Aussteiger aus Salafisten-Szene Allah im Kopf

Zwei Jugendliche suchen den Sinn des Lebens - sie finden ihn im Islam und im Salafismus. Die Moschee wird ihr Zuhause, Gebetsbrüder werden ihre Familie. Erst nach Jahren wenden sie sich ab.

Von , Bonn

dapd

Der Bart ist geblieben. Ahmet Stein* macht jeden Morgen das, was ihm jahrelang untersagt war: Er stutzt die dichten, schwarzen, widerborstigen Haare im Gesicht.

Ahmet Stein ließ sich einen Bart wachsen, als er mit 18 Jahren glaubte, das gefunden zu haben, wonach er sich in den Jahren zuvor gesehnt hatte: Halt in einer Gemeinschaft und Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Beides fand er im sunnitischen Islam, bis er dessen Anhänger als zu liberal empfand und sich den Salafisten anschloss.

Der Salafismus gilt laut Verfassungsschutz sowohl in Deutschland als auch auf internationaler Ebene als die zurzeit dynamischste islamistische Bewegung. Nach Angaben der Sicherheitsbehörden gibt es in Deutschland etwa 4000 Anhänger.

Ahmet Stein wächst im Raum Siegburg auf, seine türkische Mutter verlässt den alkoholkranken Vater, als Ahmet ein Teenager ist. Mit 18 Jahren zieht er nach Köln und ist auf sich allein gestellt. Er klickt sich durchs Internet, stößt auf Jugendliche, denen es geht wie ihm selbst: Sie suchen einen Weg, der sie durchs Leben führt.

Ein Verwandter schenkt Ahmet Stein den Koran. Erst blättert er nur darin, dann findet er bei Youtube Filme von Predigern mit klaren Botschaften zum Leben und zum Glauben, und Nasheeds, Videos mit traditionellen islamischen Gesängen, die Muslime spirituell bewegen sollen.

Der haltlose Junge konvertiert mit 19 Jahren zum Islam. Sein geistiges Zuhause wird eine Hinterhofmoschee in Köln, beim Freitagsgebet stößt er auf Gleichgesinnte und die Erkenntnis: Wer sein Leben dem Islam opfert, kommt ins Paradies. Er betet zu Hause laut, rezitiert den Koran, trägt seine Stereoanlage auf den Müll. Er verzichtet auf Musik, Alkohol, Schweinefleisch. Sein Leben bestimmt der Koran.

Lange weigert er sich, ein knöchellanges Gewand, die Galabija, und eine weiße Gebetsmütze zu tragen. Es ist ihm peinlich. Auch seinen Bart will er zunächst nicht wuchern lassen.

Als sich Ahmet Stein sechs Monate später auch optisch zum Islam bekennt, beschäftigt er sich mit Glaubensbrüdern, die sich abgespalten haben von der Masse. Er liest viel über die Attentäter vom 11. September und junge Deutsche, die sich militanten Dschihadisten am Hindukusch anschließen. Sie schwärmen vom Heiligen Krieg und dem Märtyrertod, den Islam verstehen sie als Kampfauftrag.

"Ich habe versucht, ihr Handeln, ihre Argumentation zu verstehen", sagt Ahmet Stein, 22, Student. Er sitzt in einem Café in Siegburg, reibt sich gedankenverloren den gestutzten Bart. "Aber es gelang mir nicht, und da wusste ich: Ich hab die falsche Abzweigung genommen."

"Hohes Gefahrenpotential"

35 Autominuten entfernt sitzt Ben Emam* in seinem Büro mit Blick über Bonn. Er gehört zu den wenigen, die nachempfinden können, wie schmerzhaft der Ausstieg für Ahmet Stein gewesen sein muss.

Ben Emam, 27, ist Wirtschaftsinformatiker, ein athletischer Hüne mit schwarzem Haar und Designerbrille. Er trägt einen dunklen Anzug und ein weißes Hemd. Fünf Jahre lang marschierte er mehrmals in der Woche in die Abu-Bakr-Moschee in Köln-Zollstock, Treffpunkt der Muslimbruderschaft und für radikale Tendenzen bekannt. Die Scharia war für ihn das unverrückbare Gesetz.

2008 ist Emam ausgestiegen. Er warnt vor dem "hohen Gefahrenpotential" der Salafisten und anderer Islamisten. Der Islamismus sei gefährlich, weil er "den gesamten Menschen aufsaugt", sagt Emam. Die Anhänger praktizierten Gehirnwäsche, um haltlose Jugendliche, die nach festen Regeln und Gemeinschaftsgefühl streben, an sich zu binden.

