Rücktritt von Bischof Mixa Nix ist geklärt

Walter Mixa muss gehen. Falls die katholische Kirche glaubt, sich mit dem erzwungenen Rücktritt des Augsburger Bischofs eine Atempause verschafft zu haben, ist das ein Trugschluss: Die Misshandlungsdebatte hat ihre ganz eigenen Gesetze.

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Nach zwölf Wochen Missbrauchsdebatte verliert nun ein deutscher Bischof sein Amt - allerdings nicht wegen Unzucht mit Minderjährigen, sondern wegen ein paar Ohrfeigen und einem allzu laxen Umgang mit Kirchengeldern. "Erleichterung in der Politik und der katholischen Kirche", heißt es zum Rücktritt des Augsburger Bischofs Walter Mixa aus der Kirche. "Es ist eine Erleichterung", sagt auch Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutsche Katholiken.

Da stellt sich die Frage: Erleichterung worüber? Dass man endlich jemanden vom Hals hat, der wegen seiner losen Zunge und erzkonservativen Haltung schon lange als Belastung empfunden wurde? Oder Erleichterung über ein Friedenszeichen an die aufgebrachte Öffentlichkeit, die seit Ausbruch der Missbrauchskrise nach personellen Konsequenzen verlangt?

Wer die deutsche Bischofswelt und ihren ungeheuren Respekt vor der weltlichen Meinung kennt, wird sich der Vermutung nicht verschließen können, dass die Bischöfe vor allem ihre eigene, bedrängte Lage im Blick hatten, als sie ihren Glaubensbruder zur Aufgabe seiner Ämter drängten.

Als Beobachter solcher Erregungszyklen kann man den Herren nur zurufen: Die Hoffnung auf eine Beruhigung der Lage wird sich nicht erfüllen, dazu sind die Dinge zu weit fortgeschritten.

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Ausgburger Bischof: Die Verfehlungen des Walter Mixa
Die Missbrauchsdebatte hat einen Zustand erreicht, in dem schon die Frage nach Maßstab und Proportionen als Verharmlosung gilt und auf den Fragenden zurückfällt. Längst haben auch die Aufklärer den Überblick verloren, wie viele Menschen nun tatsächlich zu Opfern der Kirche wurden. Sind es Tausende oder schon Zehntausende? Und wo verläuft die Grenze zwischen unangenehmer, aber lässlicher Unbeherrschtheit einerseits und skandalösem Vergehen andererseits? Nach dem bisherigen Verlauf der Diskussion kann man nur festhalten, dass sie ständig weiter verwischt.

Der Opferdiskurs ist zu verführerisch - für den Leidtragenden, aber auch für den Zuhörer. Das Ereignis, das jemanden zum Opfer werden ließ, wird oft zum Punkt, der alles erklärt - auch unvermeidliche Niederlagen und Rückschläge, für die man nun die Verantwortung delegieren kann, das ganze Leben, das vielleicht nicht so verlaufen ist, wie man sich das vorgestellt hat.

Schleichende Entwertung echter Missbrauchserlebnisse

So drängt jede Kränkung und Zurechtweisung an die Öffentlichkeit, um dort Anteilnahme zu erfahren. Weil es sich verbietet, ein Opfer nach der Plausibilität der vorgetragenen Kränkungen zu befragen, da es die Person ja ein zweites Mal beschämen würde, gehen oft auch solche Vorkommnisse als traumatische Erlebnisse durch, die unter anderen Umständen als unschöne, aber nicht weiter berichtenswerte Begleiterscheinungen des Heranwachsens gelten würden.

Diese Inflation von Opfererzählungen führt zu einer schleichenden Entwertung echter Missbrauchserlebnisse, die es unzweifelhaft in beschämender Zahl gegeben hat: Wo alles gleich viel wert ist, zählt das Einzelne nichts.

Gleichzeitig sinken die Anforderungen, was als Demütigung oder gar als Missbrauch zu werten ist. In den Siebzigern war eine Ohrfeige im Unterricht noch ein Ausrutscher, heute kann sie als Anlass für eine lange Therapiekarriere gelten. Das Tückische an dieser Art von Debatten ist die Ungenauigkeit vieler Vorwürfe, entsprechend unvorhersehbar ist der Ausgang der angestrengten Verfahren. Wer sich als mutmaßlicher Täter geschickt verhält, also die Sprachformeln des Augenblicks beherrscht, hat viel größere Chancen davonzukommen als der Tor, der sich zu früh festlegt. Nicht wenige sind der Meinung, dass Mixa heute noch im Amt wäre, hätte er umgehend - mit einem Wort der Entschuldigung verbunden - die eine oder andere "Watschen" eingeräumt.

Für diese Annahme spricht einiges. Es macht die Sache nicht besser.

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