Roma-Kinder in Berlin: Aufstieg ins Elend

Von und Oliver Trenkamp

Es ist eine neue Dimension der Not, mitten in Deutschland: Hunderte Roma-Kinder leben in Berlin in bitterer Armut, gehen nicht zur Schule. Für Lehrer, Sozialarbeiter, staatliche Stellen sind sie kaum zu erreichen. Manche geraten in die Fänge von Pädophilen und verkaufen ihren Körper als Stricher.

Elend in der Hauptstadt: Roma-Kinder in Berlin Fotos
DPA

Berlin - Wenn seine Schüler plötzlich neue Schuhe tragen, neue Jeans, neue T-Shirts; wenn Firmen-Logos darauf sind, die sie teuer und wertvoll machen, dann fürchtet Jens-Jürgen Saurin das Schlimmste. Wenn seinen Schülern plötzlich nicht mehr anzusehen ist, dass sie in Häusern wohnen, vor denen sich der Müll stapelt; dass sie in Hinterhöfen und Treppenhäusern spielen, in denen alte Kühlschränke, Staubsauger, Sofas schimmeln, dann fürchtet Saurin, 61, weißes Haar, Schulleiter: Die Jungs sind hineingeraten in die Pädophilenszene Neuköllns.

"Wir haben nur in Einzelfällen die Bestätigung dafür, aber der Eindruck ist sehr stark", sagt Saurin. Im Norden des Berliner Problembezirks sei "in schrecklichem Maße eine pädophile Szene zu beobachten".

Saurin leitet die Adolf-Reichwein-Förderschule in Neukölln, einer der ärmsten Gegenden Berlins, die sich zugleich zum beliebten Ausgehbezirk wandelt. Die Bars und Clubs der Feierfreudigen liegen nur wenige Straßen entfernt. Er und seine Kollegen sind so etwas wie ein Kriseninterventionsteam der deutschen Bildungspolitik. Sie kümmern sich um jene Kinder, die es nicht gepackt haben an anderen Schulen; die oft aus armen Familien kommen, die es schwer haben im Leben.

Dutzende Kinder, die bei ihm lernen, stammen aus Roma-Familien - viele sind in den vergangenen Monaten aus Rumänien oder Bulgarien nach Berlin gekommen. Wenn es um das Abrutschen von Kindern ins Strichermilieu gehe, seien die " Roma-Kinder eine besonders gefährdete Jungengruppe", sagt Saurin.

Nicht nur Saurin, auch andere Sozialarbeiter und Bezirkspolitiker erzählen von Kindern, die ins Strichermilieu oder in die Fänge von Pädophilen geraten sind. Ralf Rötten von der Hilfsorganisation Berliner Jungs sagte der "taz": "Ein großer Teil der Jungen, die Opfer pädosexueller Gewalt werden, sind Migranten." Sie würden sich schämen, hätten Angst vor dem Gesichtsverlust. "Sie wollen nicht als homosexuell gelten."

Rosa von Praunheim hat einen Film über Stricherjungs in Berlin gedreht, er lief auf der letzten Berlinale. Darin porträtiert er auch Roma-Jungs, denn 70 Prozent der männlichen Prostituierten in der Hauptstadt stamme mittlerweile aus Osteuropa, unter ihnen seien viele Roma, sagt er.

Erst langsam gerät das neue Elend in den Blick

Die Kinderprostitution und die sexuelle Gewalt gegen Kinder aus Roma-Familien in sozialen Brennpunkten - es sind Folgen einer Armut, die in ihrer Dimension neu ist in Deutschland.

Wenn über Roma berichtet wird, geht es meist um Diskriminierung und um Kriminalität. Dann leben die Klischees auf vom fahrenden Volk, das unter sich bleiben will. Von klauenden Kindern, von bettelnden Müttern, von Jugendlichen, die einem die Autoscheibe putzen, von Mafia-Strukturen - solche Dinge.

Erst langsam gerät das Elend in den Blick, in dem viele leben, auch mitten in deutschen Großstädten. Da gibt es Hilfsarbeiter, die von Menschenhändlern hergekarrt werden und als legale Sklaven schuften. Am härtesten jedoch trifft es die Kinder.

Tausende Roma-Familien leben in Deutschland, viele sind EU-Bürger, stammen aus Rumänien und Bulgarien. Sie dürfen ohne Arbeitsnachweis nur drei Monate bleiben, oft bleiben sie länger. Sie wollen den Aufstieg schaffen - und leben meist weiterhin im Elend; auch wenn es einigen gelingt, sich selbständig zu machen oder einen regulären Job zu finden.