Diese würden in Moscheen, auf Seminaren und in Jugendzentren bearbeitet. Ihre Sprache: die der Jugend. Ihre Botschaft: Es gibt nur Gläubige oder Ungläubige. Ihr Ziel: Wer ins Paradies kommen will, muss tun, was der Imam vorlebt.

"Wenn es nur eine politische Ideologie wäre, wäre das schlimm genug", sagt Emam, "aber die Verknüpfung mit spiritueller Identität ist der geniale Cocktail der Gehirnwäsche". Er bezeichnet die Imame als Seelenfänger und stellt sie auf die gleiche Ebene wie Scientology und andere Sekten.

Die Salafisten, davon ist der Verfassungsschutz überzeugt, verbreiten ihre Ideologie professionell. Sie zeichnen sich zum Teil durch schwer einsehbare Netzwerkbildungen und Hierarchien aus, wodurch die Szene schwer greifbar ist.

Die Mehrzahl der Salafisten in Deutschland sind keine Terroristen, sondern politisch motiviert. Andererseits sind fast alle in Deutschland bisher identifizierten terroristischen Netzwerkstrukturen und Einzelpersonen salafistisch geprägt, heißt es im Verfassungsschutzbericht. Als aktuelles Beispiel für die radikalisierende Wirkung salafistischer Botschaften - vor allem auf Jugendliche - wird der Fall des 21-jährigen Arid U. angeführt, der am 2. März 2011 am Flughafen Frankfurt zwei US-amerikanische Soldaten getötet haben soll.

Islam ist für ihn Fasten, Beten, Pilgern

Die Gesellschaft habe den Einfluss der Salafisten unterschätzt, sagt Ben Emam. "Vor zehn Jahren hätte man dieses Phänomen bereits bekämpfen müssen, so aber haben die Gefahrenträger diese zehn Jahre genutzt, um ihre Arbeit zu perfektionieren."

Emam wächst in Köln auf, seine Eltern sind Akademiker und nicht muslimischen Glaubens. Er empfindet einen "spirituellen Hunger", wie er rückblickend sagt. Er glaubt, der Islam könne diesen Hunger stillen.

Als er 17 Jahre alt ist, konvertiert er, lernt Arabisch, liest den Koran und den Hadith, die Überlieferungen des Propheten Mohammed. "Der Islam war meine Religion, meine Identität", sagt Emam.

Mit Menschen aus seinem alten Leben bricht er den Kontakt ab, sein soziales Leben findet nur in der Moschee statt. Emam findet anfangs Antwort auf seine spirituellen Bedürfnisse. Er braucht lange, um zu erkennen, dass der radikale Islamismus nicht nur aus Fasten, Beten, Pilgern und Gottesglaube besteht. Erst nach und nach erkennt er eine krasse Ungleichbehandlung zwischen Männern und Frauen - und vor allem eine zwischen Muslimen und Andersdenkenden.

Zweifel kommen auf. Auf kritische Fragen erhält Emam keine Antworten. Er stellt sich Diskussionen. Die Debatten vermischen sich mit Erlebnissen aus der Moschee, die sich auf die wortwörtliche Auslegung des Koran beziehen und den jungen Konvertiten zum Nachdenken bringen. Es ist ein quälender Prozess, den einen Schlüsselmoment gibt es nicht.

Der Ausstieg ist schwer. Außer den Eltern gibt es niemanden von früher, dem er sich zuwenden kann. "Ich war Teil eines sozialen Geflechts, gegen das ich mich auf einmal entschieden hatte", sagt Emam. Lange Zeit hofft er, den einen oder anderen Freund aus der Szene behalten zu können, doch es gelingt ihm nicht. "Der Bruch mit dem Islam bedeutete, sehr, sehr gute Freunde, mit denen ich tagtäglich zusammen war, aufzugeben."

Auf Übertritt steht nach islamischem Recht die Todesstrafe. Emam muss einen sozialen Tod sterben, sein Imam verbietet der Gemeinde, mit ihm zu reden.

Ben Emam hat dennoch Fuß gefasst in einem neuen Leben, mit einem Job und einem sozialen Umfeld, das ihn erfüllt. Ahmet Stein dagegen ist noch immer dabei, sich neu zu orientieren. Ihm fehlen seine Freunde aus der Moschee. "Sie sind nicht gewaltbereit", sagt er, "sie sind nur auf dem falschen Weg".

*Die Namen sind der Redaktion bekannt.

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.