Asyldebatte Der besorgte Herr Müller

Torben Müller verabscheut die deutsche Flüchtlingspolitik, er hat eine Hilfsorganisation angezeigt. Was denkt er sich dabei? Eine Geschichte über die Gefahr von Polarisierung und Vorurteilen.

Torben Müller mit Tochter am Meer
privat

Torben Müller mit Tochter am Meer

Von , Dresden


Er hat ein Buch mitgebracht, "Mainstream" steht auf dem Deckel. "Da drin erfährt man einiges", sagt Herr Müller und lächelt unschuldig. Der Untertitel steht in großen Buchstaben auf grellem Orange: "Warum wir den Medien nicht mehr trauen."

Das Thema mit den unehrlichen Systemmedien, geht ja gut los.

Ach, sagt Müller, vom Wort "Lügenpresse" halte er ja nicht so viel, aber an der damit verbundenen Kritik sei schon was Wahres dran: am Unterschied zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung. An der Entfremdung von Regierung und Regierten. Am Gefühl, dass etwas aus den Fugen geraten ist. So ziemlich alles, eigentlich.

Für Leute wie Torben Müller wurde der Begriff des "besorgten Bürgers" erfunden. Der 49-Jährige, der in Wahrheit einen anderen Namen trägt, löffelt in einer Trattoria in der Dresdner Neustadt ein Süppchen - und schimpft. Über die Politik Angela Merkels und den Linksruck des Parteiensystems und und und. Nur wegen seiner Wut sitzt er überhaupt an diesem kühlen Mittwochmittag beim Italiener und lässt sich befragen. Von einem "Mainstream-Journalisten".

Zwei Männer, zwei Welten

Irgendwann im Frühsommer 2016 erfuhr Müller, dass eine Gruppe Dresdner im Mittelmeer Flüchtlinge retten will, die in Seenot geraten sind. Mission Lifeline, so heißt die Hilfsorganisation, sammelte mit bemerkenswertem Erfolg Spenden für diesen Einsatz.

Irgendwann traf Müller zufällig Axel Steier, den Chef von Mission Lifeline, als dieser an einem Infostand Passanten um Spenden bat. Steier und Müller leben im selben Dresdner Viertel, womöglich kaufen sie in den selben Geschäften ein. Räumlich sind sie sich nah, ansonsten trennen sie Welten: Steier beklagt seit Langem, dass Dresden ein Problem mit rechten Ideologien habe - für das ein "sehr unterentwickeltes" Bürgertum mitverantwortlich sei.

Axel Steier im Video: "Den meisten ist alles egal" (aus dem Archiv)

SPIEGEL ONLINE

Während ihres zufälligen Gesprächs gerieten die beiden schnell aneinander, so erzählt es Müller: Steier habe sich auf seine Argumente gegen das Vorhaben der Flüchtlingshelfer nicht eingelassen - und habe sich schließlich abgewendet.

Im Herbst 2016 erstattete Müller Anzeige gegen Mission Lifeline, und tatsächlich eröffnete die Staatsanwaltschaft Dresden ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des "Einschleusens von Ausländern". Dabei deutet schon Müllers Anzeige darauf hin, dass es soweit nicht hätte kommen müssen: Er sei selbst Mitglied in der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, heißt es darin; er begrüße die Idee, "Menschen vor dem Ertrinken zu retten und sie wieder zurück ans Festland zu bringen".

Die Staatsanwaltschaft stellte ihre Ermittlungen wenig später ein, aber Müller machte weiter: Im August nahm er Kontakt zum SPIEGEL auf, die E-Mail schrieb ein Freund in seinem Auftrag - wegen der "Befürchtungen, dass bei Offenlegung seiner Daten es gefährlich werden könnte". Erst zehn E-Mails und mehrere Wochen später gab er eine Telefonnummer preis.

Misstrauen, Angst, latente Wut

Ja, sein Misstrauen sei in den vergangenen Jahren schon größer geworden, sagt er, vor allem gegenüber der Politik. "Wirklich bürgerliche Parteien gibt es ja kaum noch", raunt er, und: "Man muss nicht bei Pegida mitlaufen, um die Politik Merkels und Schulz' kritisch zu sehen."

Schon klar, aber was genau ist das Problem?