Es bilden sich neue Parallelgesellschaften, in die vorzudringen nicht leicht fällt. "Wir haben es mit einer neuen Stufe der Armut zu tun", sagt Neuköllns Migrationsbeauftragter Arnold Mengelkoch.

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1. Deutschland wollte es doch so
BaywatchamStrandvonMalibu 08.06.2011
Zitat von sysopEs ist eine neue Dimension des Not, mitten in Deutschland: Hunderte Roma-Kinder leben in Berlin in bitterer Armut, gehen nicht zur Schule. Für Lehrer, Sozialarbeiter, staatliche Stellen sind sie kaum zu erreichen. Manche geraten in die Fänge von Pädophilen und verkaufen ihren Körper als Stricher. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,767147,00.html
Tja, was soll man sagen - Deutschland hat sich doch am lautesten aufgeregt, als Frankreich die Roma abschieben wollte. Damit sagt Deutschland doch indirekt, dass es das Verhalten der Roma gut findet und somit müssen wir die Kosten für diese Lebensweise halt übernehmen.
2. Roma
kdshp 08.06.2011
Zitat von sysopEs ist eine neue Dimension des Not, mitten in Deutschland: Hunderte Roma-Kinder leben in Berlin in bitterer Armut, gehen nicht zur Schule. Für Lehrer, Sozialarbeiter, staatliche Stellen sind sie kaum zu erreichen. Manche geraten in die Fänge von Pädophilen und verkaufen ihren Körper als Stricher. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,767147,00.html
Hallo, was machen die überhaupt in deutschland?
3. Kompliziert
megaptera 08.06.2011
Wer soll da so schnell Vertrauen zu den Roma gewinnen? Sie werden seit Jahrhunderten ausgegrenzt und verachtet ob ihres Lebensstils. Wenn ich schon als Kind merke, dass ich nicht willkommen bin, wer bitteschön geht dann freiwillig in die Schule? Es ist häufig die Angst vor der Ausgrenzung Hier oben in Kiel bei dem Projekt "Maro Temm" (unser Platz) kommen die Lehrer und Sozialarbeiter auch ganz schwer an diese Menschen ran. Vielleicht könnte man reine Schulklassen für Sinti und Roma ins Leben rufen.zwar sind sie dann wieder nur unter sich, aber eventuell wäre diese Angst vor der Schule dann geringer. Wichtig ist erst mal die Schulbildung. Die weitere Sozialisation könnte sich dann vielleicht automatisch ergeben. Und unsere Behörden müssen vorurteilsfrei sein. Klingt logisch, ist es aber nicht.
4. Ich kann nicht mehr
rhalpha 08.06.2011
Ich will die Situation nicht gutheißen, aber mein Mitgefühl ist inzwischen fast aufgebraucht. Im Artikel scheint wieder einmal durch, dass Deutschland wieder einmal schuld ist, weil es sich nicht um die Kinder der Illegalen kümmert. Natürlich, wir sind am Elend der ganzen Welt schuld; wenn nicht durch die Verbrechen unserer Vorfahren, dann zumindest durch mangelnde Ünterstützung der Nicht-Deutschen im In- und Ausland. Diesmal die Roma und ihre Kinder, gestern die kriminellen Albaner Familien, vorgestern Jungendbanden mit Migrationshintergrund, wie man politisch korrekt sagen muss, usw, usw. Die Liste kommt mir endlos vor. Sollte man laut sagen, daß illegale Zuwanderung nicht in Ordnung ist oder daß sich legale Zuwanderer an deutsche Gesetze halten sollen und die Sprache lernen sollten, wird man in die rechte Ecke gestellt. Ich bin nicht Rechts weil ich gerne als Deutscher in Deutschland lebe und nicht will, daß meine Kinder eine Fremdsprache lernen müssen um in der Schule dem Unterricht folgen zu können. Ich hielt mich für einen mitfühlenden Menschen, aber so leid es mir tut, ich habe das Gefühl, daß langsam die Einheimischen diskriminiert werden weil sie im "reichen Deutschland" geboren wurden.
5. .
Forumkommentatorin 08.06.2011
Diese Leute leben seit Jahrhunderten nach ihren Traditionen und die ist nunmal oft nicht mit denen der alteingessenen Bevölkerung kompatibel. Wenn sie keinen Sinn darin sehen zur Schule zu gehen, sollte man sie von der Schulpflicht befreien. Wie sie ihr Geld verdienen, ist ihre Sache. Ich hoffe nur, dass unsere Gesetze beim Umgang mit ihnen greifen. Dass Bulgarien und Rumänien einen großen Anteil von Zigeunern haben, ist bekannt. Und dass die Freizügigkeit viele Leute anspricht, die es nicht im Sinn haben, ihren Lebensunterhalt mit Arbeit zu verdienen, ist eigentlich auch bekannt.
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Sinti und Roma: Mit Bildung aus dem Abseits

