Gender-Probleme auf dem Gabentisch Wie rosa dürfen Geschenke für Mädchen sein?

Von der Barbie bis zum Lego-Schönheitssalon: Vor Weihnachten bietet die Industrie eine gewaltige Palette vermeintlich mädchengerechten Spielzeugs. Aber sollte man so was überhaupt verschenken? Zwei Meinungen aus unserer Redaktion.

Barbie-Regal im Spielzeuggeschäft (Archiv): Pinkfarbene Glitzerlawine
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Barbie-Regal im Spielzeuggeschäft (Archiv): Pinkfarbene Glitzerlawine

Von Rainer Leurs und


Saima Altunkaya

CONTRA

Carola Padtberg-Kruse

Meine Tochter ist knapp drei Jahre alt. Sie wünscht sich zu Weihnachten einen Kuchen. Bekommen wird sie ein kleines Trampolin und Softknete, denn ich halte Knete für ein prima Geschenk für Kleinkinder, fast alle haben Spaß daran.

Knetesets werden momentan von der Firma Tchibo zu einem sehr günstigen Preis angeboten, doch ich werde sie nicht kaufen. Denn das Angebot ist eine Frechheit.

Tchibo unterscheidet nämlich zwischen Jungs- und Mädchenknete. Die Packung für Jungen enthält Softknete, Förmchen, Plastikmesser, was man zum Modellieren so braucht. Das Set für Mädchen besteht aus einem Plastik-Frisörstuhl und einer Figur, die man von unten mit Knete befüllen kann. Dreht man die Figur dann auf dem Frisörstuhl fest, "wachsen" aus kleinen Öffnungen im Kopf Haare aus Knete.

Muss das sein? Muss eine kreative Tätigkeit wie Modellieren auf ein Beauty-Thema reduziert werden? Ich sehe dieses Muster ständig, und es ärgert mich enorm: Überraschungseier für Mädchen, die statt Spielzeug dann Schmuck enthalten. Lego für Mädchen, mit dem nicht mehr gebaut wird, sondern bei dem Spielfiguren im Schönheitssalon sitzen. Handyspiele für Mädchen, in denen die Kinder virtuell Fingernägel lackieren und Lidschatten auftragen. Pinkifizierung, wohin man schaut - es ist zum Kotzen.

Diese Spielzeuge transportieren ein extrem limitiertes Frauenbild, das sich tief einbrennen und langfristig Schaden anrichten kann. Ich werde meiner Tochter daher niemals eine Barbie schenken, dieses blonde, weiße, spindeldürre, übersexualisierte Ding im Minikleidchen. Diese Puppe soll nicht zu einer normativen Kraft für sie werden - und auch ihre Brüder sollen Weiblichkeit nicht mit diesem sexistischen Schrott gleichsetzen. Mädchen im Vorschulalter, die mit Barbies spielen, trauen sich selbst weniger Berufe zu als Jungs. Das haben Psychologen zweier kalifornischer Universitäten in einer Studie festgestellt.

Nur mit konsequenten Kaufentscheidungen kann ich beeinflussen, was die Industrie durch Gender-Marketing der Gesellschaft an Rollenmodellen vorgibt. Dazu gehört auch, dass ich Onlineshops für Spielwaren meide, auf deren Startseite ich mich als Erstes entscheiden muss, ob das gesuchte Spielzeug eher Mädchen oder Jungs zugedacht ist.

Wie so viele Mädchen wird auch meine Tochter vermutlich in den nächsten Jahren eine "rosa Phase" durchleben und sich dann vielleicht von den Großeltern eine Barbie wünschen. Wer nach einem Gespräch über das Thema immer noch Lust hat, eine solche Puppe zu verschenken, den kann ich nicht aufhalten. Bis dahin darf meine Tochter aber weiter glücklich mit ihren großen Brüdern Höhlen bauen und im Matsch wühlen.

Saima Altunkaya

PRO

Rainer Leurs

In deutschen Kinderzimmern herrscht Gender-Apartheid. Das findet Stevie Schmiedel von der Kampagne "Pinkstinks". Mädchen, sagt sie, würden von der Spielzeugindustrie in ein "Prinzessinnen-Korsett" gezwungen, während Jungs "abenteuerlustig und aktiv" sein dürfen.

