Linken-Politikerin aus Hamburg Wie Sarah Rambatz zur Hassfigur wurde

Die Linken-Politikerin Sarah Rambatz fragte bei Facebook nach Filmen, in denen "Deutsche sterben". Sie bekam Morddrohungen - und ihre Familie seltsame Anrufe. Nun erzählt sie vom Hass, der nicht im Netz geblieben ist.

Sarah Rambatz
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Sarah Rambatz sitzt in einem Hamburger Café, vergräbt die Hände in ihren Ärmeln. Wenn sie von ihrem Fall erzählt, werden ihre Augen manchmal glasig und ihre Stimme brüchig. "Nach einem Shitstorm ist ein Leben so, wie es vorher war, nicht mehr möglich", sagt sie.

Bis vor wenigen Monaten war die 24-Jährige eine unbekannte Bundestagskandidatin der Linken. Heute ist sie eine Hassfigur.

Sarah Rambatz hat einen Fehler gemacht. Ein Fehler, der ihr Leben auf den Kopf stellte. Sie musste dafür büßen, und wie. Über sie ergoss sich eine Hasswelle, nicht nur im Netz. Sie schwappte in ihr Leben über, erfasste ihre Karriere, ihre Familie und Freunde, kroch in jede Faser, bis alles von ihr durchtränkt war.

Rambatz' Geschichte beginnt mit einem "stinknormalen Filmabend" wie es einer nennt, der damals dabei war. Ein Samstag Anfang September 2017, im Wohnzimmer einer Hamburger Wohnung sitzen Aktivisten der Linksjugend. Sarah Rambatz tippt auf ihrem Laptop herum.

In eine Facebook-Gruppe schreibt sie: "antideutsche Filmempfehlungen? & grundsätzlich alles wo Deutsche sterben." Daneben setzt sie ein Herz.

Am Tag nach ihrer Filmanfrage bekommt Rambatz eine Nachricht bei Facebook - ein Nutzer sagt, dass er sie wegen Volksverhetzung angezeigt habe. Kurz darauf teilt ein AfD-Politiker bei Twitter ein Bild des Beitrags - mit den Worten: "Krank und widerlich!!!".

Rambatz ist schockiert. Sie weiß jetzt, dass ihre Nachricht öffentlich geworden ist. Und dass sie in Kreisen gelandet ist, die ihr nicht wohlgesinnt sind. "Ab jetzt wird es sehr gefährlich", habe einer ihrer Genossen gesagt. Sie schläft nicht gut in dieser Nacht.

Ihr Beitrag verbreitet sich schnell im Netz. "Die Nutte gehört totgebumst und zerhackt", schreibt ein anonymer Nutzer in einem Forum.

Die Aufregung um ihr Posting ist kein Zufall: Ihre Entgleisung wird in rechten Foren verbreitet, mit folgendem Hinweis: "Dieses Bild sollte unbedingt noch mehr Verbreitung finden." Das Ziel der rechtsextremen Aktivisten: Die Stimmung während der Bundestagswahl manipulieren.

Während Rambatz ein paar Tage später bei einer Podiumsdiskussion sitzt, wird sie von einem Mitglied der Linken angerufen: Sie solle sofort in die Landesgeschäftsstelle kommen. Die Partei beginnt mit dem Krisenmanagement. Man rät ihr, sich nicht zu äußern und zur Polizei zu gehen. Sie solle auch an ihre Familie denken. Die Warnung ist berechtigt, wie sich später herausstellen wird.

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Sarah Rambatz: Von der Bundestagskandidatin zur Hassfigur

Mit ihrer Mitbewohnerin fährt Rambatz zur Polizei. Sie entscheidet sich für neutrale Kleidung, ohne Symbole. Rambatz, die Linksextreme, die Polizisten kritisch gegenübersteht, eilt zur Wache, um Hilfe zu holen. "Die Angst um meine Familie hat mich dorthin getrieben", sagt sie.

Sie hätte sich vorher wohl auch nicht ausgemalt, dass man sie dort besser behandelt als in ihrer eigenen Partei. Während sie eine Aussage machen will und dem Beamten Screenshots von Bedrohungen zeigt, wird sie im Minutentakt von einem Sprecher der Linken angerufen, so erzählt sie es.

Er versucht, sie zum Rücktritt zu drängen, sagt, dass das auch Mitglieder des Parteivorstandes befürworteten. Ein Polizist bezeichnete ihr zufolge das Verhalten der Partei als schwach. "Aber was erwartet man von der Linken?", soll er gesagt haben.

"Mir ging es unglaublich schlecht", sagt Rambatz. Die Sorge um ihre Verwandten, die heftigen Reaktionen im Netz, die Partei, die sie fallen lässt: "Ich hatte von allen Seiten Druck."

Der damalige Linken-Sprecher hat heute eine neue Aufgabe; trotz mehrfacher Anfragen will er sich nicht äußern. Andere Parteimitglieder bestätigen, dass Rambatz zum Rücktritt gedrängt wurde - auch aus der Parteispitze. Die Linke will sich dazu nicht äußern.

