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Schicksal einer Fettleibigen "Mein Kopf schrie stopp, aber ich konnte nicht aufhören"

Übergewichtige Sandra: "Hau ab, du fette Sau!"
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2. Teil: Die erste Diät

Doch noch war Sandra jung. Sie wollte Freunde haben, schön sein, schicke Klamotten tragen. Sie machte eine Diät. Die erste von vielen und alle aus den Frauenzeitschriften, die ihre Mutter las. Und tatsächlich: Endlich purzelten die Pfunde. 90, 80, 70 Kilo. Immer noch zu viel, aber für Sandra ein Traumgewicht. Nun schien alles zu klappen: Der Schulabschluss, die Lehre als Masseurin. Zum ersten Mal hatte sie Freunde - und einen Freund. Als sie 20 wurde, zogen sie zusammen.

Sie hätte jetzt glücklich sein können. Doch kann jemand froh sein, der immer nur an den Zeiger an der Waage denkt und gleichzeitig wie ein Junkie nach Essen lechzt?

Als es Streit gab, tat Sandra das, was sie gelernt hatte: nicht reden, essen. Die Nadel an der Waage schlug wieder weiter aus. Sandra kämpfte mit Diäten. Nahm ab, legte wieder zu. Nahm wieder ab, legte noch mehr zu. Ihr Körper spielte Jo-Jo, verbrannte kein Fett, sondern wichtige Eiweiße aus den Muskeln. Und hortete nach jeder Hungerkur noch mehr Vorräte für schlechte Tage. Bei 90 Kilo das Desaster: Der Freund schlug sie. Sandra lag am Boden. Gab auf - endgültig.

"Mir war alles egal"

Als Sandra 20 Jahre später in die Klinik kam, war sie froh, dass sie das gerade noch alleine schaffte, und die Feuerwehr nicht mit einem Schwertransporter anrücken musste. "Zwei Jahre später hätten die mich mit einem Kran aus dem Fenster hieven müssen." Sandra hatte Angst. "Ich musste meine Burg mit Graben, Zugbrücke und allem drum und dran verlassen. Eigentlich wollte ich da nie mehr raus."

Altbau, Zwei-Zimmer, Küche, Bad. Da igelte sie sich in diesen 20 Jahren ein. Hier fühlte sie sich sicher, nur hier. Einige Jahre schleppte sie sich noch zur Arbeit - schob Schicht in einer Notrufzentrale. "Die Fresstüte stand immer neben dem Telefon." Nach der Arbeit schottete sie sich ab. Freunde wollte sie nicht mehr treffen: "Meine Oberschenkel hatten einen Umfang von knapp zwei Metern. Jeder Bistrostuhl wäre zersplittert." Bummeln, Tanzen, Urlaub? "Undenkbar. Ich brauchte drei Plätze." Sandra ließ alles so laufen. Keine Wünsche, keine Ziele. "Mir war alles egal. Ich war die Welt und die Welt war ich."

Noch verdiente sie wenigstens Geld. Von 1500 Mark blieben 800 fürs Essen. Zu wenig. Die Bank gab ihr einen Konsumentenkredit. 5000 Mark. Und sie konsumierte: Döner, Hamburger und literweise Cola.

"Sie sollte man wegsperren"

Mit jedem Kilo, das ihre Knochen zusätzlich schleppen mussten, wurde das Leben lahmer, das Gehirn träger. Irgendwann waren Sandras Knie kaputt. Der Blutdruck stieg auf 180/120. Sandra verbarrikadierte sich tagelang in ihrer Wohnung, döste mit hochrotem Kopf in ihrem Bett. Der Fernseher lief, doch sie hörte nicht hin. Sie schaffte es immer seltener zur Arbeit.

Nur in lichten Momenten entwischte sie manchmal dem ewig nagenden Hunger - für Stunden. Als ihre Hormone verrücktspielten, schleppte sie sich zur Frauenärztin. Aber Sandra war zu füllig für den Untersuchungsstuhl, zu schwer für die Liege. Die Ärztin schaute geschockt auf den aufgedunsenen Körper und wusste nicht, wie sie diese Massen abtasten oder schallen sollte. Sie herrschte Sandra an: "Ihnen sollte man den Mund zunähen. Sie sollte man wegsperren."

