Rücktritt von Bischof Mixa: Nix ist geklärt

Ein Kommentar von Jan Fleischhauer

Walter Mixa muss gehen. Falls die katholische Kirche glaubt, sich mit dem erzwungenen Rücktritt des Augsburger Bischofs eine Atempause verschafft zu haben, ist das ein Trugschluss: Die Misshandlungsdebatte hat ihre ganz eigenen Gesetze.

Nach zwölf Wochen Missbrauchsdebatte verliert nun ein deutscher Bischof sein Amt - allerdings nicht wegen Unzucht mit Minderjährigen, sondern wegen ein paar Ohrfeigen und einem allzu laxen Umgang mit Kirchengeldern. "Erleichterung in der Politik und der katholischen Kirche", heißt es zum Rücktritt des Augsburger Bischofs Walter Mixa aus der Kirche. "Es ist eine Erleichterung", sagt auch Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutsche Katholiken.

Da stellt sich die Frage: Erleichterung worüber? Dass man endlich jemanden vom Hals hat, der wegen seiner losen Zunge und erzkonservativen Haltung schon lange als Belastung empfunden wurde? Oder Erleichterung über ein Friedenszeichen an die aufgebrachte Öffentlichkeit, die seit Ausbruch der Missbrauchskrise nach personellen Konsequenzen verlangt?

Wer die deutsche Bischofswelt und ihren ungeheuren Respekt vor der weltlichen Meinung kennt, wird sich der Vermutung nicht verschließen können, dass die Bischöfe vor allem ihre eigene, bedrängte Lage im Blick hatten, als sie ihren Glaubensbruder zur Aufgabe seiner Ämter drängten.

Als Beobachter solcher Erregungszyklen kann man den Herren nur zurufen: Die Hoffnung auf eine Beruhigung der Lage wird sich nicht erfüllen, dazu sind die Dinge zu weit fortgeschritten.

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Ausgburger Bischof: Die Verfehlungen des Walter Mixa
Die Missbrauchsdebatte hat einen Zustand erreicht, in dem schon die Frage nach Maßstab und Proportionen als Verharmlosung gilt und auf den Fragenden zurückfällt. Längst haben auch die Aufklärer den Überblick verloren, wie viele Menschen nun tatsächlich zu Opfern der Kirche wurden. Sind es Tausende oder schon Zehntausende? Und wo verläuft die Grenze zwischen unangenehmer, aber lässlicher Unbeherrschtheit einerseits und skandalösem Vergehen andererseits? Nach dem bisherigen Verlauf der Diskussion kann man nur festhalten, dass sie ständig weiter verwischt.

Der Opferdiskurs ist zu verführerisch - für den Leidtragenden, aber auch für den Zuhörer. Das Ereignis, das jemanden zum Opfer werden ließ, wird oft zum Punkt, der alles erklärt - auch unvermeidliche Niederlagen und Rückschläge, für die man nun die Verantwortung delegieren kann, das ganze Leben, das vielleicht nicht so verlaufen ist, wie man sich das vorgestellt hat.

Schleichende Entwertung echter Missbrauchserlebnisse

So drängt jede Kränkung und Zurechtweisung an die Öffentlichkeit, um dort Anteilnahme zu erfahren. Weil es sich verbietet, ein Opfer nach der Plausibilität der vorgetragenen Kränkungen zu befragen, da es die Person ja ein zweites Mal beschämen würde, gehen oft auch solche Vorkommnisse als traumatische Erlebnisse durch, die unter anderen Umständen als unschöne, aber nicht weiter berichtenswerte Begleiterscheinungen des Heranwachsens gelten würden.

Diese Inflation von Opfererzählungen führt zu einer schleichenden Entwertung echter Missbrauchserlebnisse, die es unzweifelhaft in beschämender Zahl gegeben hat: Wo alles gleich viel wert ist, zählt das Einzelne nichts.

Gleichzeitig sinken die Anforderungen, was als Demütigung oder gar als Missbrauch zu werten ist. In den Siebzigern war eine Ohrfeige im Unterricht noch ein Ausrutscher, heute kann sie als Anlass für eine lange Therapiekarriere gelten. Das Tückische an dieser Art von Debatten ist die Ungenauigkeit vieler Vorwürfe, entsprechend unvorhersehbar ist der Ausgang der angestrengten Verfahren. Wer sich als mutmaßlicher Täter geschickt verhält, also die Sprachformeln des Augenblicks beherrscht, hat viel größere Chancen davonzukommen als der Tor, der sich zu früh festlegt. Nicht wenige sind der Meinung, dass Mixa heute noch im Amt wäre, hätte er umgehend - mit einem Wort der Entschuldigung verbunden - die eine oder andere "Watschen" eingeräumt.

