Schicksal einer Fettleibigen "Mein Kopf schrie stopp, aber ich konnte nicht aufhören"

Warum werden manche Menschen richtig dick? Sandra Weber wog über 220 Kilo - mehr als vier Säcke Zement. Sie schämte sich, wollte abnehmen, doch sie aß immer weiter. Bis sie fast erstickt wäre.

Von Silvia Dahlkamp


Die Kekse waren Schuld. Die Mutter hatte sie mal wieder versteckt, damit ihre pummelige Tochter nicht heimlich naschte. Hätte Mama sie ihr nur gegeben, dann wäre Sandra Weber* vielleicht nie mit dem Mann mitgegangen, der ihr Kekse versprach. Auf dem Spielplatz schrien ihr die anderen Kinder nach: "Hau ab, du fette Sau." Der Mann aber war nett. Sie ging mit in seine Wohnung. Sie wusste, es war falsch. Doch sie wollte Trost. Sie wollte Kekse. Er wollte etwas ganz anderes.

Vier, vielleicht fünf Jahre war sie damals alt. Jedes Mal, wenn der Mann fragte "Willst du einen Keks?", folgte Sandra ihm, so wie ein Hündchen einem Knochen folgt. Er erpresste sie: "Wenn du mich verrätst, erzähle ich deiner Mama, dass du Süßes frisst." Das riskierte Sandra nicht. Schließlich war er ein Bekannter ihrer Eltern. Also stopfte sie sich den Mund voll - mit Gummibärchen, Lakritzschnecken und weißen Zuckermäusen. Viele Jahre lang.

Damals entwickelte sie sich wohl, die Essstörung. Sandra naschte nicht länger, sondern schlang. Schluckte einfach alle Probleme, Ängste und den Ekel runter. 30 Jahre lang aß sie, wenn jemand gemein zu ihr war oder etwas nicht klappte. Am Ende reichte schon eine Kleinigkeit, und sie flippte aus.

Süße Cola, heiße Currywürste, klebrige Nougatrollen

Sie schimpfte nicht. Sie schrie nicht. Sie erstickte alles, was sie quälte: mit süßer Cola, heißen Currywürsten, klebrigen Nougatrollen, riesigen Eispaketen, fettigen Käsehäppchen, salzigen Drops, billigem Tomatenfisch, dick geschmierten Wurstbroten - alles durcheinander. Mit Appetit oder Hunger hatte das nichts mehr zu tun.

"Mein Kopf schrie stopp, doch ich konnte nicht aufhören. Essen war wie eine Droge", versucht Sandra zu erklären, was sie selbst nie verstehen konnte.

Amerikanische Verhaltensforscher haben herausgefunden, dass fettige XXL-Portionen, süße und salzige Sünden, das chemische Gleichgewicht im Gehirn aushebeln - wie Heroin und Kokain. Nach jeder "Ess-Attacke" stellt sich zunächst ein Wohlgefühl ein. Dann folgt die Sucht: Je mehr geschlemmt wird, desto mehr Futter braucht das Gehirn für den nächsten Glückstrip.

Sandras Körper zählte mit: Am 30. Geburtstag hatte die süße Gier sie fast aufgefressen. 220 Kilo bei einer Größe von 1,64 Metern. Da machten ihre Lungen nicht mehr mit. Konnten nicht mehr genug Sauerstoff in all das Fett pumpen, das wie aufgeblasene Rettungsringe an ihrem Bauch, den Oberschenkeln und am Busen hing. Röchelnd stand Sandra vor ihrem Hausarzt. Der sagte: "Für ihre Krankheit gibt es keine Medizin. In einem halben Jahr ist Schluss." Sandra starrte ihn an. Heute weiß sie: "Beinahe wäre ich im eigenen Fett erstickt."

