Sachsenburg bei Chemnitz Das vergessene KZ

In einer alten Spinnerei bei Chemnitz folterten SS-Männer Häftlinge zu Tode - doch fast nichts erinnert dort an den NS-Terror. Das Areal verfällt, eine Lehrerin kämpft dagegen an.

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Von Michael Kraske


Der Schein der Taschenlampe macht auf der blassen Wand eine akkurate Schrift sichtbar. "23. September 24 Tage" hat jemand mit Bleistift geschrieben. Ein heimlicher Kalender, um die Haftzeit zu markieren. Vielleicht auch, um sich Mut zu machen in dieser Zelle, in die durch das kleine, mit Eisenstäben versehene Loch in der Wand kaum Tageslicht fällt.

Zwei Sachverständige aus Buchenwald hätten bestätigt, dass die Inschrift wohl aus der NS-Zeit stamme, erzählt Anna Schüller. Die 26-jährige Gymnasiallehrerin unterrichtet Kunst und Geschichte. In ihrer Freizeit setzt sie sich dafür ein, dass die alte Spinnerei im kleinen Sachsenburg, idyllisch am Flüsschen Zschopau bei Chemnitz gelegen, zur Gedenkstätte wird.

Denn hier befand sich von Mai 1933 bis 1937 ein NS-Konzentrationslager. Heute erinnert fast nichts daran, dass hier Sozialdemokraten, Kommunisten, Christen eingesperrt wurden; bis zu 1400 Häftlinge auf einmal. Dass sie von SA- und ab 1934 von SS-Wachen erniedrigt und gefoltert wurden. Offiziell gab es etwa 20 Todesopfer. Die Zahl derjenigen, die an den Folgen der Folter starben, lässt sich nicht beziffern.

Einige Gebäude auf dem Gelände sind vermietet und werden bewohnt, andere stehen leer. Schüller erzählt beim Rundgang, was sie in vielen Stunden in Archiven herausfand. Auf einer betonierten Fläche bleibt sie stehen und sagt: "Der Appellplatz, da mussten die Häftlinge morgens antreten." Hier begann 1933 die tägliche Lager-Routine aus Drill, harter Arbeit, "Umerziehung" und Gewalt.

Schüller erzählt von Max Sachs, Journalist und Sozialdemokrat, der 1935 herkam. SS-Männer warfen ihn in eine Fäkaliengrube, quälten ihn mit Schrubbern, schlugen ihn und schleiften ihn an den Füßen eine Treppe hinunter, so dass sein Kopf auf die Stufen schlug. Später kippten sie ihn von einer Schubkarre auf den Platz. Sachs erlag der Folter. Mithäftlinge schrieben sein Martyrium auf. Nichts erinnert hier an das, was er erleiden musste.

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Gelände bei Chemnitz: Das frühere KZ von Sachsenburg

Anna Schüller will, dass sich das ändert. Dass es eine Ausstellung gibt und Stelen, die die Orte des Grauens markieren. Dafür arbeitet sie mit ihrer kleinen Initiative "Klick", zusammen mit der Lagerarbeitsgemeinschaft, in der sich etwa zwei Dutzend Angehörige ehemaliger Häftlinge organisieren. Zu DDR-Zeiten wurde in der Spinnerei wieder produziert, aber es gab auch eine kleine Gedenkstätte, die nach der Wende entsorgt wurde. Geblieben ist nur ein Denkmal mit einem markigen Spruch: "Und setzt ihr nicht das Leben ein - nie wird euch das Leben gewonnen sein."

Sie ließ schon Dixi-Klos aufstellen

"Ich würde gern Schüler hier durchführen, aber in vielen Gebäuden gibt es weder Strom noch fließend Wasser, nicht mal Toiletten", sagt Schüller. Sie ließ deswegen schon Dixi-Klos aufstellen.

Als Schülerin ging sie selbst bei einer Projektwoche auf historische Spurensuche in der alten Spinnerei. So fing es an. Nach dem Abi gründete sie dann mit anderen vor sieben Jahren die Jugendinitiative Klick. Seitdem hat sie Quellen gesichtet, Zeitzeugen interviewt, Vorträge gehalten und Ideen für ein pädagogisches Konzept entwickelt. Weil sie glaubt, dass NS-Geschichte in Sachsenburg, anders als in den bekannten, monströsen Lagern wie Buchenwald, leichter erfahrbar wird.

Das KZ sieht nicht aus, wie man sich ein KZ vorstellt. Kein Stacheldraht, keine Türme. Der Lager-Terror begann lange vor Auschwitz, nicht irgendwo im Osten Europas, sondern mitten in Deutschland, gleich nebenan. In einer alten Textilfabrik in Sachsen. Es bewege Schüler, zu hören, dass Opfer oder Täter mitunter in ihren Straßen gelebt hatten, so die Lehrerin. Die Verbrechen der Nazis kommen plötzlich ganz nah.