Meine Tochter Paula ist ziemlich abenteuerlustig und aktiv. Neulich wurde sie vier Jahre alt, zum Kindergeburtstag kamen Freundinnen aus der Kita. Alle durften sich als Prinzessinnen verkleiden. Es war ein zauberhafter und überaus rosafarbener Tag.

Dass das mal so kommen würde, war nicht abzusehen. Lange haben wir darauf geachtet, den Rosa-Anteil in Paulas Leben sparsam zu dosieren. Ihr Kinderzimmer malerten wir blau. Ü-Eier mit Inhalt "nur für Mädchen" kauften wir nicht. Zum Spielen gab es Puppen, aber eben auch Autos und einen Fußball und circa zwei Kubikmeter Lego.

Das alles hat geklappt - bis uns Paulas Wunsch nach mädchenmäßiger Ausstattung überrollte wie eine pinkfarbene Glitzerlawine. Seit rund einem Jahr will sie keine Hosen mehr, dafür Kleider in allen Variationen. Sie will Kinder-Lipgloss und von Mama die Nägel lackiert bekommen, während im Fernsehen "Prinzessin Lillifee" läuft. Ihr Lieblingsspielzeug ist ein Zauberstab mit Glühbirnchen, der rosa Bilder an die Wand projiziert; sie hat ihn auf der Kirmes beim Entenangeln gewonnen. Wenn man Paula eine Tüte Haribo hinhält, sucht sie nach Farbe aus: Rosa, Lila, Pink. Obwohl sie die Pinken nicht mag, aber sie sind halt pink. Es ist zum Verzweifeln.

Woher das kommt? Womöglich aus der Kita, wo dreijährige Mädchen mit rosa Spielzeughandys am Ohr herumlaufen (hat Paula inzwischen auch). Womöglich ist es was Angeborenes; etwas, das der liebe Gott auf ihre Platine gelötet hat (und auf die ihrer Freundinnen gleich mit). Ganz sicher aber ist es nicht die Spielzeugindustrie, die Paula in ihr Prinzessinnenkleid zwingt. Die Vorstellung muss jedem geradezu rührend erscheinen, der seiner dreijährigen Tochter schon mal etwas gegen ihren ausdrücklichen Willen anziehen wollte. Paulas zweijähriger Bruder übrigens spielt fast ausschließlich mit Autos: brrm, brrm. "Tütata" war sein erstes Wort. Noch vor "Mama". Ist daran auch die Spielzeugindustrie schuld?

In Wahrheit bestimmt einzig die Nachfrage, wie pink es im Spielzeugladen zugeht. Hersteller von rosa Ü-Eiern, Lillifee-Laufrädern und glitzernden Pastik-High-Heels (besitzen wir nicht, aber wir kennen jemanden) haben begriffen, dass die meisten kleinen Mädchen solche Dinge toll finden. Und mit dieser Erkenntnis verdienen sie Geld.

Wie sie das anstellen, muss ich nicht toll finden. Ich mag kein Extra-Mädchenregal im Schuhgeschäft, ebenso wenig wie das pinkfarbene Puppenghetto im Spielzeugladen. Aber ich werde das Gender-Problem, das womöglich dahintersteckt, nicht auf dem Rücken meiner Tochter austragen. Erst recht nicht bei der Auswahl ihrer Weihnachtsgeschenke.

Stattdessen darf Paula mit ganz viel rosa Glitzerkram spielen, wenn sie das ausdrücklich möchte. Sie darf vom Christkind eine Puppe zum Frisieren haben und ein Prinzessinnenschloss von Playmobil. Weil sie das glücklich macht. Das, und nur das, sollte Eltern wichtig sein.

Neulich übrigens waren wir wieder mal zusammen auf der Kirmes. Entenangeln, neun Punkte. Paula konnte sich einen kleinen Preis aussuchen: den rosa Glitzerflummi vielleicht? Oder das Feenkrönchen?

Sie wollte die Spielzeugpistole. Schwarz, Halbautomatik. Verschießt Gummipfeile.

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Rosa Dilemma

Gehören speziell auf Mädchen zugeschnittene Weihnachtsgeschenke auf den Gabentisch?



