstens versucht, es besser zu machen: "Es ging um die Qualität des Zusammenlebens. Es ging darum, eine auf Egoismus und Privateigentum basierende Gesellschaft in eine altruistische Gesellschaft zu überführen. Es sollte um das Wohl des anderen gehen."

Seine Kritik zielt auf kapitalistische Phänomene wie Überproduktion, Verschwendung, billigen Konsum und rücksichtslose Konkurrenz - vieles davon artikuliert sich seit Jahren auch in Massenprotesten. Viele der 250.000 Teilnehmer der Anti-TTIP-Demo 2015 in Berlin würden diese Kritik genauso unterschreiben wie die Scharen junger Anhänger von Jeremy Corbyn in Großbritannien oder Bernie Sanders in den USA. Sozialisten damals, heute Umweltschützer, Nachhaltigkeitsfreaks, Globalisierungskritiker - sie alle teilen den Traum, dass eine gerechtere Welt möglich ist.

Wir begegneten natürlich auch dem oft beschriebenen Ausländerhass. Auch die beiden Männer, mit denen wir uns an der Imbissbude von Teschendorf unterhielten, maulten über die vielen Ausländer, "die in Oranienburg auf der Straße rumlungern und nichts tun". "Die kriegen ja auch ihr Geld vom Amt", sagte der eine. "Ist alles die Merkel schuld, die die hergeholt hat", sagte der andere.

In Neubrandenburg unterhielten wir uns mit einem Tätowierer. Auf seinem Unterarm prangte ein eisernes Kreuz. Als ich fragte, was er rund um den Hals tätowiert habe, sagte er: "Unser einziges Ziel ist, sie zu jagen." Und dann mit einem Grinsen: "Ist zweideutig, ne?"

In Stralsund sahen wir ein Graffiti. "Nazi Kiez" stand da, einsam und unwidersprochen.

Doch wir fanden auch Beispiele dafür, dass Rechtsextreme Raum verlieren, etwa in Zittau. Dort unterhielten Neonazis früher ein Klubhaus, unterstützt mit städtischen Geldern. Heute überwiegen alternative Wohnprojekte in der Stadt.

Schwarz auf Weiß oder Weiß auf Schwarz? Es ist eine Frage der Perspektive und eine eindeutige Antwort drängt sich nicht auf. Aber nach den Begegnungen entlang der B96 sage ich: Die Menschen, die wir trafen und die Träume, die sie leben, werden uns eine Weile tragen. Ich hätte in dieser Zeit an keinem anderen Ort unterwegs sein wollen.

Im Video: Der persönliche Roadtrip-Rückblick