Runder Tisch Ehemalige Heimkinder sollen unbürokratisch entschädigt werden

Der Runde Tisch Heimerziehung hat seine Arbeit nach fast zwei Jahren beendet, der Abschlussbericht ist einstimmig angenommen worden. Betroffene sollen aus einem extra eingerichteten Fonds entschädigt werden. Die Kosten tragen Bund, Länder und Kirchen.


Berlin - Mit einem einstimmigen Votum für den Abschlussbericht ist in Berlin am Freitag der Runde Tisch Heimerziehung zu Ende gegangen. Das sagte der Referent der Geschäftsstelle des Runden Tischs, Holger Wendelin. Am Donnerstag hatte es Differenzen mit den Vertretern der ehemaligen Heimkinder gegeben. Diese hatten gedroht, die Verhandlungen platzen zu lassen.

Am Freitag hätten die Vertreter der Heimkinder dem Bericht jedoch "unter Vorbehalt" zugestimmt, sagte Sonja Djurovic, eine der Betroffenen. Am Montag sollen die Ergebnisse in Berlin vorgestellt werden. Am Runden Tisch beteiligten sich Betroffene, Heimträger, Wissenschaftler, Verbände sowie Vertreter von Bund, Ländern und Kirchen.

Streitpunkt war die Entschädigung der ehemaligen Heimkinder. Die Leiterin des Runden Tischs, die ehemalige Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer (Grüne), hatte eine Stiftung zur Entschädigung vorgeschlagen, die einen Fonds verwalten soll. Nach Informationen der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) soll die Bundesstiftung mit 120 Millionen Euro ausgestattet sein.

Bund, Länder und Kirchen sollen jeweils ein Drittel des Stiftungsvermögens stellen, bestätigte Djurovic. Eingerichtet werden soll auch ein Fonds für traumatisierte ehemalige Heimkinder und ein Rentenfonds für Betroffene, denen während ihres Heimaufenthalts Rentenansprüche entgangen seien.

Laut ihren Angaben soll die Entschädigung "unbürokratisch" erteilt werden, sich aber an den Folgeschäden der Heimkinder orientieren. Der Fonds soll nicht geschlossen werden, so dass sich auch später noch Heimkinder bei der Stiftung melden können. Die Stiftung solle den Betroffenen nach einer Einzelfallprüfung Therapien ermöglichen und sie, wenn sie in den Heimen zur Arbeit gezwungen wurden, für entgangene Rentenbeiträge entschädigen. Ehemalige Heimkinder könnten so zwischen 2000 und 4000 Euro erhalten, schreibt die "FAZ".

Die beiden Kirchen sowie Caritas und Diakonie kündigten dem Blatt zufolge an, in die Stiftung einzuzahlen. Auch die Beteiligung des Bundes gelte als wahrscheinlich. Über die Zusagen aus den Ländern dürfte erst im Jahr 2011 eine Entscheidung fallen. Die Stiftung soll früheren Heimkindern nach einer Einzelfallprüfung Therapien ermöglichen.

Hunderttausende Fälle seit 1949

Der Runde Tisch Heimerziehung hatte seine Arbeit im Februar 2009 und damit weit vor dem Bekanntwerden zahlreicher Fälle sexuellen Missbrauchs in Deutschland begonnen, über deren Aufarbeitung ebenfalls ein Expertengremium berät.

Bei dem Gremium ging es um Fälle von Kindern und Jugendlichen, die zwischen 1949 und 1975 in Kinderheimen untergebracht waren. Etwa 700.000 bis 800.000 Kinder wurden in dieser Zeit in Heimen aufgezogen, etwa zwei Drittel der Einrichtungen befand sich in kirchlicher Hand. Vielfach berichteten ehemalige Heimkinder davon, dass sie Opfer körperlicher, seelischer und sexueller Gewalt wurden.

Kinder und Heranwachsende, die als "schwer erziehbar" galten, unehelich geboren waren oder aus instabilen Verhältnissen stammten, wurden noch bis in die Siebziger in Heime eingewiesen. Oft mussten die Jugendlichen bei geringster Entlohnung schwerste Arbeit verrichten. Fluchtversuche wurden nach Angaben von Betroffenen oft mit Prügelstrafen und Schweigearrest bestraft.

Scharfe Kritik am Runden Tisch kam vom Verein ehemaliger Heimkinder, einem Zusammenschluss von Betroffenen. Der Verein kündigte für Montag eine Gegenveranstaltung an.

han/can/AFP/dapd

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