Empörung über Mafiaboss-Beerdigung "Der König von Rom"

Ein Trauerzug aus Rolls Royces, Rosenblütenblätter aus dem Hubschrauber und die Filmmusik des "Paten": Die glamouröse Beerdigung von Mafiaboss Vittorio Casamonica erzürnt Rom.

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Es war eine schöne Beerdigung, diesen Donnerstag im römischen Stadtteil Tuscolano. Sicher ganz im Sinne des mit nur 65 Jahren verstorbenen Vittorio Casamonica.

Sechs schwarze Pferde mit goldenen Tressen zogen die Kutsche mit seinem Sarg. Der Kutsche folgte ein schier endloser Trauerzug mit vielen Luxuslimousinen, etlichen Rolls Royce darunter, aber auch Pick-ups, die mit riesigen Blumenkränzen beladen waren. Vor der großen Don-Bosco-Kirche standen Hunderte Menschen, weinten, applaudierten und zollten damit dem Toten ein letztes Mal Respekt.

Als der Sarg in die Salesianer-Kathedrale mit einer der mächtigsten Kuppeln aller römischen Kirchen getragen wurde, spielte eine Blaskapelle Melodien aus dem Film "Der Pate". Beim feierlichen Auszug orchestrierten sie "My Way" und Musik aus "Odyssee im Weltraum". Von hoch oben ließ ein Hubschrauber Rosenblütenblätter auf die Menge regnen.

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Rom: Die Beerdigung von Vittorio Casamonica
Unten, an den Kirchenmauern, zeigten große Plakate einen korpulenten, freundlich lächelnden Mann mit einem Kreuz auf der weißen Hemdbrust - schon hoch über Rom und halb im Himmel. Auf einem stand: "Du hast Rom erobert, jetzt erobere das Paradies". Auf einem anderen: "König von Rom".

Kaum war die schöne Beerdigung vorbei, brach allerhand Ärger los. Denn der Mann im Sarg war Ziel "vieler Ermittlungen gegen die römische Kriminalität", wie ein Sprecher des örtlichen Rathauses zerknirscht kundtat. Andere drücken es etwas salopper aus: Der nette Vito sei ein mächtiger Mafiaboss gewesen.

"Das beleidigt alle römischen Bürger"

Ein Aufsteiger, wie aus dem Bilderbuch der Kriminalität, sagt man. In den Siebzigerjahren zog die Sinti-Familie von Vittorio Casamonica von den kalten Bergen der Abruzzen ins warme Rom und ließ sich in den östlichen Stadtteilen Tuscolano und Anagnina nieder. Vittorio freundete sich mit dem Chef der "Magliana-Bande" an, das war damals die dynamischste Gang in der römischen Unterwelt. Aber er arrangierte sich auch mit anderen Bossen in anderen Stadtteilen. Die Drecksarbeit, Wucherkredite von säumigen Schuldnern einzutreiben, soll seine Familie damals für einige arrivierte Mafia-Fürsten übernommen haben, heißt es.

So wurde er nach und nach ein einflussreicher Mann, erst in seinem "Regierungsbezirk", später in ganz Rom - durch Kreditwucher, Schutzgelderpressung und was sonst alles noch zur organisierten Kriminalität gehört, sagen jedenfalls die Behörden der Strafverfolgung. Immer wieder gab es Polizeiaktionen gegen ihn, Durchsuchungen, Beschlagnahme von Millionenwerten. Aber so richtig beweisen konnte man ihm persönlich nicht viel.

Sein Handwerk freilich war allenthalben bekannt. Das gehört ja zum Geschäftsmodell eines jeden Mafiabosses: Wenn keiner Angst vor ihm hat, funktioniert das nicht. Wenn aber halb Rom vom zweifelhaften Ruf des Verstorbenen wusste, fragen jetzt erstaunte und erzürnte Mitbürger, wieso wurde posthum eine derartige öffentliche Huldigung erlaubt?

"Rom wurde verschandelt", sagt Matteo Orfini, Chef der in Italien wie in Rom regierenden Sozialdemokraten. "Das beleidigt alle römischen Bürger", empört sich der Vizebürgermeister. "Eine Beerdigung wurde zum Instrument gemacht, Mafia-Botschaften auszusenden", twittert sein Chef, Bürgermeister Ignazio Marino, das sei "nicht zu tolerieren". Und er habe vom Präfekten der Stadt Klärung verlangt. Der Präfekt wiederum sagt, er habe nichts gewusst, womöglich sei es aber eine Kommunikationspanne gewesen. Man müsse das klären. Die Opposition fragt den Innenminister Angelino Alfano, ob er zum Beispiel den Hubschrauberflug über Rom und den Autokorso genehmigt habe. "Nein", sagt der, verspricht aber eine Untersuchung.

Der Pater weiß von nichts

Don Giancarlo Manieri hingegen, der Salesianer-Priester, der die Beerdigungsmesse für den verstorbenen Paten geleitet hat, sieht keinen Grund für Selbstzweifel. Vom zweifelhaften Ruf des Verstorbenen habe er nichts gewusst. Erst seit drei Jahren leitet er die Gemeinde, in der auch der überaus gläubige "König von Rom" zur Messe ging. Und überhaupt, "in der Kirche haben sich alle tadellos verhalten, alle haben mitgebetet". Und, nein, die Plakate an der Kirche habe er nicht gesehen. Alles, was draußen auf den Straßen vor sich ging, sei sowieso nicht seine Kompetenz, "ich bin doch kein Verkehrspolizist".

Auch davon, dass Papst Franziskus schon 2014 alle Mafiosi exkommuniziert und die Kirche zum Kampf gegen die organisierte Kriminalität aufgerufen hat, dass er die Kirche und alle Gläubigen aufforderte, jede "Nähe zu den Kriminellen" zu vermeiden, weiß Don Manieri sicher nichts. Aber das geht ja offensichtlich vielen in der "Ewigen Stadt" so.

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