Alle ekelten sich, und jeder Versuch, zurück ins Leben zu finden, war zum Scheitern verurteilt. Die Jugendlichen spotteten: "Da läuft ein Ochse." Die Arbeitgeber, die Bewerbungen ohne Lichtbild bekamen, haspelten beim Vorstellungsgespräch erschrocken: "Sorry, alle Stellen schon vergeben."

Sandra im Glück

Nach jeder Niederlage holte sich Sandra ihr Glück - beim Discounter. Am Ende musste sie 800 Meter gehen, weil sie nicht mehr in den Bus kam. Für die Treppe hoch in ihre Wohnung im dritten Stock brauchte sie 60 Minuten und war anschließend so fertig, als wäre es ein Marathon gewesen.

Süß, sauer, salzig. "Das knallte am schnellsten." Sandra hasste die Essorgien. "Aber ich wusste keinen Ausweg, war nie stark genug." Dass sie süchtig war, erfuhr sie erst im Krankenhaus. Die Ärzte verordneten eine 500-Kalorien-Diät. Sandra reagierte wie ein Drogenabhängiger auf Entzug - zitterte, schwitzte, jammerte. Mit 200 Kilo kam sie in die Reha. Dort lernte sie, wie wichtig ein geregelter Tagesablauf war, machte Sport, sprach erstmals über Probleme. Nach fünf Monaten wurde sie mit 175 Kilo entlassen.

Doch der Feind saß im Kopf, und das Essen lockte überall. Sandra blieb fünf Monate lang stark, schaffte es sogar runter auf 120 Kilo. Doch dann sprach sie ein Mann an. Sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte, wurde nervös, geriet wieder völlig aus der Bahn - und erlag den süßen Versuchungen. Es dauerte nicht lange, und die Gier hatte sie wieder fest im Griff. Mit 180 Kilo stand Sandra schließlich verzweifelt vor ihrer Hausärztin. Die empfahl eine Magenverkleinerung.

"Ich bin glücklich"

Ins Hamburger Krankenhaus "Alten Eichen" kommen Patienten, die schon alles versucht haben, um endlich abzunehmen. Die meisten kämpfen mit typischen Erkrankungen: Die Gelenke sind zerschlissen, der Blutzuckerspiegel ist viel zu hoch, Herz- und Kreislauf spielen verrückt.

Sandra rang lange mit sich. Aber schließlich lag sie doch auf dem OP-Tisch. Das Ärzteteam pumpte ihren Bauch voll mit Kohlendioxid. Der wurde prall wie ein Ballon. So kam der Chirurg besser durch die Fettschichten. Mit einem Stromskalpell löste er dreiviertel des Magens ab, nur ein kleiner Teil, etwa so groß wie ein Fruchtzwerg, blieb zurück. Normalerweise passen in einen Magen 600 Milliliter. Sandras fasste weit mehr als doppelt so viel.

Zwei Jahre ist das jetzt her. Sandra sagt: "Ich bin glücklich." 120 Kilo wiegt sie jetzt und will runter auf 80 Kilo. Sie hat Wünsche: "Einen Beruf, in dem ich mit anderen Menschen zusammenarbeite." Sie hat ein Hobby: "Im Schrebergarten pflanze ich Tomaten, Salat und Blumen an." Sie hat Freunde: "Neulich bin ich sogar zu einem Geburtstag nach Stuttgart gefahren."

Hat sie ihre Sucht überwunden?

Sandra weiß, dass sie ewig kämpfen muss: "Man hat schließlich nur meinen Magen und nicht den Kopf operiert." Und der sagt ihr jetzt manchmal, was nicht viel besser ist, als zu viel zu essen: Iss einfach gar nichts mehr.

* Name von der Redaktion geändert

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