Sinti und Roma in Deutschland
Unterschied zwischen Sinti und Roma
Roma ist ein Sammelbegriff für Volksgruppen, die im Volksmund häufig noch heute als Zigeuner bezeichnet werden. Diesen Begriff lehnen Angehörige der Minderheit als diskriminierend ab. Als Sinti bezeichnen sich Angehörige einer Gruppe, die eine eigene Kultur und Sprache besitzt und deren Vorfahren vermutlich vor rund 600 Jahren in deutschsprachiges Gebiet einwanderten. Gruppen, die seit dem 19. Jahrhundert aus ost- und südosteuropäischen Ländern nach Deutschland gekommen sind, nennen sich Roma.
Situation heute
Bundesweit wird die Zahl der Sinti und Roma mit deutscher Staatsangehörigkeit auf etwa 70.000 geschätzt. Neben Deutsch sprechen sie ihre eigene Minderheitensprache Romanes. In Südost- und Osteuropa leben kaum Sinti, sondern verschiedene Roma-Gruppen.

Vor allem in der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen Flüchtlinge, Vertriebene und Arbeitsmigranten mit Roma-Zugehörigkeit nach Deutschland. Genaue Zahlen gibt es nicht, da amtliche Statistiken die ethnische Herkunft nicht erfassen. Unicef rechnet allein aus dem ehemaligen Jugoslawien mit 50.000 Roma-Flüchtlingen, darunter 20.000 Kinder. Viele von ihnen sind von der Abschiebung bedroht und erhalten nur eine begrenzte oder gar keine Aufenthaltsgenehmigung.

Darüber hinaus leben nicht eingebürgerte Roma aus Südosteuropa in Deutschland. Die überwiegende Mehrheit dieser von der Abschiebung bedrohten Flüchtlinge erhält nur eine begrenzte oder gar keine Aufenthaltsgenehmigung.

In Osteuropa leben Roma auch in EU-Ländern oft in besonders prekären Verhältnissen. Durch das Recht auf Freizügigkeit können sie innerhalb der EU reisen.

Herkunft
Die Geschichte der Roma ist nicht eindeutig geklärt. Ihre Vorfahren verließen vor etwa tausend Jahren ihre Ursprungsheimat, die der Sprachforschung zufolge im heutigen Nordwestindien und Pakistan liegt. Historiker gehen davon aus, dass Roma auch als Sklaven verschleppt wurden. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts wurden Sinti und Roma in fast allen europäischen Ländern urkundlich erwähnt. Entgegen gängiger Vorurteile ist die Mehrheit der Roma in Europa heutzutage sesshaft.
Verfolgung und Diskriminierung
Seit dem Spätmittelalter sahen sich Roma immer wieder Unterdrückung und Verfolgung ausgesetzt. Ihnen wurden Berufsverbote auferlegt, und sie wurden vertrieben. Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach der Abschaffung der Leibeigenschaft in Moldawien und in der Walachei vermehrt Roma nach Deutschland kamen, reagierte der Staat mit scharfen Maßnahmen. So gab es eine polizeiliche Erfassung, zum Beispiel durch die bayerische "Zigeunerpolizeistelle".

In der NS-Zeit wurden Roma Opfer des Rassenwahns und starben in Konzentrationslagern. Da viele Morde nicht registriert wurden, lässt sich die Zahl der Opfer nur schwer ermitteln. Forschungen zufolge starben mindestens 90.000 Roma. Schätzungen gehen aber sogar von bis zu 500.000 Todesopfern aus. Allein in Deutschland wurden in der NS-Zeit 24.000 deutsche Sinti als "Zigeuner" stigmatisiert, zwei Drittel bis drei Viertel von ihnen wurden ermordet. Erst ab den achtziger Jahren wurde die systematische Ermordung der Roma in der Bundesrepublik aufgearbeitet.

Am 1. Februar 1998 trat das Rahmenabkommen des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten in der Bundesrepublik Deutschland in Kraft, mit dem auch die deutschen Sinti und Roma als Minderheit anerkannt wurden.