Sarrazin-Debatte Empörend, verletzend, ausgrenzend

Thilo Sarrazin hat ein apokalyptisches Buch über Integration in Deutschland geschrieben - und damit das Land gespalten. Anna Reimann hat für SPIEGEL ONLINE die Debatte verfolgt.

Autor Sarrazin: Kalte, abstoßende Sprache
dpa

Autor Sarrazin: Kalte, abstoßende Sprache


Die "Bild" bejubelt Sarrazin als "wichtigen Schreiber", die SPD will ihn aus der Partei ausschließen - Thilo Sarrazin hat im Spätsommer sein Buch "Deutschland schafft sich ab" vorgestellt. Da tobt die Debatte bereits seit Wochen.

In diesen Tagen interviewe ich viele Menschen, die aus der Türkei, aus arabischen Ländern nach Berlin gekommen sind: eine Gastarbeiterfamilie, einen türkischstämmigen Sozialarbeiter in Berlin-Neukölln. Sie sind die lebende Anti-These zu Sarrazins Buch. Leute, die sich für Deutschland einsetzen, die voll in die Gesellschaft integriert sind.

Ich hatte erwartet, dass sie tief getroffen sein würden von den Thesen des damaligen Noch-Bundesbankers. In den Zeitungen stehen jetzt häufig Geschichten über Migranten in Deutschland, die sich empören, die wütend sind.

Aber die, mit denen ich rede, sind erstaunlich gelassen. Sie nehmen Sarrazin - ganz anders als so viele deutsche Politiker und Kommentatoren - als das, was er ist: Ein einzelner Mann, der mit abstoßend kalter Sprache Statistiken aneinanderreiht, teils bekanntes Richtiges, teils Falsches in Buchform veröffentlicht, zusammengemengt mit biologistischem Unsinn.

Aber diese Gelassenheit ändert sich, als klar wird, wie viele Menschen in Deutschland Sarrazin offenbar mobilisieren kann, wie panisch und unsouverän die Politik auf ihn reagiert. CSU-Chef Seehofer wettert gegen zusätzliche Einwanderung aus "fremden Kulturkreisen", die Kanzlerin gegen "Multikulti". Und Innenminister de Maizière erfindet den Begriff der "Integrationsverweigerer".

Erst diese Hysterie, diese Überhöhung von Sarrazin, glaube ich, verletzt viele Migranten in Deutschland wirklich. "Ich habe mich eigentlich hier immer zu Hause gefühlt. Mein Migrantsein habe ich erst in den letzten Wochen entdeckt", solche Sätze höre ich in dieser Zeit besonders oft. Wie konnte es passieren, dass plötzlich ein Mann, der bis dahin nicht dafür bekannt war, sich mit Integration in Deutschland befasst zu haben, die Deutungshoheit über Zuwanderer bekam?, fragen sie mich ratlos. Wie konnte das passieren?

Es konnte passieren, weil die Politik das Thema vernachlässigt hat - trotz der Gipfel der vergangenen Jahre. Echte Verantwortung für die Integration von Migranten hat keine Partei übernommen. Entweder wurden Probleme totgeschwiegen oder - wie etwa von dem ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch - benutzt, um daraus parteipolitisches Kapital zu schlagen.

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