Runder Tisch Regierung will Rechte von Missbrauchsopfern stärken

Ein Runder Tisch der Bundesregierung will die zahlreichen Fälle sexuellen Missbrauchs aufarbeiten, die in diesem Jahr bekannt geworden sind. Nun liegt der Zwischenbericht des Gremiums vor. Opfervertreter üben Kritik.


Berlin - Der offene Streit bleibt diesmal aus. Die Chefinnen des Runden Tischs gegen Kindesmissbrauch können ihren Zwischenbericht an diesem Mittwoch störungsfrei vorstellen - ohne Zwischenrufe und ohne Vorwürfe aus dem Publikum.

Nach dem jüngsten Treffen des Gremiums hatten Missbrauchsopfer ihrem Unmut noch lautstark Luft gemacht, das politische Eingreifen als zu lax kritisiert und Mitsprache eingefordert. Heute sind die Betroffenen ungewohnt still. Ihre Wut scheint inzwischen in Frust umgeschlagen zu sein.

Der Runde Tisch hat gerade zum dritten Mal getagt. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), Bildungsministerin Annette Schavan und Familienministerin Kristina Schröder (beide CDU) hatten das Gremium im Frühjahr ins Leben gerufen, nachdem massenhaft Missbrauchsfälle an Schulen und katholischen Einrichtungen ans Licht gekommen waren.

In den vergangenen Monaten berieten rund 60 Vertreter aus Politik, Kirche und Gesellschaft über Strategien, um Kinder besser vor Missbrauch zu schützen. Nun liegen die Zwischenergebnisse vor.

Verjährungsfristen verlängern

Leutheusser-Schnarrenberger will die Verjährungsfristen für eine Entschädigung von Missbrauchsopfern deutlich verlängern und Betroffenen wiederholte Vernehmungen bei Strafverfahren ersparen. Schröder will in Einrichtungen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, strengere Standards durchsetzen, von hauptamtlichen Mitarbeitern in der Kinder- und Jugendhilfe ein erweitertes Führungszeugnis einfordern und pädagogisches Personal besser fortbilden.

Schavan verspricht Millionen für die Forschung zu Kindesmissbrauch. Wissenschaftler sollen Ursachen untersuchen und neue Ansätze für Prävention und Therapien entwickeln, und Lehrer sollen schon in der Ausbildung für das Thema sensibilisiert werden.

Norbert Denef sitzt stumm in der letzten Reihe und lauscht den Ansagen der drei Ressortchefinnen. Der 61-Jährige ist wenig begeistert. Denef ist selbst ein Opfer und wurde als Jugendlicher über mehrere Jahre von einem katholischen Priester missbraucht. Jahrzehntelang schwieg er. Erst als Erwachsener begann er zu reden, kämpfte für sich und für andere - in seinem Verein "Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt", kurz Netzwerk B. Denef wollte mit an den Runden Tisch, doch man ließ ihn nicht. Zur Pressekonferenz hat er sich eingeschlichen.

"Das ist eine Lüge"

Denef sitzt regungslos da und schweigt. Doch als die Ministerinnen verkünden, die Zeit des "Verschweigens, Vertuschens und Verdrängens" sei vorbei, schüttelt er den Kopf und zischt: "Das ist eine Lüge." Unterm Strich tue sich gar nichts, beklagt er, "es wird nur geredet". Die meisten Kinder und Jugendlichen würden in den eigenen Familien missbraucht. Strenge Standards in Vereinen und Jugendeinrichtungen seien da keine Hilfe. Auch die Ausweitung der Verjährungsfristen ist ihm nicht genug. Denef würde die Fristen am liebsten ganz aufheben. Außerdem bräuchten Opfer deutlich mehr Therapieplätze und Anlaufstellen.

Denef wünscht sich Gehör - auch am Runden Tisch. In dem Kreis seien die Täter - mit Vertretern von Kirchen und Schulträgern - mehr als ausreichend repräsentiert, nur die Betroffenen nicht. Das sei eine "Farce", kritisiert er, "man versucht, uns mundtot zu machen". Hier und da werde den Opfern ein "Bonbon" hingeworfen - wie jetzt mit dem Zwischenbericht -, aber um die entscheidenden Fragen, Entschädigungen etwa, kümmere sich das Gremium nicht.

Leutheusser-Schnarrenberger kündigt an, dieses Thema komme im nächsten Jahr auf den Tisch. Auch über die strafrechtlichen Verjährungsfristen will die Runde dann diskutieren. Die Arbeit sei noch lange nicht am Ende, sagt die Regierungsbeauftragte für die Missbrauchsfälle, Christine Bergmann. Ende 2011 soll ein Abschlussbericht vorliegen.

Denef hat wenig Hoffnung auf echte Fortschritte. Eigentlich müsse ein Ruck durch die Gesellschaft gehen, sagt er beim Gehen, "aber diese vier Frauen werden sicher nichts bewegen".

jdl/dapd

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