Fotoprojekt zu Russland-Mennoniten Fromm, fleißig und aus der Zeit gefallen

Sie lieben Gebet und Gesang, verteufeln Alkohol und unzüchtiges Verhalten: Russische Mennoniten gelten als die sanften Hardliner unter den radikal-christlichen Täufern. Bilder aus einem Alltag fern der Modernität.

Mennonitische Geschwister in der Nähe von Omsk
Mika Sperling/ Parallelozero

Mennonitische Geschwister in der Nähe von Omsk

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Die erste Erinnerung an Gott? "Der Polsterstoff auf den Bänken in unserer Gemeinde", sagt Mika Sperling. Ein Karomuster, gräuliches Beige, unter den Füßen der dicke Filzteppich. Vier oder fünf Jahre alt war die Fotografin damals in den Neunzigern, jeden Sonntag ging sie zur Kinderstunde in die Mennoniten-Gemeinde in Darmstadt, hörte Geschichten über Jesus und sang lauthals Lieder.

Sperling wuchs in einer Familie russischstämmiger Mennoniten auf. "Gott war der gütige Mann oben im Himmel auf der Wolke, jemand, mit dem man gut reden konnte", sagt die 26-Jährige. Sehr früh verinnerlichte Sperling die Prinzipien der protestantischen Freikirchler, die es mit der Gemeindedisziplin und dem Sündenbekenntnis sehr genau nahmen.

Russischstämmige Mennoniten gelten als eher konservativ, sie pflegen einen schlichten, manchmal antiquiert wirkenden Lebensstil und stehen technischen Neuerungen skeptisch gegenüber. In ihrem zurückhaltenden Auftreten ähneln sie den Amischen, die sich schon 1693 von den Mennoniten abspalteten. Die Mädchen tragen knielange Röcke und zu Zöpfen geflochtenes langes Haar, die Jungen Hemden und lange Hosen.

Die Täufer trinken keinen Alkohol, was besonders im traditionell trinkfreudigen Russland als seltsam angesehen wird. Auch Tanzen, Kino- oder Discobesuche gelten als Sünde. Geheiratet wird innerhalb der eigenen Glaubensgemeinschaft, die Zahl der Kinder ist oft groß.

Für die junge Mika Sperling wurde der hehre Anspruch, ein antimodernes und gottgefälliges Leben zu führen, irgendwann zur Last. Sie trug kurze Haare, schaute gern fern und hatte nichts gegen Tanzen. Da waren Konflikte programmiert. Während vier ihrer fünf Schwestern sich mehr und mehr dem Glauben zuwandten, beschloss sie mit 13, sich ein Jahr lang zu prüfen, die Bibel zu lesen, zu beten und dann zu entscheiden, ob sie noch Mennonitin sein wolle.

"Und plötzlich, von einem Tag auf den anderen, war das religiöse Gefühl weg", sagt sie. Bedauerlich, auch ein wenig traurig sei das gewesen, denn ihre Beziehung zu Gott sei sehr glücklich gewesen. "Aber vielleicht war ich nur in die Idee verliebt."

Bäuerliches Leben in den Dörfern Sibiriens

1990 im russischen Norilsk geboren, war Sperling im Alter von sieben Monaten mit Mutter, Vater und sieben Geschwistern nach Deutschland gekommen. Der liberale Lebensstil, aber auch die Toleranz der Eltern, entfernten sie vom Glauben, aber nicht von der Auseinandersetzung mit ihren Wurzeln. Sie bereiste drei Länder, hielt den Alltag der Mennoniten in Russland, den USA und Kanada fest.

2013 kehrte sie zum ersten Mal in die Heimat ihrer Eltern zurück, zwei Dörfer nahe der sibirischen Millionenstadt Omsk. Eine Tante stellte ihr die Verwandtschaft vor. Aus den Fotos, die dort entstanden, wurde Sperlings Projekt "Breeda en Sestre", "Brüder und Schwestern" auf "Plautdietsch", einer westpreußischen Variante des niederdeutschen Plattdeutsch.

"Im weitesten Sinne sind meine Protagonisten genau das für mich - Familie", sagt Sperling. "Brüder und Schwestern" heißt auch ein Roman des Schriftstellers Fjodor Abramov, der 1958 das bäuerliche Leben im Norden Russlands schilderte. Sowjetische Dorfprosa, die von Kampf und Selbstaufopferung erzählt und die Moral hochhält. Dinge, die den Mennoniten nicht fremd sind. Denn sie wurden jahrhundertelang verfolgt.