Am 6. September erfahren die Medien von der Sache. Journalisten melden sich bei Rambatz. Daraufhin veröffentlicht sie ein Statement, indem sie ihren Beitrag als "dumme, unbedachte Aktion" bezeichnet. Es habe sich um eine "Überspitzung" gehandelt. Sollte die Linke in Hamburg mit fünf Listenplätzen einziehen, würde sie ihr Bundestagsmandat nicht annehmen.

Am nächsten Morgen legt Rambatz' Mitbewohnerin die Printausgabe der "Hamburger Morgenpost" auf den Küchentisch der gemeinsamen WG. Das Gesicht der jungen Politikerin ist jetzt an Kiosken in ganz Hamburg zu sehen: Die Zeitung druckte ein Foto von ihr auf die Titelseite. Darüber die Zeile: "Sie wollte Deutsche sterben sehen."

Diese Überschrift bezeichnet Rambatz als gefährdend. "Ich hatte unglaubliche Angst, dass mir etwas angetan wird", sagt sie. Sie habe überlegt, sich eine Woche in ihrer Wohnung einzusperren. Stattdessen bindet sie sich ihre Haare zurück, setzt sich eine Mütze auf und verlässt Hamburg. Sie fährt nach Sachsen aufs Land, verschanzt sich bei anderen Aktivisten der Linksjugend.

In Foren taucht Rambatz' vermeintliche Adresse auf - und die von mindestens fünf Familienmitgliedern. Darunter schreibt ein Nutzer: "Späher ist unterwegs; möglicherweise können bereits heute geeignete Maßnahmen gegen den Bolschewistenclan umgesetzt werden."

Ein Verwandter von Rambatz findet in dieser Zeit einen Wischmob vor seiner Haustür. Darauf habe jemand ein "runifiziertes B" geschrieben, erzählt der Mann. Der Kanal, in dem die Adressen veröffentlicht wurden, heißt: "/b/ - Unbesiegt" und gehört zu dem Forum Krautchan, das rechte Onlineaktivisten nutzen.

In einem Dokument, das er "Ereignisprotokoll" nennt, notiert er mehrere anonyme Anrufe. Einmal hebt er ab. Ein der Stimme nach älterer Mann habe gefragt: "Ist Sarah da?". Der Verwandte entscheidet sich, nur noch mit Pfefferspray vor die Tür zu gehen. Für diesen Text will er anonym bleiben.

Freunde von Rambatz schicken ihr Bilder, die sie auf rechten Seiten gefunden haben: Sie zeigen ihre Haustür. Ihre Mitbewohnerin findet einen Drohbrief in schlechter Orthografie: "SperrmüllFotze Wir wissen wo Du wohnst" haben Unbekannte mit einem schwarzen Filzstift auf einen Lottoschein geschrieben.

Rambatz' Mitbewohnerin löst die gemeinsame WG auf. Der Druck sei ihr zu groß. Die Frau will sich auf Anfrage nicht äußern.

Drohbotschaft für Sarah Rambatz
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Drohbotschaft für Sarah Rambatz

Jedes Mal, wenn jemand bei ihr klingelt, bekommt Rambatz Angst. Sie entscheidet sich, auszuziehen. "Manchmal habe ich nicht aufgemacht", sagt sie. Es dauert Wochen, bis sie nach einem Läuten nicht mehr zusammenzuckt.

Rambatz muss lachen, als sie das erzählt. Als könnte sie selbst nicht glauben, dass das alles wirklich passiert ist. Bei einem weiteren Treffen hat sie wieder ihren Laptop dabei, jedes Mal bringt sie ihn mit. Sie hat Screenshots von Hassbotschaften gespeichert, um sie der Polizei zu geben. Ein Team der Linksjugend half beim Sammeln. "Ich konnte irgendwann nicht mehr", sagt sie.

Manchmal fliegen ihre Finger minutenlang über den Bildschirm, wenn sie nicht gleich das richtige Bild findet. Sie pustet dann die Luft aus ihrer Lunge, als hätte sie an einer Zigarette gezogen. "Ich muss mir bewusst machen, dass das gar nicht so heavy ist, dass es wieder vorbeigehen wird", sagt sie.

Doch während der Tage im September erlebte sie nicht nur Hass. Auf der anderen Seite, der linksradikalen, schlägt ihr "Euphorie" entgegen, wie sie das nennt. Bei einer Demo gegen Rechte sagt ihr ein Unbekannter: "Du bist eine Legende." Bei einem Vortrag spricht sie ein Student ehrfürchtig an: "Sind, sind, sind... Sie Sarah Rambatz?", wie sie erzählt.

Antifa-Gruppen bieten ihr an, vor ihrem Haus Wache zu schieben und gehen in der Hamburger Uni mit ihr essen, damit sie nicht allein ist. Sie wird zu Kneipenabenden in die Rote Flora eingeladen, das Zentrum der Hamburger Autonomen.

