Häusliche Gewalt in Russland "So etwas darf man nicht vergeben"

In Russland werden 600.000 Frauen laut Schätzungen im Jahr geschlagen. Die Betroffenen leiden oft jahrelang an den Folgen. Eine Tätowiererin hilft, wenigstens die äußerlichen Narben zu verdecken.

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Insgesamt acht Stunden lang operierten Ärzte den Arm von Katarina Golovkova. Ihr Freund hatte die 29-Jährige zuvor gegen ein Fenster geschmissen. Der Arm konnte gerettet werden, Narben blieben. Golovkova überlegte, sie mit einem Tattoo zu überdecken, doch ihr fehlte der Mut - bis sie in den sozialen Medien auf die Werbung von Yevgeniya Zakhar stieß. Zakhar bot an, Opfer häuslicher Gewalt zu tätowieren und ihre physischen Narben mit Blumen und Schmetterlingen zu verdecken. Umsonst.

Die 33-jährige Zakhar arbeitet in der Stadt Ufa, rund 1200 Kilometer östlich von Moskau. Zu ihrer Verwunderung stieß ihr Angebot auf enormes Interesse. Sie sei mit Anfragen misshandelter Frauen geradezu überhäuft worden. Deren Schilderungen hätten sie extrem schockiert. "Es ist sehr beängstigend, das Problem mit eigenen Augen zu sehen und zu hören, was die Menschen darüber denken", sagt Zakhar.

Umstrittenes Gesetz

Laut Statistiken des russischen Innenministeriums geschehen etwa 40 Prozent der Körperverletzungen innerhalb von Familien. Experten zufolge lässt sich aus regionalen Studien ableiten, dass jährlich etwa 600.000 Frauen in Russland geschlagen werden. Frauenrechtlerinnen kämpften seit Jahren dafür, ein eigenes Gesetz gegen häusliche Gewalt einzuführen; stattdessen wurde in Russland nun ein umstrittenes Gesetz genehmigt, das Betroffene als Demütigung empfinden (mehr dazu lesen Sie hier).

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Häusliche Gewalt in Russland: Tattoos über Narben

Das von Präsident Wladimir Putin unterzeichnete Gesetz mindert die Strafen, wenn es sich um ein erstmaliges Vergehen handelt und dabei keine schweren Verletzungen entstehen. Was zuvor noch als Körperverletzung eingestuft und mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft wurde, ist in Russland mittlerweile nur noch ein Fehlverhalten, das eine Geldstrafe nach sich zieht.

Nach Umfrageergebnissen eines staatlich geführten Meinungsforschungszentrums empfinden 19 Prozent der Befragten es als akzeptabel, Ehefrau, Ehemann oder Kinder unter "bestimmten Umständen" zu schlagen. Unterstützer des neuen Gesetzes bestehen darauf, dass es nicht zu Gewalt animiere und sind der Meinung, es gebe Familien die Chance, sich wieder zu versöhnen. Olga Batalina, Co-Autorin des Gesetzes, spricht verharmlosend von emotionalen Konflikten ohne gravierende Konsequenzen.

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"Alles beginnt mit nur einer Ohrfeige"

Bei den Betroffenen sorgt die neue Regelung für Unverständnis. "Es ist falsch. Alles beginnt mit nur einer Ohrfeige. Wenn du ihnen einmal vergibst, wird alles nur noch schlimmer. So etwas darf man nicht vergeben, sonst wird es immer wieder passieren."

Um die Zeichen ihrer Misshandlungen nicht täglich im Spiegel sehen zu müssen, lassen sich viele Opfer häuslicher Gewalt von Zakhar tätowieren - mehr als tausend Frauen seien schon bei ihr gewesen, sagt 33-Jährige. Nicht eine einzige von ihnen habe Hilfe von der Polizei bekommen. Die Frauen, so erzählt Zakhar, würden sich fragen: "Was bringt das? Warum sollen wir zur Polizei gehen, wenn sie dann noch nicht hilft?"

csc/AP



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