Ende einer Ehe Diese Scheidung war ein Fest

Hochzeiten sind ein Grund zum Feiern, Geburtstage oder Valentinstage auch. Aber Trennungen? Die erst recht, meint eine Hamburgerin und organisiert Scheidungspartys. Besuch bei einem Fest, bei dem nicht der Frust, sondern die Lust im Mittelpunkt steht.

Michael Zeisset

Von Katrin Schmiedekampf


Der Ring liegt bereit, eine lange Tafel ist gedeckt, Torte darauf, und ein Zeremonienmeister will gleich eine Ansprache halten. Agnes Vollmer, die heute Abend auf dem historischen Segelschiff "Rickmer Rickmers" in Hamburg feiert, muss nur noch geschminkt werden. Eine Visagistin verteilt ein wenig Puder auf ihrem Gesicht, pinselt grünen Lidschatten auf die Augenlider und zieht ihre Lippen mit einem dezenten Stift nach. Fertig. Die Party kann beginnen.

Monatelang hat Agnes Vollmer dem Fest entgegengefiebert. Für sie ist dieser Abend Abschluss und Neubeginn zugleich. Die 49-Jährige feiert nicht etwa ihre Hochzeit - sondern das Gegenteil: Sie hat insgesamt 15 Freunde zu ihrer Scheidungsparty eingeladen. Das Ende der Ehe will sie feiern. Mit Make-up, Fotograf, Scheidungszeremonie, sogar das Zerschneiden des Brautkleides steht auf dem Programm.

Der Trend, seine Trennung zu feiern, kommt - wie könnte es anders sein - aus den USA. Die Hamburgerin Sabine Stratenschulte hat ihn aufgegriffen: Seit ein paar Monaten organisiert sie gemeinsam mit einem Team Scheidungspartys.

Einen Markt gibt es allemal - allein im Jahr 2012 wurden in Deutschland 179.000 Ehen geschieden. Bundesweit hielt eine Ehe, die 2012 geschieden wurde, im Schnitt 14,6 Jahre. "Wenn etwas zu Ende geht, beginnt auch immer etwas Neues. Das sollte man feiern", findet Stratenschulte, die ähnlich arbeitet wie eine Hochzeitsplanerin. Sie verschickt Einladungskarten, sucht einen passenden Raum, schmückt den Tisch, bestellt das Buffet.

Die Wut auf den Ex steht dem Neuanfang entgegen

Von hasserfüllten Aktionen - Fotos des Ex-Partners auf eine Dartscheibe pinnen und dann Pfeile werfen - hält Stratenschulte nichts. "Wenn jemand mit der Trennung nicht durch ist, sollte er lieber noch eine Weile warten, bis er feiert", findet sie. Ihr ist es wichtig, dass sich jemand auf den Neuanfang freut, anstatt wütend auf seinen Ex zu sein.

Agnes Vollmers Scheidung liegt inzwischen drei Jahre zurück. 17 Jahre war sie verheiratet. Zur Trennung sei es gekommen, weil beide gemerkt hatten, dass sie auf "unterschiedlichen Zügen unterwegs waren", wie Vollmer sagt. "Ich bin relativ unsanft in der Realität angekommen und musste mich erst mal sammeln." Neben einem privaten wagte sie auch einen beruflichen Neustart, machte eine Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie. Sie sei heute weder wehmütig noch spüre sie Groll auf ihren Ex-Mann, der an diesem Abend natürlich nicht eingeladen ist. Ihr Ex-Mann weiß auch nichts von diesem Fest. "Für mich ist das ein Ritual, um mit dieser Zeit abzuschließen und diesen Abschnitt meines Lebens wertzuschätzen", sagt sie. Sie habe angefangen, sich auf ihr neues Leben zu freuen.

Um 19 Uhr eröffnet der Zeremonienmeister Sven Rösner, 31, das Fest mit einer Rede. "Agnes hat ihre Freiheit zurück und einen neuen Freund. Das will sie mit euch feiern", sagt er. Als Erstes sollen die Zeichen der vergangenen Ehe vernichtet werden. "Zunächst wollen wir uns dem Ehering widmen", sagt Rösner und gibt Agnes Vollmer einen silbernen Fleischerhammer in die Hand. Als beim zweiten Schlag nicht der Ring, sondern der Porzellanteller darunter laut scheppernd zerbricht, sagt der Zeremonienmeister: "Ich würde vorschlagen, den Ring in der Elbe zu versenken."

"Tschüs, altes Leben"

Agnes Vollmer, dunkle Haare, schwarzes Kleid, wirft den Ring über die Reling und ruft: "Auf die Zukunft." Danach sieht sie sehr erleichtert aus. Dabei war es nicht einmal ihr echter Ehering, den sie ins Wasser geworfen hat, nur ein Symbolring. Die Gäste jubeln und heben die Gläser. Dann nehmen sie Vollmer nacheinander in die Arme und wünschen ihr einen "tollen Neustart".

"Auf zum Letzten, was noch bleibt", sagt der Zeremonienmeister, der hauptberuflich in der Verwaltung arbeitet, und läuft die Treppen hinunter zurück in den Bauch des Schiffes. Dort wartet Organisatorin Stratenschulte mit dem Hochzeitskleid. "Tschüs, altes Leben", schreibt Agnes Vollmer mit einem schwarzen Edding auf das Kleid. Dann beginnt sie gemeinsam mit drei Freundinnen, den Stoff zu zerschneiden.

Thomas Hänel, 50, seit vier Monaten der neue Mann an der Seite von Agnes Vollmer, musste zunächst schlucken, als seine Freundin ihm eröffnete, sie wolle eine Scheidungsparty feiern. "Dann fand ich es aber toll", versichert er. Man brauche schließlich einen Abschluss, um diese Lebensphase zu beenden. Genau aus diesem Grund hat Vollmer sich für das Fest auf dem Schiff entschieden. "Wenn man heiratet, wird das mit vielen Ritualen begangen", sagt Vollmer. "Warum sollte man nicht auch nach der Beendigung dieses Lebensabschnittes ein Fest feiern, um Abschied zu nehmen und loszulassen?" Das tue der Seele gut. Außerdem möchte sie sich bei all ihren Freunden bedanken, die sie in der schwierigen Trennungszeit unterstützt haben.

Dass Außenstehende, unter ihnen einige Arbeitskollegen, die Scheidungsparty "geschmacklos" finden, kann die 49-Jährige nicht verstehen. Für sie sei das Fest ein Weg, die Vergangenheit zum Abschluss zu bringen. Dann geht sie zum Buffet und schneidet die Scheidungstorte an, auf der mit Zuckerguss geschrieben steht: "Agnes - glücklich geschieden". Und feiert gemeinsam mit ihren Freunden bis weit nach Mitternacht den Beginn ihres neuen Lebens.

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