S.P.O.N. - Fame Fatale: Oben in der Testosteronwolke

Von Steffi Kammerer

Höher geht's nicht mehr hinaus: In Davos treffen sich alljährlich die Supermächtigen und Superreichen - und das sind vor allem Männer. Doch diesmal wagt der Macho-Club die Quote. Beschreibung eines Experiments.   

Mich bringt so schnell nichts aus der Ruhe - es sei denn, es geht um Vincent, meinen Zauber-Assistenten. Nun schreibt ein Leser, der seine Kommentare unter dem Namen "Lebkuchen" verfasst, ich äußerte mich "männerverachtend" - nur weil ich mich über den ansehnlichen Gehilfen freue: "Es reduziert den Betreffenden auf sein Äußeres, seine fachlichen und sozialen Kompetenzen werden nicht gewürdigt." Er jedenfalls, so der empörte Verfasser, verklagte eine Arbeitgeberin wie mich. Wegen Diskriminierung.

Ach, "Lebkuchen", treiben Sie doch bitte keinen Keil zwischen Vincent und mich. Und außerdem, was meinen Sie, passierte, wenn Frauen so empfindlich reagierten wie Sie? Prozessieren, nur weil wir auf irgendwas reduziert werden? Unsere Kompetenzen nicht genug gewürdigt werden?

Vielleicht verstehen Sie, dass ich etwas ungehalten bin, wenn ich Ihnen verrate, wo Vincent und ich in dieser Woche waren: in Davos, beim Jahrestreffen der Weltelite, über der niemand mehr steht, außer dem lieben Gott. Vincent hat sich nichts anmerken lassen, aber natürlich hat er das herablassende Grinsen der anderen Anzugträger bemerkt - wie ich auch. Er tat mir ein bisschen leid.

Du bist der Beste!

Ich war aber vor allem froh, als Ihre Chronistin dort zu sein, und nicht in der Rolle, die auch im Jahr 2011 die meisten Frauen nach Davos brachte: als Delegierten-Gattin/Geliebte/Assistentin, meist nur dazu da, diesen einen Satz zu variieren: Du bist der Beste! Und dann vielleicht nach Mailand zum Shoppen zu fliegen, abends zurück, um ihn beim wichtigen Dinner zu zieren.

Ebenso froh war ich, nicht selbst ein Davos-Mann sein zu müssen. Denn das, glauben Sie mir, ist anstrengend. Und wie anstrengend, das war mir vor diesen Tagen auch nicht klar. Es geht mit der Unterkunft los. Wer was auf sich hält, logiert im Belvedere, dem alten weißen Grandhotel an der Promenade. Dort gibt es aber nur 127 Zimmer. Und 19 Suiten. Wer von den 2500 Delegierten wo nächtigt - Nobelpreisträger, Staatschefs und sonstige Chefs - das entscheiden nicht die Hotels, sondern die Forums-Organisatoren: Jeder weiß also genau, wo man ihn einordnet. Und alle andern wissen es auch.

Wie gesagt, ich bin froh, dass ich keinem Chef verklickern muss, dass es, äh, nicht nur zum Belvedere nicht reicht, sondern auch im dritten Haus am Ort keinen Talblick mehr für ihn gibt, nur noch Zimmer zum Berg. Schwacher Trost: Selbst Angelina Jolie und Brad Pitt bekamen vor ein paar Jahren nur ein normales Doppelzimmer, keine Suite.

Echte Davos-Männer

Wie kurios es hier oben in der Testosteron-Wolke ist, erzählen Ihnen echte Davos-Männer nicht, sie bemerken es auch gar nicht, kommen ja alle schon seit Jahren, auch das lassen sie gern beiläufig fallen, besonders wenn sie eine Dekade und länger dabei sind. Haben ja auch keine Zeit, sind beschäftigt: Statements abgeben, Leitartikel verfassen, Visitenkarten verteilen, Ellbogen ausfahren, Schultern klopfen, Allianzen schmieden. Hinter sich Männer mit Knopf im Ohr. Auf dem Dach Scharfschützen. Die Räume von Spürhunden überprüft. Ab und zu landet ein Hubschrauber und bringt Nachschub. Wenn der Staatsgast bitte bald auschecken könnte, draußen wartet der nächste.

Die Tage eine einzige Endlosschleife, jeder etwa so: Moderiertes "Power Breakfast" um 6.30, dann Welt-Retten bis Mitternacht, später Party-Animal. Und statt Schlaf bange Fragen: Wieso erfahre ich erst heute vom nächtlichen Schlittenrennen gestern? Was ist mit der Oligarchen-Sause auf der Alm? Warum hat mich Bill nicht zu seinem Fondue-Dinner geladen? Der andere Bill mir nicht die Hand geschüttelt, dem So-und-so aber schon? Und der ist dann auch noch beim Raclette-Essen von Kai Diekmann. Und ich nicht mal bei der Party von Google und McKinsey? Und was bitteschön soll ich sagen, wo ich stattdessen bin?