Angefangen habe es mit der sogenannten Griechenland-Rettung, sagt Müller, "Bankenrettung wäre ja der ehrlichere Begriff". Die Positionen des damaligen AfD-Chefs Bernd Lucke hätten ihn "durchaus angesprochen" - eine ehrliche Debatte darüber sei jedoch ausgeblieben, weil die Parteien stets nach ihrer eigenen Weltanschauung entschieden. "Aber ob das fürs Gemeinwohl immer das Beste ist?", fragt Müller. "Da hab ich meine Zweifel."

Allein ist er nicht mit dieser Mischung aus Misstrauen, Angst und latenter Wut: Seit einiger Zeit sucht ein Millionenheer aus Zweiflern nach der Identität der Republik, das ganze Land beschäftigt sich mit kollektiven Selbstzweifeln. Die Wahlerfolge der AfD, die Pegida-Märsche gerade in Dresden, der Rechtsruck im öffentlichen Diskurs - all das scheint zusammenzuhängen. Und Herr Müller ist Teil davon.

Zugleich ist er kein Pegida-Brüller, kein Flüchtlingsheim-Anzünder, kein Nazi. Die Sache mit Herrn Müller ist kompliziert: Nur wer zu differenzieren und diskutieren bereit ist, kann vielleicht die wachsende Zahl der Müllers dieses Landes besser verstehen, ihre Zweifel und Ängste, so irrational und fragwürdig sie teilweise auch sein mögen.

Eine Kellnerin bringt den Hauptgang, Müller erzählt von früher. Er wuchs in Sachsen auf, nach der Wende wurde er Beamter, heute arbeitet er in der Staatsverwaltung in Dresden. In den Neunzigern sei er einmal im Senegal und in Mali gewesen - in einigen jener Länder also, aus denen Tausende Menschen in Richtung Europa fliehen. Müller sagt: Würde man mehr Geld direkt in Krisenregionen investieren statt in die Versorgung von Migranten in Deutschland, gäbe es von denen weniger. "Die wollten damals schon alle da weg, und das kann ich auch gut nachvollziehen." Aber, und jetzt legt er die Gabel kurz zur Seite, so gehe das nun mal nicht.

"Sie werden die Gesellschaft nur noch weiter spalten."

Müller setzt zu einem Vortrag an über das Asylsystem und die Globalisierung, zählt Studien auf, zitiert Peter Scholl-Latour, beruft sich auf Bevölkerungswissenschaftler. Er wirkt wie der erzkonservative Professor in einer Vorlesung über liberale Asylpolitik: "Was tut man Europa an, wenn man so viele Leute aus fremden Kulturen hier einfach ablädt, die keine Chance auf Integration haben?", sagt er. "Das wird die Gesellschaft nur noch weiter spalten, inklusive Verteilungskämpfen und wohl auch einem Anstieg des Rassismus."

Ginge es nach Müller, gäbe es kluge Alternativen. "Meinetwegen könnten noch eine Million junger Männer nach Deutschland kommen, wenn die Regel wäre: Wir bilden euch aus, schicken euch dann zum Aufbauen zurück in eure Heimatländer, und da gäbe es deshalb ein gewaltiges Wirtschaftswachstum", sagt Müller. "Quasi ein Ausbildungsasyl."

Die aktuelle Asylpolitik hingegen locke ständig mehr Migranten an - zumal dank der Seenotretter die Mittelmeerpassage inzwischen vergleichsweise sicher sei. "Der vermeintlich humanitäre Akt führt letztendlich zu mehr Toten", sagt Müller. Er fordert eine "Güterabwägung": Stelle man die aus seiner Sicht illegitime Seenotrettung ein, würden langfristig weniger Menschen sterben. Müller vergleicht nun Seenotretter mit solchen Leuten, die Molotowcocktails auf Asylheime werfen, er behauptet: "Beide Gruppen gefährden das friedliche Zusammenleben in einer bisher größtenteils intakten Gesellschaft."

Es sind Sätze wie dieser, die Müller herzlos wirken lassen, die sehr viele Fragen aufwerfen. Einerseits zeigt er Verständnis für die Nöte vieler Migranten, andererseits sieht er sie als Gefahr - wie passt das zusammen? Vielleicht zeigt sich an besorgten Bürgern wie Müller weniger die Spaltung des Landes als etwas ganz anderes: Das Land ist zersplittert, zerfasert, jedenfalls in deutlich mehr Fraktionen zerteilt als nur in die der "Linksgrünversifften" und der "Nazischweine". Die Republik als Mosaik. Das Problem ist nur, dass die Meinungen zwischen den Extremen in der Debatte oft unsichtbar bleiben.