Lehrerin Schüller mit Schülergruppe
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Lehrerin Schüller mit Schülergruppe

Immer wieder habe sie Stadt und Land gedrängt, zu handeln, so Schüller. Mittlerweile hat der Privateigentümer das Gebäude mit den Arrestzellen der Stadt Frankenberg geschenkt. Doch bislang wurde nur ein Dach repariert. "Meine größte Sorge ist, dass hier alles verfällt", sagt Schüller. "Ohne die wenigen Engagierten wäre endgültig Gras über dieses Konzentrationslager gewachsen."

Irgendwo in Hessen geht Marcel Hett ans Telefon. Ihm gehören die meisten Gebäude und Flächen des ehemaligen Konzentrationslagers. Als sein Vater und er die Spinnerei 1995 von der Treuhand kauften, habe er deren Geschichte nicht gekannt. Die Leute im Ort hätten was von "Schutzhaftlager für Gesindel" erzählt. Erst seit einigen Jahren sei bekannt, dass es ein Konzentrationslager war. "Ich bin dafür, die Erinnerung an den Umgang der Nazis mit politischen Gegnern wach zu halten", sagt Hett. Heutzutage sei besonders wichtig zu zeigen, warum Menschen flüchten müssen - und was Andersdenkenden seinerzeit in Deutschland zustoßen konnte: "Wo, wenn nicht hier, wollen wir daran erinnern?"

Schon vor Jahren habe er dem Land über die Stiftung Sächsische Gedenkstätten den Komplex zum Verkauf angeboten, sagt Hett: "Es gab kein Interesse." Er selbst lehne seither immer wieder lukrative Angebote von Investoren ab. Einer wollte eine Sauna aufmachen. Das geht nicht, sagt Hett. Lieber würde er eine ganze Fabriketage, in der damals Hunderte Häftlinge schlafen mussten, für eine Ausstellung zur Verfügung stellen: "Ich bin da für alles offen."

Immerhin hat der sächsische Landtag das KZ Sachsenburg schon vor fünf Jahren in das novellierte Gedenkstättengesetz aufgenommen. Seither gilt es als "institutionell zu fördernde Einrichtung". Wie kann es also sein, dass das ehemalige Lager weiter verfällt? Die Stiftung Sächsische Gedenkstätten teilt mit, Fördermittel könnten nur auf Grundlage eines beschlossenen Gesamtkonzepts genehmigt werden: "Ein derartiges Konzept liegt derzeit noch nicht vor." Verantwortlich sei die Stadt Frankenberg als Träger. Die Stiftung habe 24.000 Euro für ein Konzept bewilligt.

Die für die Stiftung zuständige Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) spricht von der "herausragenden Bedeutung" des KZs für das Gedenken an NS-Opfer im Land. Die Gedenkstätte müsse aber "von unten nach oben" wachsen: "Wichtig ist, dass die Stadt und engagierte Bürger die Entwicklung des Konzeptes vorantreiben." Genau das versucht Anna Schüller. Sie redet, wirbt, telefoniert - und wird nach ihren Worten immer ausgebremst. Termine werden vereinbart und platzen. "Das ist schon zermürbend", sagt sie. "Es raubt mir Zeit, die ich lieber nutzen würde, um Schülern diese Geschichte nahezubringen."

Hier bildete die SS für den späteren NS-Terror aus

Ehemaliges KZ Sachsenburg
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Ehemaliges KZ Sachsenburg

Bürgermeister Thomas Firmenich (CDU) möchte derzeit kein Interview geben. Er lässt mitteilen, man werde demnächst gegebenenfalls über weitere Schritte informieren. Auf Nachfrage teilt die Stadt Frankenberg schriftlich mit, dass derzeit ein Konzeptentwurf geprüft und danach beraten werde. Die künftige Gedenkstätte solle ein Ort der Erinnerung werden, unter "aktiver Einbindung von Jugendlichen". Über die Fertigstellung könne man aber "nach derzeitigem Stand keine Einschätzung" geben.

Vor einiger Zeit sei die Stadt dann doch an ihn herangetreten und habe ihm eine Fläche abgekauft, sagt Eigentümer Hett. Darauf steht die Villa, in der SS-Kommandanten wie Karl Otto Koch residierten, der später das KZ Buchenwald leitete. In Sachsenburg bildete die SS für den späteren NS-Terror aus. Kochs privates Fotoalbum ermöglicht heute seltene Einblicke in den Lageralltag. Anna Schüller steht vor der Villa, Putz bröckelt von der Fassade, Bretter ersetzen Fensterscheiben. Die Lehrerin hat ihre Examensarbeit über die Wachmannschaften von Sachsenburg geschrieben. In der Villa könnte man die Geschichte dieser Täter erzählen. Könnte.