Glauben Sie mir, Davos ist eine Nummer für sich, da muss selbst ich meine Celebrity-verwöhnten Augen reiben. Kaum steht man ein paar Minuten auf dem Flur herum: John Kerry. Liz Mohn. Bono, hallo! David Cameron. Robert de Niro. Die Begum. Und das sind nur die Leute, die ich erkenne. Wie sah noch gleich der japanische Premierminister aus?

"Speed-Dating für Erwachsene"

Der Sänger auf der Burda-Party heißt James McCartney - und ist der blonde Sohn von Paul, aber das nur nebenbei. Hubert Burda will gerade eine Rede halten, da kommt Bill Clinton rein. Am nächsten Tag: die blonden Locken von Mette-Marit, der künftigen Königin von Norwegen, sie ist auf der Suche nach einer Zigarette. Im umgebauten Schwimmbad rockt derweil RWE-Chef Jürgen Großmann. Um die Ecke hat vor Jahren Gerhard Schröder die Fischer von Capri besungen.

Um 2 Uhr früh sehe ich Stephen Schwarzman neben der Tanzfläche sitzen, der mächtige Blackstone-CEO studiert Akten. Sein Zimmer ist nur die Treppe hoch, er ist einer der Auserwählten, der wirklichen Top-Dogs, die im Belvedere wohnen, aber er mag den Trubel hier unten. Außerdem kann so jeder sehen, dass er arbeitet. "YMCA" dröhnt es aus den Lautsprechern. Er winkt mir mit der Lesebrille zu, wir haben uns ein paar Stunden zuvor unterhalten. "Speed-Dating für Erwachsene" sei Davos, hat er da gesagt.

Aber, so das erklärte Ziel der Organisatoren, bald bitte nicht mehr die Jungs unter sich. Erstmals wurde in Davos deshalb eine Quasi-Quote eingeführt. Den "Corporate Sponsors", also den großen Unternehmen, wurde gesagt, sie könnten in diesem Jahr nicht nur vier Delegierte mitbringen, sondern fünf - wenn eine Frau darunter sei.

Ein Jammer, wirklich

Es erstaunt Sie vermutlich kaum, dass nicht wenige Unternehmen entschieden, dann doch lieber nur zu viert anzureisen. Weil es, mal wieder, einfach keine Frau gab, die man hätte schicken können. Ja, liebe Chefs, Sie kennen das. Es findet sich einfach keine, nicht für die Führungsebene, nirgends. Ein Jammer, wirklich.

Immerhin. 44 Zusatz-Damen hat die Aktion gebracht. Sie haben den Schnitt der weiblichen Delegierten von 16 Prozent auf 22 hochschnellen lassen. Keine Sorge, ich wende mich gleich wieder meinem Champagner zu, aber diese Breaking News wollte ich Ihnen nicht vorenthalten.

Doch reden wir von wirklich Erfreulichem. Von den vielen tollen Frauen, die ich getroffen habe. Elisabeth de los Pinos etwa, Molekularbiologin und Unternehmerin, 38 Jahre alt, deren Namen werden Sie vielleicht bald alle kennen - dann, wenn ihr hoffentlich das Wunder gelungen sein wird, ein wirksames Mittel gegen Krebs zu finden. Im Tierversuch hat es funktioniert. In einem Jahr wird ihr Verfahren erstmals an Menschen getestet.

"Mein Fahrer wartet"

Oder Moira Forbes, der toughen 31-jährigen Chefredakteurin im familieneigenen Verlag, Enkelin von Malcolm Forbes. Wirtschaftswachstum, sagt sie, gebe es nun einmal nur mit den besten Talenten an der Spitze, und das bedeute: Männer und Frauen. "Sehr einfach."

Und dann ist da eine Hamburgerin, mehrfache Mutter, Partnerin in einer Bank. Ob sie noch mit auf eine Party will, frage ich sie. Nein, ihr Auto stehe seit sechs Stunden unten. Parkverbot, denke ich, und schaue fragend. Sie zögert. Dann dämmert es mir. "Du meinst, ein Mann würde sagen: 'Mein Fahrer wartet.'" Ja, eben seit Stunden. Wir müssen beide lachen. Vincent bringt sie zu ihrem Wagen.

Ich blicke noch ein wenig auf die dunklen Berge und überlege mir, ob ich eigentlich gern als Mann auf die Welt gekommen wäre. Nein, das nicht. Aber, meine Herren, verlassen Sie sich darauf: Ich werde dafür sorgen, dass wir uns in Davos wiedersehen. Ich weiß ja nun, wie nett Sie es hier haben.

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Steffi Kammerer
© Marco-Urban.de

Lebt als freie Autorin in Berlin und New York. Ist im Rheinland aufgewachsen und hat Wirtschaftskommunikation, Geschichte und Filmwissenschaft studiert. Unter anderem hat sie für die "Süddeutsche Zeitung", den "Stern" und "Park Avenue" gearbeitet.

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Illustration Michael Pleesz für den SPIEGEL, Foto: Reuters
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