Altgläubige in Sibirien Jagen, backen, beten

Sie holen das Heu von Hand ein, bekommen nur alle zwei Wochen Post und beten die ganze Nacht beim Gottesdienst: Emile Ducke hat eine Gemeinschaft Altgläubiger in einem sibirischen Dorf fotografiert.

Emile Ducke

Ein Interview von


Zur Person
  • Tamina-Florentine Zuch
    Emile Ducke, Jahrgang 1994, studiert Fotojournalismus und Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover und lebt derzeit in Moskau. In seinen vorherigen Serien fotografierte er einen russischen Krankenhauszug und dokumentierte den Alltag von Menschen in Transnistrien. www.emildeducke.de

Im Westsibirischen Tiefland besuchte der Fotograf Emile Ducke eine außergewöhnliche Gemeinschaft: Sie leben in einer abgelegenen Siedlung russischer Altgläubiger und sehen sich als Bewahrer ursprünglicher Traditionen an. Lange wurden sie verachtet und verfolgt - und zogen in die Einsamkeit.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ducke, wie kamen Sie dazu, eine Gemeinschaft Altgläubiger im sibirischen Dorf Ajdara zu fotografieren?

Ducke: Ich habe im Sommer 2016 ein Auslandssemester in der sibirischen Stadt Tomsk verbracht. Gemeinsam mit meiner Kommilitonin Alina Pintschuk interessierte ich mich für Gemeinschaften im westsibirischen Hinterland, besonders entlang des Flusses Ket. Wir sind zusammen zwei Monate entlang dieses Stroms gereist. In einer Holzfällersiedlung hat uns jemand erzählt, dass drei Stunden flussaufwärts eine Gemeinschaft von Altgläubigen lebt.

SPIEGEL ONLINE: Und dann sind Sie einfach hingefahren?

Ducke: Nein, allein würde man das gar nicht finden, man braucht einen Ortskundigen. Wir haben in der Holzfällersiedlung Verwandte der Altgläubigen aus Ajdara kennengelernt, die haben die Fahrt organisiert. Drei Stunden sind wir mit ihnen zusammen in einem kleinen Motorboot gefahren und mussten dann noch ein paar Kilometer bis zum Dorf gehen.

SPIEGEL ONLINE: Was war Ihr erster Eindruck dort?

Ducke: Es waren Szenen wie aus einer anderen Zeit: Familien auf den Feldern bei der Heuernte, Frauen mit langen Röcken und Männer mit langen Bärten. Das alles hat mich sehr stark an die ersten Farbfotografien von Sergei Prokudin-Gorski erinnert, der Anfang des 20. Jahrhunderts im Auftrag des Zaren dessen Reich dokumentiert hat.

Fotostrecke

13  Bilder
Russische Altgläubige: Im Nirgendwo Sibiriens

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Menschen reagiert?

Ducke: Im ersten Moment war das schon eine sehr geschlossene Gemeinschaft - zum einen wegen der abgeschiedenen Lage, zum anderen auch wegen ihres Glaubens. Zudem ist ihre Geschichte stark von Verfolgung geprägt, erst durch den Zaren und dann später die Sowjets. Daher ist verständlicherweise ein starkes Misstrauen vorhanden, vor allem gegenüber jemandem, der mit der Kamera kommt. Eine Familie hat uns aber von Anfang an herzlich begrüßt und uns ein leerstehendes Haus zur Verfügung gestellt.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie das Vertrauen der anderen Bewohner gewonnen?

Ducke: Das hat sich mit der Zeit aufgebaut. Wir waren insgesamt zweimal knapp zwei Wochen dort. Dabei haben wir viele gemeinsame Erlebnisse geteilt - auf den Feldern oder beim Angeln, als auch in eher bedrohlichen Situationen, wie zum Beispiel während eines Waldbrandes. Ich denke, die Bewohner von Ajdara haben über die Zeit gespürt, dass wir ein ernsthaftes Interesse an ihnen und ihren Geschichten haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man sich den Alltag der Menschen vorstellen?

Ducke: Ihr Leben ist stark strukturiert - durch die Gottesdienste, die mehrmals pro Woche stattfinden, aber auch durch die Arbeit. Sie leben fast autark und arbeiten deshalb hart auf dem Feld, backen Brot, gehen jagen und kümmern sich um das Vieh. Das nimmt alles viel Zeit in Anspruch. Sie haben aber auch Elektrizität und Maschinen wie zum Beispiel einen Traktor.

SPIEGEL ONLINE: Wie praktizieren die Menschen dort ihren Glauben?

Ducke: Wir wurden nach ein paar Tagen zu Gottesdiensten eingeladen, was keine Selbstverständlichkeit ist. Das hat uns sehr viel bedeutet. Das Besondere ist, dass es neben den normalen Gottesdiensten auch regelmäßig nächtliche Zeremonien gibt, die meist weit nach Mitternacht starten und sich bis in die frühen Morgenstunden erstrecken.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht so ein Gottesdienst aus?

Ducke: Da es keine Kirche im Ort gibt, haben drei Familien Gebetsräume bei sich zu Hause eingerichtet, die dann nachts mit Kerzenlicht erleuchtet sind. Die Gemeindemitglieder kamen alle in ihrer traditionellen Gebetskleidung. Der Gottesdienst wird größtenteils im Stehen abgehalten und die Gebete werden in Altslawisch vorgetragen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie während der Gottesdienste fotografiert?

Ducke: Nein, ich wurde darum gebeten, währenddessen meine Kamera draußen zu lassen auch sonst die Ikonen nicht zu fotografieren. Als Fotograf stand ich vor der Frage: Wie kann ich diese Erlebnisse in Bildern weitergeben, ohne sie fotografieren zu können?

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie das umgesetzt?

Ducke: Ich habe versucht, die Stimmung, die dort herrscht, wiederzugeben und in Bilder zu übersetzen. Das war sehr schwierig. Ich habe größtenteils mit einer Mittelformatkamera gearbeitet, das ist eine sehr langsame und ruhige Arbeitsweise. Das passte gut zu den Menschen dort, die alle sehr ausgeglichen und mit sich und der Welt im Reinen wirken.



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