Saudisches Urteil gegen Journalistin Wer über Sex spricht, bekommt die Peitsche

Weil ein junger Mann im Fernsehen über Sex plauderte, wurde sein Leben, das seiner Freunde und das der Mitarbeiter des TV-Senders zur Hölle: Saudische Richter verurteilten sie zu drakonischen Strafen. Außer den Protagonisten des Films soll nun auch eine 22-jährige Journalistin ausgepeitscht werden.

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AP

Der junge, etwas füllige Mann sitzt auf seinem Doppelbett und grinst in die Kamera. Er schneidet auf, prahlt mit seinen vielen Affären und führt das Filmteam bereitwillig durch seine Wohnung in der saudischen Stadt Dschidda. Mazen Abdul Dschawad zeigt, womit er die Frauen rumkriegt, mit ätherischen Ölen, Herzkerzenständern und mit seinem Charme.

Das Schlafzimmer ist in Schummerlicht getaucht, an einer Wand hängt eine US-Flagge, auf die pralle Hintern von Bikinimädchen gedruckt sind. Stolz hält Dschawad seine kleine Kondomsammlung hoch und erklärt, das erste Mal habe er es mit 14 gemacht. "Alles, was ich für den Sex brauche, habe ich hier in diesem Zimmer."

Es ist die klassische Homestory, wie sie jeder Musikfernsehsender auf der ganzen Welt zeigt, schnell geschnitten und mit Musik unterlegt. Am Ende fährt Dschawad mit seinem Sportwagen zu einer Disco, winkt zum Abschied und schlägt die Tür zu.

Läppische Fernsehsendung, drakonische Sanktionen

Eine Sendung, die eigentlich nicht der Rede wert wäre - säßen Dschawad und eine Reihe weiterer Menschen nicht wegen dieser Reportage im Gefängnis und erwarteten ihre Auspeitschung. In Saudi-Arabien hat der kurze Film eine Kette von dramatischen Ereignissen in Gang gesetzt; so, wie es nur in einem Land möglich ist, welches die in Abu Dhabi erscheinende Zeitung "The National" als "eines der konservativsten Länder der Welt" bezeichnet.

Dschawad drohen derzeit 1000 Peitschenhiebe, der 32-Jährige soll für fünf Jahre ins Gefängnis und darf anschließend das Land für fünf weitere Jahre nicht verlassen - zunächst war in arabischen Medien sogar von der Todesstrafe für den geschiedenen, vierfachen Vater die Rede.

Mit in den Skandal geraten sind außerdem Dschawads Freunde, die auch in der Aufzeichnung zu sehen waren. Sie sollen mit zwei Jahren Gefängnis und 300 Peitschenhieben für ihre Nebenrollen in Dschawads TV-Auftritt büßen. Die saudischen Büros des libanesischen Senders LBC, der die Reportage in der Reihe "A Thick Red Line" zeigte, wurden von saudischen Behörden geschlossen, ein beteiligter Kameramann wurde ebenfalls verurteilt, berichtete die Nachrichtenagentur AFP Anfang Oktober.

Don't talk about Sex

Am Samstag verurteilte ein Gericht auch noch die 22-jährige Journalistin Rosanna al-Yami zu 60 Peitschenhieben und verhängte gegen sie ein zweijähriges Ausreiseverbot. Die junge Frau hatte Protagonisten für die Sendung "A Thick Red Line" gecastet, das Format dreht sich passenderweise um Tabus in der saudischen Gesellschaft. Yami bestritt aber, an der Folge über Dschawad mitgearbeitet zu haben. Der Nachrichtenagentur AP sagte Yami, der Richter habe die Anklage gegen sie zunächst fallengelassen, ihr aber dann die Auspeitschung "als Abschreckung" auferlegt.

Das erzkonservative Königreich Saudi-Arabien ist für drakonische Urteile und brutalste Strafen bekannt. Obwohl das Herrscherhaus einer der engsten Verbündeten der USA in der Golfregion und dem westlichen Luxus sehr zugeneigt ist, sind die Moralvorstellungen der Gesellschaft streng an einer puritanischen Auslegung des sunnitischen Islams ausgerichtet. Das saudische Strafrecht orientiert sich an der Scharia und wird in dem Königreich so scharf und unbarmherzig interpretiert und angewandt wie in kaum einem anderen Land der Welt.

Dieben wird die Hand amputiert, Auspeitschungen und Stockschläge sind laut dem aktuellen Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International zu Saudi-Arabien für eine Reihe von Vergehen vorgeschrieben. Wie im Fall des "Dschidda-Casanovas" Dschawad und der Journalistin Yami genügt es oft schon, dass sich jemand "unmoralisch verhält" - und die Richter belegen die Sünder mit brutalen Prügelstrafen.

Die Todesstrafe trifft Ausländer, Arme und Frauen

60 Hiebe mit der Peitsche und ein halbes Jahr Gefängnis bekam etwa eine junge Frau, die ohne Erlaubnis von zu Hause fortblieb. Ein Professor, der sich mit einer Studentin in einem Café traf, wurde daraufhin von Mitarbeitern der "Behörde für die Förderung der Tugend und die Verhinderung des Lasters", der saudischen Religionspolizei, verhaftet und zu acht Monaten Gefängnis und 180 Peitschenschlägen verurteilt. In einem Fall, in dem das Opfer einer Vergewaltigung zu 90 Hieben verurteilt worden war, begnadigte der König die junge Frau nach wütenden internationalen Protesten.