Für diese Annahme spricht einiges. Es macht die Sache nicht besser.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 236 Beiträge
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1. #8472
DJ Doena 22.04.2010
Mixa-Thread Nummer 8472 bei Spiegel-Online...
2. Erster Schritt
Klo, 22.04.2010
Zitat von sysopWalter Mixa muss gehen: Der Augsburger Bischof ist der erste hochrangige Geistliche in Deutschland, der nach Misshandlung von Schutzbefohlenen sein Amt verliert. Falls die katholische Kirche glaubt, mit diesem erzwungenen Rücktritt die Krise schon bewältigt zu haben, ist das ein Trugschluss. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,690595,00.html
Der Rücktritt kann nur der erste Schritt zur Aufklärung sein. Da wird noch so einiges ans Licht kommen, nehme ich an. Aber so ist nun mal der Lauf der Dinge. Wichtig ist nur, DASS es ans Licht kommt.
3. #Mixery
TranceData, 22.04.2010
Zitat von DJ DoenaMixa-Thread Nummer 8472 bei Spiegel-Online...
Hurra, hurra, das Sommerloch ist wieder da. ;)
4. Für einen Bischof gelten andere Maßstäbe
Erasmus2 22.04.2010
Zitat von sysopWalter Mixa muss gehen: Der Augsburger Bischof ist der erste hochrangige Geistliche in Deutschland, der nach Misshandlung von Schutzbefohlenen sein Amt verliert. Falls die katholische Kirche glaubt, mit diesem erzwungenen Rücktritt die Krise schon bewältigt zu haben, ist das ein Trugschluss. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,690595,00.html
Eigentlich sind ein paar Ohrfeigen vor ein paar Jahrzehnten kein Grund zum Rücktritt. Das stimmt wohl. Es ist sicher auch richtig, dass die meisten Journalisten zur Oberflächlichkeit und zur geistigen Überschaubarkeit neigen. Somit stehen sie spirituellen und traditionellen Bewegungen, wie dem Katholizismus, der nicht nur billige Versprechungen macht, sondern auch von den Menschen fordert, eher kritisch gegenüber. So weit, so gut. Dennoch muss gerade ein Bischof damit rechnen, dass bei ihm höhere Maßstäbe angelegt werden. Er steht in seinem Amt für die Liebe Gottes und auch für Wahrhaftigkeit. Mixa hat sich mit seinem Rumgeeiere eher wie ein Berufspolitiker benommen, denn wie ein Geistlicher. Waren es jetzt Schläge oder "Watchn" - hieß es nicht zunächst, er hätte nie ein Kind berührt? So oder so, Vertrauen ist verloren gegangen. Sein Rücktritt wird einen Neuanfang leichter machen.
5. .
frubi 22.04.2010
Zitat von sysopWalter Mixa muss gehen: Der Augsburger Bischof ist der erste hochrangige Geistliche in Deutschland, der nach Misshandlung von Schutzbefohlenen sein Amt verliert. Falls die katholische Kirche glaubt, mit diesem erzwungenen Rücktritt die Krise schon bewältigt zu haben, ist das ein Trugschluss. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,690595,00.html
Und was ist nun mit den wirklichen Kinderschändern? Zwischen "ner Watsch`n" und sexuellem Missbrauch liegen welten. Ist Mixa jetzt der Hendrick Wüst der katholischen Kirche? Bauernopfer während die wirklichen gefährlichen Leute noch frei rumlaufen.
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Zur Person
Dagmar Morath
Jan Fleischhauer, 47, ist SPIEGEL-Redakteur und Autor des Bestsellers "Unter Linken - Von einem, der aus Versehen konservativ wurde". Er studierte Literaturgeschichte und Philosophie in Hamburg. Nach Stationen als Bürochef des SPIEGEL in Leipzig, Berlin und New York lebt er jetzt wieder in Berlin, wo er als Autor für das Nachrichtenmagazin arbeitet.

Mixas Ausfälle
Rechter Rhetoriker
Walter Mixa , der Regensburger Bischof Gerhard Müller und der Kölner Kardinal Joachim Meisner bilden die Hardliner-Fraktion in der Deutschen Bischofskonferenz . Mixa spielte seit Jahren die Rolle des Enfant Terrible. mehr...

SPIEGEL ONLINE dokumentiert seine umstrittensten Thesen:
Sexuelle Revolution und Missbrauch
Im Februar gab Mixa der sexuellen Revolution Mitschuld an Missbrauchsfällen: "Die sogenannte sexuelle Revolution, in deren Verlauf von besonders progressiven Moralkritikern auch die Legalisierung von sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Minderjährigen gefordert wurde, ist daran sicher nicht unschuldig." Und weiter: "Wir haben in den letzten Jahrzehnten gerade in den Medien eine zunehmende Sexualisierung der Öffentlichkeit erlebt, die auch abnorme sexuelle Neigungen eher fördert als begrenzt." mehr zu diesem Fall...
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Holocaust und Abtreibung
Zum Aschermittwoch 2009 soll Mixa einem Zeitungsbericht zufolge gesagt haben: "Es hat diesen Holocaust sicher in diesem Umfang mit sechs Millionen Getöteten gegeben. Wir haben diese Zahl durch Abtreibungen aber bereits überschritten." Der Augsburger Bischof habe zur geschätzten Zahl von Abtreibungsfällen gesagt: "Diese neun Millionen fehlen uns." mehr zu diesem Fall...
Bibelkunde im Biounterricht
Im Sommer 2007 forderte Mixa indirekt Bibelkunde im Biologieunterricht. In den Schulen sei bisher eine "Fixierung auf die Evolutionstheorie" üblich. Sich auf eine einzige Erklärung festzulegen, habe aber "etwas Totalitäres und ist auch und gerade aus der Sicht der Wissenschaft unvernünftig". Es gebe keinen Absolutheitsanspruch der Evolutionstheorie. mehr zu diesem Fall...
Mütter als Gebärmaschinen
Das Leitbild, dass Frauen ein Jahr nach der Geburt ihres Kindes wieder in den Beruf zurückkehren sollten, bezeichnete Mixa 2007 als inhuman und "gegen die Würde der Frau". Mütter würden so zu "Gebärmaschinen" degradiert. mehr zu diesem Fall...