Aber die Stadt kaufte die Villa nicht, um sie zu renovieren. Stattdessen beschloss sie den Abriss, trotz Denkmalstatus. Die Villa sei ein "Schandfleck", bekomme sie im Rathaus zu hören, erzählt Schüller. Es gebe massive Bedenken gegen eine große Gedenkstätte: Ein solcher Reizpunkt locke angeblich Rechte und Linke an und würde jene stören, die zum Freibad oder Fußball gehen. Statt einen Gedenkort baute man hinter der Villa ein Sportlerheim für den heimischen Verein. Der Flachbau steht. Die Villa der SS verfällt. Die Stadt teilt auf Anfrage mit, man wolle nun doch noch mal über die Villa beraten.

Zum Autor
  • Paul Maurer
    Michael Kraske, 45, ist Journalist und Buchautor in Leipzig. Sein Roman "Vorhofflimmern" erzählt davon, wie kollektives Schweigen über rechte Gewalt im fiktiven sächsischen Ort Liebbrehna eine Katastrophe heraufbeschwört.

Historiker Mike Schmeitzner vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung Dresden rät dazu, die Villa zu erhalten. Im Auftrag der Gedenkstätten-Stiftung erstellt er gerade einen Sammelband über vergessene KZ. "Das Lager hatte überregionale Bedeutung", sagt Schmeitzner. "Es wurde vom NS-Regime offen als unmissverständliche Drohung eingesetzt, um Wohlverhalten in der Bevölkerung zu erzeugen. Hier lässt sich zeigen, wie die rassistische, antipluralistische NS-Ideologie in staatlichem Terror kulminierte. Wie aus vermeintlich ganz normalen Männern Täter in Uniformen von SA und SS wurden."

Die künftige Gedenkstätte biete die Chance, "die Geschichte der Auslöschung von Pluralismus mit der Frage nach gelebtem Pluralismus" in der heutigen Demokratie zu verbinden. "Die Schüler-Camps von Anna Schüller weisen genau in die richtige Richtung", so der Historiker.

Es könnte ganz einfach sein. Aber Erinnerungspolitik ist in Sachsen eine Kampfzone. "Die etablierte sächsische Politik und die Gedenkstättenstiftung haben es versäumt, NS-Opfergruppen so zu unterstützen, dass sie und engagierte Menschen sich ausreichend öffentlich artikulieren können", kritisiert der Politikwissenschaftler Uwe Hirschfeld von der Evangelischen Hochschule Dresden.

Der NS-Opferverband VVN-BdA beklagt seit langem, dass das Gedenken an NS-Opfer in Sachsen zu kurz komme. In einem offenen Brief an Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) beschwerte man sich über Missachtung durch die Gedenkstätten-Stiftung. Die meisten NS-Opfer sind heute tot, auch die aus Sachsenburg. Einige konnte Anna Schüller noch befragen: "Die haben sich immer wieder einen Erinnerungsort gewünscht." Erlebt haben sie es nicht mehr.

Sie mussten über Schotter kriechen, wurden geschlagen

Ehemaliges KZ Sachsenburg
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Ehemaliges KZ Sachsenburg

Im Frankenberger Büro der Lagerarbeitsgemeinschaft nimmt Gisela Heiden Schwarz-Weiß-Fotos aus einem Karton. Sie zeigen ihren Opa, Hans Riedel. Als Kommunist kam er schon 1933 ins KZ Sachsenburg. Lange schwieg er darüber. Bis seine Enkelin nachbohrte. Ihr erzählte er vom "Sachsengruß" - stehend musste er stundenlang mit Armen hinterm Kopf eine Wand anstarren. Vom "Häschen-Machen", wie SA-Wachen Sprünge bis zur Bewusstlosigkeit nannten. Von der "Schlange", wie Kriechen über Schotter hieß. Vom Knien auf hartem Boden, Schlägen beim Verhör. Riedel blieb nur einige Wochen in Sachsenburg, dann wurde er verlegt. Was er zuvor erlebte, verfolgte ihn, bis er starb.

Wenn sie mit Anwohnern diskutiert, hört Gisela Heiden schon mal, so schlimm könne es ja wohl nicht gewesen sein. Einige nennen das KZ ein "Gefängnis", andere "Schutzhaftlager", die meisten "Spinnerei" oder "Fabrik". Unermüdlich wirbt sie für eine Gedenkstätte Sie lässt sich nicht beirren, wenn Mütter fragen: "Sollen unsere Kinder auf dem Weg zum Fußball etwa über ein KZ laufen?" Dann antwortet sie: "Das darf nie wieder passieren. Darum geht es."

In Sachsenburg steht Anna Schüller an der Landstraße und zeigt auf eine Felswand, aus der Bäume wachsen. Die Natur überzieht den ehemaligen Steinbruch des Konzentrationslagers. Einige Schritte weiter reichen Brennnesseln fast bis zu einem Stein, in den das Jahr 1933 gemeißelt ist. Nebenan auf einer Wiese macht eine Schülergruppe Pause mit Blick auf die Zschopau. "Nettes Flüsschen, lädt zum Picknick ein", sagt Anna Schüller. "Diese Idylle muss aufgebrochen werden."



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