Flüchtlingsretter im Mittelmeer

Herr Müller sieht sich dort, wo fast alle sein wollen, irgendwo in der Mitte. Im Internet finden sich leidenschaftliche Leserbriefe des Vaters zweier Kinder: Bei der "Zeit" beschwerte er sich über einen Artikel über Sachsen und die AfD, dem Bayerischen Rundfunk schickte er eine Programmbeschwerde zu einem "Tatort" über das Thema Flüchtlinge.

Was treibt Torben Müller an?

Früher war er mal FDP-Mitglied, derzeit ist er parteilos, an Aufgeschlossenheit für politische Ideen mangelt es ihm offenbar nicht. "Aber die CDU unter Angela Merkel ist unwählbar geworden", sagt er, "und mit der AfD habe ich auch meine Probleme - aber immerhin gibt es jetzt wieder kontroverse Debatten im Bundestag." Für den Erfolg der Rechtspopulisten seien die anderen Parteien verantwortlich: "Man kann eine Radikalisierung auch aktiv vorantreiben, indem man etwa mit AfD-Sympathisanten nicht mehr redet und sie ausgrenzt", sagt Müller. "Wir müssen echt aufpassen, dass uns der ganze Laden nicht um die Ohren fliegt."

"Wir werden uns den Anzeigenerstatter schnappen"

Da würde vielleicht auch Flüchtlingshelfer Axel Steier zustimmen - aber mit dem will Müller momentan nicht reden. "Ich war angepisst, vor allem wegen seiner Arroganz", sagt Müller. Steier begründet die Arbeit seiner Hilfsorganisation damit, dass alle Menschen in Seenot ein Recht darauf hätten, gerettet zu werden. "Vermeintlich humanitäre Gründe können ja nicht alles legitimieren", sagt Müller dazu, "vor allem dürfen sie sich nicht gegen geltenden Recht setzen." Warum etwa müssten die geretteten Afrikaner nach Europa gebracht werden?

Weil in Libyen viele Migranten Opfer von Ausbeutung, Folter und Mord werden, würde Axel Steier wohl entgegnen. Doch da Müller bei den Ermittlungsbehörden erwirkte, dass sein Name nicht herausgegeben wird, weiß Steier bis heute nicht, wer seinen Verein angezeigt hat. Aber er hat einen Verdacht: Die Anzeige käme vermutlich aus den Reihen von Pegida, sagte er im Juli der "Sächsischen Zeitung". "Wir werden uns die Akten besorgen und versuchen, den Anzeigenerstatter zu schnappen."

Zwei Männer mit völlig unterschiedlichen Weltsichten, die dem jeweils anderen Vorhalte machen - aber nicht miteinander sprechen. Kein Wunder, dass die Debattenkultur eine Krise durchmacht.

Steier mag ein linker Aktivist sein, aber ein Linksextremist ist er augenscheinlich nicht. Und Müller vertritt in Asylfragen zweifellos sehr konservative Positionen, aber das macht ihn noch nicht zum Menschenhasser. Das wird vor allem deutlich, wenn man mit ihm über AfD-Politiker spricht - über die berüchtigte Dresdner Rede von Björn Höcke zum Beispiel, die er sich auf YouTube angeschaut habe.

Sehnsucht nach der Vergangenheit

"Was mir wirklich Angst bereitet hat", sagt Müller, "war die Stimmung in dem Saal. Was da heraus alles entstehen kann, bereitet mir große Sorgen." Er befürchte, dass der Grad des Zivilisatorischen immer schmaler werde: "Das könnte bald kippen."

Aber was wäre ein Gegenmittel?

Eine Kellnerin ersetzt den leeren Teller vor Müller durch einen Cappuccino, dann entpuppt sich der einstige FDP-Mann plötzlich als Kapitalismuskritiker: Die Reichen würden immer reicher, die Migrationskrise sei nur die logische Folge einer gefährlichen Globalisierung. "Ich wünsche mir die alte Bundesrepublik zurück", entfährt es Müller mit einem Seufzer, "wo Sozialstaatlichkeit noch was war und es nicht diesen aggressiven Neoliberalismus gab."

