Schleswig-Holstein Warum Flüchtlingshelfer ihre Ehrennadeln zurückgeben

Jens Iwersen hilft Flüchtlingen und wurde dafür vom Land Schleswig-Holstein ausgezeichnet. Jetzt haben er und etwa hundert Gleichgesinnte ihre Ehrennadeln zurückgegeben. Hier sagt er, warum.

Protest anlässlich der Rückgabe der Ehrennadeln in Kiel
Monika Bruhse

Protest anlässlich der Rückgabe der Ehrennadeln in Kiel

Ein Interview von


Es ist eine Geste mit Symbolkraft: Ungefähr hundert Flüchtlingshelfer aus Schleswig-Holstein haben ihre Ehrennadeln zurückgegeben. 2016 hatten sie die Auszeichnung vom damaligen Ministerpräsidenten Torsten Albig (SPD) bekommen. Sieben von ihnen trafen sich am Donnerstag stellvertretend für die Gruppe mit Schleswig-Holsteins Staatssekretär Torsten Geerdts (CDU), um über die Entscheidung und ihren Frust zu sprechen.

Dabei übergaben sie ihm auch zwei Petitionen: Die Flüchtlingshilfen Wankendorf und Preetz hatten insgesamt rund 1900 Unterschriften unter anderem für ein dauerhaftes Bleiberecht und gegen sogenannte Ankerzentren gesammelt.

Zu den Helfern, die ihre Ehrennadel zurückgegeben haben, gehört auch Jens Iwersen. Er engagiert sich seit 2014 gemeinsam mit seiner Frau in der Flüchtlingshilfe in Selent, etwa 25 Kilometer östlich von Kiel. Auch beruflich hat er mit der Thematik zu tun. Der 53-Jährige ist der Leiter des örtlichen Sozialamts.

SPIEGEL ONLINE: Herr Iwersen, warum haben Sie Ihre Ehrennadel zurückgegeben?

Jens Iwersen: Die Intention der Ehrung war die Anerkennung unseres ehrenamtlichen Engagements. Aber mittlerweile ist die Politik darauf ausgerichtet, möglichst schnell abzuschieben statt zu integrieren. Das können wir nicht mittragen, weil wir die Schicksale der einzelnen Menschen hautnah miterleben. Außerdem fühlen wir uns nicht richtig anerkannt. Ohne ehrenamtliche Arbeit wäre die Situation in Deutschland nämlich verheerend. Wir fangen so viele Sachen auf, die eine Behörde gar nicht leisten kann.

SPIEGEL ONLINE: Gab es einen konkreten Anlass für Ihre Entscheidung?

Iwersen: Das hat sich mit der Zeit entwickelt. Aber natürlich kamen Einzelschicksale dazu. Zum Beispiel wurde eine albanische Familie abgeschoben, die wunderbar integriert war. Sie arbeiteten, die Tochter machte ihren Schulabschluss. Und dann wurden sie von sechs Polizeiwagen am Geburtstag der Mutter wie Schwerverbrecher aus der Wohnung geholt. Die stehen jetzt in Albanien vor dem Nichts. Das finde ich einfach nur entsetzlich, das kann ich einfach nicht tolerieren.

SPIEGEL ONLINE: Was hat sich Ihrer Meinung nach verändert in den vergangenen Jahren?

Iwersen: Es gab einen Umschwung - wir können das zwar nicht an einzelnen Politikern festmachen, aber dass wir jetzt ein Heimatministerium haben, ist bezeichnend. Viele Parteien tun alles, um nicht noch mehr Wähler an die AfD zu verlieren. Da herrscht ein nacktes Panikhandeln und ein Populismus, mit dem um Stimmen geschachert wird. Auf die Rechte der Flüchtlinge wird gar nicht mehr eingegangen.

SPIEGEL ONLINE: Erleben Sie das auch bei sich in Schleswig-Holstein?

Iwersen: Unser Ministerpräsident Günther will ja für den Spurwechsel eintreten, aber die Flüchtlingshelfer merken davon nichts. Zum Beispiel findet der Neujahrsempfang für Ehrenamtliche unter der aktuellen Regierung nicht mehr statt. Uns geht es nicht darum, dass wir ein Schnittchen abgreifen können, sondern wir brauchen eine Plattform, wo wir uns äußern können.

SPIEGEL ONLINE: Wie war die Reaktion von Staatssekretär Torsten Geerdts bei Ihrem Treffen?

Iwersen: Eigentlich positiv, er hat uns teilweise zugestimmt. Aber in anderen Punkten waren wir vollkommen konträr. Geld, das angeblich nicht vorhanden ist, spielt ja auch immer eine Rolle. Dabei brauchen wir mehr finanzielle Mittel, etwa für die Bildung - wir müssen zusätzliche Stellen an Schulen schaffen. Geerdts erkennt zwar an, dass das wichtig ist, und hat Programme genannt, für die das Land schon Mittel zur Verfügung stellt. Aber das reicht nicht aus. Die Rückgabe der Ehrennadel soll deshalb auch ein Statement sein, dass wir mit der Situation absolut nicht zufrieden sind.

SPIEGEL ONLINE: Was müsste denn passieren, damit Sie so eine Auszeichnung noch mal annehmen würden?

Iwersen: Sie müsste ehrlich rüberkommen. Und uns müsste eine Plattform geboten werden, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Wenn wir jetzt sagen, dass uns etwas nicht gefällt, interessiert das niemanden.

SPIEGEL ONLINE: Engagieren Sie sich trotz dieser Enttäuschungen weiter?

Iwersen: Selbstverständlich. Das Engagement wird durch die Rückgabe von Ehrennadeln nicht beeinträchtigt. Wir sagen mit der Geste nur: Wir brauchen keine Ehrung, die nicht ehrlich gemeint ist. Uns ist es wichtig, die Menschen hier gut aufzunehmen.



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.