Die Todesstrafe wurde in Saudi-Arabien laut Amnesty International allein 2008 über hundertmal vollstreckt, zumeist an Einwanderern aus Afrika und Asien, Armen und Frauen. Gängig ist die öffentliche Enthauptung mit dem Schwert, auch Minderjährige werden laut dem Bericht von Amnesty International auf diese Weise hingerichtet.

Ähnlich rigide legen außerhalb Saudi-Arabiens vor allem die Revolutionswächter in Iran, die Taliban in Teilen Pakistans und Afghanistans und süd-ostasiatische Länder, die unter dem Einfluss radikaler Islamisten stehen, das islamische Recht aus. In der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur etwa musste eine junge Frau sechs Stockhiebe über sich ergehen lassen und eine Geldstrafe von knapp 1000 Euro zahlen. Ihr Vergehen: Sie hatte Bier getrunken.

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Seite 1
kleiner-moritz 25.10.2009
1. Dem Berliner Senat scheints nicht zu stören
Zitat von sysopWeil ein junger Mann im Fernsehen über Sex plauderte, brach über ihm, seinen Freunden und Mitarbeitern des TV-Senders die Hölle los: Saudische Richter verurteilten sie zu drakonischen Strafen. Außer den Protagonisten des Films soll nun auch eine 22-jährige Journalistin ausgepeitscht werden. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,657248,00.html
Was soll denn daran so schlimm sein, immerhin will der Rot-Rot-Senat in Berlin den Saudis den Betrieb einer Koran- bzw. Islamschule genehmigen. Ich nehme an, dass man in dieser Einrichtung nichts anderes lehren will. Da muss man schlussfolgern, dass der Senat entweder blind und taub sein muss, oder mit diesem System sympathisiert.
mischamai 25.10.2009
2. Prüde Haltung
Schade dass es sich bei der prüden Haltung nur um die Worte zur Sexualität handelt.Würden diese Menschen auch die Praxis so behandeln,so wären die Probleme bald ausgestorben.
california2000, 25.10.2009
3. Al-Quida ist auch saudisch
Doppelt falsch. 1. Es ist nicht der Islam, sondern es sind die politischen Extremisten die den Islam für sich entsprechend auslegen. und 2. Das Saudische Recht ist nicht dem Koran sondern der Sunna verpflichtet. Das sind zwei grundverschiedene Dinge. Und weil wir von Extremisten sprechen, man sollte sich mal die puritanischen Extremisten in den USA ansehen. Kein bisschen besser. Wenn diese das politische Sagen hätten, dann würden auch in den USA für diese Vergehen vergleichbare Strafen angewandt werden. Und, warum ist der Westen nochmal in Afganistan einmarschiert? Um Freiheit und Demokratie zu bringen? Freiheit für die Frauen? Ach ja, und um den Saudi Bin Laden zu fangen. Al-Quaida ist saudisch.
gunman, 25.10.2009
4. Nur Politik
Zitat von kleiner-moritzWas soll denn daran so schlimm sein, immerhin will der Rot-Rot-Senat in Berlin den Saudis den Betrieb einer Koran- bzw. Islamschule genehmigen. Ich nehme an, dass man in dieser Einrichtung nichts anderes lehren will. Da muss man schlussfolgern, dass der Senat entweder blind und taub sein muss, oder mit diesem System sympathisiert.
Nein, die sind nicht blind oder taub. Das ist nur Politik. Halten Sie sich da besser raus. Menschen wie Sie und ich verstehen das eh nicht.
Steffmann40 25.10.2009
5. Gegen den Strich
Ich gebe zu: Auch ich bin auf den Anti-Islam-Dampfer mit wohligwoller Genugtuung aufgesprungen. Intoleranz, so meine Vermutung, ist der Ursprung allen Übels und weil mir dieser Gedanke schon mit der Muttermilch eingeflösst wurde, tat ich mich schwer, das Wesentliche hinter dieser ganzen Islam-Debatte auf allen möglichen Foren, in allen mögliche Medien, zu sehen. Allerdings, wo Anziehung, da ist die Abstossung nicht weit. Das ist simple Physik. Wie weit ist unsere, denn so angeblich aufgeklärte und selbstbewusste, säkulare Gesellschaft noch davon entfernt, ein neues Feindbild zu schaffen ? Eines, das sogar einen neuen Weltkrieg rechtferigt ? Wenn wir denn so aufgeklärt sind und das Recht auf unserer Seite wissen, warum lassen wir dann nicht Gelassenheit walten ? Eigentlich wissen wir doch, das die meisten "shows" (Fahnenverbrennungen, deutsche Flaggen mit Hakenkreuz, Ketten vermumter Musliminnen) gefakt oder organisiert sind. Jeder von uns hat muslimische Freunde oder Kollegen, die uns bestätigen, dass sie Extremismus oder relegiösen Fanatismus nicht befürworten. Warum glauben und vertrauen wir ihnen einfach nicht mal und beenden diesen leidigen Medien-Krieg gegen den Islam ? Nichts anderes ist es nämlich. Und ganz nebenbei entziehen wir den Strippenziehern auch noch das Wort, das wäre doch ein Ding oder ?
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