Müller schlürft seinen Cappuccino aus, er lächelt. Das Treffen verlief in seinem Sinne, jemand hat zugehört, ihn ausreden lassen. Vielleicht, und das wäre wünschenswert, trifft er sich ja schon bald auch mit Axel Steier zum Mittagessen.


Das Treffen in Dresden hat auch auf unseren Autor Peter Maxwill Eindruck hinterlassen. Als Torben Müller ging, ließ er das "Mainstream"-Buch auf dem Tisch liegen - das mit der These von den Medien, denen "wir nicht mehr trauen". Maxwill warf einen Blick ins Impressum, um zu überprüfen, ob es ein dubioser Verschwörungstheoretiker-Verlag herausgegeben hat. Nicht ganz: "Sonderauflage für die Landeszentrale für politische Bildung." Auch Journalisten müssen ihre gesellschaftliche Rolle immer wieder hinterfragen.



insgesamt 23 Beiträge
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silbenschleif 25.03.2018
1. Müller & Steier
Schöner Pluralismus - beide haben irgendwie recht. Das Leben besteht aus Kompromissen. Der Artikel arbeitet das gut heraus.
bobo7 25.03.2018
2. Interessant
Ich würde mir wünschen, dass Diskussionen statt von Werten, mehr von Fakten bestimmt würden. Es ist ein guter Ansatz mit jeder Seite zu sprechen, geschieht dies nicht, wird die Spaltung der Gesellschaft immer weiter vorangetrieben.
napoleon2006 25.03.2018
3. Sehr interessanter Artikel
Das Problem mit der Angst ist vielschichtiger als viele denken. Insbesondere beim Satz zur Ausbildung von Asylsuchenden würde ich Herrn Müller völlig zustimmen, bei anderen Gesprächsteilen eher nicht. Das Problem ist leider, dass die Fronten in vielen Bereichen völlig verhärtet sind. Auf globaler Ebene wirkt die Kolonialisierung immer noch massiv nach, verbunden mit widerrechtlichen Kriegen, Radikalisierung, Terrorismus und...nicht zu unterschätzen...den Folgen des Klimawandels. Auf nationaler Ebene haben mittlerweile alle Akteure erkannt, dass sie mit Überspitzungen und radikalen Forderungen (und Taten) das System der Medien und sozialen Medien für ihre persönlichen Ziele „besser“ nutzen können als mit den komplexen und langwierigen Lösungsansätzen die es eigentlich bräuchte. Derzeit können wir anscheined mit einer sehr kurzfristig agierenden Politik halt nur die Symptome bekämpfen, ob das in Zukunft besser wird und die Hilfsbereitschaft auf lokaler Ebene einen ersten Stein für das Fundament setzt wird sich zeigen.
ofis 25.03.2018
4. "ich war angepisst vor allem wegen seiner arroganz"
herzlichen glückwunsch. in deutschland passieren ständig irreale dinge weil "jemand angepisst ist" bis hin zur schlägerei. ich frage mich warum herr müller es nicht gelernt hat auszuhalten, dass andere nicht seiner meinung sind und bleiben. wie das kleine kind torben im klischee, "rastet aus" weil der eigene wille dem gegenüber nicht aufgezwungen werden kann. das beleidigte kleine ich des großen torben zeigt dann an. (was die allgemeinheit bezahlen muss) ich glaube ein weiteres großes problem in diesem land sind überzogen egos und deren reaktionen. lieber herr müller, lernen sie es wie ein erwachsener auszuhalten, dass andere auch nach langer diskussion nicht ihre meinung annehmen und sich dann, wenn ess dann irgendwann zuviel wird, auch umdrehen. der ton macht in vielen fällen auch die musik.
olsen125 25.03.2018
5. Gemeinsamkeiten
Beide Seiten, sowohl Links als auch Rechts, haben erkannt, dass die Hauptprobleme die Ungleichverteilung und die reichen Raffgiere sind. Man sollte sich hier zusammen tun. Wenn die Fluchtursachen beseitigt sind, ist es egal, ob man die Grenzen öffnet oder sich abschottet.
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