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Seite 1
miss_moffett 11.12.2014
1.
In erster Linie schenkt man doch, was sich das Kind wünscht. Pinke Knete und im Matsch wühlen schliessen einander doch nicht aus.
doubleplusungood 11.12.2014
2.
So gern ich gerade auch bei diesem Thema gern beiden Seiten eine Chance gebe, muss ich doch Kritik am Pro-Kommentar üben. Nicht inhaltlich, der Autor macht einfach duetliche argumentative Fehler. Die Tochter bringt das aus der Kita mit und deswegen kann die Spielzeugindustrie nicht schuld sein? Woher hat die Kleine das denn? Ja offenbar unter anderem von dem Spielzeug, das im Kindergarten verfügbar ist. Und von ihren Freundinnen. Und woher haben die das? Könnte es nicht sein, dass deren Eltern sich keine großen Gedanken darüber machen und ihre Kinder eben bedenklos typisch mädchenhaft erziehen und das die das dann auch so an die Tochter des Autos weitergeben? Das als Argument einfach wegzuwischen verleiht dem ganzen Kommentar leider einen etwas faden Beigeschmack der Unbegründetheit. Und es ist bei diesem Thema doch wie bei so vielen anderen auch. Die Extremhaltungen sind ziemlicher Humbug. Etwas ganz zu verbieten oder bedenkenlos alles zu kaufen, was das Kind will, ist natürlich beides nicht wirklich richtig. Man kann Mädchen natürlich schon Puppen kaufen und Jungs Autos, aber man sollte sich vorher auch schon Gedanken darüber machen. Denn diese Spielzeuge werden die spätere Weltauffassung der Kinder höchstwahrscheinlich beeinflussen. Dessen sollte man sich bewusst sein. Und da kommt dann auch die Frage auf: Ist kurzfristiges Glück durch ein rosa Puppenhaus wichtiger als lnagfristiges Glück durch ein gefestigtes Selbsbewusstsein, das nicht nur auf Äußerlichkeiten fußt?
Kleiner_Nachdenker 11.12.2014
3. Die Kinder sind anders als wir uns das wünschen.
Was haben wir früher über die rosa Mädchensachen geschimpft und gesagt, dass unsere eigenen Töchter so etwas nie bekommen. Aber heute? Die 5-jährigen Töchter wollen rosa, lackieren sich die Fingernägel und verkleiden sich als Prinzessin. Sicher hätten sich die Eltern über ein anderes Verhalten gefreut aber was soll man machen?
greeneye 11.12.2014
4. das eine besser als das andere?
um mal zu klugschei...: ihre Tochter wird sich spätestens in 1-2 Jahrern Unbedingt! Barbiepuppen wünschen und bekommen. Warum? Weil sie sie so schön findet. Und warum auch nicht? Und warum werten sie das eine besser als das andere. Warum ist mit Barbiepuppen spielen nicht genauso schön und gut, wie im Matsch spielen und mit Autos spielen? Das Problem ist doch, dass wir als Erwachsene werten. Und weil wir Puppenspielen immer noch blöder und langweiliger finden als das - genauso klischeebehaftete - Auto- und Räuberspielen, bewerten wir das eine schlechter als das andere. Lassen sie doch ihre Kinder aus ihrer vorurteilsfreien Sicht einfach selber entscheiden, was sie möchten.
mcmercy 11.12.2014
5.
Es soll ja auch Jungen geben, die sich für das Thema Beauty interessieren. Darf man da auch keine pinken Sachen oder den Knetekopf schenken, damit die nicht schwul und Friseur werden, ich fand den Knetekopf übrigens früher auch als Junge voll cool. Meine Tochter hatte auch Barbies, hat sie aber nie mit gespielt, die Kinder spielen mit dem wo sie Lust drauf haben, warum sollte man das verbeiten nur um irgendwelche kruden Genderfantasien zu bedienen in denen Mädchen kein Pink tragen dürfen. Nicht das anbieten dieser Dinge ist schlimm sondern es ist immer das Verbot was falsch ist, wenn die Tochter mit Autos spielen will kriegt sie Autos. Und wenn der Junge 'ne Barbie will warum nicht.
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