Zwei Extreme treffen bei dem Fall Rambatz aufeinander: hasserfüllte Menschen, die drohen, einschüchtern, und das Digitale dafür auch verlassen. Auf der anderen Seite steht eine seltsame Untergruppe der Linksradikalen: "Antideutsche". Sie fordern eine "bedingungslose Israel-Solidarität", wie es der Hamburger Verfassungsschutz bezeichnet.

Die Beamten beobachten diese Gruppe, doch außer Demonstrationen sind den Verfassungsschützern keine Aktivitäten bekannt. Antideutsche unterstellten "allen Deutschen Antisemitismus und den Wunsch nach Großmachtstreben", schreibt der niedersächsische Verfassungsschutz.

Sarah Rambatz will sich nicht als "antideutsch" bezeichnen. Sie nennt sich lieber "israelsolidarisch". Das kann vieles heißen. Sie meint damit: "Die Shoah bedingt, dass jüdische Menschen sicheren Lebensraum in Israel brauchen." Dennoch sei eine Zweistaatenlösung denkbar. Rambatz ist seit dem Shitstorm vorsichtig geworden, wenn man sie nach ihrer politischen Position fragt.

Doch dass sie mit der Szene sympathisiert, ist offenkundig. Ihre Politisierung begann im Alter von 16 Jahren, in einer veganen "Volksküche" in Elmshorn. Dort traf sich eine "antideutsche antifaschistische Gruppe", wie Rambatz es nennt. Sie war anfangs irritiert von einer Frau, die ein Shirt mit der Aufschrift "Deutschland, du mieses Stück Scheiße" trug.

Doch die Solidarität mit Israel beeindruckte sie. Rambatz hatte einen Freund jüdischen Glaubens, auch enge Familienmitglieder von ihr sind Juden. "Ich habe erkannt, dass das, was als Israelkritik verstanden wird, Anknüpfungspunkt für Antisemitismus sein kann", sagt sie.

Rambatz veröffentlichte ihren Beitrag in der Facebook-Gruppe "Deutsch mich nicht voll", ein Treffpunkt von "Antideutschen". Sie sagt, dass in dieser Gruppe jedem klar sei, dass sie in ihrem Beitrag mit dem Wort "Deutsche" Nazis meinte. Eine Erklärung, die nicht jedem einleuchten dürfte. Und die zeigt, dass die Formel "Deutsche = Nazis", die Antideutschen vorgeworfen wird, auch ihr nicht fremd ist.

In der Partei war die Kritik an ihrer Äußerung groß: Dem NDR sagte der Hamburger Spitzenkandidat Fabio de Masi, er bekomme das "kalte Kotzen". Gegen Rambatz lief ein Ausschlussverfahren, das eingestellt wurde, weil die Antragsteller nicht zu dem Termin erschienen waren.

Rambatz verdient ihr Geld jetzt mit Vorträgen über Antisemitismus und den Umgang mit Hass im Netz. Sie will trotz des Fehltritts aber auch weiter Politik in der Linken machen, ist immer noch als Bundessprecherin der Linksjugend tätig. "Ich lasse mich von der rechten Hetze nicht unterkriegen", sagt sie.

Doch trotzdem bekam ihre Karriere einen Dämpfer. Vor ihrem Beitrag war Rambatz Bundestagskandidatin, sie rechnete sich auch Chancen für eine Stelle als Mitarbeiterin einer Abgeordneten in der Bürgerschaft aus. Doch den Job bekam sie nicht.

Auch ihr Umfeld hat sich verändert. Enge Freunde, wie ihre Mitbewohnerin, hätten sich zurückgezogen. Und: "Meine Beziehung ist geendet durch diesen Shitstorm", sagt Rambatz. Der Linken-Sprecher, der sie damals zum Rücktritt gedrängt habe, hat ihr zufolge auch bei ihrem damaligen Freund angerufen. Auch er habe ihr daraufhin zu einem Rücktritt geraten - sie habe ihm nicht mehr vertrauen können. Eine Anfrage des SPIEGEL lässt ihr Ex-Freund unbeantwortet.

Rambatz findet Hilfe bei einer Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt in Hamburg. Dort spricht sie anfangs jede Woche über ihre Angst. Darüber, dass sie traurig sei und über die Reaktionen von Menschen, von denen sie dachte, dass sie ihr nahestehen.

Sie weiß jetzt, was passiert, wenn man im Netz einen Fehler macht. Sieben Mal ist sie wegen Volksverhetzung angezeigt worden; die Verfahren wurden eingestellt. Doch auch ohne eine Verurteilung war die Strafe erbarmungslos.

Doch was ist mit den anderen? Mit jenen, die ihre Familie bedrohten? Die ihr das Bild einer erhängten Frau schickten, mit den Worten: "Folge deinen Genossen"?

Mehr als 30 Anzeigen wegen Beleidigung bearbeitet die Hamburger Polizei, in einem Fall könnte auch der Tatbestand der Nötigung erfüllt sein. Selbst Monate später gibt es noch keine Verurteilungen. Das liegt auch daran, dass viele der Verdächtigen anonym agierten. Sie können sich verstecken. Sarah Rambatz kann das nicht.



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