Gleichberechtigung "Die Homo-Ehe ist nur eine Frage der Zeit"

Deutschland tut sich schwer mit der Homo-Ehe, dabei wurde hier die Homosexualität erfunden, sagt Robert Beachy. Wie er das meint und was das Ende des deutschen Kaiserreichs für Homosexuelle bedeutete, erklärt der US-Historiker hier.

Ein Interview von


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  • Michael Lionstar
    Robert Beachy, Jahrgang 1965, lehrt Geschichte am Underwood International College in Seoul, Südkorea. Der US-Historiker hat deutsche Geschichte studiert und an der Universität Chicago promoviert.
SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Deutschland die Homo-Ehe einführen wird?

Beachy: Ja. Das ist nur eine Frage der Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt nach wie vor politischen Widerstand. Was stimmt Sie so zuversichtlich?

Beachy: Der allgemeine historische Trend spricht für die Einführung der Homo-Ehe. Außerdem wäre sie ein weiterer Schritt in der langen Geschichte der Homosexuellenbewegung in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch "Das andere Berlin" bezeichnen Sie Homosexualität sogar als eine "deutsche Erfindung".

Beachy: Die Vorstellung, dass Homosexualität angeboren ist, entsteht in Deutschland in den Fünfziger, Sechziger- und Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit halten die meisten Homosexualität für eine Perversion. Es sind deutsche Ärzte, Wissenschaftler und Aktivisten, die erstmals sagen: Nein, das ist keine Krankheit, sondern ein Teil des Wesens einer Gruppe von Menschen. So prägen sie unser heutiges Verständnis von Homosexualität.

SPIEGEL ONLINE: Was folgte damals daraus?

Beachy: Sehr bald forderten die ersten Aktivisten Rechte für Homosexuelle. Im August 1867 hielt der Jurist Karl Heinrich Ulrichs eine Rede vor dem Deutschen Juristentag in München. Dort verlangte er die Abschaffung der Gesetze, die sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellten. Viele der mehr als 500 anwesenden Juristen waren empört. Sie beschimpften Ulrichs und zwangen ihn, seine Rede abzubrechen. Dennoch: Die Ansprache gilt als erstes öffentliches Coming-out eines Schwulen in der modernen Geschichte. Sie zog viel Aufmerksamkeit auf das Phänomen gleichgeschlechtlicher erotischer Anziehung. Vor allem machte sie Ärzte und Psychiater darauf aufmerksam.

SPIEGEL ONLINE: Wer war hier die bedeutendste Figur?

Beachy: Der Berliner Sexualforscher Magnus Hirschfeld. Er war ein deutsch-jüdischer Arzt und der Erste, der die Bewegung organisierte. 1897 gründete er das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee in Berlin, die erste Schwulenrechtsorganisation der Welt. 1918 gründete er dann das Institut für Sexualwissenschaft. Damals gab es auf der ganzen Welt nichts Vergleichbares.

Organisator der Schwulenbewegung: Der Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld um 1930
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Organisator der Schwulenbewegung: Der Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld um 1930

SPIEGEL ONLINE: Trotz Hirschfelds Bemühungen wurde der "Schwulenparagraf" bis 1994 nicht aus dem Strafgesetzbuch gestrichen.

Beachy: Aber seit den späten Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts tolerierte die Berliner Polizei Zusammentreffen von Homosexuellen in Clubs und Bars.

SPIEGEL ONLINE: Aus Verständnis für die Homosexuellen?

Beachy: Es lag wohl eher daran, dass dieses Gesetz in der Praxis zu schwer anzuwenden war. Es verbot bestimmte sexuelle Handlungen zwischen Männern, und die Menschen hatten ja nicht in aller Öffentlichkeit Sex.

SPIEGEL ONLINE: Die Schwulenbars waren aber sehr wohl öffentliche Orte. War die Polizei einfach nur pragmatisch oder vielleicht doch liberal gesinnt?

Beachy: Liberal ist sicher das falsche Wort. Der Polizeichef Leopold von Meerscheidt-Hüllessem glaubte aber an den Fortschritt durch wissenschaftliche Erkenntnisse. Das war Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland weit verbreitet. Er hatte Kontakt zu den führenden Sexualforschern der Zeit und las die neueste Literatur über Homosexualität. Er veranstaltete sogar Führungen durch Schwulenbars. Seine Nachfolger setzten seine Politik dann fort.

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SPIEGEL ONLINE: In der Weimarer Republik wurde Berlin dann zum Zentrum der internationalen Schwulen- und Lesbenszene.

Beachy: Das Ende des Kaiserreichs und die Ausrufung einer Republik mit einer demokratischen Regierungsform setzte viele Energien frei. Frauen bekamen das Wahlrecht. Fast alle Zensurgesetze wurden aufgehoben. So wurde auch ein offenerer Umgang mit Homosexualität möglich. Plötzlich gab es bekannte Persönlichkeiten, die ganz offen schwul oder lesbisch waren. Die Kabarettsängerin Claire Waldoff etwa lebte mit einer Frau zusammen. Klaus Mann, der Sohn von Thomas Mann, ging ganz unverblümt mit seiner Homosexualität um, schrieb Romane mit schwulen Figuren.

SPIEGEL ONLINE: Und damit war Berlin der Welt voraus?

Beachy: Schwule Subkulturen gab es auch in anderen europäischen Städten. Einzigartig an Berlin war der offene Umgang mit Homosexualität. Es gab in Berlin nicht nur Schwulenklubs und -bars, sondern auch homosexuelle Filme und Zeitschriften.

SPIEGEL ONLINE: Kann die einstige Vorreiterposition Deutschlands bei der derzeitigen Debatte um die Ehe für Homosexuelle helfen?

Beachy: Auf den Kampf um Homosexuellenrechte kann man in Deutschland heute stolz sein. Eigentlich sollten die Deutschen diesen Teil ihrer Geschichte herausposaunen, ihn auf Briefmarken und Plakate an der Autobahn drucken. Vielleicht würde das auch jene überzeugen, die im Moment noch gegen die Homo-Ehe sind.

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