37 Millionen Deutsche sind zu dick

Diagnose Adipositas: Mehr als 37 Millionen Deutsche kämpfen mit zu vielen Pfunden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht von einer Epidemie, die Internationale Adipositas-Fachgesellschaft IASO warnt: Bei 14 Prozent aller Männer und Frauen geht es nicht mehr um Speckröllchen. Sie sind krankhaft fettleibig. Mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 81.8 hatte Sandra so viel Fett auf den Rippen wie vier normale Menschen zusammen. Sie konnte ihre Zehen nicht mehr sehen und auch die Hände nicht vor dem Bauch zusammenfalten. Die Fleischschürzen hingen fast auf ihren Knien.

Es gibt viele Gründe, warum ein Mensch dick wird: Die falsche Ernährung, zu wenig Bewegung, manchmal liegt es an den Genen, eine Veranlagung. Aber meist verbirgt sich hinter den Speckmassen ein Schicksal, das aus dem Esser einen Stopfer macht.

Als die Psychologen bei Sandra nachbohrten, hatte sie den Mann verdrängt, der sie missbraucht hatte. Tief in ihrem Hirn versteckt und einfach vergessen. Genauso wie acht Jahre ihrer Kindheit. Die Therapeuten konnten nur noch Bruchstücke ihrer Erinnerungen bergen. Am Ende entstand ein Puzzle mit vielen Löchern: Rückblicke in das Leben eines Außenseiters. Alle schönen Momente waren wie weggeätzt - bis heute.

Der Kinderarzt hätte warnen müssen

Mit zwölf Jahren war Sandra 1,50 Meter groß und wog 70 Kilo. Der Kinderarzt hätte die Eltern warnen müssen: Ihr Kind ist adipös, fettsüchtig. Doch er sagte nur: "Dicke Kinder haben viele Reserven." Obst und Gemüse wären gut gewesen. Mehr Sport, eine Gesprächs- und Ernährungstherapie. Doch niemand schaute in Sandras Seele, erkannte ihre Not. Zu Hause hatte die Mutter wenig Zeit. Sie putzte nachts und war am Tag müde.

Morgens ging das Mädchen allein zur Schule. Vor ihr hüpften und kicherten die anderen aus der Klasse. Sandra holte sich am Kiosk ein Negerkussbrötchen und dachte: "Ätsch!" Beim Sport hing sie wie ein Sack am Barren, alle lachten. Sandra schleckte Brause.

In der Pubertät bekam sie als erste einen Busen. Ein Riesending. Er wackelte und schwabbelte. Sandra schwitzte, stank. Zu der Zeit träumte sie sich schon manchmal weg: Nach Hause, wo ein Braten im Ofen schmorte. In die Eisdiele mit den größten Portionen. Sandra spürte diese Löcher in ihrem Leben. Sie füllte sie mit Essen in ihrem Bauch. "Das war mein Hobby, das machte Spaß und tötete die Langeweile."

575 Millionen für Werbung

Sandra war zu einer Zeit Kind, als das Schlaraffenland ein Märchen im Bilderbuch war und noch nicht in vier Gänge eines Supermarktes passte. Heute investieren die Süßwarenhersteller jedes Jahr 575 Millionen Euro in ihre Werbung. Die Kleinen können nur schwer widerstehen: Jeder dritte Jugendliche und jedes fünfte Kind ist übergewichtig, acht Prozent der 10- bis 14-Jährigen sind bereits fettsüchtig.

Was tun? Irgendwann glaubte Sandras Familie nicht mehr daran, dass sich das alles schon noch von alleine gibt. Die Mutter zählte jede Kartoffel. Der Bruder petzte: "Da frisst sie wieder." Die Großeltern fragten: "Hat sich das Kind denn gar nicht im Griff?" Mit 15 hatte Sandra das Nörgeln so satt. Sie flüchtete in ihr Zimmer. Den Kopf voll mit Trotz: "Nie soll jemand mehr sehen, wie viel ich esse." Sie futterte jetzt noch mehr heimlich - manchmal eine halbe Torte, die von Omas Geburtstag übriggeblieben war, in wenigen Minuten. Sie quoll auf und mit ihr der Magen.

Die Hamburger Adipositas-Chirurgin Dr. Beate Herbig sagt: "Er ist ein Muskel, der bei gutem Training stetig wächst."



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