Todesstrafen, Vertreibung, Deportation

Im 18. Jahrhundert emigrierten Tausende deutschsprachige Mennoniten auf Einladung von Zarin Katharina II. aus dem westpreußischen Weichseldelta nach Südrussland, in die heutige Ukraine. Sie versprach freie Glaubensausübung und eine Freistellung vom Wehrdienst, ein wichtiger Aspekt für die pazifistischen Mennoniten. Als Russland 1874 die Wehrpflicht wieder einführte, emigrierten viele nach Nordamerika.

Unter Stalin wurden Tausende Mennoniten nach Sibirien deportiert oder hingerichtet. Evangelikale, Pflingstler und Baptisten galten als Sektenmitglieder und waren - ebenso wie russisch-orthodoxe Gläubige - im Rahmen des "großen Terrors" der Dreißigerjahre massiven Repressionen unterworfen.

Schon im 16. Jahrhundert wurden die sogenannten Anabaptisten verfolgt und hingerichtet - befeuert von theologischen Argumenten der Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon. 1529 wurde auf dem Reichstag zu Speyer die Todesstrafe für Wiedertäufer eingeführt. In Artikel 9 der Confessio Augustana, einer noch heute verbindlichen Bekenntnisschrift der evangelischen Kirche aus dem Jahr 1530, werden die Wiedertäufer explizit verurteilt, weil sie die Kindstaufe ablehnen. Der Grund? Sie nehmen nur sogenannte Bekenntnistaufen im Erwachsenenalter vor, wenn der Mensch in der Lage ist, sich bewusst für Gott zu entscheiden.

Bewegender Moment der Versöhnung

Das Gezerre um die Kindstaufe belastete lange auch das Verhältnis der evangelischen Kirche in Deutschland zu den mennonitischen Verbänden. "Auf die Confessio Augustana leistet jeder evangelische Pastor noch heute seinen Eid", sagt Bernhard Thiessen, Pastor der Mennonitischen Gemeinde zu Hamburg und Altona. Auf der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes 2010 in Stuttgart sei es allerdings zu einem bewegenden Moment der Versöhnung gekommen: Die Lutheraner baten "Gott und unsere mennonitischen Schwestern und Brüder um Vergebung für das Leiden, das unsere Vorfahren im 16. Jahrhundert den Täufern zugefügt haben". Man bedauere zutiefst, dass lutherische Obrigkeiten die Täufer verfolgt und lutherische Reformatoren diese Verfolgung theologisch unterstützt hätten.

Dabei machten die religiöse Grundhaltung und Lebensweise der Mennoniten sie eigentlich zu gern gesehenen Migranten. "Wir waren in der Geschichte immer die 'Stillen im Lande' - friedliebend, fleißig, abstinent und unpolitisch. Dagegen konnte keiner etwas sagen. Wir waren brav, aber unsichtbar", so Thiessen. Das Schweigen zu den Gräueltaten der Nazis gehörte dazu, "da haben wir noch einiges aufzuarbeiten". Erst nach dem Zweiten Weltkrieg sei das Bekenntnis der Mennoniten zum Pazifismus sichtbarer geworden. "Was alle Mennoniten weltweit vereint, ist unsere Friedensarbeit. Die Bergpredigt ist für uns der Maßstab. Das ist Konsens, genau wie die Absage an die Kindstaufe."

In Hamburg sind die Täufer seit 1601 zu Hause - der Einfluss der liberalen und weltoffene Hafenstadt hat sie geprägt. Das kommt bei den konservativen Glaubensbrüdern und -schwestern nicht immer gut an. "Wir haben mit den Russland-Mennoniten in der Region kaum Kontakt", sagt Thiessen. "Sie sagen, wir seien verweltlicht, so mancher empfindet die westliche Offenheit als Bedrohung."

Für die Fotografin Mika Sperling sind die Erinnerungen an die mennonitische Gemeinde schattenfrei. "Meine Kindheit war schön und lustig", sagt sie. Ihren Kindern würde sie das täuferische Erbe aber nicht weitergeben. "Ich glaube ja nicht daran", sagt Sperling. Ist also Religion gar kein Thema mehr? "Ich weiß es nicht. Nicht wirklich."

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